Von Fachpresse wie Serienjunkies wurde „Boardwalk Empire“ bei Sendestart nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Und noch immer hat es die Show schwer, jene an HBO geknüpften Erwartungen zu erfüllen, die sich von ihr offenbar einen legitimen Nachfolger all der maßgeblichen Senderhits versprachen. Vielleicht aber hat es auch nur eine gewisse Zeit und Skepsis gebraucht, damit die Serie in ihren jüngsten Staffeln zu unerwarteter Hochform auflaufen darf.

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The Roaring Twenties

Der großartigen dritten zumindest steht die vierte Season in nichts nach: komplexe Figuren, denkwürdig verwobene Erzählstränge, ein illustrer Boulevard der Eitelkeiten. Dazu ausgesuchtes Melodrama, allumfassende Niedertracht, bestechendes Zeitkolorit – aus der Mischung von historischer Genauigkeit und eigenwillig Ersonnenem bezieht das epische Period Piece seine vielleicht größte Stärke. Und das, trotz anders lautender Stimmen, ohne sich nur an der Eleganz des prächtigen Produktionsdesigns zu ergötzen.

Boardwalk Empire - Staffel 4 - Quality-TV auf neuem Niveau

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Boardwalk Empire - Staffel 4
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Dies schien einer der wesentlichen Vorwürfe, der gegen „Boardwalk Empire“ erhoben wurde, ausgehend bereits vom rekordträchtig kostspieligen Piloten (den Martin Scorsese, neben Mark Wahlberg einer der prominenten Produzenten der Show, inszenierte). Schön ausgestattet sei die von Terence Winter nach einem Roman von Nelson Johnson entwickelte Serie, aber sonst erstaunlich leer – aufgeblasenes „Qualitätsfernsehen“, das sich als betont gediegene Kostümparty selbst feiere.

Mag die Show in ihrer akribischen, manchmal auch leicht ausgestellten äußeren Rekonstruktion der „Roaring Twenties“ vielleicht mitunter tatsächlich ein wenig detailverliebt anmuten, so muss das ja noch lange nicht den Blick aufs Wesentliche verstellen. Insbesondere die gegenwärtige vierte Staffel zeigt eindrücklich, mit welch Hingabe „Boardwalk Empire“ fähig ist, dank der epischen Länge und Fülle unterschiedlichste zeitgenössische Lebensentwürfe darzustellen.

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Enoch 'Nucky' Thompson: Steve Buscemi in der Rolle seines Lebens.
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Noch immer steht zwar der ehemalige Städtekämmerer Enoch 'Nucky' Thompson (Steve Buscemi in der Rolle seines Lebens) im Mittelpunkt der Ereignisse, längst aber hat die Serie in ausscherenden Handlungsteilen auch andere Schwerpunkte gesetzt. Beeindruckend, wie sie munter vom großen öffentlichen Politskandal zur intimen Ehekrise, von brutal organisierter Kriminalität zum gewöhnlichen Prohibitionsalltag schneidet, und dabei eine vergangene Wirklichkeit zu fassen bekommt.

Im Zuge der dritten Staffel erwies sich „Boardwalk Empire“ mehr denn je als eine Art Prequel der „Sopranos“, eine ebenso in und um New Jersey wie New York verortete Geschichte zwischen professionellem Gangstertum, sich selbst verwaltenden Parallelgesellschaften und sozialen Klassen. Ganze Figuren scheinen gar als historischer Vorgriff des „Sopranos“-Ensembles angelegt, die Interessenskonflikte und mafiösen Strukturen sind oftmals identisch.

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Erzrivalen: Chalky White (Michael K. Williams) und Valentin Narcisse (Jeffrey Wright).
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Dadurch ergibt sich eine Wechselbeziehung beider Serien, die ihnen in entscheidenden Details neue Betrachtungsebenen verleiht. Von besonderem Reiz ist „Boardwalk Empire“ vor allem dann, wenn sich diese „Vorgeschichte“ aus verbürgter US-Kriminalitätshistorie speist: Neben Al Capone und Nucky Thompson, dessen reales Vorbild Enoch L. Johnson hieß, erweitert die Serie ihr Personal zeitgeschichtlicher Personen nun etwa auch um J. Edgar Hoover (Eric Ladin), der sich beim FBI energisch zu profilieren versucht.

