Den Titel gebenden amerikanischen Horror nimmt die dritte AHS-Staffel wörtlicher denn je und spinnt eine epische Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung vermeintlicher wie tatsächlicher Hexen. Für ihr referenzfreudiges, an Genre- und Popkultur geschultes Grusel-Amüsement vermengen Ryan Murphy und Brad Falchuk dabei einmal mehr historisch Verbürgtes mit mythischem Pulp – was dieses Mal jedoch leider in ein quälend willkürliches Durcheinander mündet.

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Es steht ein Haus in New Orleans

Verortet ist „American Horror Story Coven“ im Louisiana der Gegenwart. Wie in den beiden vorherigen Staffeln bestimmen jedoch auch hier Zeitsprünge und Flashbacks den größeren Erzählrahmen, der bis zu den Hexenprozessen von Salem zurückreicht und sogar Alternativwirklichkeiten einbezieht. In ihrer unbekümmerten (und nach wie vor TV-unüblichen) Verweigerung von Kohärenz bleibt sich die Serie also weiterhin treu, indem sie den Plot erneut beliebig variiert und nicht selten auch vollständig ad absurdum führt.

Nach Geisteranwesen („Murder House“, S01) und Irrenanstalt („Asylum“, S02) verschlägt es das derzeitige Erfolgsformat des Kabelsenders FX nun in eine „Akademie für außergewöhnliche Mädchen“, die als landesweite Sammel- und Ausbildungsstätte geplagten jugendlichen Hexen ein neues Zuhause gewährt. Hier sollen nicht nur Zauberkräfte gefördert, sondern auch eine neue Oberin auserkoren werden: Der örtliche Hexenzirkel ist im Verfall begriffen und muss sich zudem zerstörerischer Kräfte von innen wie außen erwehren.

Jessica Lange, die für AHS jüngst zum dritten Mal Golden-Globe-nominierte Verkörperung der Serie, spielt Fiona, das dominante Noch-Oberhaupt des entsprechenden Hexenbunds. Sie fühlt sich um ihre Position betrogen und leidet am drohenden körperlichen Verfall durch eine Krebserkrankung. Das Verhältnis zu ihrer Tochter Cordelia (weniger Botox ist mehr: Sarah Paulson) wird von Missgunst bestimmt, der Konflikt mit der unsterblichen Voodoo-Hexe Marie Laveau (Comeback im TV: Angela Bassett) droht einen Höhepunkt zu erreichen.

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Die neuen Grande Dames des Fernsehens: Angela Bassett, Jessica Lange und Kathyy Bates in voller "Coven"-Montur
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Auch mit dem Hexenrat unter Führung von Myrtle Snow (zum Niederknien: Frances Conroy) steht Fiona derart auf Kriegsfuß, dass sie kaum noch Gelegenheit findet, ihre Nachfolge zu verhindern. Für diese kämen nicht nur ihre Tochter, sondern vor allem die Neuankömmlinge der Akademie in Frage: Madison (Emma Roberts, die Nichte von…) und Zoe (Taissa Farmiga, die jüngere Schwester von…) empfehlen sich genauso als neue Hexenanführerinnen wie Queenie (Gabourey Sidibe, oscarnominiert für „Precious“) und Nan (Jamie Brewer).

Und das ist gerade mal der Beginn einer Konfliktkette aus (wie bei AHS üblich: ziemlich queeren) Bitchfights, Intrigen und Manipulationen, die auch Season 3 der vermeintlichen Horrorserie entschieden zur übernatürlichen Seifenoper erklären. Das permanente Ringen um Machtansprüche ist zum Staffelauftakt gar noch einigermaßen vergnüglich, so man sich in freudiger Erwartung auf munteren Zauberquatsch gern an den programmatischen Irrsinn von „Asylum“ erinnert. Alles muss, nichts darf – so lange es wenigstens Spaß macht.

