Es war ein verheißungsvolles Schlussbild, mit dem die erste Staffel „Hannibal“ den Status quo ihrer beiden Protagonisten aufhob. Nicht der verführerische Serienkiller, sondern sein gegnerischer FBI-Ermittler wird hinter Schloss und Riegel verbannt. Diesen Rollenwechsel, der auch allen bisherigen Hannibal-Erzählungen im Kino zuwiderläuft, nutzt Season 2 für ein so geschicktes wie bluttriefendes Psychoduell.

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Quid pro quo

Unser wahrscheinlich bekanntestes Bild von Hannibal Lecter zeigt den distinguierten Kannibalen hinter vermeintlich sicheren Gittern, als ein Monster im Käfig, das die Geschicke selbst noch in Zwangsjacke und Mundsperre entscheidend zu lenken versteht. Sowohl Romanautor Thomas Harris als auch die Regisseure der bisherigen Kinoadaptionen schienen Lecter stets als eine Art böses Prinzip, weniger einen Menschen mit sozialen Bedürfnissen zu begreifen.

Hannibal - Menschenfleisch und Rotwein – Hannibal Lecter bittet wieder zu Tisch

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Der reich gedeckte Gabentisch von Hannibal (Mads Mikkelsen). Nahezu jede Figur der Serie hat schon einmal Menschenfleisch verköstigt, meist natürlich absolut unwissend.
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Hierin liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den Filmen und jenem seriellen Zugang, den sich Showrunner Bryan Fuller zur ikonischen Figur des weltmännischen Psychopathen und engagierten Meisterkochs verschafft hat. Sein Hannibal (natürlich auch weiterhin exzellent: Mads Mikkelsen) meint in Will Graham (Hugh Dancy) erstmals einen Freund gefunden zu haben, der es intellektuell, vor allem aber emotional mit ihm aufnehmen kann.

Mehr noch: Der vielleicht sogar dessen wahre Identität, freilich die eines Menschenfressers, unter gewissen Voraussetzungen anzunehmen bereit ist. So zumindest glaubt es der nunmehr selbst manipulierte Psychiater, als er sich vom inhaftierten, fälschlicherweise für den Chesapeake Ripper gehaltenen Will gleich vielfach täuschen lässt. Will stellt Hannibal im Laufe der Staffel sogar eine mörderische Partnerschaft in Aussicht.

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Unschuldig hinter Gittern: Will Graham (Hugh Dancy) glaubt in Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) eine Leidensgenossin gefunden zu haben.
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Das wie schon zuvor in zahlreichen doppelbödigen Rededuellen ausgetragene Kräftemessen der beiden ist nunmehr verzwickter denn je. Wer da wen perfide hintergeht und psychologisch ausbeutet bleibt nicht zuletzt den Nebenfiguren der Serie vollständig verborgen: Wills Vorgesetzter Jack Crawford (Laurence Fishburne) scheint den Faden ebenso verloren zu haben wie Beverly Katz (Hettienne Park), Hannibals eigene Therapeutin Dr. Du Maurier (Gillian Anderson) streicht die Segel gleich gänzlich.

Anstaltsleiter Frederick Chilton (Raúl Esparza) wiederum ist versucht, das unklare Machtverhältnis der Kontrahenten für seine sardonischen Interessen zu missbrauchen. Dass er damit schließlich grandios scheitern wird, ist die deutlichste Abkehr von der Romanvorlage. Und Serienneuzugang Cynthia Nixon („Sex and the City“) bemüht sich als Chefin der FBI-Dienstaufsicht Kade Prurnell ebenfalls vergeblich um Durchblick.

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Auch in der zweiten Staffel „Hannibal“ dürfen spektakuläre Tatorte mit kunstvoll hergerichteten Leichenschauen nicht fehlen. So viel Blut gab es im TV selten zu sehen.
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Erstaunlich wenig weiß die zweite Staffel „Hannibal“ allerdings mit Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) anzufangen, die als funktionale Dienerin des Plots kaum mehr eigenständiges Profil hat. Sie geht wider besseres Wissen eine Affäre mit Hannibal ein, bemerkt als geschulte Psychologin jedoch nicht, dass er sie lediglich für ein merklich durchschaubares Alibi benutzt.

