Manchmal werden mir Anime ans Herz gelegt, bei denen meine Freunde versichern: „Der wird später viel interessanter“ oder „Du musst bis Staffel 2 durchhalten, die ist besser“. Und obwohl ich solche Sätze jedem bei meinem eigenen Lieblingsanime (der mittlerweile über 600 Folgen hat) um die Ohren haue, habe ich mich schon ein bisschen bitten lassen, bis ich mir „Attack on Titan“ zu Gemüte führte. Da war die Sache mit 10 Episoden schon gut vorangeschritten, doch wie die Tolkienfans so nett sagen: „Ein Fan kommt nie zu spät. Ebenso wenig zu früh. Er trifft genau dann ein, wenn er es für richtig hält.“ Und das tat ich genau in dem Moment, als die ersten Minuten dieses Anime über meinen Bildschirm flackerten.

Attack on Titan - Opening 1 mit englischen Untertiteln2 weitere Videos

Angriff der Titanen

Veröffentlicht wurde „Shingeki no Kyojin“ als Manga schon Ende 2009. Zehn Bände und vier Jahre danach nahmen sich zwei japanische Studios der ganzen Sache an und setzten Hajime Isayamas Werk als Anime mit dem Untertitel “Attack on Titan” um. Von April bis September letzten Jahres konnte man die Ausstrahlung verfolgen – na ja, wenn man über einen Computer und Internet verfügte. Animereleases sind ja eine Sache für sich in Deutschland.

Doch das tat dem Hype auch bei den deutschen Fans keinen Abbruch, den die bebilderte Umsetzung des Anime veranstaltete. “Attack on Titan” schnellte gekonnt auf Platz 2 der meistverkauften Manga 2013 in Japan; nur Eiichiro Odas “One Piece” ist erfolgreicher gewesen. Und die Serie war ohne Frage der größte Hit des Jahres 2013 unter den Animefans.

Jetzt fragt man: Um was geht es bei dieser Serie (die so gnadenlos durchstartete) eigentlich? Ich könnte als Schlagwort Riesen in den Raum werfen oder eher titelgebend Titanen. Würde mir jemand beide Wörter ohne jeden Kontext an den Kopf hauen, müsste ich zwangsläufig an Riesen á la “One Piece” denken und bei Titanen an die griechische Mythologie. Mangaka Isayama hat da andere Ansichten, und obwohl seine Kreaturen menschliche Gesamtzüge aufweisen, sind sie alles andere als mitfühlend.

Attack on Titan - Sie sind die Beute und wir sind die Jäger

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Bei diesem Grinsen will man ja eigentlich schon wegrennen... weit wegrennen.
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So löschten sie vor gut 100 Jahren der Zeitrechnung des Anime beinahe die gesamte Menschheit aus – und das mit einem fetten Grinsen im Gesicht. 3 bis 15 Meter Körpergröße, nicht sonderlich intelligent, dafür umso gefräßiger. Und ihre Nahrungsquelle? Wir! In der dystopischen Welt bleibt den Menschen nur eines zu ihrem Schutz: Sie errichteten drei Mauerringe, hinter welchen sie sich verschanzten. Extrem breit, 50 Meter hoch und unter deren Oberfläche etwas lauert, dessen Bedeutung fleißige Mangaleser noch immer versuchen herauszufinden.

Doch diese Schutzwälle halten bereits seit 10 Jahrzehnten stand und die Menschen wiegen sich teilweise in Sicherheit. Aber das ändert sich schlagartig, als zwei ungewöhnliche Titanen auftauchen. Einer von ihnen so groß, dass er über die Mauer blicken kann. Der andere mit einer gepanzerten Haut, die alles zerbrechen lässt – sogar die äußerste Verteidigung.

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Der Colossal Titan. Was will er eigentlich wirklich?
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Inmitten des Chaos, das durch den Einfall der Titanen entsteht, befindet sich Eren Jäger. Dieser muss mit seiner Ziehschwester Mikasa mit ansehen, wie die eigene Mutter von einem der Riesen gefressen wird. Natürlich schwört er bittere Rache. Und diese will er erreichen, indem er sich der Aufklärungslegion (im englischen Manga: “Survey / Recon Corps” oder “Scouting Legion”) anschließt, die außerhalb der schützenden Mauern agieren, Titanen erforschen und sie beseitigen.

