Es überraschte nicht, als Showtime das Ende der Erfolgsserie „Dexter“ verkündete, nachdem die Weichen für das Finale bereits in der sechsten Staffel gestellt wurden. Die achte und letzte Season musste sich nun darum bemühen, den radikalen Cliffhanger der siebten halbwegs gewagt fortzusetzen und der Serie einen würdevollen Abschluss zu gönnen. Glaubt man dem virtuellen Shitstorm nach der Finalfolge, sind die Autoren an dieser Aufgabe grandios gescheitert.

Achtung: Der Text enthält Spoiler zu vorherigen Staffeln.

Sechs Monate sind seit dem Tod von Lieutenant Maria LaGuerta (Lauren Vélez) vergangen. Laut Dexter (Michael C. Hall) habe die Ermordung seiner Vorgesetzten für ihn „alle Probleme gelöst“, da er nicht mehr als Bay Harbor Butcher enttarnt werden könne. Debra (Jennifer Carpenter) hat ihren Dienst quittiert und den Kontakt zu ihrem Bruder weitgehend abgebrochen. Sie arbeitet mittlerweile in der Privatermittlungsfirma eines ehemaligen Kollegen („Young Indiana Jones“ Sean Patrick Flanery), verwendet aber mehr Energie darauf, ihre Schuldgefühle mit Alkohol zu kurieren.

Alles halb so wild

Sie macht Dexter schwere Vorwürfe („I shot the wrong person in that trailer!“) und blockt dessen Versuche, die gemeinsame Beziehung zu erneuern, konsequent ab. Erst als Debra eigenmächtig den Auftragsmörder El Sapo (Nick Gomez) erschießt und Dexter die Zusammenhänge vertuschen muss, finden die beiden notgedrungen zueinander. Währenddessen kehrt die Neuropsychiaterin und frühere Beraterin des Departments Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) nach Miami zurück. Sie therapierte einst Harry Morgan (James Remar) und konzipierte mit ihm den hinlänglich bekannten Kodex für Dexters mörderischen Drang.

Dexter - Staffel 8 - Last man standing: Überlebt Dexter seinen eigenen Blutrausch?

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Schluss mit lustig: Behält Dexter bis zum Ende den vollen Durchblick?
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Das kommt für den Blutspezialisten natürlich denkbar unerwartet, aber er akzeptiert Dr. Vogel zügig als eine Art Mutterfigur. Sie versichert ihm, er sei vollkommen normal, mehr noch: er sei perfekt, und zwar „perfekt als Psychopath“ (file under: vergiftetes Lob). Im Zuge der Staffel behandelt sie auch Debra, die nach ihrem Mord an LaGuerta an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, und empfiehlt ihr, sich mit Dexters wahrem Ich zu arrangieren. Dieser glaubt weiterhin, das Leben seiner Schwester zerstört zu haben, und beginnt allmählich, Gefühle zuzulassen.

Weil jede „Dexter“-Staffel aber auch einen neuen Mörder braucht, geht in Season 8 nun „Der Hirnchirurg“ um, offenbar ein früherer Patient von Dr. Vogel. Dexter soll sich um den Serienkiller im Alleingang kümmern, da die Psychiaterin befürchtet, er könne bei einer Verhaftung ihre „unorthodoxen Methoden“ offen legen. Als wie aus dem Nichts auch noch Dexters verurteilte Ex-Freundin Hannah McKay (Yvonne Strahovski) auftaucht, nunmehr allerdings mit einem von Julian Sands (!) gespielten Multimillionär verheiratet, zeigen alle Pfeile in Richtung wohlverdientes Serienfinale.

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Solche augenscheinlich in verzweifelten Autorenmeetings gesponnenen Handlungsfäden sind geradezu typisch für „Dexter“. Keine der neueren Qualitätsserien scheute so wenig das abstruse Erzählen, das Eintauchen in tiefste Seifenoperngefilde, das lautstarke Seitengeraschel hanebüchener Drehbücher. Evelyn Vogel, wunderbar gespielt von der eigentlich ja ohnehin immer sensationellen Charlotte Rampling, ist als Figurkonstrukt, das lediglich der Versöhnung von Dexter mit seiner Schwester und aber auch seiner Identität dienlich gemacht wird, so durchschaubar wie bedeppert.

