Beinahe 13 Millionen Zuschauer sahen im März 2013 dabei zu, wie Til Schweiger in seinem ersten Einsatz als Kommissar Nick Tschiller im Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution sein Leben aufs Spiel setzte. „Willkommen in Hamburg“, eine entschieden ruppige Actionvariation auf fernsehüblich-seichte Krimikost, erzielte die besten „Tatort“-Quoten seit 20 Jahren. Ein Erfolg vor allem in der werberelevanten Zielgruppe, die mit „Kopfgeld“ am 9. März 2014 erneut angelockt werden soll.

Alle Berichterstattung über seine Kinoerfolge, die Titel tragen wie „Keinohrhasen“, „Zweiohrküken“ oder auch „Keinohrhase UND Zweiohrküken“, hat Til Schweiger bekanntlich zumindest insofern unterbunden, als er die Filme nicht für Pressevorführungen freigibt. Wer Schweiger-Produktionen sehen will, der soll gefälligst dafür bezahlen – auch und vermutlich ganz besonders eben die Kritiker, deren böse Verrisse so wenigstens, wenn überhaupt, erst nach Kinostart veröffentlicht werden können.

Tatort: Kopfgeld - Schweiger-Tatort: "Und dann ficken wir sie von hinten."

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LKA-Kollegen mit unterschiedlicher Auffassung von Rechtsstaatlichkeit: Nick Tschiller (Til Schweiger) und Yalcin Gümer (Fahri Yardim).
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Weil seine Filme nicht unerheblich fördergeldfinanziert sind, der Presse also eigentlich umso selbstverständlicher zugänglich sein müssten, brachte ihm diese Praxis berechtigte Rügen ein. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das Til Schweiger nebst Kino neuerdings ebenfalls zu einem besseren (Unterhaltungs-)Ort machen will, haben er und seine Allüren diesbezüglich jedoch ungleich weniger zu melden. Blechen mussten für seinen zweiten „Tatort“ schließlich sowieso schon alle, des Rundfunkgebührenzwangs sei Dank.

„Kopfgeld“ setzt den ersten Einsatz von LKA-Hauptkommissar Nick Tschiller unmittelbar fort. Erneut steht der sogenannte Astan-Clan im Mittelpunkt einer Geschichte, die Hamburg als von der Unterwelt beherrschten Umschlagplatz brandgefährlichen Drogen- und Menschenhandels zeichnet. Nach Teilerfolgen in der Ermittlung – oder besser: möglichst rechtsfreien Ausmerzung – des organisierten Verbrechens (siehe „Willkommen in Hamburg“), sieht Tschiller sich mit einer neuen, persönlichen Bedrohung konfrontiert

Diese geht, wie schon im Vorgänger, von Kurden und Türken aus, womit sich auch der zweite Schweiger-„Tatort“ ganz auf CSU-Linie befindet. Rahid (Carlo Ljubek), ein „Astan-Bruder“ und verlängerter Arm des nach wie vor inhaftierten Clan-Chefs Firat (Erdal Yildiz), wurde nicht nur beauftragt, ein gewaltiges Drogengeschäft abzuwickeln, sondern auch Tschiller zu ermorden. Sämtliche Attentate allerdings (gleich zu Beginn etwa explodiert eine unter Tschillers Autositz platzierte Bombe!) scheitern grandios.

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Der Astan-Clan macht auch vor Bombenanschlägen auf Nick und seine Ex-Frau Isabella (Stefanie Stappenbeck) nicht Halt.
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Für den nicht totzukriegenden LKA-Ermittler muss deshalb Staatsanwältin Hanna Lennerz (Edita Malovcic) büßen, mit der Tschiller eine Affäre hat. Sie wird von Rahid derart brutal vergewaltigt, dass auch Freund und Kollege Yalcin (Fahri Yardim) Tschillers entsprechende Rachepläne nicht mehr vereiteln kann. Es folgt abermals ein Showdown aus Blut und Blei, der den gewöhnlichen „Tatort“-Rahmen buchstäblich sprengt – und zu alledem muss sich Tschiller auch noch um seine Tochter (ach so, ja, Luna Schweiger) sorgen.

Til Schweiger als Selbstjustiz-Kommissar, der seine Feinde am liebsten von hinten ficken würde. Falsch verstandenes Genrefernsehen, powered by your Rundfunkgebühren.Fazit lesen

Immer her mit dem Irrsinn im deutschen Fernsehen! Für eigentlich jeden der viel zu rar gesäten Versuche, ein so eingeschlafenes (und in der Regel ja auch allzu einschläferndes) Format wie den sonntäglichen „Tatort“ aus seiner formelhaften Konventions-Lethargie zu befreien, möchte man schließlich schon per se dankbar sein. Leicht machen es einem die theoretisch begrüßenswert genrebewussten Abweichungen von Til Schweiger und seinem Stammregisseur Christian Alvart („Pandorum“) aber nun wahrlich nicht.

Zwar weht mit all den Explosionen, Zweikämpfen und Shoot-Outs hier ein merklich neuer Wind durchs deutsche Krimifernsehen, die Ressentiments und ideologischen Rückgriffe jedoch könnten gestriger ganz sicher nicht sein. Schweigers dumpfer Proleten-Kommissar, der jene Staatsgewalt vertritt, von der man eigentlich nur hoffen kann, dass sie lediglich eine Erfindung des Kinos ist, lässt die sonstigen graumelierten 20:15-Uhr-Standardermittler sogar plötzlich wieder attraktiv erscheinen.

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Am Actionkino geschulter Showdown: Im Krankenhaus kommt es zu einigen blutigen, fernsehunüblichen Shootouts.
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Sein Nick Tschiller ist nicht nur ein TV-Vigilant gruseligster Fasson, sondern schwingt auch dergestalt braune Reden, dass man sich schon fragen muss, ob die zuständigen ARD-Redakteure noch alle beisammen haben. Er kriege jeden, lässt Tschiller da in einer Szene verlauten, „die Russen, die Albaner, die verschissene Balkanesen-Mafia“, natürlich auch „die Päderasten“ – „und dann ficken wir die von hinten“. Weil Schweiger für solche Parolen bei Markus Lanz und Co. gemeinhin Beifall erntet, darf er das jetzt wohl auch im „Tatort“.

Schade, dass der im deutschen Fernsehbetrieb dringend nötige Mut zur Verspieltheit, zu ausgelassenen Genregeschichten und gern auch reichlich Sex, Gewalt und Blödsinn unter Schweigers Ägide (und potentiellen Möglichkeiten) nur zu kreuzärgerlicher Idiotie führt. Und damit in den kulturkritischen TV-Chefetagen wahrscheinlich das Vorurteil befördert, zünftige Action- und Thriller-Stoffe seien mit bewährtem öffentlich-rechtlichem Fernsehen nicht vereinbar.