Wenn es um unser liebstes Hobby geht, sind wir Online-Spieler durchaus schon mal nachtragend. Ob wir nun von der Story eines Titels entäuscht wurden, vom Support oder von all den falschen Versprechungen im Vorfeld - die Spiele mancher Publisher Studios oder Entwickler rühren wir einfach nicht mehr an. Zumindest behaupten wir das - bis die nächste Kickstarter-Kampagne kommt.

Vor einigen Monaten war die Crowdfunding-Plattform Kickstarter noch eine kultige Nischenerscheinung - ein Tummelplatz für die Außenseiter der Entwicklerzunft, für unbekannte Talente und Modder, die mit einem etwas schwungvollerem Anlauf in die Branche springen wollten und dabei nicht auf die Unterstützung der Publisher setzen konnten.

Millionenschwere Lawine

Doch dann lösten einige Projekte eine Lawine aus, die seither mit zunehmender Wucht ins Tal donnert. Chris Roberts hat sie unterwegs mit den über 8,3 Millionen Dollar verstärkt, die ihm die Community zugesteckt hat. Aber auch David Braben ist dabei und unzählige andere mehr oder weniger bekannte Namen einer Branche, in der die entwickelnde Zunft ihrer vollkommenen Abhängigkeit von der destruktiven Publisher-Gilde überdrüssig geworden scheint.

Dabei finden sich die Unterschiede zwischen abhängigen und unabhängigen Studios oft nur im Detail. So sind die Publisher gemeinhin nicht bereit, ihrer Ansicht nach riskante Design-Entscheidungen zu tragen. Zudem sorgen sie für Termindruck, halten etwaige Zwischenergebnisse zurück und zwingen frühe Tester, eine äußerst unbeliebte Verschwiegenheitserklärung zu unterzeichnen.

Der erste Avatar

Letzere braucht ein Studio wie das von Chris Roberts nicht. Der Altmeister der Space-Simulationen und seine Teamkollegen chatten und diskutieren offen mit den Fans, streamen aus dem Studio und laden einen Entwurf nach dem anderen auf die Publisher-freie Webseite. Aktuell können die Fans einen Blick auf den ersten Avatar werfen, der mit dem Charaktereditor entworfen wurde.

Wiped! - Die MMO-Woche - Weiße Weste

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Garriott will wieder zu seinen Ursprüngen zurück - und eure Millionen.
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Auch wenn es sich um eine frühe Version handelt, lässt sich schon jetzt erahnen, wie detailliert und realistisch die virtuellen Abbilder der Spieler in Star Citizen einmal aussehen werden. Und das ist auch gut so, denn wenngleich das Raumschiff des Piloten liebstes Utensil sein wird, soll er sich doch mit seinem Avatar identifizieren, der insbesondere beim Story-Anteil des Spiels zum Tragen kommen wird.

Ein Avatar ganz ohne weiße Weste
Und noch jemanden war und ist der Avatar schon immer wichtig gewesen: Ultima-Erfinder und RPG-Pionier Richard Garriott nämlich, der sich selbst immer wieder gern als Lord British im Spiel virtualisierte und den Spieler ins Gewand des Avatars steckte. Dass dieser Mann früher oder später ebenfalls auf die Idee kommen würde, via Kickstarter in Erscheinung zu treten, war spätestens in dem Moment absehbar, in dem er Chris Roberts während dessen Livestream im Studio einen Besuch abstattete.

Bislang schien allerdings fraglich, ob es Garriott tatsächlich wagen würde, via Kickstarter Geld von seinen Spielern zu sammeln. Anders als Chris Roberts, der einen eher bescheidenen Eindruck hinterlässt und auch als Entwickler eine überaus weiße Weste behalten hat, ist Garriott ein Lebemann, der in der Vergangenheit nicht nur durch seine überaus fulminanten Partys, sondern auch durch seinen Urlaub auf der Internationalen Raumstation ISS von sich reden machte.

Nie wieder! Na gut - noch ein einziges Mal...

Negativ fällt außerdem ins Gewicht, dass Garriott sein Tabula Rasa auf halber Strecke hat verhungern lassen, nur um sich nach seiner Rückkehr aus dem All von all seinen bisherigen Zielen, Träumen und Fans abzuwenden und seine Seele den Casual-Games zu verschreiben, die er auf öffentlichen Veranstaltungen bis vor kurzem noch ohne Skrupel als die Zukunft der Unterhaltungselektronik anpries.

