Eisbären unter Palmen, Flüstern aus dem Wald, ein Monster aus Rauch. Bedrohliche „Eingeborene“, wilde Verschwörungen und mysteriöse Hintermänner. Wunderheilungen, Zeitsprünge und Visionen. Und das alles auf einer paradiesischen Insel irgendwo im Pazifik, die in jeder Hinsicht von der Welt, wie wir sie kennen, abgeschnitten ist. Auch bekannt als: „Lost“.

No, we can't

Selbst die renommierte „New York Times“ schreibt, dass „Lost“ „die wahrscheinlich fesselndste Fortsetzungsstory in der Geschichte des Fernsehens bietet.“ Anders gesagt: Es gibt normale Serien und es gibt Ereignisse wie „Lost“. Entsprechend fiebert derzeit die ganze Welt der „Lost“-Rückkehr entgegen: Auf Kabel 1 beginnt am 21. Januar die fünfte Staffel, am 2. Februar startet in den USA die Ausstrahlung der sechsten und letzten Staffel (dort aber grundsätzlich nur als „The Final Season“ beworben).

Lost - Reif für die Insel - und die finale Staffel: das TV-Phänomen im Fokus

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Serienschöpfer J.J. Abrams (hier mit Tom Cruise) führte auch Regie bei Mission: Impossible 3 und Star Trek.
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Der „Lost“-Begeisterung muss sich sogar der mächtigste Mann der Welt beugen: So war der 2. Februar (ist übrigens auch Murmeltiertag) als Termin für die „Rede zur Lage der Nation“ von US-Präsident Obama vorgesehen. Da diese im Hauptabendprogramm stattfindet und bei den Sendern stets Priorität genießt, hätte man die „Lost“-Rückkehr verschieben müssen. Stattdessen passt nun aber die Regierung. „Ich kann kein Szenario voraussehen, in dem Millionen von Menschen hoffen, die letzten Antworten aus 'Lost' zu bekommen und schließlich von Präsident Obama dabei gestört werden,“ sagte Robert Gibbs, Pressesprecher des Weißen Hauses.

Ein „Was bisher geschah“ würde den Rahmen dieses Artikels gewaltig sprengen, als Story-Crashkurs sei aber obiger Clip empfohlen. Hier wird (auf Englisch) in Lichtgeschwindigkeit durch die fünf Staffeln gezappt. Aber Achtung: Wer Spoiler vermeiden will und auf Stand der vierten (deutschen) Staffel ist, sollte unbedingt bei Minute 4:35 abstoppen.

Problemkind Deutschland

Will man sich dem Phänomen „Lost“ nähern, muss man vorausschicken, dass die Begeisterung hierzulande keinesfalls so groß ist wie in Ländern wie den USA oder Großbritannien. Zum einen liegt das daran, dass die Ausstrahlung in Deutschland von Anfang an unter keinem guten Stern stand. So lief „Lost“ zunächst auf Premiere (heute: Sky) und wurde erst mit Verzögerung vom Free-TV aufgegriffen. Nach anfänglich ganz ordentlichen Quoten verlor „Lost“ auf ProSieben kontinuierlich an Zuschauern. Das hatte wiederum zur Folge, dass mehrmals der Sendeplatz gewechselt wurde und die aktuelle Staffel sogar zum kleineren Schwestersender Kabel 1 abgeschoben wurde. Kontinuität sieht anders aus.

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Wer überlebt? Im Stammensemble von Lost ist niemand vor dem Tod gefeit.
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Der einzige Grund ist das aber nicht: Serien wie „Lost“ haben generell einen schweren Stand im deutschsprachigen Raum. Auch etliche vergleichbare US-Hits („24“, „Heroes“, „Battlestar Galactica“), die wie „Lost“ eine komplexe Fortsetzungsgeschichte erzählen, haben in der Publikumsgunst mehr oder minder versagt. Man guckt eben lieber „Tatort“, wo der Mörder am Ende stets gefasst wird, als sich von „24“ stets einen neuen Cliffhanger vorsetzen zu lassen. Anders gesagt: Auf ein „Schalten Sie nächste Woche ein, wenn Sie wissen wollen wie es weitergeht“ reagiert der deutsche Zuschauer meist mit einem „Ach nö, ich warte lieber auf die DVD-Box“.

