Als CCP 2008 die Pilotenlizenz PLEX erfand und mit ihr die Möglichkeit, die Abogebühr für EVE Online im Spiel handelbar zu machen, wussten die Entwickler noch nicht so recht, welche Folgen das alles haben würde. Und selbst jetzt, wo Blizzard das System in World of Warcraft einführt, ist längst nicht absehbar, was passieren wird.

In den virtuellen Welten geht es bisweilen ein wenig zu wie in der echten Welt. Die einen ackern ihr Leben lang wie blöde und sind doch ständig arm wie eine Kirchenmaus. Die anderen hingegen legen hier und da den richtigen Schalter um und bringen es zu unermesslichem Reichtum, wissen gar nicht mehr, wohin sie ihr Geld noch stecken sollen.

Warum also, so dachte man sich 2008 bei CCP, unterbreitet man den superreichen Spielern nicht einfach ein unschlagbares Angebot, bei dem ihr virtuelles Vermögen in einen realen geldwerten Vorteil umgewandelt werden kann - konkret in eine Monatsmitgliedschaft. Die Pilotenlizenz PLEX war geboren, die jemand mit wenig Talent oder Zeit für harte Währung vom Publisher kaufen und gegen ein stolzes, virtuelles Sümmchen im Spiel verticken kann.

Ich kauf mich reich

Wie stolz, das bestimmen Angebot und Nachfrage auf dem dynamischen Markt von New Eden - zudem die PLEX nicht nur gehandelt, sondern auch transportiert werden kann und muss - angesichts der Piraterie ein nicht immer ganz risikofreies Unterfangen und ein weiteres Puzzlestückchen, das sich prima in eine ohnehin schon sehr komplexe Welt eingefügt hat.

Denn nicht nur die Spieler profitierten von der Pilotenlizenz, sondern auch der Publisher, der seinen Kunden plötzlich die Möglichkeit bot, virtuelle Währung für reales Geld zu erwerben, ohne auf die Dienste der Farmerbanden und dubiosen Händler zurückgreifen und eine Sperrung des Accounts riskieren zu müssen. Die illegalen Aktiviäten nahmen ab, CCPs Einnahmen zu, ganz ohne dafür virtuelle Währung drucken und eine Inflation riskieren zu müssen. Die Credits werden schließlich nur von einem Spieler zum anderen geschoben.

Wiped! - Die MMO-Woche - Das Free-to-Play-Märchen

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In EVE Online ist aller Reichtum vergänglich und wer nicht aufpasst und über seine Verhältnisse lebt, kann ganz schnell wieder bettelarm sein.
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Die große Angst vor der Inflation

Kein Wunder also, dass mittlerweile auch andere Publisher auf den Zug aufgesprungen sind und versuchen, die PLEX-Mechaniken für sich zu nutzen. Trion tut das bei ArcheAge und Rift, Perfect World bei Neverwinter und Star Trek Online und Infernum bei Dragon’s Prophet. Funktioniert haben sie in diesen Titeln allerdings nie so richtig.

Packshot zu World of WarcraftWorld of WarcraftErschienen für PC kaufen: ab 59,99€

Das liegt weniger am System selbst als an der Struktur von EVE Online. In einer Welt, in der jedes noch so teure virtuelle Vehikel vergänglich ist, hat eine Währung Bestand und Bedeutung. In einer Welt hingegen, in der jeder Gegenstand ewig hält und jede Sekunde Zigtausende von Waffen, Kleidungsstücken und Gold neu hinzukommen, herrscht von Natur aus Inflation.

Der Kunde ist König - und nur der!

So auch in World of Warcraft, das aktuell jetzt ebenfalls ein solches System samt WoW-Marken bekommen hat. Mit denen will Blizzard in erster Linie den Farmern, die man viel zu lange stillschweigend in Azeroth geduldet hat, weil sie Geld einspielen und in einer instanzierten Welt nicht sonderlich auffallen, die Geschäftsgrundlage entziehen.

Wer sich also gefreut hatte, kostenlos in World of Warcraft einsteigen zu können, wird enttäuscht sein. Anders als bei EVE Online, wo man zum Ankauf und zur Aktivierung von PLEX für zumindest vier Stunden kostenlos auf seinen Account zugreifen kann, lässt sich die WoW-Marke nur aktivieren, wenn man ein laufendes, also bezahltes Abonnement hat.

