In Anaheim wird Geburtstag gefeiert. World of Warcraft, das gewinnträchtigste Computerspiel aller Zeiten und unbestritten ein Phänomen, das eine ganze Generation geprägt hat, wird neun Jahre alt. Geschenke gibt es auch: Papa Blizzard enhüllt die mittlerweile fünfte Erweiterung mit dem Titel Warlords of Draenor. Und während die geladenen Gäste im Convention Center ausgelassen feiern, hört man draußen in der Welt die Massen maulen. Was ist da los?

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Ein Spielplatz namens Azeroth

Alt ist es geworden, unser Geburtstagskind. Das kann niemand bestreiten, nicht einmal seine besten Freunde. Zwar spielen sie noch immer gemeinsam, Tag für Tag, doch so lustig und unausgelassen wie früher geht es längst nicht mehr zu auf dem alten Spielplatz, den sie Azeroth nennen. Und doch zieht es sie immer wieder dorthin, denn viele Freunde sind dort und die lässt man nicht gerne warten.

Einige sind jedoch schon gegangen. Viele, wenn man es genau bedenkt. Zu zwölft waren sie einst - jetzt zählen sie nur noch sieben. Hin und wieder schaut jemand von früher vorbei, doch meist verschwinden sie auch wieder so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Das ist traurig, aber was will man machen? Man wird nicht jünger. Azeroth ist auch nicht so richtig mitgewachsen, wirkt ein wenig verschroben und altmodisch.

Und doch besteht Hoffnung. Hoffnung, dass Papa Blizzard die Zeichen der Zeit erkennt und seinen Spross mit den richtigen Geschenken eindeckt. Nicht mit dem altmodischen Kram, den er schon hat, sondern mit etwas zeitgemäßeren Spielsachen, vielleicht sogar der einen oder anderen echten Innovation? Vielleicht kommen dann auch die anderen wieder, spielen mit und bleiben. Ach, wäre das schön!

Die schlechte Nachricht zuerst

Doch die anderen scheinen nicht zufrieden mit dem, was sich Blizzard für diese Erweiterung ausgedacht hat. Wo der Lichkönig zu seiner Ankündigung noch von den Massen mit frenetischem Beifall begrüßt wurde und die Pandas immerhin noch von einer großen Gruppe mit verhaltenem Applaus, scheint die Mehrheit im Lager der Abtrünnigen diesmal nicht überzeugt zu sein.

World of Warcraft: Warlords of Draenor - Zurück in die Zukunft?

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Stufenanstieg auf 100, neue Charaktermodelle und neuer PvE-Content - Blizzard weiß, wie man die verbliebenen Fans bei der Stange hält.
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Die Warlords of Draenor, so sehr sie auch von den aktiven Spielern begrüßt werden, scheinen all jenen, die Azeroth im Laufe der Jahre den Rücken gekehrt haben, schlichtweg gleichgültig zu sein - und das ist die schlechte Nachricht, die sich hinter all den guten versteckt, die mit der kommenden Erweiterung von World of Warcraft einhergehen.

Packshot zu World of Warcraft: Warlords of DraenorWorld of Warcraft: Warlords of DraenorErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Alles neu? Keineswegs

Beginnen wir mal mit dem, was sich nicht ändert: World of Warcraft bleibt auch mit den Warlords of Draenor wie gehabt ein Abotitel, denn die Änderungen, die man bei einer etwaigen Umstellung des Geschäftsmodells vornehmen müsste, sind Blizzard derzeit einfach zu aufwendig. Außerdem wären sie, das offenbaren die Stimmen der Community, von den Fans auch gar nicht gewünscht, denn die Massen an unzuverlässigen Spielern, die mit einem Free-To-Play-Modell nach Azeroth kämen, möchte man dort gar nicht haben.

Ebenfalls nicht unbedingt haben will man offensichtlich jene Spieler, die einen Charakter alleine vor sich hin nach oben bringen. Das lässt zumindest die Ankündigung vermuten, dass man mindestens einen Charakter pro Account direkt auf 90 wird hieven können - ohne den Umweg durch die ganze Welt von Azeroth. Den meisten Spielern ist das relativ Wurst, haben sie diesen Teil des Weges ohnehin längst hinter sich.

Der kleine Schritt zurück in der Zeit könnte WoW endlich wieder nach vorne bringen und eine neue, alte Generation von Kriegern nach Azeroth holen.Ausblick lesen

Vollendete Tatsachen

Noch vor sich haben sie allerdings den Weg von Stufe 90 bis 100, der mit einem verbesserten Questsystem und hunderter neue Aufträge gespickt werden soll. Um deren Inhalt ranken sich bislang die wildesten Gerüchte. Sicher scheint jedoch: Es wird ein Pre-Launch-Event geben, in dem das Dunkle Portal rot zu leuchten beginnt und man sich auf eine selbstmörderische Mission in die Vergangenheit begibt.

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Eine eigene Garnison zum Ausbauen und Verwalten, NPC-Gefolgsleute und ein immerwährendes Schlachtfeld mit Belagerungsmaschinerie - Blizzard hat endlich die Zeichen der Zeit erkannt und bringt Sandbox-Elemente nach Azeroth.
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Zu diesem Zeitsprung setzt man also noch vor Release der Erweiterung an, bereitet als Spieler die damit verbundene Reise nach Draenor erst vor - in einer Zeitschleife, wie sie gemeinhin für Verknotungen in den Hirnwindungen aller humanoiden Lebensformen sorgt, die so fahrlässig sind, darüber nachzudenken. Und so wollen wir uns auch nicht weiteren Spekulationen hingeben, sondern die Fakten sortieren.

