Neulich in der Realität!
(von Jörg Pitschmann)

Ich bin für die Welt verloren. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, und wenn ich ganz, ganz still bin, kann ich sogar hören, wie der Wahnsinn leise nach mir schnappt. Meine Tür habe ich verrammelt, die Fenster vernagelt, ans Telefon gehe

ich auch nicht mehr und werde wohl jämmerlich verhungern, wenn ich nicht bald wieder etwas zu essen kaufe. Sollte dies mein Ende sein? Blödsinn. Die Kolumne fängt ja gerade erst an. Aber der Reihe nach.

Der Grund für meine nachhaltige Verstörung begann vor ein paar Tagen nach einem wirren Traum.

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Neulich in der Realität!
(von Jörg Pitschmann)

Ich bin für die Welt verloren. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, und wenn ich ganz, ganz still bin, kann ich sogar hören, wie der Wahnsinn leise nach mir schnappt. Meine Tür habe ich verrammelt, die Fenster vernagelt, ans Telefon gehe

ich auch nicht mehr und werde wohl jämmerlich verhungern, wenn ich nicht bald wieder etwas zu essen kaufe. Sollte dies mein Ende sein? Blödsinn. Die Kolumne fängt ja gerade erst an. Aber der Reihe nach.

Der Grund für meine nachhaltige Verstörung begann vor ein paar Tagen nach einem wirren Traum.
"Hast Du Lust auf HDW?"

Anscheinend hatte mein Kollege noch nicht genügend Freiwillige aufgetan, die Manns genug waren, um die "Heimstatt des Würgereizes" aufzusuchen, den berüchtigten Kantinen-Dungeon. Ich überlegte nicht lange, hatte ich mich doch in den letzten Tagen hauptsächlich von Cola und Snickers ernährt. Außerdem stand mir der Sinn nach Abenteuer, also willigte ich ein.

"Yep. Bin dabei."

"Cool. Dann bis gleich." Seit dem letzten Update war vor unserer Kantine ein recht großer Felsen aufgestellt, in dessen Mitte ein leuchtendes Symbol eingelassen war. Jeder, der die Restauration aufsuchen wollte, hatte sich an dem Felsen einzufinden und konnte das Etablissement erst betreten, wenn sich genügend tapfere Recken dort versammelt hatten.

World of Warcraft - Es gibt ein Leben nach der Wirklichkeit

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Der Ort hatte sich im Laufe der Zeit einen gewissen Ruf erworben, der es ratsam erscheinen ließ, dort größte Vorsicht walten zu lassen.

Kaum daß wir das zweifelhafte Etablissement betreten hatten, wurden wir auch sogleich Zeugen einer schrecklichen Szene.

Ein übellauniger Level-45-Elitekoch rannte wild knurrend einer zierlichen Frau hinterher, die in einiger Entfernung vorbeisauste. Der Mann war groß, unrasiert und trug eine silberne Kelle von schier gigantischen Ausmaßen. Das ungewöhnliche Pärchen verschwand hinter einer Ecke, und Sekundenbruchteile später hörtenwir einige schlagende Geräusche, gefolgt von einem erstickten Stöhnen. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, als der grimmige Koch zurückkehrte. Glücklicherweise nahm er uns nicht weiter wahr und verschwand wieder in seiner Küche. Anscheinend gab das heutige Essen besonderen Anlaß zur Klage, was die unglückliche Frau zu ihrer Diskussion mit dem Elitekoch verleitet haben mochte. Meine Gefährten und ich beschlossen, die nötige Umsicht walten zu lassen. Man kann sich ja schließlich nicht alles bieten lassen. Nachdem wir uns erfolgreich zur Kasse durchgearbeitet hatten, kam es dann zu einem unschönen Zwischenfall. Mein Kollege mußte feststellen, daß er kein Level-35-Besteck in die Hand nehmen konnte, woraufhin der Koch, inzwischen wieder hinter seinen Tresen zurückgekehrt, sich über ihn lustig machte und ihn einen "Noob" schalt. Das konnte der Kollege natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

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Er erwiderte, daß der Bestecklevel einerlei sei, da bei den gekochten Spinnenbeinen nicht mal ein Level-60-Verzaubern helfe, um sie genießbar zu machen. Der Koch wiederum reagierte ein wenig ungehalten und wirkte blitzschnell einen mächtigen "Zauber der jenseitigen Magenbeschwerden". Glücklicherweise traf er nicht voll, und einer unserer Gefährten konntemeinen Kollegen noch rechtzeitig mit einem Heilzauber-Spruch vor schlimmerem bewahren. Dummerweise erwischte meine nahezu zeitgleich gewirkte "Kantinenschelte" die Kassiererin, die daraufhin ächzend in die Knie ging. Das versetzte den Unhold in noch größere Rage.

Drei weitere Schergen des Restaurant-Dungeons, die dem Geschehen bislang reglos gefolgt waren, kamen, drohend ihre Kochlöffel schwingend, ebenfalls auf uns zugerannt. Mit den ersten Todesschreien einiger umstehender Unbeteiligter überkam mich die vage Ahnung, daß die Dinge ein wenig aus dem Ruder laufen könnten. Glücklicherweise mischte sich hier ein baumlanger Muskelberg von einem Kollegen ein, der sich mit einem zünftigen "Rock'n'Roll!" auf die Gegnerschar stürzte.

