Beim ZDF träumt man von einer Qualitätsoffensive. Serienfernsehen auf internationalem Niveau möchte man produzieren, aber es fällt (erstmal?) nichts Besseres ein, als das erfolgreiche Format „Breaking Bad“ zu kopieren.

Breaking Bad für Arme

Anfang 2015 wird die vierteilige Miniserie „Morgen hör‘ ich auf“ ausgestrahlt. Die Hauptfigur, ein arbeitsloser Graphiker, wird aber nicht zum Meth-Dealer. Nein, er macht in Falschgeld, um seine Familie durchzubringen. Die Besetzung steht auch schon. Bastian Pastewka wird die Hauptrolle spielen.

Nur lustig soll die Serie deswegen nicht werden, ganz neue Seiten soll man an Pastewka entdecken, großes Fernsehen soll es werden. Und weil das ZDF der Meinung ist, dass der Zuschauer nicht die geistige Kapazität besitzt, einer komplexen Geschichte zu folgen, wenn die im Wochentakt gezeigt wird, wird man alle vier Folgen an aufeinanderfolgenden Abenden zeigen. Das erlaubt ein „höhere Komplexität der Geschichte und ihrer Figuren“, so ZDF-Programmchef Norbert Himmler.

Wäre es nicht so verdammt traurig, man müsste lachen. Nicht nur hält man den Zuschauer für nicht smart genug, einer seriellen Geschichte zu folgen, nein, richten soll es ausgerechnet das Abrippen eines Erfolgsformats. Aufgewärmtes anstatt eigener Ideen - so sieht das deutsche Serienfernsehen aus.

Viele Köche

Das Problem im deutschen Fernsehen ist indes ein ganz anderes. Einfach zu behaupten, bei uns gäbe es nicht die kreativen Köpfe, die Ideen für Shows hätten, wie sie in den USA Feuilleton und Publikum begeistern, ist zu kurz gedacht. Das Problem ist vielmehr ein Strukturelles.

Wo die wegweisenden Sender in den USA - HBO, Showtime, FX, Starz und andere - die Macht den Kreativen überlassen, wird im deutschen Fernsehen das Prinzip der vielen Köche gefahren. Das Sprichwort kommt nur leider nicht von ungefähr. Wo viele walten und jeder ein Stück seiner eigenen Ideen einbringen will, kommt am Ende nur Einheitsbrei raus, der selbst daran scheitert, es allen recht zu machen.

Im deutschen Fernsehen sind es nicht die Showrunner - Autoren-Produzenten -, die die kreativen Geschicke leiten, hier sind es Bürokraten in den Fernsehsendern, die vor allem eines versuchen: Jeder Sendung ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Unter solchen Umständen lässt sich ein wirklich innovatives Konzept nicht bis zur Ausstrahlung führen, denn auf dem langen Weg wird es schlichtweg verwässert.

Episodisch bevorzugt

Für ihre Entscheidungen, die ewig gleichen Krankenhaus- und Polizistenserien zu produzieren, führen die Sender gerne amerikanische Erfolgsprogramme an, die im deutschen Fernsehen nicht genügend Publikum gefunden haben.

Ob „House of Cards“ oder „Breaking Bad“, ob „The Boardwalk Empire“ oder „Treme“, ob „Dexter“ oder „Homeland“, Serienfernsehen, das auf eine übergreifende Geschichte setzt, hat es in Deutschland traditionsgemäß schwer.

Worauf sich die Sender berufen, ist aber eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Der deutsche Zuschauer wurde über Jahrzehnte hinweg mit Serienfernsehen abgespeist, das mit in sich abgeschlossenen Episoden daherkommt. Er wurde gar nicht darauf sozialisiert, einer Serie - und damit einer Geschichte - über Monate hinweg zu folgen.

Das ist ein Stückweit gelerntes Verhalten, das trainiert werden muss. Mit einer einzelnen Serie ist das nicht zu machen, mit einem „Event“; wie es dem ZDF vorschwebt, schon gar nicht. Was notwendig ist, ist die Ausdauer, einen Strukturwechsel auch zu wollen. Es bedarf des Mutes, auch mal geringere Quoten zu akzeptieren, bis sich Serien mit komplexeren Geschichten auch im deutschen Fernsehen durchgesetzt haben. Aber der Wille hierzu ist einfach nicht da.

Der neue Heilsbringer

So mancher Kreativer des deutschen Fernsehbetriebs hat sich erhofft, dass mit dem Deutschland-Start von Netflix ein Abnehmer kommt, an den man innovative Konzepte herantragen kann. Netflix lud Kreative auch dazu ein, ihre Ideen vorzustellen. Das Problem dabei: Kein Stoff war gut genug.

