Jack Bauer hat ihn wieder mal, einen dieser ganz speziellen Tage. „24“ läuft in den USA gerade in der achten Auflage, sie ist bald auch in Deutschland zu sehen. Alle Fakten zum TV-Phänomen und einen Ausblick auf Staffel 8 gibt’s bei uns.

John McClane und Jack Bauer: Arme Schweine sind das. Ziehen Ärger an wie David Hasselhoff den Alkohol. Während sich der „Stirb langsam“-Held derzeit in Ruhestand befindet (aber wer weiß, einen fünften Teil kann man nie ausschließen), muss Bauer jedes Jahr ran. Immer und immer wieder hat er seine ganz besonderen 24 Stunden, inklusive der ganzen Palette der ABC-Waffen, dazu Attentate, Morde, Verrat, Verschwörungen und Hacker-Angriffe.

24 - Wie eine Serie die TV-Landschaft revolutionierte

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Erlebt den längsten Tag seines Lebens. Wieder... und wieder...
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Seit Mitte Januar erlebt der Held von „24“ wieder „einen dieser Tage“, zum inzwischen achten Mal. Erfreulich für deutsche Fans der Quasi-Echtzeit-Serie: Bereits ab 8. März zeigt Sky die neuen Folgen. Ob und wann sie es ins Free-TV schaffen, ist aber noch unklar, berauschend waren die Quoten von Kabel eins bei Staffel 7 im Vorjahr nämlich nicht.

Dass Jack Bauer in Staffel 8 lebt (in Nummer sieben wurde er ja mit einem „tödlichen“ Virus infiziert), ist jetzt sicherlich kein großer Spoiler, schließlich beweist das allein schon die Existenz der neuen Folgen. Ebenso wenig überraschend ist die Tatsache, dass bei „24“ auch diesmal alles beim Alten ist: Ohne Bauer sind die US-Geheimdienste nicht mal imstande, jemanden wegen Falschparkens aufzuschreiben.

Die Welt, ein gefährlicher Ort

Gestartet ist „24“ in den USA nur wenige Wochen nach dem 11. September 2001 und traf damit genau den Nerv der Terror-Zeit. Was natürlich purer Zufall war, da die Produktion einer solchen Serie schon Monate zuvor beginnt. Das Bedrohungsszenario zieht sich aber seither durch die Serie, „24“ ist sicherlich auch ein (überzeichnetes) Spiegelbild der Welt, in der wir leben.

Geht es nach den Autoren der Serie ist eine Atomexplosion das wahrscheinlichste Szenario dafür: Bereits drei Mal musste Jack Bauer eine atomare Bedrohung verhindern, zwei Mal den Ausbruch von Viren, einmal wurde Nervengas serviert. Hinzu kommen mehrere Attentate, etliche Bombenexplosionen und unzählige Schießereien.

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Böser Terrorist, guter Politiker? Die Grenzen in 24 verlaufen fließend.
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Der weltpolitische Hintergrund für „24“ hat dagegen keinen ganz so eindeutigen Favoriten: Zwar könnte man annehmen, dass islamische Terroristen die offensichtlichsten Bösewichte sind, tatsächlich gab es aber erst zweimal welche: In Staffel zwei waren sie aber nur vorgeschoben, in der vierten Staffel hatte man dagegen keinen mysteriösen Strippenzieher auf höherer Ebene, was normalerweise ein beliebtes Stilmittel ist. Meistens ist eine bestimmte Terror-Bedrohung nur die Oberfläche, die wahren Motive und Hintergründe werden meist erst gegen Staffelende enthüllt.

So schien es in Staffel 7 lange Zeit, als wäre ein afrikanischer Diktator der Ober-Bösewicht, bis sich herausstellte, dass ein US-Sicherheitsunternehmen hinter allem steckte. Besonders weit gingen die Produzenten übrigens in der fünften Auflage: Da erwies sich letztlich der amtierende Präsident als Schurke – nicht gerade alltäglich im US-Fernsehen.

Kein Obama ohne „24“?

Der Einfluss von „24“ auf die TV-Landschaft ist unbestritten groß. Wirklich bedeutend wird sie aber erst, wenn man ihre Folgen für die reale Weltpolitik betrachtet: Es ist sicherlich keine gewagte Theorie zu behaupten, dass es Barack Obama ohne „24“ ein wenig schwerer gehabt hätte, ins Weiße Haus einzuziehen. Sein TV-„Vorbild“ David Palmer – in der Serie zunächst als Kandidat, später Präsident – zeigte nämlich in den ersten drei Staffeln, dass ein Afroamerikaner sowohl ein harter Hund als auch ein Patriot sein kann.

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Die Figur des David Palmer nahm die Präsidentschaft Barack Obamas vorweg.
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Das sieht auch Dennis Haysbert, Darsteller des David Palmer, so: „Ich bin überzeugt davon, dass die Serie die Köpfe und Herzen der Menschen ein wenig geöffnet hat und nun auch ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden kann“, sagte Haysbert in einem Interview vor der Wahl Obamas.