Kein Wunder also, dass ihm seine Fans scharenweise den Rücken kehrten und versprachen, keinen müden Cent mehr in diesen gescheiterten Entwickler und seine Spiele stecken zu wollen. Zumindest bis vor einigen Tagen, denn kaum hat Garriott sein Kickstarter-Projekt namens Shroud of The Avatar auf der Plattform veröffentlicht, ist die Hälfte der Gesamtsumme von einer Million bereits eingespielt.

Multimillionär sammelt Geld auf der Straße

Doch halt! Eine Million Dollar? Was zum Teufel, fragt sich mancher Fan, hat Garriott mit einer Million vor? Auch nach seiner Landung dürfte der Sternenfahrer und ehemalige Anteilseigner von NCsoft noch genügend Geld im eigenen Säckel haben. Und dann verschlingen ernsthafte Rollenspielprojekte doch sicher mehr als das - oder wird Shroud auf the Avatar etwa ein Facebook-Game?

Offenbar nicht, verspricht zumindest Garriott. Vielmehr möchte er sich jetzt wieder an seine eigene Vergangenheit anknüpfen - an die überaus erfolgreiche und zugegeben großartige Ultima-Serie. Sein Shroud of the Avatar soll deswegen auch kein MMOG im klassischen Sinne werden, sondern eher ein Rollenspiel mit gewissen Online-Möglichkeiten.

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Nicht klotzen, sondern kleckern

Spielen wird es auf einer stilisierten Karte, die ein wenig an die aus Mount & Blade erinnert, in Wirklichkeit aber als Reminiszenz aus der eigenen Vergangenheit von Ultima gedacht ist. Kommt es dann zu wichtigen Begegnungen, blendet das Spiel um, eröffnet quasi eine Instanz, die sich in etwas modernerer 3-D-Ansicht spielt und später wieder betreten lässt - bei Bedarf auch im Koop-Modus.

Überhaupt soll sich der Spieler aussuchen dürfen, ob er SotA als Solo- oder Multiplayer-Game spielen möchte. Außerdem will Garriott das Spiel mit einem Crafting-System abrunden, das nicht als Arbeit ausartet - dazu ein persistentes Housing auf der großen Karte sowie “bedeutungsvolles PvP, das gleichzeitig das ‘Griefing’ minimiert”.

Zwei Seelen in einer Brust

Ganz ehrlich - alles in mir schreit danach, meinem Versprechen treu zu bleiben und diesem Mann nicht mehr zu trauen. Warum konnte er nicht bei seinen Casual-Projekten bleiben und will nun doch wieder bei den Großen mitmischen? Warum konnte er nicht in seiner Portokasse greifen und fragt nun uns nach unseren Ersparnissen für seine verrückten Pläne?

Und doch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich auf der Kickstarter-Seite nach dem Stand der Dinge schaue, wie in mancher Stunde fast 10.000 Dollar ins Projekt fließen, wie manche Unterstützer 10.000 Dollar in diesen offensichtlich verrückten Mann und sein noch verrückteres Projekt stecken. Ein Projekt, bei dem Garriot erstmals in seiner Geschichte nicht mehr klotzt, sondern auf einmal wieder minimalistisch zu entwerfen scheint - genau so, wie er es früher getan hat.

Back to the roots! Hoffentlich...

Wie er es tun musste, weil es an Geld und Technik mangelte. Doch gerade dieser Mangel scheint es gewesen zu sein, der Garriotts alten Spielen jenen Hauch von Genialität verpasst hat, der sie lebendig hat werden lassen, wo andere Welten steril und künstlich schienen. Der reine Sündenerlass kostet zehn Dollar und ist für alle gedacht, die ihre Weste wieder säubern wollen, weil sie damals ein Ultima-Spiel illegal kopiert oder einen Mitspieler in Ultima Online mittels Exploit gegrieft haben.

Die Einstiegsoption für 25 Dollar ist bereits ausverkauft - die nächsthöhere kostet schon 30 Dollar. Und bevor auch die weg ist und die Sache noch teurer wird, schlage ich zu, denn zur Ruhe komme ich vorher ohnehin nicht. Ich hoffe nur, dass dieser seltsame Mann mit meinen paar Kröten seine eigene Weste wieder weiß bekommt und als Entwickler auf den Pfad seiner eigenen Tugenden zurückkehren kann. Der Branche täte es auf jeden Fall gut.