Gelungene Notbremse

Die sechste Staffel wird auch tatsächlich die letzte sein, betonen die Macher. Es wird ein definitives Ende geben, wesentliche Fragen sollen nicht offen gelassen werden. Anfangs sah das noch anders aus: Die Serie ist gestartet, ohne dass jemand wusste, ob es zwei oder neun Staffeln geben wird. „Das war unglaublich lähmend“, gab Carlton Cuse, neben Damon Lindelof der wichtigste Mann hinter „Lost“, in einem Interview mit dem „Rolling Stone“ zu. Lindelof im Klartext: „In den ersten drei Jahren war die vorherrschende Meinung, selbst bei Fans: 'Diese Show wird mich f***en. Nichts für ungut, wir lieben die Serie, aber wir trauen euch nicht'.“

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Genialer Meilenstein oder Augenwischerei: Fans bangen der Auflösung in der finalen Staffel entgegen.
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Deshalb erlebten die Macher insbesondere während der dritten Staffel ein Quotentief. Die Story zog sich in die Länge, es passierte einfach zu wenig. Gleichzeitig drohte sie inhaltlich außer Kontrolle zu geraten, zu konfus und ziellos schien man durch die Handlung zu stolpern. Hinzu kommt, dass der Produktionsaufwand durch die vielen Außendrehs (auf Hawaii) seit jeher enorm ist. Um die Kosten zu senken, wurden die ersten Folgen der dritten Staffel zum überwiegenden Teil im Studio gedreht, was ihnen auch (negativ) anzusehen war.

Die Notbremse musste gezogen werden. Produzenten und Sender (ABC) einigten sich, die künftigen Staffeln um rund zehn Folgen zu reduzieren (üblich sind 22 bis 24 Folgen pro Season) und einen klar deklarierten Schlusspunkt zu setzen. Eine absolut richtige Entscheidung: Bereits mit Staffel vier zieht die Spannung mächtig an, Füllfolgen, die die Haupthandlung nicht voranbringen, gibt es seither kaum.

Lost Fiction

Keine Frage, die Geschichte, die „Lost“ erzählt, ist das wichtigste und gleichzeitig sensibelste Element. Begeisterung und Ablehnung liegen sehr nahe beieinander, da „Lost“ (für eine TV-Serie) enorme Ausdauer benötigt: Ständige Flashbacks und Sprünge in der Erzählweise, Andeutungen und falsche Fährten erfordern viel Konzentrationsfähigkeit. Mit Staffel fünf kommt sogar ein weiteres erzählerisches Mittel dazu, doch mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

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Rückblicke, Zeitreisen, Wiederauferstehung: In Lost ist fast alles möglich.
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Die Hauptinspirationsquelle für „Lost“ ist nicht gerade offensichtlich: „Die Idee 'Lost' nicht-linear aufzuziehen, also den Zuschauern ungeordnete Häppchen zu servieren, beruht stark auf Quentin Tarantinos 'Pulp Fiction'“, verrät Damon Lindelof. „Der Film beginnt damit, dass ein Typ ein Mädchen ausführt und diese eine Überdosis hat. In seinem nächsten Auftritt wird er erschossen, ist aber putzmunter im finalen Akt des Filmes. Das verändert schlagartig die Art, wie man die Story wahrnimmt.“

Wunderkind

Zu verdanken hat man „Lost“ vor allem auch einem Mann: Hollywood-Wunderkind J. J. Abrams („Star Trek“). Ursprünglich wollte der US-Sender ABC nämlich eine ganz normale Robinsonade, eine Mischung aus Tom Hanks' „Cast Away – Verschollen“, William Goldings Roman „Herr der Fliegen“, der Sitcom „Gilligan's Insel“ und der Reality-Show „Survivor“, also im Wesentlichen aus allem, was zu dem Thema bis dahin bereits „gesagt“ worden war. Das war Abrams aber zu wenig, er bestand darauf, übersinnliche Elemente einzubauen. Der Rest ist Fernsehgeschichte.

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Gestrandet: Ursprünglich war Lost vom TV-Sender ABC als simple Robinsonade geplant.
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Schon vor Drehbeginn legten Abrams und sein Buddy Lindelof die Eckpfeiler der „Lost“-Mythologie fest, ansonsten aber scheinen keine Grenzen gesetzt. „Lost“ bezieht seine Faszination auch aus der Unvorhersehbarkeit. Sicherheit gibt es keine. Entsprechend voll ist der „Lost“-Friedhof: Kein Darsteller ist davor gefeit, überraschend ins Gras, oder besser gesagt in den Insel-Sand, beißen zu müssen. Doch auch der Tod ist in „Lost“ nur relativ, schon so mancher ist von den Toten auferstanden.