Telenovela-Elemente

Man hört fast die Stifte quietschen, die diese und andere „Ideen“ aus den Köpfen der Autoren aufs Flipchart kritzelten. Schon immer, auch während ihrer ersten Jahre, griff die Serie regelmäßig auf Storylines aus Absurdistan zurück. Exemplarisch für die zweifelhaften Versuche der Show, alle Stammfiguren einigermaßen zu beschäftigen, sind und waren etwa überflüssige Nebenstränge um Quinn (Desmond Harrington) und seine Beziehung zu einer Nachtclubtänzerin, um Sergeant Angel Batista (David Zayas) und sein Restaurant oder um Vince Masuka (C.S. Lee) und dessen uneheliche Tochter.

Das letzte Dexter-Kapitel mag nicht das stärkste der Serie sein, aber es beschließt den Fernsehroman trotzdem nicht ohne Wehmut. R.I.P., Dexter Morgan.Fazit lesen

Die Telenovela-Elemente der Serie haben sich mittlerweile soweit verselbständigt, dass sogar bedenkenlos auf eines der Soap-Klischees schlechthin zurückgegriffen werden kann: Den verloren geglaubten Sohn („Der Hirnchirurg“), ein Äquivalent zum plötzlich auf der Bildfläche erscheinenden Vater von Hannah McKay, der in Season 7 als urplötzlicher Expresser aus der Vergangenheit dramaturgischen Leerlauf unterbinden sollte (und diesen nur bekräftigte). Apropos Hannah: Deren jetzige überraschende Rückkehr ist auch nur ein weiteres Teil in jenem Handlungspuzzle, das auf herrliche Art keinen Sinn mehr ergibt.

Dexter - Staffel 8 - Last man standing: Überlebt Dexter seinen eigenen Blutrausch?

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Lila ist nur eine der Frauen in Dexters Leben.
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An der Giftmörderin formuliert diese achte und letzte Staffel nun gar die Utopie ihrer Titelfigur. Durch sie realisierte Dexter bereits in der vorherigen Season, dass er – anders als vermutet – nicht töten muss, sondern töten will. Sie entlarvte seinen „dunklen Begleiter“, der lediglich ein Gefühl sei, ein Vorwand für die Lust zum Töten, weniger ein tatsächlicher Trieb. Dexter sieht in Hannah eine ebenbürtige Partnerin, vor allem im Vergleich zu früheren Beziehungsversuchen. Sie ist nach Rita (Julie Benz), Lila (Jaime Murray) und Lumen (Julia Stiles) die erste Frau in seinem Leben, für die es ein Happyend geben könnte.

Das macht Hannah nicht nur zu einer wesentlichen (wenn auch ebenfalls nur funktionalisierten) Figur, sondern überträgt ihr auch die Entscheidungsgewalt über Dexters Schicksal: Die wahre Liebe als Option für ein besseres Leben, in dem das Morden vielleicht gar keine Rolle mehr spielen muss. Die Entwicklung Dexters erstreckt sich in dieser letzten Staffel schließlich über ein freundschaftliches Verhältnis zum mörderischen Schützling Zach Hamilton (Sam Underwood), der seinen Kodex erlernen soll, bis hin zum bewussten Verzicht, anderen Menschen das Leben zu nehmen.

Welches Ende aber kann ein Serienkiller nehmen, der seinem Publikum trotz aller moralischen Widerstände, ambivalenten Gefühle, zwiespältigen Zuneigung ans Herz gewachsen ist? Ein gerechtes, befriedigendes, erlösendes? Ob er gestellt werden oder unentdeckt bleiben dürfe, ob er sterben oder davonkommen müsse, das fragten sich die Fans mit Blick auf das Serienfinale aus gutem Grund. Und die letzte Folge mag, allem Shitstorm zum Trotz, vielleicht nicht den Zuschauerdurst nach der ganz großen Eskalation stillen, aber sie wird dem beliebtesten Mörder der Fernsehgeschichte in einem emotionalen Höhepunkt durchaus gerecht.