Die Ankündigung ist schon sechs Jahre her, doch noch immer hüllt man sich beim Publisher CCP in Bezug auf sein Vampire-MMOG World of Darkness in Schweigen. Auf dem EVE-Fanfest in Reykjavík ging ich daher unter Einsatz meines Lebens auf die Suche nach ein paar neuen Puzzleteilen zum mysteriösen Projekt, die sich jetzt endlich mit den bisherigen Infobrocken zu einer ersten Vorschau zusammenfügen lassen.

"Hey, Dude - will you stop it!?", raunte mir der muskelbepackte Zweimeterhüne während der Präsentation zu World of Darkness im Harpa in Reykjavík mit finsterster Miene zu, weil ich verbotenerweise noch immer meine Kamera in den Händen hielt.

Widerspruch war zwecklos - dabei wollte ich doch gar nicht das angekündigte Video filmen, sondern nur den eindringlichen Warnhinweis auf der Leinwand.

For your eyes only!

CCP meinte es tatsächlich ernst. Man würde einen ersten Trailer mit echten Ingame-Szenen präsentieren. Allerdings war man gewillt, jegliche Versuche, Filmaufnamen oder Fotos davon zu machen, von vornherein zu unterbinden - notfalls mit Gewalt. Um das zu unterstreichen, ließ man eigens die stärksten der isländischen Entwickler durch die Reihen patroullieren, deren geschärfte Sinne jede Kamera und jedes Smartphone schon aus der Entfernung zu erahnen schienen.

Und so blieben mir bei der Zusammenfassung der wichtigsten Fakten rund um das sehnlichst erwartete Spiel nur meine unzähligen Notizen, die ich in der absoluten Dunkelheit des Saals und vollkommen anachronistisch mit Bleistift auf Papier kritzeln musste, sowie die vielen Gespräche, die ich mit mindestens schlaftrunkenen Entwicklern geführt habe.

World of Darkness - Wir bringen Licht ins Dunkel

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Kamera aus, Handys weg - CCP stellte extra ein paar kampfstarke Wikinger ab, um das Verbot durchzusetzen.
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Anderer Kontinent, gleiche Philosophie

Und die bestätigen, was nach all der Geheimniskrämerei schon vorsichtig angezweifelt worden war: World of Darkness befindet sich nach wie vor in der Entwicklung, wenngleich mit deutlich reduzierter Mannstärke. Während manch ein CCPler auf dem Fanfest von 80 aktiven Entwicklern sprach, die an dem Spiel arbeiteten, hieß es von anderen, es seien lediglich 70.

Packshot zu World of DarknessWorld of DarknessRelease: PC: 2012 kaufen: Jetzt kaufen:

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen - wenn auch die Vorzimmerdame oder das Reinigungspersonal hin und wieder mal eine gute Idee mit einbringen. Zuzutrauen wäre CCP so etwas nämlich durchaus, denn wenngleich World of Darkness nicht in Island, sondern in einem eigenen Studio in Atlanta entwickelt wird, scheint es in Sachen Arbeitsweise, Philosophie und Freiheit der Entwickler doch keinen großen Unterschied zu geben.

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Damit wenigstens etwas halbwegs zum Spiel Passendes hier drin ist..
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Wozu all der Wirbel?

Auf jeden Fall ist das Team noch immer nicht groß genug, um ein solch passioniertes Spiel komplett zu stemmen. Auch das bestätigten mir die Entwickler und erklärten, dass man sich noch immer in einer frühen Phase der Entwicklung befinde und sich vorwiegend technischen Dingen widme. Doch warum, so mag man sich fragen, präsentierte CCP dann überhaupt World of Darkness auf einer eigenen Veranstaltung?

Einerseits ist das den Spielern von EVE Online geschuldet, von denen längst nicht alle gleichermaßen begeistert von dem Projekt sind. Die Weltraum-Sandbox hat ihres Erachtens nach nichts mit Vampire: The Masquerade zu tun, und wer auch immer ein solches MMOG entwickeln möchte, soll das tun - jedoch nicht mit den Erträgen aus EVE Online.

Hohe Kosten, großer Nutzen?