Internet-Hype

Das alles macht „Lost“ auch zu einer perfekten Serie für das Internet-Zeitalter: Die Erzählstruktur sowie die vielen versteckten Hinweise, Anspielungen und Easter-Eggs fordern Fans geradezu heraus zu diskutieren und zu spekulieren. Mit geheimnisvollen Internet-Seiten und anderen viralen Marketing- und Fan-Aktionen wird der Hype auch abseits der TV-Ausstrahlung geschürt.

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4, 8, 15, 16, 23, 42: Die Lost-Macher haben ihre Fans auf Rätsel konditioniert.
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Mit teils nicht ganz beabsichtigten Folgen, wie Damon Lindelof „Spiegel Online“ erzählt hat: „Weil wir unser Publikum gewissermaßen trainiert haben, all diese Ostereier zu suchen, wird jede Flasche Wasser zum geheimnisvollen Hinweis auf eine tiefere Wahrheit – da sagen Leute: Ich habe sie auf meinem Bildschirm vergrößert und das Jahr 2006 gefunden, aber die Serie spielt doch 2004, was bedeutet das? Es bedeutet natürlich nur, dass unser Ausstatter geschlafen hat.“

Einen Aspekt mag der aufmerksame „Lost“-Fan bisher vermisst haben: die Menschen. Tatsächlich ist die Mysteryserie auch eine Seifenoper. Kate, Jack und Sawyer, Sun und Jin, Sawyer und Juliet, Jack und Juliet, die Liste des „Wer mit wem“ ist lang und kompliziert.

Was die Sache dennoch spannend macht, sind die Motive der Protagonisten, ihre dunkle Vergangenheit und ungewisse Zukunftsaussicht, stets verknüpft mit Elementen wie Schicksal, Vergebung und Erlösung. Carlton Case: „Das wahre Mysterium der Serie ist nicht: Was ist die Insel? Sondern: Wer sind diese Leute?“

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Die Protagonisten der Serie werden von den Fans "Losties" genannt.
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Und Figuren hat „Lost“ etliche zu bieten: Die Riege der fixen Darsteller ist mit 15 so groß wie in keiner anderen TV-Serie. Bei „Lost“ ist noch dazu, wie bereits erwähnt, die Fluktuation hoch: „Der Tod ist Teil dieser Serie, denn damit ein dramatisches Ereignis zur realistischen Bedrohung wird, muss man es unter Umständen auch durchziehen. Wenn jemand David Caruso aus 'CSI: Miami' eine Knarre an den Kopf hält, kann man sich ziemlich sicher sein, dass er das überleben wird“, sagt Case.

Anmerkung: Spoiler-Warnung! Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Ausblick Staffel 6

Vorneweg: Keine Sorge, dramatische Inhalts-Informationen gibt es derzeit ohnehin kaum zu vermelden. Die Macher hüllen sich fast komplett in Schweigen. Wer aber wirklich gar nichts über die Handlung der finalen Staffel erfahren will, sollte spätestens jetzt aufhören zu lesen.

Wie zuvor erwähnt, ist der Tod in „Lost“ nicht die letzte Instanz. Im finalen Durchlauf werden deshalb auch etliche Schauspieler ein Comeback feiern: Allen voran Charlie (Dominic Monaghan) und Boone (Ian Sommerhalder), es wäre nicht überraschend, wenn noch die/der eine oder andere dazu käme. Sicher ist ebenfalls, dass die (eigentlich tote) Claire (Emilie de Ravin) eine große Rolle spielen wird, immerhin ist sie auch im offiziellen Bild (siehe Screenshot) zu Staffel sechs zu sehen.

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Die Lost-Crew in Da Vincis letztem Abendmahl: Die tot geglaubte Claire (3.v.l.)scheint auch in der neuen Staffel wieder mit dabei zu sein.
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In der fünften Staffel gab es das Zeitreisen, nun soll abermals ein neues Erzählmittel eingeführt werden. Welches verraten die Macher natürlich nicht, zumindest nicht ernsthaft. Carlton Case, aktuell im „Hollywood Reporter“: „Musikalische Nummern! Wer Bollywood mag, wird diese Season lieben!“