Viele Animefans verspüren den Drang, es ihren Idolen gleichzutun und als Zeichner in das Animegeschäft einzusteigen. Doch obacht, eine neue Umfrage von JAniCA, der Japan Animation Creators Association hat ergeben, dass Zeichner im Animebereich noch immer viel zu lange arbeiten für viel zu wenig Geld. Die Mehrzahl lebt gar in Armut.

Anime - Umfrage zeigt: Japanische Anime-Zeichner arbeiten viel und leben an der Armutsgrenze

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 152/1541/154
Der Anime Shirobako handelt vom Alltag der Anime-Zeichner
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mit dem Beruf ist es oft so eine Sache. Entweder man übt eine Tätigkeit aus, die Geld bringt, oder man macht etwas aus Überzeugung und riskiert gerade in künstlerischen Berufen, damit kaum genug zum Überleben zu verdienen. Einer der "Traumberufe", vor allem bei Animefans ist der des Zeichners. Dabei sein zu können, wenn ein Anime produziert wird, der in die Geschichte eingeht. Seinen Teil beizutragen zur Qualität des Produkts, das ist ein Wunschtraum vieler. Vielleicht ist den meisten bewusst, welche Entbehrungen damit einhergehen, aber die wenigsten denken über ihre Lebensumstände und das Finanzielle nach. Selbst weltweit erfolgreiche Mangaka wie Eiichirō Oda, seines Zeichens Schöpfer von One Piece, arbeiten oft ohne Unterlass sieben Tage die Woche und mindestens 12 Stunden am Tag, um ihr Output-Soll zu erfüllen. Oda selbst hatte zeitweise kaum mehr als drei Stunden pro Nacht zum schlafen und arbeitete 20 Stunden täglich. Das Ergebnis: 2013 wurde er so krank, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste.

Und wenn es schon jemanden wie Oda so ergeht, der es ja eigentlich "geschafft hat", was ist dann mit den Abertausenden namenlosen Ameisen, die tagtäglich von früh bis spät die Stifte schwingen, um den endlosen Fluss an Anime-Episoden zu garantieren? Im Auftrag der Japan’s Agency for Cultural Affairs hat eine Umfrage von JAniCA, der Japan Animation Creators Association unter 759 Zeichnern ein erschreckendes Bild ergeben. Demnach beläuft sich ihr Jahreseinkommen auf gerade mal 1,1 Millionen Yen im Jahr, das sind nur etwas knapp über 8200 Euro. Bei durchschnittlichen Mietpreisen für Appartments in Höhe von 600 Euro pro Monat kann man sich gut vorstellen, dass die betroffenen Zeichner de facto an der Armutsgrenze oder tatsächlich in Armut leben. Darüber hinaus arbeiten sie im Schnitt rund 11 Stunden täglich. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. So gaben 54,9 Prozent der Befragten an, dass sie im Monat gerade mal vier oder noch weniger Tage frei hätten. Dieses Ergebnis ist selbst für japanische Verhältnisse eine Katastrophe.

Anime - Umfrage zeigt: Japanische Anime-Zeichner arbeiten viel und leben an der Armutsgrenze

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 152/1541/154
Thurlow mit einer überlebensgroßen Statue von Naruto
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Natürlich sind es Durchschnittswerte. Das bedeutet, dass nicht alle Befragten derart schlimme Zustände ertragen müssen. Es kann bedeuten, dass es einige weitaus besser haben, vor allem in höheren Positionen und mit mehr Verantwortung. Aber auch, dass es welche gibt, die den Durchschnittswert noch unterbieten. Das Fatale an diesem Beruf ist wohl auch die Bezahlung pro Bild. Dadurch werden Zeichner gedrillt, möglichst lange zu arbeiten und möglichst viele Bilder am Tag zu zeichnen, um überhaupt Geld zu verdienen. Zeichner Henry Thurlow aus New York, der für seine Leidenschaft nach Tokyo gezogen ist, teilte in einem Interview mit Kotaku mit, dass er zunächst beim "Zulieferer" Nakamura Pro arbeitete, wo er pro Bild gerade mal einen Dollar bekam. Je nach Qualität und Anspruch verdiente er am Tag zwischen 5 und 25 Dollar (!). Mittlerweile arbeite er bei Studio Pierrot, wo er pro Bild zwischen zwei bis vier Dollar erhalte. Damit komme er an guten Tagen schon mal auf 40 Dollar Verdienst. Macht im Monat knapp 1000 Dollar. Thurlow gehört also zu den "Besserverdienenden" unter den Zeichnern. Doch wenn man sich überlegt, dass Studio Pierrot Erfolge mit Kickers, Hikaru no Go, Bleach, Naruto und momentan Tokyo Ghoul feiert, dann gibt die Bezahlung seiner Zeichner kaum Grund zum Jubeln. Thurlow bezeichnet die Bedingungen gar als "hart bis zur Grenze an der Illegalität". Sklavenarbeit könnte man das auch nennen.

Gründe für diese Problematik sind in der besagten Pro-Bild-Vergütung, aber auch in der starken Konkurrenz durch andere asiatische Länder zu suchen, in denen zu ähnlich niedrigen Sätzen dieselbe Arbeit verrichtet wird. Da muss man als japanisches Studio ohne Namen schon gleichziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Osamu Yamasaki, JAniCAs Deputy Representative Director zeigte sich besorgt über das Ergebnis der Umfrage. Es kann nicht angenommen werden, dass die Mitarbeiter unter solchen Bedingungen glücklich seien. Er fürchte gar um die Zukunft der japanischen Anime-Industrie, wenn sich diese erschreckenden Zustände nicht verändern.