Die Ironie des Ganzen: „24“ produziert ausgerechnet Fox, jener große US-Sender im Besitz des Medienmoguls Rupert Murdoch, der als Sturmgeschütz der Konservativen und Republikaner gilt. So wird als Fußnote in die Geschichte eingehen, dass jener Kanal, der am Rabiatesten gegen Obama gewettert hat, ihn gleichzeitig miterfunden hat.

Echtzeit und Optik

Technisch war das, was heute im Zusammenhang mit „24“ gemeinhin als „Echtzeit-Fernsehen“ bezeichnet wird, aber keine vergleichbare Revolution. In filmischer Echtzeit sorgt Gary Cooper 1952 in „Zwölf Uhr mittags“ als Marshal in einer Western-Stadt für Ordnung, bereits vier Jahre zuvor erzählte Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ eine Mord-Geschichte, die ohne klar erkennbare Schnitte auskam. Jüngere Beispiele vor „24“ sind „Gegen die Zeit“ mit Johnny Depp (1995) und durchaus auch „Lola rennt“ mit Franka Potente (1998).

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Markenzeichen der Serie: Splitscreen und Uhr.
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Noch weniger außergewöhnlich ist der Einsatz des so genannten Splitscreens, der auf die 1920er-Jahre zurückgeht. Seither wurde diese Technik zwar vielfach eingesetzt, bei „24“ wurde sie aber so konsequent zum wichtigsten Stilmittel erhoben, dass die Serie seither eine Art Synonym dafür ist. Dabei orientiert sich „24“ nicht einmal besonders an bewegten Vorbildern, sondern ist im Grunde ein Comic. Das wird übrigens besonders deutlich, wenn man zum Vergleich Ang Lees „Hulk“-Verfilmung heranzieht.

Zur Faszination von „24“ gehört sicherlich auch, dass man das Konzept des Cliffhangers bis aufs Äußerste ausreizt. Es gibt kaum eine Folge, die nicht mit einem Knalleffekt endet.

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Jack Bauer: Geht nur in Werbepausen aufs Klo.
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Zu ernst sollte man besonders das mit der Echtzeit aber auch nicht nehmen: Gerne erinnern wir uns an empörte Feuilleton-Beiträge, die monierten, dass das ja alles sowieso Blödsinn sei, weil es in „24“ keine Staus gibt und niemand Hunger oder Durst hat.

Lieblingsargument: „Wann gehen die alle überhaupt aufs Klo?“ Es ist nun mal ein dramaturgisches Gefäß, aber eines aus Gummi. Inzwischen darf man aber voraussetzen, dass die meisten wissen, dass Jack Bauer selbstverständlich während der Werbepausen pinkelt…

Noch so'n Spruch, Kiefer-Bruch

„24“ ist Jack Bauer ist Kiefer Sutherland. Letztlich funktioniert die Serie auch nach dieser einfachen Formel. Für den Sohn der Hollywood-Legende Donald Sutherland war „24“ indes ein ganz besonderer Glücksfall. Der heute 43-Jährige feierte in seiner Anfangszeit als Schauspieler große Erfolge und zählte nach Filmen wie „Stand by Me“, „Young Guns“ und „Flatliners“ zu den jungen Wilden Hollywoods.

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Lost Boy: In den 80ern war Kiefer Sutherland einer der jungen Wilden Hollywoods.
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Dann wurde es aber zu wild, Sutherland landete mit Alkohol-Exzessen und Prügeleien in den Schlagzeilen, gute Rollen und somit Erfolge blieben Mitte der 1990er aus. Also wandte er sich von der Schauspielerei ab und beschloss, professioneller Rodeo-Reiter zu werden. Und das gar nicht mal so schlecht, er schaffte es, einige Wettbewerbe zu gewinnen, aber auch, sich alle Finger zu brechen.

Im Jahr 2000 bekam er jedoch das Angebot, in einem Serien-Piloten einer damals experimentellen Produktion die Hauptrolle zu übernehmen. Eine weitestgehend risikolose Sache, schließlich landen erfolglose Probefolgen meist ungesehen auf dem TV-Friedhof.

„24“ wurde aber bekanntlich ein Hit und mit ihm feierte Kiefer Sutherland ein phänomenales Comeback: Eines, das – wie er dem „Rolling Stone“ einmal erzählte – ihm zunächst gar nicht so bewusst war: „Die Leuten sagten damals 'Comeback' hier, 'zurück von den Toten' dort. Ich dachte mir nur: 'Was zur Hölle meinen die?’ Manchmal lässt dich eben dein eigenes Gehirn nicht erkennen, in welchem Schlamassel du steckst.“

Vorschau auf Staffel 8

Sutherlands überraschender Erfolg hatte einen weiteren Effekt zur Folge: Das Fernsehen hat den Ruf der Zweitklassigkeit, den es lange hatte, abgelegt: Für einen Hollywood-Star ist es heute alles andere als eine Schande oder ein Abstieg, in einer TV-Produktion mitzuspielen. Klangvolle Namen wie Glenn Close („The Shield“, „Damages“), Gary Sinise („CSI: NY“) oder Jeff Goldblum („Criminal Intent“) erleben derzeit im Fernsehen einen zweiten Frühling.

