Stellt euch mal vor, es gäbe in Zukunft dank des technologischen Fortschritts einen speziellen, gesetzlich verpflichteten Ausweis, den jeder bei sich haben muss und mit dem sich die eigene Psyche scannen lässt. Dabei wird der psychische Zustand als Farbe beim Scan dargestellt, wobei eine dunkle Färbung auf ein instabiles, gestresstes Gemüt hinweist. Personen, die von solch einer Färbung betroffen sind, gelten dann gesellschaftlich als potenzielle Kriminelle.

Eine nicht ganz so perfekte Dystopie

Nun ja, den praktischen Nutzen eines solchen Ausweises für das Individuum und die gesetzliche Grundlage jener Wertung kann man wohl zu Recht hinterfragen. So verhält es sich jedenfalls in der Animeserie „Psycho-Pass“, die in einem dystopischen Japan der Zukunft spielt.

Seit geraumer Zeit wurde der titelgebende Ausweis von der japanischen Regierung eingeführt. Der Psycho-Pass registriert nicht nur sämtliche persönliche Daten, sondern protokolliert auch dank der überall befindlichen Kontroll-Scanner den täglichen Werdegang eines Menschen. Somit wird jeder Bürger regelmäßig überwacht und auf sein Gemütszustand überprüft. Die Bewertung der Psyche und das Potenzial zu einer kriminellen Aktivität einer Person übernimmt das sogenannte Sibyl-System.

Psycho-Pass - Potenziell kriminell - Die Zukunft sieht düster aus

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Akane und ihr Team im Kampf gegen das Verbrechen.
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Das Sibyl-System (wer oder was es ist, erfährt der Zuschauer erst im Laufe der Serie) steht seit jeher für ein unfehlbares Sicherheitssystem und präsentiert sich öffentlich als Schlüssel zu einer perfekten Gesellschaft. Doch perfekt scheint es nur auf dem ersten Blick zu sein. Mit der Zeit sieht sich die Polizei mit der Tatsache konfrontiert, dass das System erhebliche Sicherheitslücken aufweist – die auch gezielt fürs Verbrechen ausgenutzt werden.

Jedem wird dieses Szenario bekannt vorkommen, der bereits mal mit einem Werk in Kontakt kam, das ein Cyberpunk-Setting und eine dystopische Thematik aufweist. Was für mich den Anime „Psycho-Pass“ so interessant macht, sind die Charaktere, die direkt mit diesem System in Verbindung stehen. Bei den Protagonisten handelt es sich nämlich um Polizisten, die aufgrund der zunehmenden Problemfälle und Sicherheitslücken mehr und mehr an dem Sinn des Systems zweifeln.

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Der Psychopath Shōgo Makishima ist der gefährlichste Feind des Sibyl Systems.
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Akane Tsunemori ist die Hauptfigur der Serie und eine frischgebackene Polizei-Inspektorin, die mit ihrer neu zugeteilten Einheit Jagd auf potenzielle Kriminelle macht. Dabei stehen ihr auch die Vollstrecker zu Seite, eine Spezialeinheit für öffentliche Sicherheit, die aus latenten Kriminellen besteht. Hierbei handelt es sich um Polizisten, die aufgrund ihres verfärbten Psycho-Passes vom Sibyl System als potenzielle Verbrecher gewertet wurden und sich seitdem in Haft befinden. Unter Aufsicht eines authentifizieren Polizeiinspektors sind diese aber befugt, gemeinsam andere Verbrecher zu jagen und sind somit Häftlinge und Gesetzeshüter zugleich.

Ein düsterer Cyberpunk-Thriller mit überraschend ruhigen Momenten und spannungsreichen Schockeinlagen.Fazit lesen

Jeder einzelne Vollstrecker, der gesellschaftlich als Krimineller gebrandmarkt wird, geht anders mit dem System um. Nicht immer teilen diese Personen die gleiche Ansicht wie Akane, die anfangs noch recht naiv daherkommt und davon überzeugt ist, dass das Sibyl-System Recht und Ordnung aufrecht hält. Interessant ist vor allem die Konstellation innerhalb des Teams, weil es sich bei den meisten ihrer Kollegen um Polizei-Veteranen handelt, während Akane gerade erst aus der Akademie kam und somit ein Neuling ist.

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Das Drehbuch von "Psycho-Pass" stammt von Gen Urobuchi - Ein bekannter japanischer LightNovel- und VisualNovel-Autor.
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Als latente Kriminelle sind die erfahrenden Ermittler nichtsdestotrotz Akane untergestellt. Zu ihnen gehört auch der etwas kühle Vollstrecker Kōgami Shinya, dessen Psycho-Pass sich einst verdunkelte, als er den Mord seines Kollegen miterleben musste.

Episode für Episode lernt der Zuschauer nicht nur die einzelnen Mitglieder der Spezialeinheit etwas mehr kennen, sondern erfährt auch einiges über die vom Sibyl System geschaffene Gesellschaft.

Die Einführung des Psycho-Passes führte zu einer Spaltung der Gesellschaft und jene, deren Ausweis sich für immer dunkel verfärbte, werden entsprechend geächtet und werden sozial isoliert. Dass solch ein System auf Widerstand stößt, ist daher nicht verwunderlich.