Ist es wirklich wahr?

Dazu gehört dann wohl auch Draenor, das als neuer Kontinent sieben normale Zonen und eine PvP-Zone umfassen soll. Richtig gehört - Blizzard versucht sich tatsächlich am Welten-PvP - einem immerwährenden Sandbox-Schlachtfeld, ganz in der Nähe vom Dunklen Portal. Die Gegend nennt sich Ashran und erinnert entfernt an das Alteractal mit einer ganzen Menge Herausforderungen.

Dazu gehören wohl auch Eroberungen und Belagerungen, für die man auf allerlei schweres Gerät zurückgreifen muss, das ähnlich persistent sein soll wie die Zone an sich. Ashran kann von allen Servern gleichermaßen bereist werden, was das Ungleichgewicht zwischen Allianz- und Horde aus der Welt schaffen sollte - so zumindest die Hoffnung der Entwickler.

Kein Housing ist auch keine Lösung

Ebenfalls große Hoffnung setzen die Entwickler urplötzlich in ein Element, das die Spieler seit Ewigkeiten ebenso beharrlich gefordert hatten, wie es von Blizzard ignoriert wurde. Mit Draenor kommt erstmals in der Geschichte von World of Warcraft auch ein echtes Housing ins Spiel, wobei dieser Begriff möglicherweise nur die halbe Wahrheit ist, entspricht die sogenannte Garnison doch eher einer ganzen Stadt oder Festung.

Die kann man als Spieler errichten, ausbauen und managen - entsprechende Boni inklusive. Sogar Rohstoffknoten sollen sich sich errichten lassen. Nicht ganz unbeabsichtigt ist dabei wohl, dass schon auf den ersten Blick der Eindruck entsteht, man habe es mit einer neuen Version der drei Warcraft-Strategietitel zu tun.

Zeitreise in der Handlung - aber auch im Design

Entsprechend findet der RTS-Veteran auch die drei vertrauten Ausbaustufen, in denen die Gebäude optimiert werden können, im Spiel wieder. Außerdem ist das eigene Dörfchen nicht ganz unbewohnt, selbst wenn gerade keine Mitspieler zugegen sind. Denn hat man erst mal eine Taverne errichtet, lassen sich dort NPC-Gefolgsleute anheuern. Die darf man dann ausbilden, auf Missionen schicken und sogar einkleiden und ausstatten.

Ganz neu ist das alles natürlich nicht, findet man ganz ähnliche Systeme doch mittlerweile in allen möglichen MMOGs wieder. Umso überfälliger ist dieses System, bietet es den Bewohnern von Azeroth doch erstmals die Möglichkeit, sich ein virtuelles Heim mit zu errichten, seine Trophäen auszustellen und damit jede Menge Zeit totzuschlagen - immerhin ein Hauch von Sandkasten auf dem betagten Spielplatz.

Anstehende Schönheits-OP

Das der optisch in die Jahre gekommen ist, verschleiern die Blizzard-Künstler spätestens seit Pandaria durch diverse Kunstkniffe recht gut - zumindest was Landschaft und Architektur betrifft. Die Charaktere allerdings, die wirken noch immer fürchterlich klobig und altbacken und hinken dem Genre um mindestens jene neun Jahre hinterher, die das Spiel eben alt ist.

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Ein Charakter darf auf Stufe 90 gehievt werden. Wer mehr davon möchte, braucht mehrere Accounts - ein vielversprechendes Geschäft für den Publisher.
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Entsprechend stolz ist man bei Blizzard auf die neuen Charakter-Modelle samt Animationen, mit denen man das Spiel mit der kommenden Erweiterung optisch ansprechender machen möchte. Mit der Konkurrenz wird man sich damit zwar immer noch nicht messen können, doch gelingt es Blizzard damit zumindest, die Herzen der absoluten WoW-Liebhaber höher schlagen zu lassen.

Und genau diese Liebhaber sind es dann auch, die sich für die unzähligen Kleinigkeiten und Details interessieren, die mit Warlords of Draenor ins Spiel kommen, darunter neue Klassentalente und Fähigkeitenboni, Inventar-Verbesserungen, Schlachtfelder und Weltbosse, normale und heroische Szenarien, Herausforderungsmodi, Dungeons und Schlachtzüge und die heroischen Versionen zweier klassischer Dungeons.

Genug für sieben Millionen, zu wenig für zwölf?

Das alles und noch viel mehr ist für Warlords of Draenor zu erwarten. Genug für die nächsten Jahre, sagen die WoW-Jünger auf der BlizzCon und vor dem Live-Stream. Zu wenig, um die Erweiterung zu kaufen und ein neues Abo abzuschließen, verkündet die Mehrheit der Aussteiger auf allen möglichen Plattformen und in einschlägigen Foren.

Und was sage ich? Was empfindet jemand wie ich, der World of Warcraft kaum mehr Beachtung geschenkt hat als den meisten anderen bedeutungslosen Themeparks da draußen. Ich, der ich irgendwie einen Charakter nach oben gespielt und dann gekündigt habe, weil Item-Spirale und Raid-Content nicht das sind, was mich über längere Zeit in einem Online-Spiel zu halten vermag?