Seit einigen Tagen kann man es bereits spüren: Der Winter naht und damit die Zeit, in der man sich öfter denn je in eine dieser wundervollen Onlinewelten verkrümeln möchte. Doch so groß die Auswahl auch ist - die meisten Titel sind längst abgegrast und viel zu fad, um noch einmal dorthin zurückzukehren. Oder lohnt sich am Ende gar der Wiedereinstieg mit einer der aktuellen Erweiterungen?

Stell dir vor, es ist Weihnachten, und der Gabentisch bleibt leer
Neu wäre das für Veteranen, die schon bessere Gaming-Tage gesehen haben, sicher nicht. Für die Industrie allerdings ist es eine Horrorvorstellung, die gewinnträchtigste Zeit des Jahres ungenutzt verstreichen zu lassen. Doch was tun, wenn man nichts Neues für die Weihnachtszeit in der Schublade hat? Ganz einfach: Man schmückt die Gaben der letzten Jahre etwas aus und verpackt sie neu. Gleich drei große Publisher verfolgen aktuell diese Strategie.

Dass tun sie sicherlich auch, um davon abzulenken, dass sie in den letzten Monaten und Jahren nichts, aber auch gar nichts mehr in die Entwicklung von neuen Titeln investiert haben. Zu schwierig, zu riskant, zu aufwendig erscheint ihnen das MMO-Genre, um weiterhin darin zu arbeiten. Bestehende Teams wurden still und heimlich auf ein Minimum reduziert, die erfahrenen und teuren Entwickler langsam gegen günstiges Frischfleisch ausgetauscht.

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Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Zugeben können sie das natürlich nicht. Namhaften Entwicklern wurde nahegelegt, rechtzeitig freiwillig auf die Suche nach “neuen Herausforderungen” zu gehen und weil man aus den “erfolgreichen Veröffentlichungen eine blühende Community” hat, entschied man sich, den “Kundenservice weiter an die Bedürfnisse der Spieler anzupassen” und ganze Großraumbüros zu dauerhaft räumen. Die Publisher, das ist mittlerweile mehr als offensichtlich, haben den geordneten Rückzug angetreten.

Und doch hauen sie nach außen hin so sehr auf den Putz, als hätten sie einen Geniestreich gelandet. Ein Video jagt das nächste, von neuen Skills, Klassen, Dungeons, Arenen, Skins oder Story-Brocken. Davon mag sich manch ein eingefleischter Fan einlullen lassen - die Mehrheit der Spieler jedoch fragt sich, warum man die alten Titel noch einmal hervorkramen, warum man obendrein noch einmal nachzahlen sollte. Antworten darauf liefert keiner der Publisher.

Guild Wars 2 - kann kosten, muss aber nicht

Wobei man bei Guild Wars 2 sogar noch einen kleinen Kunstkniff vornimmt und das Spiel, dessen Erweiterung unter dem Titel “Heart of Thorns” am 23. Oktober erscheinen soll, theoretisch auf Free-to-play umstellt. Auf der PAX-Presentation sprach ArenaNets Mike O’Brien von den Schwierigkeiten, die man angesichts des Geschäftsmodells von Guild Wars 2 mit Erweiterungen hat. Das neue Geschäftsmodell nennt man “kostenlos für Jedermann”. Und wie zu erwarte war, sorgte das für allerlei Verwirrung.

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Entsprechend musste Mike O’Brien klarstellen: Für Käufer des Spiels ändert sich nichts und der Shop bleibt, wie er ist. Kostenlos erstellte Accounts haben allerdings Einschränkungen, beispielsweise bei den Inventar- und Charakterplätzen, der Kommunikation und in kritischen Umgebungen wie dem WvW, jenen Zonen, in denen die Fraktionen um die Vormacht kämpfen. Die dürfen die kostenlos Spielenden erst mit Level 60 betreten. Der Bevölkerungszahl im Spiel insgesamt dürfte das auf jeden Fall gut tun.