Kampf gegen Monster und Windmühlen

Weiterhin wage ich zu prognostizieren, wird der Preis für die Marken, der nach einer Anlaufzeit von Angebot und Nachfrage bestimmt sein, binnen kürzester Zeit explodieren. Ein Spieler, der sich die Marken im Spiel verdienen will, wird sich bald fühlen wie ein Hamster, der Stunde um Stunde im berühmten Rad schuftet, ohne auch nur einen Millimeter voranzukommen.

Wer seinen Account mit den geldwerten Marken betreiben will, wird um den Einsatz illegaler Bots nicht herumkommen, denn genau die werden von der riesigen Konkurrenz am Markt genutzt. Doch vielleicht kommt auch alles ganz anders und Blizzard Entertainment zieht noch ein Ass aus dem Ärmel, mit dem sich das System tatsächlich auf eine Themepark-Welt transferieren lässt. Wetten wollen würde ich darauf allerdings nicht.

Black Desert - die Hiobsbotschaft

Ebenfalls nicht mehr wetten würde ich auf das eigentlich unglaublich vielversprechende südkoreanische MMORPG Black Desert. Das hat in den letzten Wochen vermehrt für Schlagzeilen gesorgt, weil die Entwickler schwere Eingriffe vorgenommen und einige der Sandbox-Mechaniken radikal beschnitten haben, ohne sich zu erklären.

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Die Erklärung wurde mittlerweile jedoch nachgereicht und sie ist ein harter Schlag für die Community: Die Vorlieben der Nutzer habe sich in den letzten Jahren zusehends in Richtung mobiler Umgebungen verlagert, so ein Vertreter von Pearl Abyss. Es gebe eine Menge Gelegenheits- und “Light”-Spieler und man müsse liefern, wonach die Spieler fragten.

Keine Sandbox also, sondern ein MMO mit Browser- und Handygame-Mechaniken, mit endloser Farmerei und wundervollen Möglichkeiten, sich und seinen Besitz nach oben zu pushen - für ein Taschengeld, versteht sich. Kurz: Black Desert ist über Nacht vom Traum zum Albtraum geworden. Zwar verspricht man bei Pearl Abyss, die Version für den Westen den hiesigen Bedürfnissen anzupassen - doch wer wagt daran noch zu glauben?

The Elder Scrolls Online - unschlagbare Angebote - auch hier im Dungeon!
Ebenfalls auf die Fans gehört hat man jetzt bei ZeniMax - allerdings mit einem etwas anderen Resultat als bei den südkoreanischen Kollegen und ihrem Black Desert. Für die Umstellung von The Elder Scrolls Online auf Pay-to-Play und die bessere Vermarktung zusätzlicher Angebote hatten sich die Entwickler nämlich eine tolle Strategie überlegt: Werbeeinblendungen in hübschem Gelb, mitten ins Bild.

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Abtauchen in die virtuelle Welt? Kaum möglich, wenn man nervige Werbeeinblendungen vor die Nase geklatscht bekommt.
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Es passiere ja nur einmal am Tag, so die Entwickler - auf mehrsprachigen Servern allerdings auf Deutsch, Englisch und Französisch - man möchte schließlich auch jeden Spieler erreichen. Die allerdings revoltierten und zwangen die Entwickler, die überaus skurrile Idee wieder zu verwerfen - zumindest vorerst, denn irgendwie und irgendwo wird man den Sencheleoparden und seine Freunde ja in Zukunft anpreisen wollen.

Triad Wars - Sleeping Dogs light?

Ein eher negatives Feedback bekommen derzeit auch die Entwickler von Triad Wars. Dass der Nachfolger von Sleeping Dogs kein echtes MMORPG mehr werden soll, hat die Community zwar noch halbwegs gut weggesteckt - für die derzeitige Umsetzung des Spiels allerdings hagelt es von allen Seiten Kritik.

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In seiner jetzigen Form könne das Spiel kaum mit der Vorlage mithalten. Es fehle an Koop-Möglichkeiten und dem Spiel mangele es an der Möglichkeit, für eine Onlinewelt bedeutsame Ziele zu erreichen. Von einem PvP-System fehlt gar jede Spur. Insgesamt wirkt Triad Wars wie eine weichgespülte Version von Sleeping Dogs.