Während Akane und ihre Leute das Verbrechen bekämpfen, finden sie im Laufe der Serie heraus, dass die zunächst unabhängig voneinander begangenen Straftaten mit jemanden in Verbindung stehen müssen, der die Sicherheitslücken des Sibyl-Systems gut kennt. Und dieser jemand veranlasst potenzielle Verbrecher zu ihren Taten, um das Sibyl System mitsamt der Stadt ins Chaos zu stürzen.

Etwas Krimi, etwas Cyberpunk, etwas psycho

Während die ersten Folgen episodenhaft erzählt werden und für sich stehen, lässt sich nach nur wenigen Mordfällen der rote Faden deutlich erkennen. Es handelt sich nicht unbedingt um hoch komplexe, vertrackte Fälle, denen man mit detektivischer Knobelei auf die Spur kommen muss, wie man es aus Detektiv-Serien wie Holmes kennt. Trotzdem sind die Ermittlungen der Spezialeinheit stets spannend inszeniert.

Von Mal zu Mal werden auch die Morde immer grotesker. Die Motive der Mörder sind unterschiedlich. Manchmal sind sie das Resultat des gesellschaftlichen Drucks, dem die Zeitgenossen unterlagen; andere hingegen haben von Beginn an psychopathische Neigungen und sehen die Systemfehler als Gelegenheit ihren Trieben nachzugehen.

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"Psycho-Pass" erscheint hierzulande nur auf DVD/Blu-ray.
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Der Gewaltgrad der Serie ist bereits von der ersten Episode an recht explizit, da nicht selten eine Konfrontation der Polizei mit den Verbrechern in einem blutigen Klimax endet. Wenn dann mal das eine oder andere Körperteil abgetrennt wird oder komplette Personen explodieren (was vor allem den speziellen Schusswaffen der Vollstrecker zu verdanken ist), fühlt man sich durchaus etwas flau im Magen.

Auch manch einem Protagonisten bleiben grausame Schicksalsschläge nicht erspart und so kommt es, dass etwa ab der Hälfte der Serie sich langsam die Lage um das fehlerbehaftete Sibyl-System zuspitzt. Dabei machen Akane und ihre Teamkameraden bei ihren Ermittlungen eine Entdeckung, die regelrecht verschwörerische Ausmaße annimmt.

Neben den spannungs- und actionreichen Szenen, besitzt der Anime viele ruhige, dialoglastige Momente. Es gibt hin und wieder Folgen, wo ich das Gefühl hatte, dass diese nur aus Monologen und Dialogen bestanden. Tatsächlich fand ich diese aber nicht weniger spannend als jene, bei denen eine Verfolgungsjagd oder ein Schlagabtausch zwischen dem Gesetz und den Schwerverbrechern vonstatten ging. Die durchweg düstere Thriller- und Cyberpunk-Atmosphäre wird perfekt durch den Original-Soundtrack von Yugo Kanno unterstrichen, der unter anderem auch die Musik zum Videospiel „Rain“ komponierte.

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Auch kommt es innerhalb der Ermittlerriege zu Konflikten.
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Cyberpunk-typische Elemente finden sich zudem in der Darstellung der dystopischen Gesellschaft wieder, als auch durch die teils aus Maschinenteilen bestehenden Menschen. Gelegentlich werden in einzelnen Episoden die Ansichten und der praktische Nutzen solcher Augmentierungen aufgezeigt. Wer jedoch erwartet, dass der Anime ähnliche Fragen zur eigenen Existenz aufwirft, wie unter anderem der Anime-Klassiker „Ghost in the Shell“ von Mamoru Oshii es tat, wird eher enttäuscht.

Die Handlung von „Psycho-Pass“ verfolgt andere Ansätze und zeigt im Fokus die Fragwürdigkeit des vermeintlich perfekten Sibyl-Systems auf. Mit jeder Folge, in der die Illusion einer perfekten, konfliktfreien Gesellschaft beginnt sich langsam aufzulösen, kann durchaus der Eindruck entstehen, dass die Geschichte aus einer stark einsichtigen Perspektive erzählt wird. Die negativen Seiten des Sybil-Systems werden konsequent aufgezeigt und doch bleibt dem Zuschauer bis zum Schluss verborgen, wie es überhaupt entstehen konnte.

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Akane Tsunemori auf Verbrecherjagd.
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Obwohl der Anime mit einem sympathischen Charakter-Cast punkten kann, ist dieser auch zugleich ein Kritikpunkt, denn bis auf Hauptfigur Akane macht kaum einer der anderen Figuren eine Entwicklung durch. Auch das Finale vermag es nicht ganz die Erzähldynamik aufrecht zu halten, welche mit dem Ende der ersten Serienhälfte aufkommt. Jene Punkte wiegen im Gesamteindruck dennoch nicht allzu schwer, weiß die Handlung mitsamt der gut proportionierten Actionszenen doch aufgrund der spannungsreichen Inszenierung zu überzeugen.

Auch wenn die Geschichte im Großen und Ganzen abgeschlossen ist , bietet sie noch genügend Erzählstoff aufgrund eines relativ offenen Ausgangs und der noch unklaren Hintergrundgeschichte des Sibyl-Systems. Als Fan der Serie freut es mich daher, dass eine zweite Staffel angekündigt wurde. Auch ein Reboot mit zusätzlichen Hintergrundgeschichten zu den Charakteren wird es im Oktober diesen Jahres geben.