An einer später enthüllten Ermittlungsfalle, in die selbst Sensationsreporterin Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) involviert ist, bleibt Alana Bloom ebenso unbeteiligt. Es ist die nunmehr leider schwächste Figur der Serie, allzu unelegant von deren Handlungspuzzeln abgefertigt. Die Chance auf eine kompetente, mindestens aber aktive Frauenrolle hat sich diese zweite Staffel „Hannibal“ entgehen lassen.

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Der gehörnte Tod scheint allgegenwärtig. FBI-Ermittler Jack Crawford (Laurence Fishburne) weiß schon längst nicht mehr, wer Täter und wer Opfer ist.
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Die Nähe zum Tod

Glücklicherweise hat sich Bryan Fuller hingegen von der zuweilen recht starren Plotstruktur der vorherigen Staffel entfernt und das Killer-of-the-Week-Muster auf ein Mindestmaß reduziert. Weitaus flüssiger, wenn nicht gar buchstäblich organischer, verbindet Season 2 die Perspektiven ihrer Figuren zu einem undurchsichtigen Psychospielchen, ohne sich dabei von Folge zu Folge mit eigentlich irrelevanten Nebenschauplätzen (sprich: Tatorten und Sideshow-Killern) aufzuhalten.

Grimmiger Fortgang einer eigenwilligen Serie – acquired taste, wie man im Englischen so schön sagen würde. Für Freunde der ersten Staffel ganz klar Pflichtprogramm.Fazit lesen

Geht es dann doch einmal um dritte Mörderparteien, bindet „Hannibal“ sie nun weitaus schlüssiger an den Hauptstrang der Serie. Zu den mittlerweile noch um einiges drastischer angerichteten Kunstwerken des Todes, auf die das FBI hier abermals großzügig stoßen muss, zählen unter anderem ein verharztes Leichenmosaik, eine in anschauliche Scheiben geschnittene Forensikerin sowie ein zur Justitia ausgeweideter Richter. Gab es derart viel Splatter überhaupt schon einmal im Fernsehen zu sehen?

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Die schweinischen Pläne des Viehzüchters Mason Verger (Michael Pitt) werden natürlich grandios vereitelt. Er ist aber auch was nervig!
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Vom verbliebenen Rest leicht überflüssiger Subplots (besonders eklatant in der um einen Tierpfleger und dessen Sozialarbeiter kreisenden achten Episode) verabschiedet sich die Staffel endgültig, als Schweinezüchter Mason Verger (Overacting Deluxe: Michael Pitt) auf den Plan tritt. Diese in Ridley Scotts „Hannibal“-Film von Gary Oldman gespielte Figur wird hier als exzentrischer Bonzensprössling entworfen, der sich besser nicht in die Kraftprobe der beiden Hauptfiguren eingemischt hätte.

Doch wie Hannibal in einem seiner vielen geistreichen Monologe zum Besten gibt, sei es die Aussicht auf den Tod, die uns zu wahrer Größe verhelfe. Weshalb man den längst in surrealen Bezugspunkten verfangenen Figuren der Serie vielleicht auch nicht mehr mit Plausibilität beikommen kann: In „Hannibal“ scheint einfach jedes Leben von Vergänglichkeit infiziert, von einer Nähe zum Tod bestimmt.

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Sanfte Berührungen im Kampf aus Freund- und Feindschaft: Die homoerotischen Anklänge in „Hannibal“ sind vollste Absicht. Und auch gar nicht zu übersehen.
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Folglich setzt Bryan Fuller hier die sonst eigentlich nur verbal angerissenen Verschmelzungsfantasien seiner Kontrahenten (es geht letztlich immer nur darum, Will und Hannibal irgendwie zu vereinen) sogar ganz konkret ins Bild: Während Hannibal und Alana sowie Will und Margot (Katharine Isabelle) Sex haben, verwischen sich die Wahrnehmungsgrenzen zu einem orgiastischen Liebesakt aller Beteiligten, in den sich sogar die gehörnte Teufelsfratze einschleicht.

Fuller hat mehrfach auf den homoerotischen Subtext der Serie verwiesen (der mitunter so offenkundig anmutet, dass er eigentlich schon selbst zum Text wird), zuletzt in einem ausführlichen Interview. Für das unterschwellig sexualisierte Abhängigkeitsverhältnis von Will und Hannibal findet er dabei sogar noch einen metaphorisch überhöhten Ausdruck, wenn er deren gemeinsames Essensritual lustvoll verspeister Vögelchen wie einen sinnlichen (Liebes-)Akt inszeniert.