Wenn das Ende naht, fallen einem so viele Dinge ein, die man gerne noch erlebt oder gesehen hätte. Insbesondere wir Freunde der gepflegten MMOG-Unterhaltung hatten noch tausend Wünsche und hätten es vor dem Armageddon wahrlich verdient gehabt, ein letztes Mal tief in eine authentische, virtuelle Welt abzutauchen. Doch was jammern wir hier eigentlich - wenn Wiped! erscheint, ist ohnehin schon alles vorbei.

Und das hat durchaus gewisse Vorteile. Wenn mir niemand mehr zuliest, brauche ich weder Rücksicht auf die Rechtschreibung noch auf die Befindlichkeiten mancher Fangruppen zu nehmen, die sich bis zuletzt beharrlich gegen die Erkenntnis zur Wehr gesetzt haben, dass die von ihnen bevorzugten Spiele digitaler Murks sind und ihnen die virtuellen Herausforderungen darin auch nicht mehr Skill abverlangen als eine durchschnittliche Farm auf Facebook.

Ackerland ist ausgebrannt

Für deren Produzenten kommt der Weltuntergang wahrscheinlich ebenso gelegen, steht doch der wirtschaftliche Zusammenbruch im Casual-Gewerbe ohnehin kurz bevor. Zumindest benötigten die Vertreter auf einem aktuellen Branchengipfel keinen Maya-Kalender als Depressionsgrundlage - ihnen genügte ein Blick auf die aktuelle Bilanz.

Nur noch zehn Prozent von den 50 Milliarden, die in digitale Spiele geflossen sind, stammten von den Casual-Inhalten, also Social- und Mobile-Games, erklärte ein Branchenvertreter und gestand vor versammelter Casual-Jüngerschaft ein, dass das damit verknüpfte Virale Marketing nicht länger funktioniere. Der Profit sei künftig anderswo zu suchen - nämlich bei Leuten, die sich selbst als “Gamer” definierten.

Spiele für die Zielgruppe der echten Spieler und abseits der ewig likenden Kuschelcommunity von Facebook zu entwickeln - ein fast absurder Gedanke, den Zynga und Konsorten nun - Armageddon sei Dank - nicht mehr in die Tat umsetzen können. Gar nicht auszudenken, wie die postapokalyptische Farmville-Sandbox für Hardcore-PvP-Bauern im Browserfenster ausgeschaut hätte.

Portalarium - Arbeitslos bis ans Ende aller Tage

Ausgesprochen schlecht ausgesehen hätte wohl auch das Spiel von Urgestein Richard Garriott, ehemaliger Monarch von Britannia und Verräter an der eigenen Idee einer komplexen Sandkastenwelt. Auch hier ist Bruder Armageddon dem Absturz der Casual-Verheißung zuvorgekommen und Garriott darf - entgegen aller Vorzeichen - bis zur letzten Stunde an den unaufhaltsamen Erfolg von Portalarium glauben.

Senior Programmer Paul Evans tut das hingegen längst nicht mehr, sondern twittert ein paar Tage vor Weltenende noch tapfer, dass Garriotts Studio Mitarbeiter entlassen habe und er nicht nur einer von ebendiesen sei, sondern dass ihn die ganze Sache gehörig überrascht habe. Und so bedauerlich das für den Mann und seine ehemaligen Kollegen auch ist - hätte er regelmäßig Wiped! gelesen, wäre die Überraschung nur halb so gewaltig ausgefallen.

The WarZ - Wie gewonnen, so zerronnen

Doch bleiben wir gleich beim Scheitern. The WarZ, der als persistent angekündigte erste Ableger von Erfolgs-Mod DayZ, hat uns die letzten Stunden unseres Zockerlebens nicht versüßt. Im Gegenteil - wir beenden unsere Existenz frustriert und um 15 Euro ärmer. Geld, das wir in ein Spiel investiert haben, dessen angeblichen Features auf all jene, die noch vor der Endzeit Gelegenheit zum Endzeit-Zocken hatten, wie ein schlechter Scherz gewirkt haben müssen.

Anders als versprochen ist das Spiel mit 50 Mann auf dem Server sicher kein MMOG, bietet nichts, was seine Vorlage nicht auch böte, dafür dann aber jede Menge Bugs - bis hin zur Unspielbarkeit. Das alles wäre wohl halb so wild, wären da nicht die falschen Angaben des Herstellers im Shop-System von Steam gewesen, die nicht nur für Verwirrung sorgten, sondern auch für rechtliche Querelen, da sich die Käufer getäuscht sehen.

“Überwältigende Abneigung”

Das Ergebnis: Eine Userbewertung von verheerenden 1.1 Punkten auf “metacritic” - in Worten eine “Überwältigende Abneigung” der Spielerschaft gegenüber WarZ. Valve hat das mangelhafte Produkt vorerst entfernt und scheint auch bereit, den Kaufpreis zurückzuerstatten. Für den Händler kein großes Problem - für den Hersteller allerdings schon, denn Hammerpoint wird dafür aufkommen müssen und nach anfänglicher Freude über die üppigen Verkäufe wird nicht mehr viel vom einstigen Traum übrig bleiben.

Der Schaden, der dem Genre damit entstanden ist, scheint so groß zu sein, dass es selbst DayZ-Schöpfer Dean Hall depremiert. So sehr sogar, dass der Designer “ernsthaft darüber nachdenkt”, ob er überhaupt etwas mit der Spieleindustrie zu tun haben möchte. Dabei lässt er allerdings offen, ob er auf die Macher von WarZ anspielt, auf Valve als Händler oder gar auf die revoltierenden Spieler.

