Die Branche ist in Aufruhr, denn mit der Gamescom steht das größte und wichtigste Event des Jahres kurz bevor. Und auch die Community strömt in Scharen nach Köln und sorgt dafür, dass die Fachmesse in der jetzigen Größenordnung an ihre Grenzen stößt. Doch was hoffen die Besucher eigentlich auf der Gamescom zu finden? Klar - das nächste große Ding - und das bitte ganz schnell!

Unsere letzte Hoffnung

Nein, The Elder Scrolls Online war wohl doch nicht das ganz große Ding, auf das die MMOG-Community gewartet hatte. Schon im letzten Quartal musste ZeniMax ungewöhnlich kleinlaut eingestehen, dass man nicht einmal mehr 800.000 Abonnenten zählen konnte und seither dürfte sich die Lage kaum gebessert haben, denn mit der aktuellen Update-Politik, in der noch immer eher repariert wird als erweitert, gelingt es den Entwicklern kaum, die Bedürfnisase der zahlenden Kundschaft zu befriedigen. Wer hätte das gedacht?

Wiped! - Die MMO-Woche - Eilt!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 32/361/36
Für eine Weile war es ganz unterhaltsam, in ESO einfach mal gemütlich zu questen. Irgendwann hat man allerdings auch den letzten Geist erlöst und dem Spiel geht die Luft aus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zahlenmäßig noch düsterer dürfte es für den zweiten diesjährigen Hoffnungsträger aussehen. WildStars Entwickler hatten anfangs die irrwitzige Strategie verfolgt, ein Nischenpublikum zu umgarnen, damit dieses dann die Massen durch die Hintertüre mit ins Spiel holen sollte. Eine grobe Fehleinschätzung, wie sich mittlerweile herausgestellt hat.

Für Carbine könnte die sich mittelfristig zu einem existenziellen Problem auswachsen, denn die Kosten aus zehn Jahre Entwicklungszeit werden sich mit der derzeitigen Community kaum einspielen lassen. Und so blauäugig, bei einem Themepark-MMOG heute noch an ein Wachstum nach Release zu glauben, werden die Leute von NCSoft kaum sein, die mittlerweile dafür berüchtigt sind, Titel früher oder später einfach abzuschalten, wenn sie nicht den erwünschten Gewinn abwerfen.

Köln, wir haben ein Problem

Das Problem der Spieler bleibt derweil bestehen: Noch immer suchen sie nach einem MMOG, in das es sich zu investieren lohnt - finanziell, vor allem aber zeittechnisch. Das Spiel, das sie suchen, muss weder kostenlos sein noch technischer Überflieger. Auch muss es keine fette Lizenz haben - so etwas stört die Designer meist mehr, als dass es hilft. Es muss nur komplex genug und damit zukunftstauglich sein, denn man ist müde geworden, immer wieder Arbeit in neue Welten zu stecken.

21 weitere Videos

Gesucht und gefragt wird nach einem solchen Titel überall - auf Facebook YouTube oder auch auf Gamona. Und natürlich auf der Gamescom, die in diesem Jahr aller Voraussicht nach ihre maximale Größe erreicht haben wird und die längst zum Treffpunkt der Suchenden geworden ist und zu einem Ort, an dem man die Erfüllung zu finden hofft.

Packshot zu World of Warcraft: Warlords of DraenorWorld of Warcraft: Warlords of DraenorErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Köln konkurriert mit Los Angeles

In der Tat flüsterte mir jüngst ein Twitter-Funktionär hinter vorgehaltener Hand zu, dass die Publisher, anders als in den vergangenen Jahren, ihr Pulver nicht komplett zur E3 verschossen hätten, sondern die Hälfte der Neuankündigungen für die Gamescom aufsparen würden - darunter auch einige Onlinespiele, mutmaßlich dem MMOG-Genre zuzuordnen.