Diesen Kritikern möchte CCP zumindest ansatzweise zeigen, dass ihr Geld nicht verschwendet ist, weil man für World of Darkness ebenfalls die in EVE verwendete, hauseigene Engine nutzt, ausbaut und man in Island auf alle in Atlanta entwickelten Technologien Zugriff hat. Spätestens wenn man die mit der EVE-Erweiterung Incarna eingeleiteten Möglichkeiten rund um Avatare wieder aufgreift, wird die Weltraum-Sandbox einen Teil dessen zurückbekommen, was in World of Darkness investiert wurde.

Erst das Spiel, dann die Welt. Bei CCP kennt man das Rezept für gute MMOGs.Ausblick lesen

Andererseits scheint es aber auch so, als untertreibe CCP bisweilen, wenn es um die Fortschritte des Vampire-MMOGs geht. Auf dem Fanfest stellte man vor allem diverse Werkzeuge vor, mit denen sich Wettereffekte, Mauerwerk und realistische Fensterbeleuchtungen generieren lassen. Die Stimmung, so ein Entwickler, sei für ein Spiel wie World of Darkness ein unglaublich wichtiges Element.

Das Leben im Häuserwald

Denn anders als gängige MMOGs spielt World of Darkness nicht irgendwo in der Natur. Vampire leben nicht länger in den Wäldern von Transsilvanien, in die sich hin und wieder mal ein paar verrückte Touristen oder Wissenschaftler samt Assistenten verirrten. Der moderne Vampir lebt dort, wo es genügend Futter gibt: in den Metropolen, den Großstädten.

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World of Darkness ist eine riesige Welt - allerdings darf man für längere Strecken auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen.
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Dort können sie ihre Kräfte voll ausspielen, die Sterblichen als Ressourcen nutzen und die Gebäude als Lebensraum, der sich nicht nur auf horizontaler Ebene vor ihnen ausbreitet, sondern auch auf vertikaler. Wie mir ein Entwickler versicherte, wird sich das virtuelle Leben in World auf Darkness über alle Ebenen einer Großstadt erstrecken.

Befreie deinen Geist!

Im wie erwähnt streng geheimen Trailer bekamen die Anwesenden während der Präsentation einen ersten Eindruck davon, wie das in etwa im fertigen Spiel aussehen wird. Auf ihrem Weg durch die Großstadt stillt die ausgesprochen hübsche Protagonistin ihren Durst an einem paar Sterblichen, beobachtet das muntere Treiben in einem Straßencafé, lehnt sich im Vorbeigehen kurz über eine Brüstung, um dann mit einem beherzten Sprung, den Trinity nicht besser hinbekommen hätte, auf dem gegenüberliegenden Dach zu landen, wo sie von ein paar mutmaßlich feindlichen Vampiren gestellt wird.

Und könnte man tatsächlich vom Trailer auf das fertige Spiel schließen, stünde jetzt schon fest, dass World of Darkness alle anderen MMOGs grafisch und atmosphärisch in den Schatten stellt. Nicht nur sehen die Charaktere ausgesprochen lebensecht aus - sie bewegen sich auch realistisch und scheinen über eine rudimentäre KI zu verfügen, die sie veranlasst, ihr eigenes kleines Avatar-Leben zu führen.

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Wer wissen möchte, wie die Charaktere in World of Darkness aussehen, muss sich nur die Avatare in EVE Online anschauen.
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Mächtige Avatare

Und während Letzteres noch in den Bereich der Spekulation reicht, ist die hohe grafische Qualität durchaus zu erwarten - immerhin hat CCP schon mit dem umstrittenen Incarna-Update für EVE Online den Grundstein dafür gelegt und den mit Abstand umfangreichsten und optisch überzeugendsten Charaktergenerator der Branche in ein Spiel eingefügt, das sich eigentlich gar nicht um Avatare dreht, sondern um Raumschiffe.

In World of Darkness hingegen geht es umso mehr um virtuelle Sterbliche und Unsterbliche, da das Spiel ein weit größeres Augenmerk auf Rollenspiel legt als die Weltraumsimulation. Deswegen will man es bei CCP auch nicht als reines Sandbox-MMOG verstehen. Vielmehr sollen drei Teilbereiche verschmolzen werden: die beiden klassischen, Themepark und Sandbox, sowie der eigens erdachte 'Coffeeshop', der völlig neue Möglichkeiten sozialer Interaktion schaffen soll.