Wonach Netflix sucht, sind Produktionen, die lokale Stärken bedienen, aber internationales Flair besitzen. Denn sie sollen nicht nur im Heimatland, sondern auch in allen anderen Märkten, in denen Netflix operiert, funktionieren. Und das geht: In Frankreich wird von Netflix eine eigene Serie produziert, die französische Mentalität bedient, aber internationalen Appeal hat.

Das sollte und könnte es auch in Deutschland geben, aber ein Problem dürfte sein, dass auch die Kreativen nicht auf dem Stand sind, den internationale Konkurrenten haben. Anders gesagt: So wie das Publikum wurden auch die Macher über Jahrzehnte durch die spezifisch deutsche Serienlandschaft geprägt.

Serien- und Filmkultur - Warum das deutsche Fernsehen versagt

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So kennt und so mag der Deutsche (scheinbar) seine Serien.
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Wer jahrelang anspruchsloses Arzt- und Polizistenfernsehen in die Tasten hacken muss, der verlernt vielleicht auch, größer als das zu denken. Aber der Keim ist durchaus da, er muss jedoch gehegt und gepflegt werden. Auch unter den deutschen Kreativen wird es Stimmen geben, die aus der Masse hervortreten. Macher, die Ideen haben, die originell, spezifisch deutsch, aber auch international interessant sind – und damit sind echt nicht die immerwährenden Zweiter-Weltkriegs-Geschichten gedacht, die von Öffentlich-Rechtlichen und Privaten in schöner Regelmäßigkeit mit Event-Filmen und –Miniserien ins Programm gehievt werden.

Zarte Anfänge

Selten gibt es entgegen aller Hürden Versuche, dem Einheitsbrei zu trotzen. Bora Dagtekins Serien „Doctor’s Diary“ und „Türkisch für Anfänger“ sind perfekte Beispiele, die SAT-1-Produktionen „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“ sind Qualitätsfernsehen, und Ralf Husmans „Stromberg“ ist ein gutes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn die Sender es zulassen.

Oder besser gesagt: Wenn sie nicht nur dem Quotendruck nachgeben. „Stromberg“ hatte nie überragende Quoten, brachte aber Prestige, „Türkisch für Anfänger“ sollte schon nach der ersten Staffel eingestellt werden, weil der ARD die Quote nicht gut genug war, der Aufschrei der Fans rettete sie aber, wenn auch nur kurzzeitig.

Fürs Prestige

Dominik Grafs Miniserie „Im Angesicht des Verbrechens“ wiederum war ein Prestigeprojekt, das zurecht exzellente Kritiken erhielt, aber als die erste Episode nicht die von der ARD geforderte Quote erhielt, wurde die Show ins Spätprogramm gesteckt und in rascher Folge versendet. Damit wurden letzten Endes auch Gebührenmillionen in den Sand gesetzt. Ein derart teures, ein derart gutes Projekt, hätte man stärker protegieren müssen.

Aber den langen Atem hat niemand im deutschen Fernsehen. Keiner ist gewillt, sich an internationalen Programmen zu orientieren und nachzuahmen, was dort möglich ist. Und damit ist nicht gemeint, Erfolgsprogramme einfach zu kopieren. Das Prinzip dahinter, das ist es, was kopiert werden muss. Immerhin ist es nicht nur amerikanisches Fernsehen, das immer wieder bahnbrechend ist, im europäischen Ausland entstehen auch genügend Serien, die international für Furore sorgen.

Serien- und Filmkultur - Warum das deutsche Fernsehen versagt

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Die Serie "Im Angesicht des Verbrechens" hat leider nie die Chance bekommen, die sie verdient hätte.
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Aus Schweden kommt „Real Humans“, aus England kommen „Luther“ und „The Fear“, aus Dänemark kommt „Gefährliche Seilschaften“ und „Die Brücke“, aus Frankreich kommt „The Returned“ - und das sind nur ein paar Beispiele eines reichhaltigen, qualitativ hochwertigen Oeuvres, das weltweit für Furore sorgt. Und was steht dem aus Deutschland gegenüber? „Der Landarzt“, „Der Bergdoktor“, „In aller Freundschaft“, „Alarm für Cobra 11“, „Notruf Hafenkante“ und ähnlich freudlose Programme.

Wenn es stimmt, dass jedes Volk das Fernsehen bekommt, das es verdient, ist das wirklich ein Armutszeugnis für das deutsche Publikum.