Statt Stoffe selbst zu entwickeln, setzen immer mehr TV-Serien erfolgreiche Kinofilme fort. Das kann man bedauerlich finden, weil Fernsehen sich mit spannenden Erzählungen und thematischen Experimenten zuletzt eben auch als eine Alternative zum Kino empfohlen hat. Oder man macht es, wie etwa die Produzenten von „Fargo“, einfach ganz anders – und vor allem ganz richtig. Ihre Serie ist die vielleicht größte Überraschung des TV-Jahres.

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Altes Setting, neue Figuren

Mit dem gleichnamigen Film der Coen-Brüder teilt sich „Fargo“ natürlich einiges, mehr sogar, als Showrunner Noah Hawley im Vorfeld zugeben wollte. Da gibt es erst einmal allerlei dauerverschneite Schauplätze in und um Minnesota, die Kennern des Films verdächtig bekannt erscheinen dürften. Da gibt es diesen sonderbaren Schlag vollends zufriedener Menschen, die nie etwas von der Welt sehen werden und auch gar nicht sehen wollen.

Fargo - Die Serie zum Kultfilm der Coen-Brüder

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Stolpert zwar von einem Unglück ins nächste, ist aber auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit: Versicherungsvertreter Lester Nygaard (Martin Freeman).
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Und es gibt natürlich Gewalt, die sich da ganz plötzlich einschleicht in eine schneeweiße amerikanische Idylle. Eine Gewalt allerdings auch, wie sie ganz augenscheinlich nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Die lediglich unbemerkt blieb, nur noch keine konkrete Gestalt annahm. Jene Prämisse des Films, als blutrote Hommage an Menschen, deren Leben tatsächlich mit Worten wie „jeez“ und „heck“ treffend beschrieben sein dürfte, greift auch die Serie wunderbar auf.

Tatsächlich verschränkt sich „Fargo“ auch inhaltlich mit der Vorlage, sehr oft auch hinterrücks, beiläufig, in kleinen Details. Ein wesentlicher Handlungsstrang setzt die gescheiterte Geldübergabe des Kinofilms fort, in dem Steve Buscemi knapp eine Million US-Dollar am Straßenrand verbuddelte und mit einem roten Eiskratzer markierte. Die (neuen) Figuren der Serie wiederum wirken zu großen Teilen wie personifizierte Echos ihrer filmischen Vorgänger.

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Handlungsmotor, Strippenzieher, Profikiller: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) ist das böse Gewissen der Serie. Und ihre mit Abstand interessanteste Figur.
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Wir befinden uns nun in Bemidji, einer Kleinstand Minnesotas, unlängst von Fargo (auch die Serie verschlägt es übrigens nur selten zum Titel gebenden Handlungsort). Rund 20 Jahre sind seit den mörderischen, vermeintlich auf einer „true story“ basierenden, Ereignissen des Films vergangen. Im Mittelpunkt der 2006 spielenden Serie stehen nun einmal mehr unbedarfte Provinzler, die mit folgenschweren Verbrechen in Berührung kommen.

Versicherungskaufmann Lester Nygaard (Martin Freeman) ist ein rechtschaffener Kleinbürger, der sich in den Verhältnissen einer winterlichen Suburbia ebenso duckmäuserisch wie selbstgenügsam eingerichtet hat. Genau wie sein Coen-Gegenstück Jerry Lundegaard (damals gespielt von William H. Macy) verfügt Lester Nygaard jedoch über ausreichend kriminelles Potenzial, das bislang sorgfältig unter Verschluss lag.

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Deputy Molly Solverson (Allison Tolman) tritt das Erbe von Frances McDormand an, die für den Kinofilm einen Oscar erhielt. Und schlägt sich darin ziemlich gut.
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Der böse Strippenzieher

Als der Auftragsmörder Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) das beschauliche Nest durchquert und bei einer zufälligen Begegnung mit Lester eben genau dieses Potenzial freisetzt, bildet sich umgehend eine Verkettung absurder Ereignisse. Nicht wenige Menschen müssen die schlagartige Aushebelung aller Ordnung mit dem Leben bezahlen, ehe es sogar Abgesandte der Mafia nach Bemidji verschlägt.

Deputy Molly „Jesses“ Solverson (Allison Tolman) ist natürlich stark überfordert, bewahrt sich im Gegensatz zu ihrem Vorgesetzten Bill (Bob Odenkirk, besser bekannt als Saul Goodman) jedoch Nerven und Durchblick. Man könnte sie sich einigermaßen problemlos als Tochter jener Marge Gunderson vorstellen, die es im Kinofilm ähnlich liebenswert-tapsig mit heimatfremden Gangstern aufnahm, gleichwohl Allison Tolman keine zweite Frances McDormand ist (aber wer ist das schon?).

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Better Call Saul: Polizeichef Bill Oswalt (Bob Odenkirk) ist bestimmt ein herzenslieber Mensch, hat aber zweifellos den falschen Job gewählt. „I'm done, I quit!“
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In die fatalen Verwechslungen und Irrtümer, wie „Fargo“ sie nicht zynisch ausstellt, sondern als folgerichtigen (augenzwinkernden) Lauf der Dinge versteht, mischen sich eine Reihe eigenwilliger Nebenfiguren. Ganz besonders die erfolglosen Versuche von Officer Gus Grimly (Colin Hanks, seinem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten), den gewieften Mörder Malvo dingfest zu machen, erweisen sich als wahres Komödiengold.

Eine der bestinszenierten wie –erzählten Serien des Jahres. Nicht nur, aber vor allem für Fans des gleichnamigen Films uneingeschränkt empfehlenswert.Fazit lesen

Wie bereits der Film lebt auch die Serie von ebensolchen Figuren, die an der Konfrontation mit dem Außerordentlichen zu verzweifeln drohen. Störenfried Billy Bob Thornton, als langjähriger Weggefährte der Coen-Brüder bestens mit deren lakonischem Humor vertraut, wirkt in dieser offen gelegten Kehrseite kleinstädtischer Idylle wie ein böses Prinzip: Er beobachtet und interveniert nach Lust und Laune, hält seine Protagonisten süffisant an der Leine.

Das ist nicht allein eine großartige Figur, weil sie ihre gewalttätigen Griffel in die Wunden scheinbar unschuldiger Krämerseelen drückt, sondern weil sie selbst so herrlich ungewiss bleibt. Bis zuletzt erfährt man nur wenig über diesen schelmisch grinsenden Strippenzieher mit der absonderlichen Frisur, nichts muss hier zu Ende erzählt, ausbuchstabiert oder fassbar gemacht werden. Lorne Malvo ist eine identitätslose, finstere Chiffre.