Alte und neue Figuren am Boardwalk

Nahezu alle Ereignisse der vierten Staffel, die im Jahr 1924 und 8 Monate nach der dritten spielt, werden nun von einem neuen Schauplatz bestimmt, dem „Onyx Club“ – Nuckys notgedrungenes Geschenk an Chalky White (Michael K. Williams, legendär als Omar Little in „The Wire“), der in mancher Hinsicht auch an das „Bada Bing“ aus den „Sopranos“ erinnert. Unmittelbar am Boardwalk gelegen, wickeln Nucky und Chalky ihre Geschäfte fortan direkt im Büro des Clubs ab.

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Kriegsveteran und Profikiller Richard Harrow (Jack Huston), die interessanteste Figur der ganzen Serie.
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Als deren neuer Vertragspartner (und Staffelantagonist) tritt der soziopathische schwarze Bürgerrechtler Valentin Narcisse (Jeffrey Wright) auf den Plan. Während sich zwischen ihm und Chalky ein (verlustreicher) Disput entwickelt, muss Nucky seinen zur Giftmischerei neigenden Neffen Will (Ben Rosenfield) vor dem Gefängnis bewahren. Ohne das Wissen seines Vaters Eli Thompson (Shea Whigham) heuert dieser bei Nucky an und verspricht sich nach einem gescheiterten Studium eine Karriere im inoffiziellen Familienbetrieb.

Epische, in dieser Form nur im Fernsehen denkbare Rekonstruktion der Wilden Zwanziger. Mit hochinteressanten Figuren und einem großartigen Staffelfinale.Fazit lesen

Doch dieses Geheimnis wird Eli alsbald zum Verhängnis. Der FBI-Agent Knox (Brian Geraghty) zwingt ihn zur Kooperation, andernfalls würde Will des Mordes an einem Kommilitonen angeklagt. Eli soll Nucky – und mit ihm gleich dessen gesamte verbrecherisch kultivierte Partnerriege, von Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg) bis hin zu Joe Masseria (Ivo Nandi) – überführen. Wie schon in der zweiten Staffel muss Eli sich also gegen seinen Bruder wenden, nachdem sich deren Verhältnis gerade erst stabilisieren konnte.

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Vom Prohibitionsagenten zur rechten Hand von Al Capone: Nelson Van Alden (Michael Shannon).
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Der gottesfürchtige ehemalige Prohibitionsagent Nelson Van Alden (Michael Shannon), nach wie vor unter anderer Identität, hat sich währenddessen vom Bügeleisen- und Blumenverkäufer zum Gangster hochgearbeitet. Es ist die skurrilste und comicartigste Erscheinung der Serie, beinahe ein Fremdkörper, der in früheren wichtigen Momenten auch überhaupt keine Rolle spielte. Die Autoren scheinen das Problem indes erkannt zu haben: Als Capone-Sidekick findet er nun endlich ins Gefüge.

Im gesamten Ensemble von „Boardwalk Empire“ jedoch bleibt Richard Harrow (Jack Huston) die zugleich unergründlichste wie tragischste Figur: Der (Kino-)Tradition schweigsamer Profikiller nahe stehend, streift er als gezeichneter Kriegsveteran fast alle Protagonisten der Serie, ohne je wirklich Anschluss an sie zu finden. In der großartigen letzten Folge gönnt die vierte Staffel dem maskierten – und dennoch ausdrucksstärker als alle anderen auftretenden – Außenseiter seinen schönsten Moment

Die Neuzugänge verhalten sich unauffällig. Patricia Arquette hinterlässt als Nuckys ruppige neue Liebschaft Eindruck (und löst dessen in den Hintergrund gerückte Ehefrau Margaret ab), Oscarpreisträger Louis Gossett Jr. gibt ein kurzes Gastspiel und Domenick Lombardozzi („The Wire“) ist mit Haartoupet kaum wieder zu erkennen. Einzig Ron Livingston („Band of Brothers“) enttäuscht, so seine Figur des Gillian Darmody umschwärmenden Loverboys leider auch viel zu durchschaubar geschrieben ist.