Star Citizen vs Elite: Dangerous - Beide wichtig!

Auch Chris Roberts, hatte einst eine solche Depression, die dazu führte, dass er der Branche den Rücken kehrte und ein paar gar nicht mal schlechte Filme produzierte. Doch niemand schafft den Ausstieg, der einst ein Gamer gewesen war - nicht Roberts, nicht Richard Garriott, nicht Peter Molyneux noch David Braben.

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Ohne den Weltuntergang müsste letzterer noch immer um seine Finanzierung auf Kickstarter bangen und hat deswegen rein prophylaktisch schnell noch vor dem Ende einen ersten echten Trailer rausgehauen. Knapp 870.000 Pfund sind bislang eingegangen - knapp 380.000 fehlen noch - bei 13 theoretisch verbleibenden Tagen ein knappes Ding.

Zwei Wege, ein Gedanke

Und weil es so knapp wird, meldete sich jetzt ausgerechnet Chris Roberts zu Wort, der sich mit seinen über sieben Millionen eingespielten Kickstarter-Dollar immerhin noch ein paar schöne Tage machen konnte. Auf der offiziellen Seite von Star Citizen legt Roberts seinen Fans jetzt gleich zwei Kickstarter-Projekte ans Herz: Peter Molyneux’ neue Götterspeise GODUS sowie David Brabens Elite: Dangerous.

Das sieht er nämlich nicht als Konkurrenz zu seinem eigenen Spiel, sondern als eine Bereicherung fürs Genre - ebenso wie die X-Wing Spiele damals keine Konkurrenz zu Wing Commander gewesen seien. Die Welt sei groß genug für zwei hochwertige Space-Sims und Braben, dessen Urversion Elite er damals selbst gespielt habe, nähere sich der Thematik von einer ganz anderen Richtung, indem er eine komplette Galaxis vom Computer generieren lasse, statt wenige Systeme von Hand, wie Roberts das tun möchte.

ArcheAge und Age of Wulin - Mehr Verständnis im Sandkasten

Und wie sich das zum Weltenende gehört, dürfen auch ein paar Wermutstropfen vergossen werden. In Bezug auf ArcheAge zum Beispiel, dessen Entwickler bis zum Untergang noch an einer englischen Version des Spiels gesessen haben, was gleichzeitig bedeutet, dass auch wir Europäer früher oder später garantiert in den Genuss gekommen wären, in der Sandbox zu buddeln.

Oder auch was Age of Wulin betrifft, das in diesen Tagen beim US-Publisher Snail Games unter dem Namen Age of Wushu die erste geschlossene Betaphase durchläuft und dabei nicht nur schlechte Kritiken eingeheimst hat, sondern auch einige äußerst gute.

Zwar gehöre das Spiel, da sind sich die meisten Kritiker einig, nicht gerade zu den benutzerfreundlichsten, sei noch nicht solide genug übersetzt und gerade am Anfang recht schwierig zu durchschauen und holprig zu spielen - habe man sich aber erst mal in die Mechanik eingefuchst, erwarte einen eine durchaus positive Überraschung und mehr Tiefgang, als man das von den meisten anderen Titeln am Markt behaupten könne - so der Tenor der Tester.

Defiance - Turbulente Zeiten

Doch all das werden wir nicht mehr erleben - auch nicht die Beta von Trions MMO-Shooter Defiance, für die jetzt ein eigener Trailer wirbt. Ganz überzeugend ist der Film allerdings nicht und gerade im Hinblick auf die gleichnamige Fernsehserie hätte man durchaus etwas mehr Wert auf eine überzeugende Verkleidung und authentische Schauspieler legen können.

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Doch vielleicht hat Trion in diesen Tagen auch ganz andere Probleme, denn so wirklich eingeschlagen ist Storm Legion, die erste Erweiterung zu Rift, nicht. Zudem musste der Publisher dem Studio Petroglyph zu Hilfe eilen, weil man dort offensichtlich gewaltige Fehler beim Design des Echtzeitstrategie-MMOGs End of Nations festgestellt hat.

Als Folge schwappte - erstmals in der bislang so erfolgreichen Firmengeschichte - eine größere Entlassungswelle über Trion Worlds hinweg, von der wohl keiner der drei Titel unberührt bleiben wird. Und insbesondere bei Rift stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage, ob und wann Trion nicht mehr umhin kommen wird, auf die Abopflicht zu verzichten.

The Secret World - Ab in den Bunker!

Bei Funcom hat man das gerade erst getan und, beflügelt durch entsprechende Ankündigungen auf der Plattform Steam, scheint The Secret World zum Weihnachtsgeschäft tatsächlich gehörig zuzulegen. Das Spiel ist zumindest besser besucht denn je. Doch klar - letztlich spielt auch das keine Rolle mehr, wenn in wenigen Stunden die Welt untergeht.

Zeit also für Lead Designer Joel Bylos sich von seinem Team zu verabschieden und noch einmal den Supermarkt aufzusuchen, um sich dort mit den wichtigsten Werkzeugen im Kampf gegen die nahende Endzeit zu rüsten - ob sie nun in Form von Zombies, super-infektiösen Ratten oder Herpes über uns hereinbricht.

Und genau das werde auch ich jetzt tun, bevor ich mich in meinen gemütlichen Bunker begebe und das Ende der Welt bei einer gepflegten Runde DotA 2 über mich ergehen lasse - in der Hoffnung, im Falle des Armageddon nicht als Leaver gebrandmarkt zu werden.

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