Ein halbes Jahrzehnt ist vergangen, seit mit „Boardwalk Empire“ eine der aufwändigsten TV-Serien der Gegenwart erstmals auf Sendung ging. Fünf Staffeln und 57 Episoden später verbleibt die von Terence Winter entworfene Prohibitionssaga dabei nicht nur als eines der besten HBO-Formate, sondern auch reizvolle Rekonstruktion US-historischer Mythen. Zu den schön-verrückten Bedingungen aufregenden Genrefernsehens.

Boardwalk Empire - Episode 2 (Staffel 5) Preview5 weitere Videos

Ein letztes Aufbegehren

Es war zu erwarten, dass die Serie in ihrer fünften und letzten Staffel kurzen Prozess machen würde mit allen noch verbliebenen Klüngeln. Tatsächlich entwickelte sich „Boardwalk Empire“ von einer zunächst vielleicht etwas zweckdienlich opulenten, in ihrer Fülle an Handlungssträngen und nicht immer relevanten Nebenfiguren beinahe unüberschaubaren Show zum verdichteten Period Piece – dessen Restverschlingungen letztlich von selbst auslaufen würden.

Boardwalk Empire - 5. Staffel - Goodbye, Nucky Thompson – das stille Finale einer großen Serie

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Munter wickelt Enoch 'Nucky' Thompson (Steve Buscemi) auf Kuba Geschäfte mit dem Hersteller von Bacardi Rum ab, nicht wissend, dass er längst in Lebensgefahr schwebt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ihre Beschränkungen auf Wesentlichkeiten, auf Zuspitzungen insbesondere während des dritten und vierten Jahres, standen der Serie dabei äußerst gut: Im Ringen um Ansehen und Oberhand des einstigen Bezirkskämmerers Nucky Thompson (Steve Buscemi) verschoben sich die jeweiligen Gegenspieler irgendwann nur noch wie Figuren auf einem Schachbrett, das besser einmal kräftig leergefegt gehört, statt mit neuen Prota- und Antagonisten immer wieder neu aufgestellt zu werden.

Folglich leistet die finale Staffel vor allem dramaturgisch und personell Aufräumarbeiten, die den letzten Rest krimineller Energien in verdientem Keim ersticken. Neuausrichtungen gibt es keine mehr, Figurenzugänge erst recht nicht. Wer es nach verlustreichen vier Staffeln bis zum Serienfinale geschafft hat, verdient sich zumindest ein paar letzte Augenblicke einigermaßen ehrwürdiger Grandezza – gleichwohl es Terence Winter mit niemandem mehr wirklich gut meint.

Boardwalk Empire - 5. Staffel - Goodbye, Nucky Thompson – das stille Finale einer großen Serie

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Lucky Luciano (Vincent Piazza) ist in den vergangenen sieben Jahren zu einer Gangstergröße aufgestiegen, der sich kaum mehr jemand in den Weg stellen kann.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie alles Übriggebliebene auf den letzten Metern des Boardwalks und seines zwar nie integeren, aber immerhin einmal halbwegs intakten Imperiums sich hier nun mit Erinnerungen an Vergangenes verschränkt, ist eine schöne Idee dieser Staffel. Kontinuierlich durchkreuzen Flashbacks eine finale Abwicklung von Handlungs- und Figurenrückständen, die dadurch schon im Moment des letzten Aufbegehrens wie Relikte anmuten.

Sieben Jahre sind seit den Geschehnissen der vierten Staffel ins Land gezogen, haben sich die Machtverhältnisse entscheidend verändert. Die Tage der Prohibition scheinen 1931 bereits gezählt, was Nucky Thompson sich selbstredend finanziell zueigen machen möchte. Nur knapp überlebt er mehrere Anschläge des nunmehr zur dominanten Kraft avancierten Duos Lansky (Anatol Yusef) und Luciano (Vincent Piazza), deren Einfluss weit über New York hinausreicht.

Boardwalk Empire - 5. Staffel - Goodbye, Nucky Thompson – das stille Finale einer großen Serie

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Leidet unter akutem Größenwahn: Der unberechenbare Al Capone (Stephen Graham), kurz vor seiner legendären Verhaftung 1931 wegen Steuerhinterziehung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Fatale Linien

Inmitten dieser Showdown-Vorbereitungen tritt ein früher Nucky gleich zweifach in Erscheinung. Als Kind aus ärmlichen Verhältnissen, das innerhalb 1884 verorteter Erinnerungen bei jenem Kommodore anheuert, dessen Schicksal aus den ersten Staffeln noch allzu vertraut ist. Und als junger Mann anno 1897, der nun in Sheriffmontur für eine Ordnung vor allem des Unrechts sorgt – die fatalen Linien, in denen sich Nucky bis zuletzt bewegt, zog er auch ein gutes Stück selbst durch Atlantic City.

Scheinen diese Rückblenden besagte Aufräumarbeiten zunächst immer wieder ins Ungleichgewicht zu bringen, fügen sie sich alsbald dem fast besinnlichen Charakter des Serienfinales, das die Figur Nucky Thompson nicht psychologisiert (und damit entzaubert), aber doch ins Verhältnis rückt: Wenn der Untergang schon ohnehin nicht aufzuhalten ist, so möge er sich wenigstens in Prunk statt Armut vollziehen lassen. Ob Geld seine Antwort auf alles sei, wird Nucky einmal gefragt. Nein, sagt er: nur die beste, die er habe.

Boardwalk Empire - 5. Staffel - Goodbye, Nucky Thompson – das stille Finale einer großen Serie

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Der vielleicht bitterste Momente der ganzen Serie: Nucky stattet Gillian Darmody (Gretchen Mol) einen letzten Besuch in der Nervenheilanstalt ab.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie in den zurückliegenden Staffeln gelingt es der Serie dabei einmal mehr, die sonst an formelhaftes historisches Drama gestellten Erwartungen faktentreuer Akribie und Nachstellung durch ihre ganz eigene Mischung aus tatsächlich Verbürgtem und freisinniger Hinzudichtung zu unterlaufen. Erst daraus ergibt sich ja ein reizvoller Umgang mit Geschichtsmythen, die „Boardwalk Empire“ zu etwas Erzählbaren werden lässt.

Ein beinahe meditativer Serienabschluss, der die verbliebenen Fäden vorheriger Staffeln zu einem bitteren Ende verknotet. Goodbye, Nucky Thompson.Fazit lesen

Die von Staffel eins an aufgebaute Figur des Al Capone (Stephen Graham) zumindest, hier nun endgültig zum millionenschweren Gangstermogul Chicagos aufgestiegen, wird von der Serie insofern widerlegt, als sie deren publikumswirksam-mediale Vermarktung in denkbar zynische Bilder einbettet: Während der größenwahnsinnige Winzling Hollywoodstars empfängt, um sich einer angemessenen Kinorepräsentation zu versichern, durchbohren im Nebenzimmer ganz reale Pistolenkugeln Leiber und Mägen.

Je mehr sich die Ereignisse in dieser nur noch acht Folgen umfassenden letzten Staffel zuspitzen, desto eindringlicher verzahnt die Serie ihre zeitlich überlagerten Stränge. Überraschend ist, dass die zuvor stets etwas ungelenk ins Abseits eigentlicher Handlung verdrängte Gillian Darmody (Gretchen Mol) dabei noch einmal zu einer Schlüsselfigur reift. Und ihr letzter Auftritt so bitter ist wie nur wenig anderes in fünf Jahren „Boardwalk Empire“.