Der Anime erzeugt vom ersten Moment an eine Grundstimmung, die verheißungsvoll ist. Es sind lediglich Sekunden vergangen, da bekommt man schon einen Titanen zu sehen. Unterlegt mit Erens Worten „an diesem Tag wurde die Menschheit daran erinnert, dass wir in Furcht vor den Titanen leben.“. Und einem Soundtrack, der einem die ersten Schauer über den Rücken jagt. Der Auftakt der Serie ist fesselnd, die anfänglichen Minuten herrlich inszeniert.

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Eren Jaeger mit dem 3D Gear. Wie bei vielen der Charaktere ist auch sein Name deutsch.
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Die Titanen fallen ein, Erens Mutter wird gefressen, er schwört Rache. Nachdem man angefixt wurde, lässt die Geschichte es erstmal langsamer angehen. So beschreibt „Attack on Titan“ eine steile Aktionskurve. Flaut aber schon kurz am Ende der zweiten Folge ab, als Eren, Mikasa und ihr Freund Armin der 104ten Trainingseinheit beitreten. Durchhalten ist angesagt, was durch den Witz, den die Serie trotz ständiger Titanenbedrohung besitzt, leicht gemacht wird. Es geht in dem Moment bergauf, als die Ausgangssituation wiederholt wird. Ab diesem Punkt wendet sich das Blatt in kontinuierlichen Abständen.

Unheimliche Monster, dynamische Action und zahlreiche Plottwists. Serienvergnügen nicht nur für hartgesottene Animefans.Fazit lesen

Isayama bringt meisterhaft Schlüsselelemente ins Spiel. Es erscheint beispielsweise ein Titan, der gegen andere seiner Art kämpft, und markiert damit den nächsten Höhepunkt der Serie. Die bisher wichtigste Komponente, an die man gekonnt und nicht übertrieben erinnert wird, ist Erens Schlüssel, den er vom Vater bekommen hat. Und der den Keller zu dem verschütteten Elternhaus aufschließen kann. Es stellt das größte Geheimnis des Anime dar, denn dieser Raum soll „alle Antworten“ enthalten.

Fressen und gefressen werden

So beginnt „Attack on Titan“ seinen ersten Akt mit Bra­vour, schmeißt mit Rätseln um sich und fesselt an den Bildschirmen. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Der Anime nutzt die Zeit aber gekonnt, um den Rest der „Protagonisten“ einzuführen. Und ich schreibe das bewusst in Anführungszeichen. All diese Figuren tragen zwar ihren großen oder auch kleineren Teil zur Gesamtstory bei. Doch so viele „Hauptcharaktere“ gleichzeitig sieht man sonst nur bei Produktionen wie „Naruto“ und „One Piece“. So kommt „Attack on Titan“ schon gut auf 15 relevante Personen.

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Manga & Anime - eine erstklassige Umsetzung des einen in das andere.
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Die Palette an „Hauptfiguren“ führt dazu, dass man Bescheid weiß wer überlebt und wer nicht. Aber Isayama ist ja auch nicht Game-of-Thrones-König George R.R. Martin, der seine Figuren am Stück verheizt... könnte man denken. Denn alles, was an Charakteren nicht grundsätzlich gebraucht wird, wird den Titanen zum Fraß vorgeworfen – wortwörtlich.

Wo andere Mangaka, wie „Naruto“s Masashi Kishimoto, ihren, über lange Zeit hochgezogenen und den Fans näher gebrachten, Charakteren epische Tode in fantastischen Schlachten schenken - und sie mit großartigen Reden ausstatten, damit auch der letzte Zuschauer ein Gefühl des Bedauerns hat - sieht „Attack on Titan“-Schöpfer Isayama von dieser Idee ab. Es ist eher ein: »Eben war er noch da. Und jetzt ist er weg«.

Wenn man Sympathie für eine Figur aufgebaut hat - mit Glück über mehrere Episoden - kommt aus dem Nichts eine Titanenhand und klatscht den Charakter gegen die nächste Wand. Steckt ihn in den Mund, wirbelt ihn durch die Luft; was Isayama eben für lustig hält. Keine beeindruckenden Reden, kein Abschied nehmen – nur das dumpfe Schockgefühl: Die Figur ist wohl weg vom Fenster. Und das eingebrannte Bild eines blutigen Körpers im Kopf - sollte so viel übrig bleiben.