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Serien wie Prison Break hätte es ohne 24 nicht gegeben.
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Ebenso inspirierte „24“ etliche andere TV-Produktionen, einen ähnlichen Action-Weg zu gehen. Die bekannteste Serie ist da wohl „Prison Break“: Zumindest in der ersten Staffel hetzte der Zuschauer atemlos von einer Folge zur nächsten, bereits mit der zweiten Auflage offenbarte sich aber bei „Prison Break“ ein Problem, das Jack Bauer und Co. nicht haben: Man kann sich in einem Handlungsbogen auch hoffnungslos verlaufen. Während „24“ schön übersichtlich von Staffel zu Staffel eine mehr oder weniger neue Geschichte erzählt, entglitt sie den Machern von „Prison Break“, je länger die Serie dauerte.

Weitaus geringer waren die Folgen von „24“ für das Genre der interaktiven Unterhaltung: So erschien 2006 für die PS2 „24: The Game“ (gamona-Kritik), das Ergebnis war zwar solide, aber keineswegs besonders. Kein Wunder, schließlich haben Zocker ihre ganz eigenen Jack Bauers, darunter Namen wie Solid Snake und Sam Fisher. Auch deshalb darf man auf die Umsetzung von „Prison Break“ gespannt sein, die zur Zeit der ersten Staffel spielt und einen neuen Charakter einführt. Erscheinen soll es am 19. März 2010, mehr dazu demnächst hier auf gamona.

Abonnenten des Bezahlsenders Sky können sich freuen, bereits am 8. März 2010 startet dort nämlich die achte „24“-Staffel, die in den USA seit 17. Januar ausgestrahlt wird. Weiterlesen von nun an auf eigene (Spoiler-)Gefahr.

Ein weiteres Video

Das Setting der aktuellen Staffel 8 liest sich wie ein Best-Of der bisherigen sieben: Im Mittelpunkt stehen die Atom-Abrüstungs- und Friedensvertragsverhandlungen mit einer „islamischen Republik“, eine ganz klare Anspielung auf den Iran. Natürlich treiben aber dunkle Mächte ihr Unwesen, es kommt zu einem Attentatsversuch, im Hintergrund geht es außerdem um den Kauf von waffenfähigem Plutonium. Angeboten von, genau: der russischen Mafia.

Sogar deutsche Beteiligung ist dabei, wenn auch nur indirekt: Jürgen Prochnow („Das Boot“) spielt den russischen Mafiaboss Sergei Bazhaev. Weitere Neuzugänge dieser Staffel, die als Schauplatz dieses Mal New York hat, sind Freddie Prinze Jr. als CTU-Agent, David Anders („Alias“, „Heroes“) und Katee Sackhoff, die vor allem als Kara „Starbuck“ Thrace aus „Battlestar Galactica“ bekannt ist.

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Vor dem Aus ist in jedem Fall noch ein 24-Kinofilm geplant.
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Doch gerade aufgrund letzterer gibt es unter den „24“-Fans heftigen Ärger: Sackhoff spielt nämlich die Computerspezialistin Dana Walsh, die von einem Mann aus ihrer Vergangenheit erpresst wird. Vielen stößt diese vermeintlich unnötige Nebenhandlung sauer auf, vor allem weil die knallharte Galactica-Kampfpilotin nun ein unsicherer Jammerlappen sei. Ob das alles auch so bleibt, ist aber natürlich fraglich, überraschende Wendungen sollen bei „24“ schon vorgekommen sein.

Ob es eine neunte Staffel geben wird, ist noch derzeit ungewiss. Die US-Quoten sind nicht berauschend, aber durchaus in Ordnung. Sterben wird Jack Bauer jedoch nicht, sollte dieses Jahr Schluss sein – das haben die Produzenten ausgeschlossen. Geht auch gar nicht, schließlich haben die „24“-Macher gerade den lang erwarteten Kino-Film angekündigt. Wann genau er in die Kinos kommen soll, ist aber noch unklar, zumindest wurde verraten, dass Jack Bauer auf der großen Leinwand in Europa für Recht und Ordnung sorgen wird.

Doch irgendwie wünscht man Jack auch einen entspannten Ruhestand, dass er auf der Veranda sitzen und ein Bierchen trinken kann, ohne dass alle Terroristen der Welt durch seinen Vorgarten jagen…