Neue Figuren, neue Erzählung: Die zweite Staffel der Anthologieserie „Fargo“ atmet zwar noch immer den Geist des gleichnamigen Coen-Films von 1996, verweist inhaltlich jedoch deutlich weniger konkret auf ihn. Anstelle entscheidender Plotverschränkungen treten hier Anknüpfungspunkte, die lediglich eine atmosphärische Nähe zum Vorbild suchen. Mehr noch als im ersten Jahr geht Showrunner Noah Hawley dabei souveräne, wenngleich nach wie vor von blutrotem Schnee gesäumte Wege. An der teils nun reichlich absurden Stoßrichtung der Serie dürfte sich entscheiden, wer „Fargo“ weiterhin die Treue hält.

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Keine Erleuchtung

In der zweiten Staffel geht es nicht länger nur um betuliche Kleinstadtseelen und Verbrechersyndikate, deren mörderische Gewalt sich in ebendiesen Seelen bestens einzunisten versteht – um eine schneeweiße amerikanische Idylle also, die mit ihrem ganz eigenen Lauf der Dinge durchaus etwas außerirdisch wirkt. Sondern es geht nebenbei auch tatsächlich um fliegende Untertassen! Erleuchtung bringen ihre funkelnden Lichter allerdings nicht. Sie blenden die Figuren von „Fargo“ ebenso wie das Publikum. Und was es mit den Ufos wirklich auf sich hat, spielt in einer Serie, die munter Albert Camus und Max Ernst zitiert, vielleicht auch gar keine Rolle.

Nach zeitlich in den Jahren 1987 (Film) und 2006 (erste Staffel) verorteten Geschichten aus Minnesota und North Dakota geht es in der Serie nun zurück in die späten 1970er-Jahre und eine Kleinstadt namens Luverne. State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson) ermittelt dort das Verschwinden des dreifachen Mörders und Mafiamitgliedes Rye Gerhardt (Kieran Culkin), dessen in Fargo beheimatete Familie zugleich eigene Schergen auf den Fall ansetzt. Vom matriarchalischen Clan um Floyd Gerhardt (Jean Smart) aber lässt sich Solverson ebenso wenig einschüchtern wie von Mike Milligan (Bokeem Woodbine), einem anderen Mafia-Repräsentanten und Erzfeind der Gerhardt-Sippe.

Fargo - Staffel 2 - Blutiger Schnee, jetzt auch mit Aliens

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Kleinstädter mit unerwartet krimineller Energie: Peggy (Kirsten Dunst) und ihr Ehemann Ed (Jesse Plemons).
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In Gang setzte diesen Schlamassel Peggy Blumquist (Kirsten Dunst). Den allerorts gesuchten Rye Gerhardt hat sie erst versehentlich überfahren und dann mithilfe ihres Ehemanns Ed (Jesse Plemons) ganz unversehentlich entsorgt, nun sind ihnen daher Verbrecher und Polizei auf den Versen. Das provinzielle (und zumindest von Seiten der eigentlich abenteuerlustigen Peggy mit dieser Provinzialität auch höchst unzufriedene) Paar knüpft an jene erzählerische Tradition von „Fargo“ an, die unbedarfte Kleinstädter mit folgenschweren Zufällen in Berührung bringt. In Staffel 1 war dies Lester Nygaard (Martin Freeman, der jetzt einen Cameo-Auftritt als Erzähler hat), hier sind es eine Friseurin und ihr als Schlachter arbeitender Mann.

Langbärtige Mafiaklischees

Wie schon im Film der Gebrüder Coen ergibt sich die besondere Komik der Serie aus solchen unscheinbaren Figuren, die – sofern erst einmal aus ihrer vermeintlichen Gemütlichkeit gerissen – selbst Berufsverbrecher um den Verstand bringen. Bei Peggy und Ed triggert die Konfrontation mit dem Außerordentlichen ein gewalttätiges Begehren, das augenscheinlich nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Dass sie sich dabei ungleich stümperhafter anstellen als etwa ein Auftragskiller wie der für die Gerhardt-Familie zuständige Hanzee Dent (Zahn McClarnon), ändert am blutigen Resultat erstaunlich wenig – in Eds Fleischerei finden auch professionelle Gangster ein jähes Ende.

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Der kleine Mann: State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson, rechts) wird unvermittelt aus seinem provinziellen Alltag gerissen.
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Kirsten Dunst absolviert ein beachtliches Comeback als nicht ins Korsett von Hausfrauen- und Mutterrolle zu schnürende Peggy, und auch ihr Co-Star Jesse Plemons ist eine ideale Besetzung des treudoofen Ed. Wenn die Symbole von Peggys Ausbruchssehnsüchten – etwa ihre sich bis an die Kellerdecke stapelnden Mode- und Reisezeitschriften – im weiteren Verlauf der Staffel zu konkreten Werkzeugen des Widerstandes mutieren, wirkt „Fargo“ beinahe wie eine idealisierte feministische Fantasie. Ähnlich emanzipatorisch geht die Serie auch mit dem stets nur „Indianer“ genannten Profikiller Hanzee und seinem gleichsam diskriminierten gegnerischen Mafiagehilfen Mike Milligan um.

Leidlich amüsante zweite Staffel der Anthologieserie, die sich die Stärken des Coen-Films deutlich weniger zueigen macht als ihr Vorgänger.Fazit lesen

Dieser an Tarantino erinnernde Zugriff auf typische Genrefiguren ist amüsant, aber mit vielen bedeutungsschwangeren Dialogen angereichert, die nicht gerade Noah Hawleys Stärke sind. Die Mitglieder der Familie Gerhardt stechen nur als Karikaturen hervor, viele der langbärtigen Mafiaklischees schienen nach einer klugen Serie wie „Die Sopranos“ eigentlich auch im Fernsehen längst überwunden. Sonderlich mitreißend sind die entsprechenden Handlungsstränge um die Versuche der Gerhardt-Familie, an Einfluss zu gewinnen, leider auch kaum. Und eine wirklich faszinierende kriminelle Figur wie den im Vorgänger präsenten Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) gibt es hier ohnehin nicht.

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Native American mit Namen Hanzee: Zahn McClarnon spielt noch am ehesten eine Figur, deren Geheimnisse man gern ergründen möchte.
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Besonders störend kann man den selbstgefälligen Humor dieser zweiten Staffel finden. Da gibt es immer wieder altkluge Einsprengsel, die einerseits über der Handlung stehen, sie aber andererseits mythisch zu überhöhen versuchen (konkret: Wechsel zu allwissenden Erzählerstimmen, eine Darstellung der Ereignisse in Bilderbuchform oder eben besagte Ufos). Und mit dem Auftritt des sonst natürlich über jeden Zweifel erhabenen Bruce Campbell in der Rolle des Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan buchstabiert „Fargo“ auch noch einmal alle politisch-historischen Kontexte aus, die seine hübsche kleine Genregeschichte größer machen wollen als sie eigentlich ist.