In dicken Lettern verkündet bereits der prophetische Slogan das größte Problem. „Fight the dead. Fear the living“, ist das Leitmotiv, der Ansatz, nach dem alle Handlungen der dritten Staffel ausgerichtet sind. Vom Plakat bis zur letzten Folge zieht es sich wie ein roter Faden durch jede der 16 Folgen und sagt: Hier werden Zombies zu Statisten degradiert; die einzig ernstzunehmende Gefahr geht von den Überlebenden selbst aus. Und das ist ein folgenschwerer Fehler.

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Hinweis: Pünktlich zu Halloween startet RTL II am 31. Oktober um 23:15 Uhr mit der Free-TV-Ausstrahlung der dritten Staffel. Bis Sonntag werden alle 16 Folgen im Rahmen einer Event-Programmierung gezeigt.

Es ist eine nachvollziehbare, mit fortschreitender Laufzeit wie in der Comic-Vorlage sogar zwingend notwendige Entscheidung, aber auch eine zu abrupte. Der brutale Überlebenskampf spielt sich nicht länger auf offenem Feld ab; die fauligen Zähne der Walker wurden erbarmungslos gezogen und achtlos in die Ecke geworfen. Was bleibt, sind handzahme Wesen, die ziel- und für ihre Umwelt weitestgehend gefahrlos ihren rudimentären Instinkten folgen. In der Welt von The Walking Dead heißt das: Kanonenfutter.

Comic-Schöpfer Robert Kirkman selbst erzählt seit dem kometenhaften Aufstieg der Serienadaption gebetsmühlenartig vom sich verschiebenden Kräfteverhältnis. Von Überlebenden, die sich ihrer Situation anpassen, die von Gejagten zu Jägern werden und dafür mit jedem Tag ein wenig mehr von ihrer Menschlichkeit verlieren. Zwischen Tod und Verderben bleibt nur wenig Platz für Empathie; nur die Stärksten überleben. Kennt man alles.

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Geht dieser Wechsel im gezeichneten Original noch natürlicher, weil ungleich langsamer vonstatten, treibt bereits die Pilotfolge der dritten Staffel diesen rostigen Nagel endgültig in den Sarg, der sich bereits im Krachbumm-Finale der vorherigen Season abzeichnete. In einem gleißenden Feuer wurde der vermeintlich sichere Hort von Hershels Farm versengt – und mit ihm die Hoffnungen von Ricks Gruppe Überlebender.

The Walking Dead - Staffel 3 - Was wurde eigentlich aus "We don't kill the living"?

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Carl ist erwachsen geworden. Und so nervig wie eh und je.
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Zahnlose Zombies

Beinahe ungenutzt verpufft das durch die Aussichtslosigkeit geborene aggressive Brodeln unter der Oberfläche vieler Akteure, als diese – oh glückliche Fügung! – unweit ihrer verkohlten Zuflucht auf ein fast verlassenes Gefängnis stoßen. Was dann folgt, ist der erste Kniefall vor dem eigenen Erfolg: In coolen Posen wird die Anstalt in einem Meer aus rotem Körpersaft, gnadenlos übertriebenen Kills und haarsträubenden Aktionen von ihren zombiefizierten Insassen gereinigt. Zugegeben: Bis auf das unschöne CGI-Blut wurde das Massaker optisch ansprechend in Szene gesetzt und zeigt einige kreative Möglichkeiten, aus wandelnden regungslose Tote zu machen.

Effekte und wertige Action waren noch die Probleme der Serie, aber bislang auch kein bloßes Mittel zum Zweck – das ändert sich nun bisweilen. Völlig mühelos und zur bloßen Bespaßung der Zuschauer mutieren nicht nur Rick, dessen zunehmender mentaler Verfall zumindest eine Erklärung für seine Mordlust darstellt, sondern beinahe alle Mitglieder seiner Truppe viel zu schnell zu kaltblütigen und hochprofessionellen Tötungsmaschinen. Wisst ihr noch, Carl? Der trottelige Sohn ist jetzt ganz der Papa, auf Fingerschnipp.

Etwas träge schleppt sich die dritte Staffel gelegentlich dahin und das, - wie die namensgebenden Walker selbst - ohne jemals eine echte Bedrohung darzustellen oder ein Gefühl der Anspannung, der Beklemmtheit zu wecken. Dieses ergibt sich stattdessen aus der interessanten Dualität der beiden zentralen Schauplätze.

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Kein 08/15-Bösewicht: der Governor.
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Unterkühlt, beengt, abgeschottet: Die Überlebenden errichten ihren eigenen kleinen Mikrokosmos innerhalb der meterhohen Gefängnismauern und sind sich sehr wohl der Ironie ihrer Situation bewusst. Hier wollen sie endlich zur Ruhe kommen, einen vorsichtigen Neuanfang wagen – und jene Menschlichkeit wiederfinden, die ihnen mit jedem Messerstich, mit jedem Schuss und jedem Axtschlag ein wenig mehr abhandengekommen ist.