Tatsächlich jedoch ist die Chance gering, dass in Köln der große Knaller angekündigt wird - zudem uns die Vergangenheit gelehrt hat, dass ein Knaller gar nicht angekündigt werden kann, weil die Entwickler selbst nur zum Teil für Erfolg- oder Misserfolg verantwortlich sind. Insgesamt entscheidet eine Reihe schwer zu kalkulierende Faktoren sowie ahnungsloser Menschen darüber, ob ein Spiel erfolgreich wird oder nicht.

Mach mal Platz da!

Viel wahrscheinlicher ist es, dass einer der bereits angekündigten Titel auf beinahe unerklärliche Weise über die kühnsten Erwartungen hinaus wächst und zum neuen Kult wird. Das Potential haben einige und die Chancen stehen derzeit besser denn je, gerade weil sich die von den Publishern hoch gehandelten Super-Knaller als Luftblasen herausgestellt haben und uns kein AAA-Nachschub droht, der der Community schon zwei Jahre vor Release mit lauter und bunter Propaganda die Sicht vernebelt.

Wiped! - Die MMO-Woche - Eilt!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Auch WildStar Online ist ein ganz netter Titel, die erhoffte MMO-Erfüllung ist es für die allermeisten jedoch nicht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und noch ein Faktor wirkt sich aktuell positiv auf das Genre aus: Das Straucheln des Giganten nämlich, der aktuellen Angaben zufolge allein im letzten Quartal 800.000 Abonnenten verloren hat - mehr also als The Elder Scrolls Online insgesamt zählt. Dieser ebenso gewaltige wie alarmierende Schwund dürfte nun auch langsam die optimistischsten Fans beunruhigen, während sich die Konkurrenz auf potentiellen Zuwachs freut.

Wer zu spät kommt, den bestraft die Community

Mit World of Warcraft, das lässt sich nicht länger leugnen, läuft etwas gehörig schief, insbesondere weil die nächste Erweiterung dazu gedacht war, den Spielerschwund schon im Vorfeld umzukehren und für neues Wachstum zu sorgen. Die ersten Testrunden allerdings sind erschreckend ernüchternd. Die angepriesenen Draenor-Features sind längst noch nicht der Weisheit letzter Schluss und eignen sich kaum als Rettung für einen betagten Themepark. Schon jetzt sprechen viele Tester von der vielleicht schwächsten aller Erweiterungen - und daran wird auch der für die kommenden Woche angesetzte CGI-Trailer, in dem dann auch das Release-Datum für die Warlords of Draenor enthüllt wird, wenig ändern.

Wiped! - Die MMO-Woche - Eilt!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 32/361/36
Die Warlords of Draenor sollen verlorene Spieler zurück zu WoW bringen. Derzeit sieht es aber eher danach aus, als sorgten die Aussichten für einen beschleunigten Spielerschwund.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nachdem sich die besten Köpfe längst aus dem Studio verabschiedet haben, herrscht bei Blizzard eine kreative Flaute - nicht nur bei World of Warcraft. Dass von Diablo III seit 2012 insgesamt 20 Millionen Exemplare verkauft werden konnten, ist vor allem dem großen Namen geschuldet, weniger der Qualität des Spiels. Der allerdings verliert in ähnlicher Geschwindigkeit an Substanz wie World of Warcraft. Schwarze Zahlen sind in der Unterhaltungsindustrie zwar schön und gut, aber längst nicht alles. Der Publisher gerät zusehends in Schieflage. Noch sinkt er nicht, doch er braucht neue Ideen - und das dringend.

Destiny - ein schweres Schicksal

Wie schwierig es jedoch ist, einen neuen Goldesel zu züchten, bemerken insbesondere auch gerade Blizzards Kollegen von Activision, die sich mit Destiny eben jene 20 Millionen Käufer als Ziel gesetzt haben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Konkurrenz hat nachgezogen und für Destiny wird es extrem schwierig, die arg hoch gesteckten Ziele zu erreichen.