Lieber schlecht erobert als gut verteidigt

Schwieriger wird es allerdings schon, wenn man sich anschaut, welches Element die Entwickler offenbar immer stärker in den Vordergrund rücken wollen: Raids. Die sollen ohne bestimmte Klassen- und Ausrüstungserfordernisse auskommen und keinen Grind generieren. Doch werden die dann auch anspruchsvoll genug sein, um längerfristig zu begeistern, zudem ein großer Teil der Community des Raid-Konzeptes insgesamt längst überdrüssig geworden ist?

Viel interessanter sind da schon die Änderungen beim Krieg der Welten, wo ArenaNet plant, mehr Möglichkeiten für Gilden zu schaffen, die dann aus einer Reihe von Erweiterungen wählen können, mit denen sie eine Struktur ausbauen wollen. Ob das jedoch das generelle Problem löst, unter dem Guild Wars 2 seit Anbeginn leidet, nämlich die viel zu schnellen Übernahmen der Festungen und die fehlenden Gründe für eine Verteidigung selbiger, werden wir wohl erst im Oktober endgültig sagen können.

The Elder Scrolls Online - lang lebe der Kaiser!

Bereits seit einigen Tagen verfügbar ist hingegen die Erweiterung zu The Elder Scrolls Online, die doch ziemlich lang hat auf sich warten lassen, weil ZeniMax mit den Portierungen für die Konsolen beschäftigt war und wenig Neues liefern konnte oder wollte. Umso enttäuschter war mancher Fan, nachdem er feststellen musste, dass die Kaiserstadt doch vorwiegend für PvP-Fans bestimmt ist und man obendrein gewisse Probleme dabei haben kann, sie überhaupt zu betreten - zudem Konsolenspieler ohnehin noch bis Mitte des Monats warten müssen.

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Neu sind vor allem die Geschichten in und rund um die Kaiserstadt und jede Menge Gegenstände für Crafter und Sammler und den Handwerksstil der Xivkyn, dazu die Kanalisation, der Weißgoldturm und das Gefängnis der Kaiserstadt als PvP- und Gruppenverliese. Dort werde ich mich dann auch die nächsten Tage noch ein wenig herumtreiben, um abschließend sagen zu können, ob The Elder Scrolls Online tatsächlich ein Comeback feiern kann oder doch nur auf Sparflamme am Leben gehalten wird.

Star Wars: The Old Republic - Flucht der Veteranen
Ähnliches darf man sich auch bei Star Wars: The Old Republic fragen. Zwar hat das Spiel im Laufe der Jahre immer wieder diverse Erweiterungen bekommen, wirklich stichhaltige Argumente dafür, die alte Republik noch einmal für eine längere Zeit zu bereisen, haben die allerdings nicht geliefert. SWTOR krankt wie die meisten Themepark-MMOs noch immer an seinem Design, das sich an Solisten richtet, jedoch angesichts der MMO-Mechaniken nicht die Immersion von Solo-Titeln aufweist. Und wer die Story erst einmal gesehen hat, tendiert dazu, das Spiel abzuhaken - eben wie einen Solo-Titel auch.

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Umso erstaunlicher, dass man sich bei BioWare trotzdem dazu entschlossen hat, mit der nächsten Erweiterung den Story-Pfad weiter zu verfolgen. Doch der Plan, der wahnsinnig erscheint, könnte aufgehen, wenn die Entwickler aus alten Fehlern lernen und die an sich wirklich geniale Story tatsächlich in gewohnter Qualität erweitern und sie etwas weniger durch dröge MMO-Mechaniken unterbrechen, dafür etwas mehr Anspruch ins Gameplay bringen.

Doch wie soll man aus alten Fehlern lernen, wenn man nicht mehr auf jene zählen kann, die sie einst begangen haben. Dallas Dickinson zum Beispiel, der sich seine Sporen nicht nur mit SWTOR, sondern auch mit PlanetSide, Star Wars: Galaxies verdient hat, ist nur das aktuellste Beispiel für jene Veteranen, die mehr oder weniger freiwillig aus den großen Studios fliehen.

