Schwester Mary Eunice! Mehr braucht es eigentlich nicht, um „American Horror Story: Asylum“ zusammenzufassen. Die Geisterparade der ersten Staffel weicht nun einem Ritt durch die Exploitation-Geschichte des Horrorfilms, samt Nonnen, Exorzisten und Kannibalen. So viel zügelloser Genre-Irrsinn ist im Fernsehen keine Selbstverständlichkeit – und glücklicherweise hat die Serie von Brad Falchuk und Ryan Murphy im zweiten Jahr auch inszenatorisch zugelegt.

American Horror Story Staffel 2 startet am 26. September um 23 Uhr bei Sixx. Bereits am 25. September um 22:05 zeigt Pro7 den Pilotfilm als kleinen Teaser.

American Horror Story – Die dunkle Seite in dir - AHS Hotel - Teaser #217 weitere Videos

Vom Geister- ins Irrenhaus

Insbesondere nach den (mitunter etwas unverhältnismäßigen) Lobeshymnen und einer entsprechenden Flut an Award-Nominierungen für die erste Staffel überrascht die vergleichsweise mutige Stoßrichtung der neuen Geschichte. Wie zuvor bereits angekündigt, widmet sich jede Season von „American Horror Story“ einem eigenen abgeschlossenen Erzählkomplex. Der Großteil der Besetzung kehrt in neuen Rollen zurück, direkt vom Haunted ins Mad House.

Der Schauplatz Irrenanstalt ist dabei natürlich ein ähnlich ikonenhafter wie das verfluchte Haus. Genre-Neuland betritt auch die zweite AHS-Staffel nicht. Vielmehr zelebriert sie ebenfalls lustvoll abgehangene amerikanische Horrormythen und manövriert sich spielerisch von einem Uraltklischee zum nächsten. In einem verschrobenen Motivgemenge übertrifft sie das fast unverschämt zusammengeklaubte Potpourri der Vorgänger-Staffel um Längen: „American Horror Story: Asylum“ ist postmoderne Exploitation in Fernsehform.

American Horror Story - Season 2 - „Versuch dich auf seine Genitalien zu konzentrieren": Cleverer TV-Horror im Irrenhaus

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 6/81/8
Im Asylum ist nichts, wie es zu sein scheint. Dafür wird schnell klar, dass die Insassen dort nicht zu Unrecht gelandet sind.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gemäß dem bunten Treiben in Briarcliff Manor wird die zweite Season zu ihrem eigenen Irrenhaus, in dem sich Falchuk und Murphy ebenso willkürlich wie beherzt austoben. Deren unerschöpflicher Griff in die Horrormottenkiste versammelt vom Teufel besessene Nonnen, bigotte Priester, ödipale Serienkiller, zwielichtige Mad Scientists und sogar Außerirdische. Betont pulpig und mit freudestrahlender Nähe zum Camp (nicht nur die Filme von Robert Aldrich werden verwurstet) huldigen die Macher ihren ganz eigenen Vorbildern.

Die erzählerisch kaum mehr kontrollierbaren Verrücktheiten der zweiten Staffel machen auch vor Nun- und Naziploitation nicht Halt. Rücksichtslos blasphemisch etwa zwingt die satanische Schwester Mary Eunice (Lily Rabe) den enthaltsamen Monsignor (Joseph Fiennes) zum Sex, um anschließend im roten Nachthemd hingebungsvoll das Kruzifix zu bezirzen – während sie Lesley Gores Evergreen „You don’t own me“ zum Besten gibt. Sie stiehlt zeitweise sogar Jessica Lange, für Staffel 1 mit einem Golden Globe prämiert, die Show.