Das deuten auch die aktuellen Zahlen an, über die man sich bei Activision sogar noch freut. 4,6 Millionen Spieler haben Destiny während der Beta gespielt. Zur Spitzenzeit zählte man 853.235 Spieler gleichzeitig. Klingt viel, ist aber nicht mehr, als Dota 2 an jedem normalen Wochenendabend auf die Waage bringt - von League of Legends mal ganz zu schweigen.

Destiny - Vanguard Armory Pre-Order Bonus 21 weitere Videos

Und auch die Vorbestellungen entsprechen nicht ganz den Erwartungen des Publishers. Die Gründe dafür sieht Activisions Publishing-Chef Eric Hirshberg, wie sollte es auch anders sein, weder in den mäßig innovativen Spielmechaniken noch in der Konsolenausrichtung von Destiny. Vielmehr erklärte er aktuell in einer Konferenzschaltung mit Investoren und Presse zum Thema, dass man es hier mit einem branchenweiten Trend zu tun habe und Vorbestellungen generell rückläufig seien. Klar - nach Jahren der Pre-Order-Abzocke sind die Spieler eben aufgewacht.

Satt geschossen

Und nicht nur das - sie sind obendrein beschäftigt. Insbesondere die potentiellen Fans von Destiny haben derzeit freie Auswahl: Da wäre das durchschnittliche Defiance, dessen Symbiose mit der Serie in Deutschland aufgrund mangelnder Verfügbarkeit zwar gehörig in die Hose gegangen ist, das seit dem Wechsel zum Free-To-Play-Modell und dem reichen Angebot an illegalen Streams mittlerweile eine recht aktive Community hat.

Und dann gibt es Warframe, das gerade grandiose Updates bekommen hat und das es auf Steam an manchen Abenden auch mal in die Top-10 der meistgespielten Titel schafft. Warframe steht Destiny zumindest optisch in nichts nach und wirkt bisweilen, als hätten die Entwickler die gleiche Blaupause verwendet wie die Jungs von Bungie. Nicht zu vergessen das gerade veröffentlichte Firefall, das ebenfalls dem gleichen Bauplan entstammt und das mich und ein paar Kollegen in diesen Tagen ganz ordentlich unterhält - und zwar kostenlos.

21 weitere Videos

Wer derweil PvP mag und unbedingt auf der PS3 spielen will, kann sich mit Dust 514 kostenlos die Zeit vertreiben - zumindest bis CCP mit Project Legion und der neu rekrutierten DICE-Entwicklercrew auf den PC umsteigt. PC-Schützen schlagen sich ebenso günstig auf den riesigen Karten um die Welten von PlanetSide 2. Und Borderlands 2 hat man ohnehin auf der Platte. Welchen Grund sollte ich also haben, Destiny in der Standard-Edition für stolze 64,99 € vorzubestellen?

Star Citizen - das Fass ohne Boden

Überhaupt wird mir angesichts der finanziellen Vorstellungen einiger Studios schwindlig. Ob es sich um die Alpha von ArcheAge handelt, die Beta von Elite: Dangerous, die Testrunden von Pathfinder Online oder die vorbestellten Schiffe von Star Citizen - es stünde so manchem Studio gut, die übermäßige Erwartungshaltung der darbenden MMOG-Community nicht bis zum letzten Euro auszureizen.

Dabei ist auch den Entwicklern selbst nicht immer ganz wohl bei der Sache. Insbesondere Chris Roberts, dessen Crowdfunding-Project Star Citizen sich längst zum finanziellen Perpetuum Mobile entwickelt hat, bekommt bisweilen Zweifel, und bekennt in Interviews Dinge wie: “Wenn ich geistig ein wenig gesünder wäre, hätte ich den Mund wohl nicht so voll genommen und jetzt nicht all die Arbeit.”