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Da wird nicht lang gefackelt: was weg muss, muss weg!
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Auch in dieser Hinsicht scheut „Attack on Titan“ vor Nichts zurück. Blut hier, Blut da, Blut überall. Vergesst die Zensur (womit es die Japaner in ihren Anime eh nicht so haben, anders als in Deutschland – Pokito lässt grüßen)! Kommt eine Horde Titanen ins Spiel, ist niemand vor dem Herumgespritze gefeilt. Abgerissene Gliedmaßen gehen Hand in Hand mit Blutlachen, neben denen ein Kätzchen schläft. Krasse Gegensätze sind unter der Bedrohung der Riesen zwar selten, dafür umso einschlagender.

Um den Riesen entgegenwirken zu können, zücken Eren und Freunde geschickt Klingen, die an aneinandergereihte Rasiermesser erinnern. Zwar können sie damit nur bedingt was gegen die Titanenbedrohung ausrichten, dafür sind sie elegant. In bester Spiderman-Manier ziehen sie sich mit ihren 3D-Manövrier-Gears durch Häuserstraßen und Wälder. Es ist dynamisch, packend, auf eine eigene Art anmutig. Nur die verstreuten Flashbacks nehmen hier und da das Tempo aus den Kampfszenen. Unter diesem Problem leidet schon der Manga.

Angst steht ganz deutlich über Heldentum

„Attack on Titan“ bietet nicht nur massig Gemetzelvergnügen. Unterschwellig ist es kritisch und vor allem zeigt es die menschliche Natur und das „Menschen schwach sind“, wie Eren selbst sagt. So wird es schon in der ersten Folge deutlich, dass wir verräterische Wesen sind und jemanden zurücklassen würden, statt bei einer Rettungsaktion draufzugehen. Die Menschen in „Shingeki no Kyojin“ sind nicht heldenhaft – sie haben Angst.

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Attack on Titan bekommt vielleicht einen Realfilm.
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Und das zeigt das japanische Studio Production I.G., die für „Ghost in the Shell“ verantwortlich waren, gekonnt durch viele Großaufnahmen. Vor Todesangst starre Gesichter und Close-ups auf die bunten Animeaugen - am besten mit ordentlich Tränen - stehen an der Tagesordnung von „Shingeki no Kyojin“. Schreie unterbrechen oder -malen gekonnt die epische Hintergrundmusik.

Wie in einer dauerhaften Paniksituation wählen SNK-Charaktere das geringere Übel. Opfer müssen gebracht werden, damit der Rest überleben kann. Damit die dicken Lords sich mit Leckereien vollstopfen können. „Für das Wohl des großen Ganzen“, nennt man das. Es sind nicht nur die Titanen, die eine Bedrohung darstellen, sondern auch die Gesellschaft und das System innerhalb der Mauern.

Während allerhand Adlige in Prunk und Luxus Zuflucht im innersten Ring finden und von den fähigsten Titanentötern beschützt werden... Haben die Außenbezirke an den Wällen eher den Charakter von Pferchen. Sie sollen dazu dienen die Titanen von den eigentlichen Mauern wegzulocken. Natürlich sollen sich die Menschen dort „retten“ können, wie es so schön von den Obersten heißt. In Wahrheit sind sie eingesperrt wie Tiere, wartend auf den Schlachter.

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Ein Titan, der gegen Titanen kämpft? Der Anime hält sich so einige Überraschungen offen.
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Obwohl man nicht mit ihnen sympathisieren will, sind genau sie - die Titanen - das Highlight des Anime, ohne Zweifel, ohne Diskussion. Mit beinahe perversem Grinsen greifen sie nach den Menschen, um sie zu verschlingen – was sie eindeutig gruseliger macht, als manchen Zombie. So wunderbar bizarr, dass sie bereits jetzt zu den größten Animemonstern aller Zeiten gehören. Sie sind herrlich abstruse Wesen, deren größter Pluspunkt ihre Geheimnisse sind. Wo kommen sie her? Warum fressen sie nur uns und keine Tiere? Und die größte Frage: Was wollen sie?

Obwohl mancher Punkt im Anime geklärt wird, tappen auch hart gesottene Mangaleser nach wie vor im Dunkeln. Hajime Isayama versteht es auf hohem Niveau, seine Kreativität gezielt zurückzuhalten und Stück für Stück die Welt zu erklären. Zwar ist es wie bei jedem Geheimnis, sobald man es weiß, ist es nicht mehr interessant... Doch wer will nicht wissen, was hinter den Titanen steckt?