Der Auftakt der Marvel-Serien von Netflix mit „Daredevil“ war schon gut, „Jessica Jones“ ist jedoch besser! Wo die Abenteuer des blinden Anwalts mehrere Folgen benötigten, um in Gang zu kommen, geht es bei „Jessica Jones“ gleich richtig los.

Dabei ist dies keine typische Superhelden-Serie. Es gibt keine Kostüme und auch keine Ursprungsgeschichte. Wieso Jessica ihre Kräfte hat, wird nicht an den Anfang gesetzt. Sie bekam sie durch einen Unfall, sie setzt sie ein. Mehr muss man nicht wissen. Außer natürlich, was sie kann: Jessica Jones ist unglaublich stark und sie kann hoch springen. Nur mit dem Landen ist das so eine Sache. Meistens stürzt sie ab.

Ähnlich verhält es sich bei Luke Cage. Auch seine Ursprungsgeschichte wird nur en passant erwähnt. Es war ein Experiment. Welcher Art? Egal. Wichtig ist nur, dass er eine undurchdringliche Haut hat und stark ist.

Und auch beim Schurken weiß man nicht, wie er seine Kräfte erhielt. Kilgrave kann jedem Menschen seinen Willen aufzwingen. Er muss ihm nur sagen, was dieser tun soll.

Obsession

Als die Serie beginnt, glaubt Jessica, dass Kilgrave tot ist. Er starb bei einem Unfall, nachdem sie wochenlang unter seinem Willen stand und tun musste, was er wollte. Dinge, die sie immer noch quälen. So sehr, dass sie den Kontakt zu ihrem Umfeld abgebrochen hat.

Psychologischer Thriller, der von der ersten bis zur letzten Minute packend ist!Fazit lesen

Doch dann zeigt sich, dass Kilgrave nicht tot ist. Er hat überlebt und seine Obsession hat sich sogar noch gesteigert. Kilgrave lässt Jessica observieren. Er manipuliert sie, spielt mit ihr, fordert sie heraus. Und Jessica will eigentlich nur fliehen. So weit weg wie möglich, bis der Moment kommt, wo sie sich entscheiden muss. Sie entscheidet sich, gegen Kilgrave ihren Mann zu stehen.

Gebrochen und stark

Die Hauptrolle ging an Krysten Ritter, die man aus der Sitcom „Apartment 23“ kennt. Sie spielt Jessica als eine gebrochene Figur, jemand, der so sehr verletzt wurde, dass das alles verändert hat. Nur mit Alkohol kann sie ihr Leben ertragen, aber dennoch macht sie weiter. Was Kilgrave ihr angetan hat, war nicht nur im Grunde eine Vergewaltigung. Es war körperlicher und seelischer Missbrauch.

Das ist ein erstaunlich düsteres Thema, das man hier aufgreift. „Jessica Jones“ ist reifer und erwachsener als alle bisherigen Marvel-Produktionen. Weil hier in menschliche Abgründe vorgestoßen wird, die ansonsten psychologischen Serien wie „Hannibal“ vorbehalten sind.

Darüber hinaus wartet die Serie auch mit einer gehörigen Paranoia auf. Die Hauptfigur spürt sie, für den Zuschauer wird sie aber auch greifbar, weil man nie sicher sein kann, ob jeder der ist, der er zu sein vorgibt. In jedem Moment könnte jeder unter Kilgraves Kommando stehen. Damit spielt die Serie auch, besonders in Hinblick auf die Figur Trish, die beste Freundin von Jessica, die den Fehler macht, Kilgrave zu beleidigen.

Gutes Ensemble

Ritter ist das Zentrum der Serie, das übrige Ensemble aber auch großartig. Kilgrave, der in den Comics auch der Purple Man genannt wird, wird von David Tennant gespielt. In den ersten drei Folgen sieht man ihn nur von hinten und hört seine Stimme, aber seine Präsenz ist praktisch allgegenwärtig. So sympathisch man den Briten als „Doctor Who“ fand, so abstoßend spielt er hier, ist er doch ein Sadist, der sich daran erfreut, Leben zu vernichten.

Weiterhin mit dabei sind Carrie-Anne Moss („Matrix“) als skrupellose Anwältin, Rachael Taylor („Charlie’s Angels“) als Jessicas beste Freundin und Mike Colter („Halo: Nightfall“) als Luke Cage.

Entwickelt wurde die Serie von Melissa Rosenberg, die für „Dexter“ geschrieben und die Drehbücher der „Twilight“-Filme entwickelt hat. Grundlage ihrer Show ist die Comic-Serie „Alias“, die von Brian Michael Bendis geschrieben wurde und hochgelobt wurde, weil der Autor hier auch in narrative Bereiche vorstieß, die im Superhelden-Genre häufig übergangen werden.

Eigentlich war die Serie für ABC geplant, kam dort aber nicht voran, weil sie für ein Network zu düster war. Als der Netflix-Deal mit Marvel kam, war „Jessica Jones“, das damals noch „AKA Jessica Jones“ heißen sollte, eine der Serien, die dort präsentiert sein sollten.