Verführerischer Teufelskreis

Doch die Geister, die das Entwickler-Urgestein gerufen hat, wird er jetzt nicht mehr los. Spätestens nach der Präsentation auf der Gamescom wird das Crowdfunding von Star Citizen über die 50-Millionen-Marke schnellen und damit erneut die Aufmerksamkeit der Tagespresse auf sich ziehen, was der Finanzierung noch einmal neuen Schwung verleiht. Eine unaufhaltsame Finanzierungslawine - auf den ersten Blick eine prima Sache, jedoch nicht ohne Gefahrenpotential, da sich mit den Einnahmen auch die Erwartungshaltung der Fans nach oben schraubt.

Wiped! - Die MMO-Woche - Eilt!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 32/361/36
Optisch macht Star Citizen echt was her. Leider hat Chris Roberts mit den Arbeiten an der offenen Welt noch nicht einmal begonnen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die greifen Roberts zwar ordentlich unter die Arme, entwerfen Texturen, Objekte und ganze Raumschiffe - sie sorgen aber auch für gehörig Druck und können höchst unterschiedliche Ansichten vertreten und unversöhnlich auftreten - wie aktuell in Bezug auf den bevorzugten Grad an Realismus bei der Fliegerei im All. Zudem besteht die Gefahr, dass sich die wichtigsten Elemente verzögern und das gesamte Projekt gefährden. So befindet sich das persistente Universum von Star Citizen noch immer in der Design-Phase, ist also nicht mal in die Phase der Entwicklung eingetreten. Geld ist eben doch nicht alles.

The Stomping Land - noch einmal von vorne

Im schlimmsten Falle kommt es dann so, wie beim Dino-Survival-MMO The Stomping Land. Das schien sich langsam, aber sicher der Fertigstellung zu nähern. Dann aber kam die “gute” Nachricht von Entwickler Alex “Jig” Fundora. Das Spiel werde auf Unreal Engine 4 umgestellt, was ganz neue technische und kreative Möglichkeiten eröffne.

21 weitere Videos

Gleichzeitig bedeutet es für die wartenden Fans aber, dass sich das Projekt verzögert - Release-Zeitpunkt ungewiss. Manch ein früher Unterstützer verliert dabei sein Vertrauen, muss er doch befürchten, dass der Entwickler derweil die Lust verliert, einen vielversprechenden neuen Job annimmt oder, wie es der Zufall will, von der Straßenbahn überrollt wird. Mancher Kickstarter-Titel wird, das befürchtet ein Teil der Crowdfunding-Community, zur Vaporware.

Black Desert - das letzte Viertel

Da ist es nur verständlich, dass manch einer seine Hoffnung lieber in die Titel herkömmlicher Publisher setzt. Die veröffentlichen ein Spiel zwar bisweilen unfertig und fehlerbehaftet, doch immerhin veröffentlichen sie es. So auch Black Desert, dem vielleicht vielversprechendsten MMOG der nächsten Generation, das derzeit von Pearl Abyss in Südkorea entwickelt wird und nach Aussage der Macher zu 80 Prozent fertiggestellt ist.

Für den südkoreanischen Publisher Daum wird es also höchste Zeit, den Westen personell zu erschließen. Derzeit arbeitet man bei Daum daran, ein neues Business-Team zusammenzustellen und verspricht, “Veteranen der westlichen Welt zu rekrutieren, um die neue Games-Plattform zu betreiben.” Falls sich jemand angesprochen fühlt, sollte er möglichst bald eine Bewerbung abschicken oder auf der Gamescom nach südkoreanischen Headhuntern Ausschau halten.

See you in Cologne!

Solltet ihr in Köln derweil auf den einen oder anderen Gamona-Mitarbeiter stoßen, dann zögert nicht lang und ladet ihn auf eine eiskalte Büchse Gamonade ein. Das hält munter und spornt zu weiteren Höchstleistungen an, damit ihr möglichst umfassend über alles informiert werdet, was sich die Studio so ausgedacht haben. Lasst uns gemeinsam die Daumen drücken, dass auch etwas für MMOG-Fans dabei ist.