Seine Flinte ließ der Kantinenbesatzung keine Chance, und nach wenigen Augenblicken war der Kampf entschieden. Der Kochging als Letzer zu Boden und ließ dabei einen "silbernen Trichter des groben Einlaufs" fallen. Ich beschloß, das Teil höchstbietend zu versteigern. Vielleicht gab es ja jemanden da draußen mit ausgeprägter Klistierliebe. Mit einem knapp geknurrten "Für die Horde" verabschiedete sich der Hühne anschließend und entschwand. Da hatten wir aber noch einmal Glück gehabt. Entspannt nahmen wir an einem der freigewordenen Tische Platz.Der Nachmittag brachte keine außergewöhnlichen Vorkommnisse mit sich, und ich kam mit meiner Arbeit zügig voran. Ein Freund hatte mich während des Essens gebeten, ihm eine Tasche zu nähen. Diesem Wunsche kam ich im Rahmen meiner normalen Bürozeiten auch gerne nach. Immerhin hatte der Betreffende erst kürzlich meine Computertastatur verzaubert. Das Formulieren hochgestochener Sätze gelingt mir seitdem viel besser.Außerdem hilft mir eine automatische Satzgenerierung, mit schmissigen Entgegnungen auf Vorhaltungen meines Chefredakteurs zu reagieren. Zufrieden mit meinem Werk steckte ich das Tasche in ein Päckchen und schickte sie per Hauspost auf den Weg. Mein Freund würde zufrieden sein, das wußte ich.

Ein Blick auf die Uhr bestätigte dann meinen Verdacht, daß es an der Zeit war, den Heimweg anzutreten. Der gestaltete sich allerdings ein wenig umständlich, denn unterwegs traf ich mehrfach auf Ansammlungen diverser Gestalten, die sich auf das heftigste bekämpften. Ich mußte mir ein ums andere Mal einen Weg zwischen jenen tapferen Kämpfern bahnen, die in den Schlachten ehrenvoll ihr Leben gelassen hatten. Weniger schön war auch der Umstand, daß ich auf dem weiteren Heimweg nicht ungestört meinen Gedanken nachhängen konnte. Ich hätte nämlich durchaus auf diesen kleinen bärtigen Kerl verzichten können, der die ganze Zeit hinter mirherwatschelte und mich mit Beleidigungen überzog. Ich tippte ja auf ein Problem mit den Drüsen, aber Vernunft, mein bekannt guter Charakter und der Umstand, daß über seinem Haupt ein kleiner Totenschädel prangte, hielten mich davon ab, ihn gleichmäßig in den Asphalt einzumassieren. Ohne mich weiter um den Hitzkopf zu kümmern, setzte ich meinen Weg fort. Ein wenig außer Atem erreichte ich schließlich meine Wohnung. Mein Verfolger hatte wirklich Pech gehabt. Nicht nur, daß ich mich auf keine Diskussion mit ihm eingelassen hatte; er lief auch noch kurz vor meiner Straße einem sehr kräftigen und sehr schlecht gelaunten Mann von bleicher Gestalt und hagerer Statur über den Weg.

Der schien eine ausgeprägte Abneigung gegen kleine, bärtige Widerlinge zu haben, denn er stürzte sich ohne Verzögerung auf den Winzling. Nur Sekunden später war der ungleiche Kampf entschieden, und ich konnte den Rest meinesHeimwegs frei und ohne weitere Belästigungen fortsetzen. Müde und von den Beschwernissen des Tages gezeichnet kletterte ich die Treppen nach oben, betrat meine Wohnung und ließ mich kurz darauf erschöpft in meinen Schaukelstuhl sinken.

Ich hatte ja gleich gewusst, daß es keine gute Idee war, meine Wohnung zu verlassen. Die Welt da draußen ist einfach unberechenbar, und Realität ist etwas für Leute, die nicht mit Spielen zurechtkommen. Ich beschloß, mein Heim fortan nicht mehr zu verlassen und mich ganz dem Computerspielen hinzugeben. Und falls ich doch noch einmal mein Appartment verlassen sollte und mich dann jemand fragt, ob ich weiß, wo es Trollblut zu finden gibt, drehe ich ihm zügig, aber ohne ungesunde Hast den Hals um. Dann ziehe ich mich wieder diskret in meine Wohnung zurück, um mit meinem verzweifelten Lachen allein zu sein... Heimwegs frei und ohne weitere Belästigungen fortsetzen. Müde und von den Beschwernissen des Tages gezeichnet kletterte ich die Treppen nach oben, betrat meine Wohnung und ließ mich kurz darauf erschöpft in meinen Schaukelstuhl sinken.

Ich hatte ja gleich gewusst, daß es keine gute Idee war, meine Wohnung zu verlassen. Die Welt da draußen ist einfach unberechenbar, und Realität ist etwas für Leute, die nicht mit Spielen zurechtkommen. Ich beschloß, mein Heim fortan nicht mehr zu verlassen und mich ganz dem Computerspielen hinzugeben. Und falls ich doch noch einmal mein Appartment verlassen sollte und mich dann jemand fragt, ob ich weiß, wo es Trollblut zu finden gibt, drehe ich ihm zügig, aber ohne ungesunde Hast den Hals um. Dann ziehe ich mich wieder diskret in meine Wohnung zurück, um mit meinem verzweifelten Lachen allein zu sein...