Die Sucht nach Blut

So weit ist man bei CCP allerdings längst nicht, hat man sich bislang doch vornehmlich auf den Sandbox-Anteil des Spiels konzentriert, der quasi das Herz von World of Darkness darstellt. Dieser Teil, der wohl vorwiegend aus PvP-Mechaniken besteht, ist sogar schon so weit gediehen, dass er von allen CCP-Mitarbeitern intern gezockt wird - einige davon, so heißt es, seien bereits süchtig geworden und hätten auf der Jagd nach Blut Hunderte ihrer Kollegen auf dem Gewissen.

Was auch kein Wunder ist, denn der Lebenssaft ist nicht nur überlebenswichtig für die Blutsauger, er dient gleichzeitig als Währung und sichert den Prinzen und ihren Gefolgsleuten die Macht innerhalb der Großstadt, in der der virtuelle Tod wohl auch permanent sein kann, wenn man töricht genug ist, nicht entsprechend vorzusorgen.

Soft-Skills gefragt

Überhaupt werden törichte und unreife Spieler wenig Freude mit World of Darkness haben. Das MMOG wird nicht nur augenscheinlich für ein erwachsenes Publikum entwickelt - CCP räumt auch offen ein, dass man als Spieler, was Blut, Gewalt und Sex betrifft, nicht unbedingt zimperlich sein darf. World of Darkness, so die Entwickler, sei eine Welt, die "Emotionen in uns wecken soll" und dabei mit "Geheimnissen, Romantik, Macht und Gefahren" spiele.

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CCP beschäftigt mittlerweile neben einem Wirtschaftswissenschaftler auch einen Modedesigner.
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Das beinhaltet auch, dass es nicht unbedingt der stärkste, skrupelloseste und blutrünstigste Vampir an die Spitze schaffen wird, denn viel wichtiger als kämpferische Talente soll ein ausgeprägtes Gespür für diplomatische und politische Verstrickungen sein, die in einer von Vampiren gelenkten Gesellschaft zum Alltag gehören. Und wer Vampire nicht mag, wird sich zwar ohnehin kaum World of Darkness interessieren, darf jedoch auch in die Rollen eines Menschen schlüpfen. Welch Konsequenzen das auf das Spiel haben wird, ist allerdings noch nicht bekannt.

Frauenquote

Bekannt ist hingegen, dass CCP neben dem atmosphärischen Städtebau auch großen Wert auf Mode und die Ästhetik der Kleidung legt, für deren Gestaltung eigens ein Modedesigner verpflichtet wurde. Und wenn Vampire, Cafés und Mode aufeinanderprallen, liegt nahe, welche noch immer vernachlässigte Zielgruppe CCP mit World of Darkness ins Visier genommen hat: die Damenwelt.

Und die ist, mit Verlaub, zumindest zahlenmäßig noch nicht ganz so stark im Genre vertreten und soll deswegen, wie alle neuen Spieler, einen einsteigerfreundlichen Zugang zu World of Darkness bekommen - wobei erfahrene Sandbox-Spieler und -Entwickler wissen, wie schnell aus einem Casual-Gamer ein Hardcore-Zocker werden kann, der die sicheren Zonen der Stadt, die es auf jeden Fall geben soll, meidet wie der Vampir das Sonnenlicht.

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Die Hiobsbotschaft

Und wer nun glaubt, dass World of Darkness angesichts all dieser Informationen bereits kurz vor seiner Vollendung stünde, der irrt gewaltig. Obwohl CCP den Sandkasten als Kern des Spiels sowie die Technik weitgehend entwickelt hat, fehlt noch immer die Welt drumherum. Um die zu bauen, benötigt man weit mehr als 70 oder 80 Mann. Und man braucht Zeit, viel Zeit.

Und so kam, nach all den guten Nachrichten rund um den verstörend vielversprechenden Titel, was kommen musste - die Hiobsbotschaft: World of Darkness wird mit Sicherheit nicht im kommenden Jahr erscheinen. An eine Veröffentlichung ist frühestens 2015 zu denken - eher noch später. Den Anhängern auf dem Fanfest allerdings ist das egal. Sie sind sich einig: "Wir warten seit sechs Jahren auf dieses Spiel - jetzt kommt es auf zwei Jahre mehr auch nicht mehr an".