Knights of the old Publisher

Immerhin hat Dickinson bereits Zuflucht gefunden, wird fortan ein Unternehmen mit dem unspektakulären Namen QC Games führen, das gerade eine strategische Partnerschaft mit den Nexon eingegangen ist, einem aus Asien stammenden Giganten in der Games-Branche, dessen unglaublichen Umsätze leider bislang nicht im Einklang mit der Qualität der Spiele standen.

Ob Dallas Dickinson das tatsächlich ändern und das Portfolio von Nexon um einen hochwertigen Titel erweitern kann, bleibt abzuwarten. Am Geld sollte es vorerst auf jeden Fall nicht scheitern und an den Mitarbeitern wohl auch nicht, denn Dickinson soll einen stattlichen Teil der BioWare-Belegschaft mitgenommen haben, darunter Branchengrößen wie Creative Director Gabe Amatangelo.

Crowfall - der Kampf nimmt Formen an

Doch längst nicht alle namhaften Entwickler lassen sich von großen Publishern finanzieren. Insbesondere die beliebteren sind oft besser aufgestellt, wenn sie sich via Kickstarter an die Community wenden, die bereitwillig Geld auf den Tisch legt, wenn ein Konzept stimmig, innovativ und gleichzeitig umsetzbar erscheint. Crowfall hat ein solches Konzept und wurde im vergangenen März erfolgreich finanziert - mit einer voraussichtlichen Lieferung zum Jahresende 2016.

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Umso interessanter ist es, die bisherige Entwicklung des Spiels, das über ein diplomatisch-strategisches Metagame verfügen soll, schon jetzt ein wenig zu verfolgen - im Zweifelsfall auch ohne Texturen und grafische Schnörkeleien. Eine Luftnummer oder ein Betrug, wie manch ein Kickstarter-Kritiker immer wieder gern behauptet, scheint Crowfall nun wahrlich nicht zu sein und die Entwickler haben während der letzten Wochen durchaus eine Menge geleistet.

Pathfinder Online - es gibt noch Hoffnung

Ausgesprochen düster sieht es hingegen beim Indie-Projekt Pathfinder Online aus. Dort ist am Ende des Budgets offensichtlich noch jede Menge Entwicklungsarbeit übrig. Und so tat man jetzt, was man tun musste und entließ den Großteil des Teams von Goblinworks, weil man schlicht die Löhne nicht länger zahlen konnte. CEO und Initiator des Projekts Ryan Dancey soll das Unternehmen bereits vor zwei Wochen aus persönlichen Gründen verlassen haben. Zurück bleiben damit lediglich Mark Kalms als Technikchef, Art Director Mike Hines und Designer Bob Settles.

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Die Löhne dieser drei sowie den der neuen Chefin Lisa Stevens werden anscheinend durch die Einnahmen abgedeckt, die man mit dem Abonnement erzielt. Ein Hoffnungsschimmer, zudem man nach eigenen Angaben nur noch ein bis zwei Millionen Dollar benötigt, um das Projekt zu vollenden. Eine Summe, für die man das Studio zu verkaufen bereit ist. Auf Kickstarter möchte man nicht noch einmal vorstellig werden.

Jenen hoffnungsvollen Fans, die das Projekt nicht im Stich lassen möchten und entsprechend angefragt haben, wie sie die verbliebenen Mitarbeiter von Goblinworks und das nicht ganz fertige Projekt in dieser schwierigen Phase unterstützen können, riet Stevens, einfach das Abo laufen zu lassen, neue Spieler einzuladen und sie möglichst gut zu behandeln.

Ausblick

Derlei Probleme hat man bei Eco derzeit nicht - zumindest noch nicht. Die Kickstarter-Kampagne läuft besser als erwartet, ist weit über das Ziel hinausgeschossen und hat bislang schon über 150.000 Dollar eingespielt. Welche erweiterten Ziele uns für die ungemein interessante Sandbox mit eingebautem Ökosystem dann letztlich erwarten, wissen wir in der kommenden Woche.