Packshot zu American Horror Story – Die dunkle Seite in dirAmerican Horror Story – Die dunkle Seite in dir kaufen: Jetzt kaufen:

In einer Doppelfolge wiederum tritt Franka Potente als Holocaust-Überlebende namens Anne Frank (!) auf, um den Anstaltsarzt und ehemaligen KZ-Sadisten Dr. Arden (James Cromwell) zu überführen. Unbekümmert freisinnig, ist sich „American Horror Story: Asylum“ nicht zu schade, trashige Horrorsymboliken mit vermeintlich Relevantem zu kreuzen: Dank ihrer Verortung in den 60er-Jahren dreht die zweite Staffel gleich noch Weltkrieg, moderne Frauenrechtsbewegung, den Diskurs Staat versus Kirche sowie gleichgeschlechtliche Liebe durch den Fleischwolf.

Genitalien! Konzentration!

Neben Jessica Lange und Lily Rabe kehren unter anderem auch Evan Peters, Sarah Paulson, Dylan McDermott und Zachary Quinto in Hauptrollen zur FX-Show zurück. Letzterer spielt ein auf zwei Beinen wandelndes „Psycho“-Zitat, das den schönsten der zahllosen queeren und sleazigen Dialoge sprechen darf: „Versuch dich auf seine Genitalien zu konzentrieren!“. Auch die großartige Frances Conroy mimt abermals eine entscheidende Figur am Wegesrand und feiert mit James Cromwell eine kleine inoffizielle „Six Feet Under“-Reunion.

Als durchgedrehter Killer liefert Ian McShane ein amüsantes Gastspiel, das der Serie nebst ihrem ohnehin schon kräftig gerührten Horrorcocktail auch noch Gelegenheit gibt, die Legende vom bösen Santa Clause zu bemühen. Mit Chloë Sevigny und Clea DuVall präsentiert das AHS-Universum zudem zwei weitere prominente Neuzugänge, die in den 90er-Jahren beide einmal vielversprechende Kinokarrieren starteten, mittlerweile aber im Fernsehen versumpfen (siehe auch Mena Suvari, die in der ersten Staffel eine Nebenrolle spielte).

American Horror Story - Season 2 - „Versuch dich auf seine Genitalien zu konzentrieren": Cleverer TV-Horror im Irrenhaus

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 6/81/8
Die Auswahl der Darsteller ist erneut klasse gelungen. Einige bekannte Gesichter sind auch wieder dabei.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Formal bedeutet „Asylum“ gegenüber „Murder House“, wie Season 1 nach ihrer Ausstrahlung umbenannt wurde, eine merkliche Steigerung. Der inflationäre Einsatz der Shaky Cam ist deutlich heruntergefahren, die übermäßigen Nah- und Halbnahaufnahmen zugunsten gemäßigter, stimmungsvoller Einstellungen reduziert. Im Gegensatz zur ersten Staffel setzt die zweite sogar auf visuelle Einfälle (Split Screen, Split Diopter, originelle Übergänge).

Die Nonnen sind los! Ein 13 Folgen langer derber Schabernack, der den Horror der ersten Staffel durch unerschöpfliche Verrücktheiten ersetzt. Gut so.Fazit lesen

Der krampfhaft auf Zack geeichte Schnitt allerdings scheint nach wie vor einer falschen Vorstellung von Dynamik verpflichtet. Insbesondere zu Beginn der Season (der, wie auch das Ende, eher ungelenk in Szene gesetzt ist) saß offenbar einmal mehr Papa Zappelphilipp an den Reglern: Statt den neuen Handlungsort sorgsam zu erkunden, schnippelt sich A(D)HS hektisch durch die Szenerien. Unbehagen und Grusel stellen sich da eher inszenatorisch ein. Die TV-Grenzen der Serie offenbaren sich aber auch anderweitig.

Produziert für den Kabelsender FX, muss „American Horror Story“ sich – im Gegensatz etwa zu Shows auf HBO – sowohl in der Darstellung von Nacktheit als auch derber Sprache zurückhalten. Dies führt zu mitunter widersprüchlichen Eindrücken, so die großzügig betonten (bzw. behaupteten) Vulgaritäten sich stets selbst im Zaum halten (wehe es kommen Nippel ins Spiel!). Die um Werbepausen herum strukturierte Dramaturgie tut ihr Übriges, um daran zu erinnern, vor dem Fernseher – und nicht im Kino zu sitzen.