Es heißt ja nicht selten, die Serienformate der US-Fernsehinstitution HBO hätten ihren Zenit überschritten. Seien im Niedergang begriffen, von einem Bedeutungsverlust befallen, der zu Zeiten von „The Sopranos“ und Co. noch undenkbar gewesen wäre. Das System Quality-TV habe sich selbst überholt oder sei zumindest von anderen Networks abgelöst worden. Eine Fehleinschätzung, wie „True Detective“ nun über alle Maße eindrucksvoll demonstriert. Denn besser wird Fernsehen nicht mehr.

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Wachsende Schatten

Angekündigt als Krimiformat, in dem zwei Ermittler der Louisiana State Police nach einem Ritualmörder fahnden, sollte sich die HBO-Serie im Verlauf ihrer - mit nur acht Folgen sehr kompakten - (und in sich abgeschlossenen) ersten Staffel doch als etwas völlig anderes, nur bedingt an Konventionen interessiertes erweisen. Als ein Crime-Drama, durchaus, aber eines, das sich so sehr selbst mythisch überhöht, dass die vermeintlich wesentliche Killersuche fast zur Nebensache gerinnt.

True Detective - Die beste Serie des Jahres

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Die unterschiedlichen Detektivmethoden von Marty Hart (Woody Harrelson) und Rust Cohle (Matthew McConaughey) zeichnen sich schon zu Beginn ab.
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Bereits in der Titelsequenz, ein schon gleich vollständig vereinnahmendes Silhouetten- und Motivgebilde, das auch als Hommage an die Kunst des Vorspanndesigns verstanden werden kann, stimmt „True Detective“ einen seltsam existenzialistischen Ton an. Das Country-Duo 'The Handsome Family' singt von einer staubigen Mai-Sonne, von sich darin abzeichnenden wachsenden Schatten, verborgen in den Zweigen giftiger Gewächse. Und von einem Körper, dessen Wirbel sich winden, dessen Haut von Blut übersät ist.

Obgleich dieser Titelsong nicht speziell für die Serie geschrieben wurde, bekommt er doch ihr ganzes Wesen zu fassen. Und führt unmittelbar zu einem Tatort, dessen unheilvolle Stimmung eingangs so lyrisch umrissen schien. In der aufwallenden Sonne liegt er, der tote Körper von Dora Lange, als ein Kunstwerk des Todes angerichtet. Es wird Aufgabe von Marty Hart (Woody Harrelson) und dessen neuem Partner Rust Cohle (Matthew McConaughey) sein, diesen und weitere Morde aufzuklären.

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Verborgen in den Zweigen giftiger Gewächse: Die Leiche von Dora Lange ist nur ein Teil des Puzzles, das die „wahren Detektive“ zu lösen haben.
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Dem 1995 spielenden Teil der Handlung, zunächst scheinbar ein simpler Whodunit, ist eine Rahmenerzählung eingearbeitet, aus der heraus Rust und Marty jene Ereignisse 17 Jahre später in einem Verhör schildern. Demnach kam es wiederum 2002 zu einem Bruch der beiden Ermittler, die in einem besonderen, jedoch nicht unbedingt freundschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, und es wird einige Folgen dauern, ehe sich die Struktur aus Rückblenden und zuletzt schließlich reiner Gegenwartserzählung verdichtet.

In der Art, wie „True Detetctive“ seine beiden Protagonisten zueinander in Beziehung setzt, löst sich die Serie sowohl von den Buddy-Klischees vergleichbarer Formate als auch dem romantischen Männerbündnis des Cop-Genres. Zwar stellt sich ihre Gegensätzlichkeit deutlich aus, die unmittelbare Konfrontation führt aber nicht zu größerer Annäherung. Im Gegenteil: Trotz ihrer gemeinsamen (und so viel sei verraten: jahrelangen) Suche nach einem kultischen Serienmörder bleiben sie sich bis zuletzt eigentlich sehr fremd.