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Hexennachwuchs für die Wahl zur Oberin: Zoe (Taissa Farmiga), Nan (Jamie Brewer) und Madison (Emma Roberts.)
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Und „Coven“ mag sich längst nicht nur mit Hexen- und Voodoospuk begnügen, sondern greift wie auch die vorherigen Staffeln tief in die Mottenkiste der Archetypen, Horror-Topoi und Volkssagen. Da gibt es plötzlich Zombies, die an Halloween ihren Gräbern entsteigen. Da gibt es tote Seelen, die in Necromancer-Tradition heraufbeschwört werden. Ja, da gibt es sogar einen geschichtsträchtigen Axtmörder (Danny Huston), der nicht nur als Geist zwischen Diesseits und Jenseits wandelt, sondern Jessica Lange gehörig den Kopf verdreht.

Ermüdender Hokuspokus

Damit aber noch nicht genug. Zum Staffelrepertoire gehört auch ein malträtierter Sklave (Ameer Baraka), der mit Stierkopf den Minotaurus macht. Eine im Sumpf lebende Hippie-Hexe (gespielt von der großartigen Lily Rabe), die dramaturgisch praktischerweise Verstorbene ins Leben zurückholen kann. Und eine Art Frankensteins Monster (Evan Peters) hat es ebenfalls in die Handlung geschafft, obgleich dieser Nebenstrang zu den besonders überflüssigen der allgemein ohnehin sehr überflüssigen Nebenstränge zählt.

Eine knappe Handvoll guter Ansätze kann den verheerenden Gesamteindruck nicht schmälern – diese dritte Staffel American Horror Story ist ein schlechter Witz. Hex, hex und ab dafür.Fazit lesen

Dazwischen: Viel Zeit für schwarze Magie, unheilvolle Prophezeiungen und dramatische Visionen. Für Scheiterhaufen, Inzest, Folter. Für Gläserrücken, Kettensägengerassel, Silberkugeln. Und für Gore en masse: Kompetent gemachte Blutsuppe lässt sich hier immerhin reichlich löffeln, die Makeup-Effekte sind mehr als gehobener Fernsehstandard. Nur auf Besen fliegende Hexen bleibt „American Horror Story Coven“ einem schuldig. Ausgerechnet!

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Für das neue Oberhaupt gilt es am Ende die sieben Wunder zu vollführen
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Dafür allerdings stellen die „Glee“-Macher Ryan Murphy und Brad Falchuk diverse (schräge) Analogien zwischen Hexenverfolgung und Sklaverei her, lassen Kathy Bates (!) als zur Unsterblichkeit verdammte Rassistin aus dem mittleren 19. Jahrhundert durch die Serie stolpern und sich mit dem Butler des Hexenhauses (Denis O'Hare) verbünden. Gegen Ende absolviert dann Sängerin Stevie Nicks einen kuriosen Gastauftritt, inklusive Quasi-Musikvideo, bei dem man sich endgültig im falschen Fernsehen wähnt.

Die Haupthandlung ist, ebenfalls wie in den bisherigen Staffeln, vorschnell auserzählt, noch bevor sie die Mindestanzahl von 13 Folgen erreicht hat. Der Konflikt zwischen (weißem) Hexen- und (schwarzem) Voodoozauber wird im Angesicht eines neuen Feindes demnach spontan beigelegt, damit sich Jessica Lange und Angela Bassett noch gemeinsam gegen eine traditionsreich organisierte Corporation von Hexenjägern zur Wehr setzen können. Als auch das erledigt ist, kehrt die Serie noch einmal zur irrelevanten Ausgangsfrage zurück.

Wer aber nun neue Oberin des Zirkels werden soll, dürfte da schon kaum noch jemanden wirklich interessieren. In der ermüdenden Abfolge vollkommen willkürlicher Hokuspokus-Ereignisse erliegt „Coven“ spätestens nach halber Laufzeit einem Erzählstillstand, von dem sich die Staffel nicht mehr erholen kann. Wer stirbt, wird per Sumpfschlamm einfach wieder belebt. Wer aus der Serie austritt, kommt nach spätestens zwei Folgen zurück. Und wenn nichts mehr hilft, gibt es eben einen neuen Nebenstrang, eine neue Rückblende, eine neue alte Idee.