GTA V - echt angesagt

Gerade im Hinblick auf das aktuell auf dem PC gestartete GTA V dürfte es Triad Wars richtig schwer haben. Rockstar hat seinem Namen nämlich mal wieder alle Ehre gemacht und stürmt mit seiner jüngsten Darbietung in die PC-Charts. GTA V ist derzeit richtig angesagt - und zwar bei Liebhabern aller erdenklichen Genres.

Dazu gehören auch und gerade MMO-Fans, die im Online-Modus von GTA V derzeit mehr MMORPG entdecken als in den meisten “echten” Genrevertretern. Eine stimmungsvolle Welt, die zu allen erdenklichen Schweinereien einlädt, ohne Level-Kurve, Item-Hatz und Endgame-Grinding. Wenn man jetzt noch ein paar Möglichkeiten von Clankriegen samt territorialer Kontrolle einbaute, wäre der Spielspaß auch über Monate hinweg gesichert. Eine absolute Steilvorlage für alle MMO-Entwickler.

Elite: Dangerous - der Wunsch nach Bedeutsamkeit

Was virtuelle Macht und Kontrolle betrifft, so ist auch Elite: Dangerous derzeit noch gewaltig ausbaufähig und -bedürftig. Umso erfreulicher, dass sich die Entwickler genau diesen Bereich vorgeknöpft haben. Sie nennen es das “Powerplay System” und es soll den Spielern ermöglichen, sich verschiedenen Mächten anzuschließen und für sie zu arbeiten.

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Dabei hat jede Fraktion ihre eigenen Regeln und Werte und der Kampf ist längst nicht die einzige Möglichkeit, zu Ruhm, Ehre und territorialer Macht zu gelangen. Elite: Dangerous war im vergangenen Jahr als solide, aber recht rudimentäre Raumschiff- und Weltraum-Simulation gestartet, die nun Stück für Stück mit tiefgreifenderen Mechaniken versehen wird - aktuell einem anspruchsvollerem System zur Erzförderung.

Obwohl das Spiel ohne Monatsgebühr betrieben wird, ist es ein finanzieller Erfolg. Kultentwickler David Braben musste seine Erwartungen bereits mehrfach nach oben korrigieren und rechnet jetzt mit Einnahmen von über 22 Millionen Pfund bis zum Jahresende. Ein ordentliches Sümmchen, das dem Indie-Studio helfen wird, das Spiel weiter auszubauen.

Camelot Unchained - der Rubel rollt weiter

Ebenfalls gut aufgestellt ist man bei City State Entertainment, wo man mit Camelot Unchained derzeit ein erweitertes Ziel nach dem anderen erreicht. Und nachdem man sich zuletzt ein paar neue Entwickler geleistet hat, sollen die nächsten Crowdfunding-Einnahmen wieder in das Spiel direkt fließen - konkret in eine neue Art von Begleiter, namentlich “Spirit Pets”.

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Die hätten die Möglichkeit, über den Boden und auch durch Objekte zu gleiten und seien deshalb recht kostengünstig ins Spiel zu bringen, so Chefentwickler Mark Jacobs. Trotzdem steckten tiefgreifende Möglichkeiten in ihnen und man könne sie als stationäre Verteidiger einsetzen, als Helfer beim Craften, als Kundschafter oder als Waffe, die Seuchen und Dunkelheit über die Feinde bringt.

Obwohl Camelot Unchained als reines PvP-Spiel von vornherein für ein Nischenpublikum entwickelt wird, scheint das Interesse groß genug. Der aktuelle Crowdfunding-Zähler steht auf über 3,3 Millionen Dollar - eine Million mehr als nach Abschluss der Kickstarter-Kampagne. Das nächste Ziel, besagte “Spirit Pets”, gibt es dann bei rund 3,4 Millionen Dollar.

Ausblick

Klingt wenig, ist jedoch eine Menge Geld, wenn man nicht gerade zu den 25 Riesen zählt, die 65 Prozent des gesamten Umsatzes der Branche - stolze 83,6 Milliarden Dollar - unter sich aufteilen dürfen. Allen voran ist das Riot-Eigner Tencent, gefolgt von Sony, Microsoft, Electronic Arts und Activision Blizzard. Doch die Indie-Szene hat uns mittlerweile gelehrt, dass Spielspaß eben nicht mit Milliarden von Dollar zu erschaffen ist, sondern aus kreativen Prozessen heraus entsteht. Doch das ist ein anderes Thema und soll ein andermal erzählt werden.