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Schnitt in die 2012 spielende Rahmenhandlung: Rust Cohle als nun heruntergekommener Alkoholiker. Wie konnte es soweit kommen?
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Und obwohl beide Männer im Leben vollends gescheitert sind, führt sie die individuelle Verzweiflung an der Welt nicht zusammen, sondern bestätigt nur ihre Gegensätzlichkeit. Das ist insofern von hohem Reiz, als „True Detective“ damit auch Identifikationsangebote ausschlägt: Die in US-amerikanischen Medien entfachte Diskussion über die vermeintliche Frauenfeindlichkeit der Serie ignorierte eben vollständig, dass Marty Hart ein gehöriges Arschloch und mitnichten Sympathieträger der Show ist.

Der König in Gelb

Ungleich faszinierender erscheint da schon dessen Partner („Without me there is no you.“), den Matthew McConaughey derart komplex spielt, dass er der ohnehin vielschichtigen, wenn nicht gar weitgehend unergründlichen Figur beinahe eine mythologische Dimension verleiht. Sein Rust Cohle ist ein von aller Sozialität abgekoppelter, in seiner analytischen Brillanz gleichermaßen entfesselter wie hilfloser „wahrer Detektiv“ – voller zerstörerischer Kraft, jederzeit bereit zur Selbstaufgabe.

Mit True Detective behauptet sich HBO nicht nur einmal mehr als konkurrenzlose TV-Schmiede, sondern übertrifft wirklich jede Erwartung. Die beste Serie des Jahres.Fazit lesen

Heimgesucht von Visionen, Spätfolgen seiner vierjährigen Zeit als Undercover-Drogenfahnder, und getrieben von der Suche nach einer „Weltformel“ bildet er jenes Zentrum der Serie, von dem aus sich wüste Spekulationen über ihre philosophischen und literarischen Bezüge entsponnen. Querverweise zu Robert W. Chambers Kurzgeschichtensammlung „Der König in Gelb“ oder H.P. Lovecrafts „kosmischer Angst“ inspirierten Fans zu einem wahren Suchsport nach versteckten Deutungen.

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Das perfekte Ermittlerteam, so scheint es zumindest. Doch Marty und Rust haben Päckchen zu tragen, die sie in ungeahnte Abgründe zu ziehen drohen.
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Tatsächlich ist bis zu einem gewissen Punkt auch unklar, ob die erste Staffel „True Detective“ nicht vielleicht sogar tatsächlich übernatürliche Bahnen einschlägt, weil sie das erwartungsvolle Spiel mit detektivischen Fakten und unerklärlichem Mystizismus sehr bewusst forciert. Und weil die vielen Lücken und Auslassungen in der Verschränkung der zwischenzeitlich sogar drei Zeitebenen umfassenden Handlungsteile auch mit reichlich Zuschauerfantasie gefüllt werden wollen.

Beispielhaft für den meisterlichen Umgang mit Erzählperspektiven ist dabei die fünfte Folge der Serie, die auch in der Tätersuche eine Zäsur bildet. Schon zuvor bestand in den Ereignissen, wie Cohle und Hart sie Jahre später im Verhör beschreiben, und ihrem tatsächlichen Verlauf eine Diskrepanz (weil das, was wir schließlich sehen, sich nicht mit den protokollierten Schilderungen deckt). In dieser Folge jedoch wird daraus ein Kunstgriff narrativer Unzuverlässigkeit, der die Spannung ins Unermessliche steigert.

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Von einer Schlüssel- zur Nebenfigur: Martys Ehefrau Maggie (Michelle Monaghan) spielt gegen Ende der Serie kaum noch eine nennenswerte Rolle.
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Eindrucksvoller als die Handhabung des erzählerischen Materials ist höchstens noch der ästhetische Zugriff: Gedreht auf 35mm (!), findet „True Detective“ nebst sagenhaft schöner, entrückt geheimnisvoller Aufnahmen des ländlichen Louisiana metaphorische, unwirkliche Bilder, die im gegenwärtigen Kino Seltenheitswert haben. Der viel gerühmte Tracking Shot am Ende von Folge 4 ist da lediglich der prahlerische Höhepunkt einer ausgeklügelten Kameraarbeit, wie sie im Fernsehen so noch nicht zu bestaunen war.