Der immense Erfolg fordert seinen Tribut: The Walking Dead nähert sich dem Action-Mainstream und vernachlässigt jene Tugenden, die den Aufstieg der Serie erst ermöglichten.Fazit lesen

Es ist mehr als das, was sie mit den Bewohnern Woodburys verbindet, und doch stehen sich beide Lager durch unglückliche Zufälle und Misstrauen bis aufs Mark unversöhnlich gegenüber. Doch ist ausgerechnet dies der Ort, an dem Andrea, wichtiger noch als Zuflucht, neue Hoffnung gefunden hat. Allerdings nicht sofort: Nach der Trennung von der restlichen Gruppe war sie dem Tod näher als dem Leben, hatte sich bereits mit der ausweglosen Situation abgefunden – bis die Überraschung enthüllt wurde, die im Grunde keine war.

Glücklicherweise waren sich die Produzenten offenbar über den Wissensstand der Fangemeinde im Klaren, weshalb sie der Versuchung widerstanden haben, die Enthüllung des schwertschwingenden Kuttenträgers unnötig hinauszuzögern, der ohnehin nur Michonne sein konnte – und letztlich natürlich war. Geschickt wurden die Erwartungen von Comic-Lesern durch die neue Situation der TV-Serie mit denen der unbedarfte Zuschauer zusammengeführt. Ein Kunststück, das wenig später mit dem Governor noch einmal gelang.

Die latente Schizophrenie des Bürgermeisters und verkappten Despoten Woodburys findet in David Morrissey einen passenden Mimen, der es versteht, dem krankhaften Scheusal zugleich Persönlichkeit zu verleihen, die zumindest weite Teile seiner schonungslosen Taten nachvollziehbar macht. Ganz anders als Michonnes Charakter, dessen permanente Übellaunigkeit nur noch wenig mit der mysteriösen Badass-Attidüde der Comic-Vorlage gemein hat.

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An der Action per se gibt's wenig auszusetzen.
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Sie vereint all das, was in der dritten Staffel schiefläuft. Ihre ins Lächerliche übersteigerte Schwertkampffähigkeiten nehmen den einst so reizvollen Walker-Konfrontationen jedes Fünkchen Spannung, während vieles von dem, was sie tut, oft zu vorhersehbar und darauf getrimmt ist, schnell zum nächsten Konflikt zu kommen, ohne ihrer Persönlichkeit Platz zum Entwickeln zu geben.

Meckern auf vergleichsweise hohem Niveau

Die unangenehm ziehende Anspannung, die Unsicherheit zu Beginn der Serie ist der Mordlust ihrer Figuren zum Opfer gefallen und verliert durch die Vorhersehbarkeit vieler Todesfälle zusätzlich an Spannung. Das Sterben etablierter Charaktere geht zwar gnadenlos weiter und hat kaum etwas von seiner unbarmherzigen, betroffen machenden Art verloren. Deutlicher als zuvor schimmern jedoch die Überlegungen der Autoren durch, die häufig nach einem ähnlichen Schema vorgehen. Ein bislang unbeschriebenes Blatt erhält ungewöhnlich viel Screentime, gibt endlich mal was von sich preis? Dann wird er's wohl nicht mehr lang machen. Mach's gut, Kumpel.

Dieses grundlegende Problem der hohen Sterblichkeitsrate und der damit verbundenen Charakterfluktuation wird mal besser, mal schlechter kaschiert – das war auch schon in den ersten beiden Staffeln der Fall. Anders als etwa bei Game of Thrones hat sich das Überraschungsmoment in The Walking Dead allerdings stärker abgenutzt, zumal die Anzahl der Figuren eher zu- als abnimmt, was der Charakterisierung wiederum deutlich weniger Platz lässt.

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Michonne ist wütend. Oder traurig. Oder fröhlich. Kann man bei ihr nie so genau sagen.
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So nimmt die Beziehung zwischen dem Governor und Andrea, die sich einerseits stark zum Bürgermeister hingezogen fühlt, dessen Lügen aber schon bald zu hinterfragen beginnt, einen wesentlichen, gemeinsam mit dem Aufeinandertreffen der Brüder Merle und Daryl gar den interessantesten Teil der Handlung ein, während Ricks Grüppchen – trotz einiger extremer und beklemmender Situationen, die auch dem Zuschauer sehr nahe gehen – im Ganzen keine allzu große Entwicklung durchläuft. Eine Umwälzung des Status Quo findet kaum statt, während Neuzugänge wie Tyreese noch weitestgehend blass bleiben.

Es ist das Drumherum, das Wechselspiel von Bedrängtheit im Gefängnis und falscher Idylle in Woodbury, was wirklich fasziniert. Der Verfall moralischer und ethischer Grundsätze in einer kleinen Welt, die eigentlich Schutz und Geborgenheit bieten soll – auf beiden Seiten. Schade, wie bereitwillig diese Ansätze immer wieder zugunsten eines Cliffhangers oder anderweitig auf Effekthascherei getrimmte Momente fallengelassen werden.