Die MMOs der jüngeren Generation sind öde, die Hoffnungsträger der nächsten scheinen in irgendwelchen Apha-Phasen festzustecken und die Vertreter der ersten wurden im Laufe der Jahre so aufgeweicht, dass sie ihren Charme längst verloren haben. Trotzdem werden sie noch immer gespielt und finden gerade in diesen Tagen derart viele Liebhaber, dass in einigen Studios schon darüber nachgedacht wird, die ausgemusterten Oldtimer wieder in Betrieb zu nehmen - und zwar in ihrer Urfassung.

Ultima Online, EverQuest, Star Wars: Galaxies, Lineage 2 und selbst World of Warcraft - so unterschiedlich diese Titel auch sein mögen, sie haben doch etwas gemein: Sie waren äußerst unterhaltsam und voller Potential, als sie auf den Markt kamen. Doch sie wurden nicht ordentlich gepflegt oder durch sinnfreie Patches zerstört - und zwar durch die Hand entweder ahnungsloser oder getriebener Entwickler, denen gierige Geschäftemacher im Nacken saßen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Vanilla

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Chaos und Ordnung - Ultima Online hatte beides und war damit erfolgreich. Bis der Publisher das Gleichgewicht veränderte, indem er die Welt zu einem harmonischeren Ort machte.
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Wachstum um jeden Preis

Schon damals erkannten die Publisher nämlich, welches wirtschaftliche Potential in den jungen Onlinewelten steckte. Während die Entwicklungskosten des jeweiligen Spiels schon mit dem Verkauf eingespielt waren, kamen nach Release weiterhin Monat für Monat einige Milliönchen hinzu, weil Hunderttausende Spieler brav ihre Gebühren abdrückten.

Damit war die Zielvorgabe klar: Wachstum um jeden Preis. Also analysierte man die Titel und stellte fest, dass sie mit ihrem Design - oh Wunder - ein ganz besonderes Publikum ansprachen, dass sie den Spielern eine gewisse Einarbeitungszeit abverlangten sowie die Bereitschaft für soziale Interaktion. Im Team ließ sich unvorstellbar viel erreichen, notorische Einzelgänger, immerhin die Mehrheit der Spielerschaft, blieben auf der Strecke.

Die dunkle Seite des Erfolgs

Also baute man die Titel um, entschärfte den Anspruch, nahm Tiefe, entfernte Konfliktpotential zwischen Spielern und fügte jede Menge tollen Content hinzu - ganz wie in einem Rollenspiel für Solisten. Dumm nur, dass man die Spiele dabei ihrer Seele beraubte und die überzeugenden Welten zu künstlichen Parks machte - mit gepflasterten Pfaden und einem riesigen Zaun drumherum.

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The Elder Scrolls Online - obwohl als MMORPG vermarktet, ist es im Kern doch eher ein Onlinespiel für Solisten.
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Die gierigen Manager sollten dennoch recht behalten: Die Masse zeigte sich tatsächlich beeindruckt von all dem kurzweiligen Content und strömte ins Genre. Aus Hunderttausenden wurden Millionen und den Story-MMOs schien die Zukunft zu gehören. Zumindest für etwa zehn Jahre ging das auch halbwegs gut, doch seit einiger Zeit sind die meisten Titel samt ihrer Publisher ins Straucheln geraten.

Weniger ist manchmal mehr

Die Massen sind weitergezogen, die alte Kern-Community hat sich längst aus dem mutierten Genre zurückgezogen. Übrig bleiben ein paar Neugierige und Rückkehrer - insgesamt jedoch viel zu wenige, um solch aufwendige Spiele dauerhaft zu betreiben und obendrein noch zu erweitern. Und während die großen Publisher das sinkende Schiff hinter sich lassen und ihr Glück andernorts versuchen, besinnt man sich in manchem Studio wieder der guten alten Zeit, in der man noch mit weniger als 250.000 treuen Spielern zufrieden war. Leider lässt sich die Realzeit nicht zurückdrehen.

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Nicht schön, aber hart - so wollen es die Veteranen von EverQuest.
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Die der Server hingegen schon - und so denken mittlerweile immer mehr Studios über Retro- Oldschool- oder Vanilla-Server nach. Server, auf denen noch ein anderer Wind weht, in denen längst vergessene Naturgesetze gelten und auf denen sich die Veteranen wieder heimisch fühlen könnte. Eine Viertelmillion Dauerkunden, so die Hoffnung, ließe sich dabei zurückholen und spielte Monat für Monat ein kleines, dringend benötigtes Vermögen ein.

Die Rückkehr der alten Garde

Aktuell sind es EverQuest Next, Lineage 2 und Darkfall, zu denen Retro-Server an den Start gehen. Und siehe da - längst verschwunden geglaubte Clans und Gilden kehren auf einmal zurück und organisieren sich neu. Die Veteranen und ihre Organisationen existieren noch - es bestand in den letzten Jahren lediglich keine Notwendigkeit, sich ordentlich zu organisieren.

Dass die alten Recken ihre Zeit künftig dauerhaft in den Vanilla-Gefilden von EverQuest oder Lineage 2 verbringen werden, ist unwahrscheinlich - dafür hat der Zahn der Zeit zu sehr an den betagten Titeln genagt. Dennoch ist die Auferstehung der alten Clans auch wichtig für neuere Titel, die auf alten Konzepten aufbauen wollen.

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Die Entwickler von Camelot Unchained wissen, dass sie für eine kleine Randgruppe entwickeln und glauben, dass sie sich auch mit weit weniger als 250.000 Spielern langfristig finanzieren können.
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Ob Camelot Unchained, The Repopulation oder Crowfall - wenn nur ein Teil der Veteranen organisiert in diesen Welten aufschlägt, sichert das einen wesentlichen Teil des finanziellen Fundamentes der Indie-Entwickler. Zudem sorgt es dafür, dass ein geordnetes soziales Gefüge im virtuellen Raum entsteht, in das sich jüngere Spieler dann einfügen können, ohne quest-, ziel- und orientierungslos in der Luft zu hängen.

WildStar - Sie haben das Recht zu schweigen!

Insbesondere NCSoft hängt derzeit hoffnungslos zwischen den Epochen fest. Noch immer zieht das Unternehmen einen wesentlichen Teil seines Umsatz aus den ältesten Titeln. Jüngere MMOs im Portfolio generierten allenfalls mal kurzfristig nennenswerte Umsätze, bevor sie in die bedeutungslosen Kapitel der Geschäftsberichte geschoben werden mussten.

Dass das nicht ewig so funktionieren wird, weiß man auch in der Geschäftsleitung und sucht erbittert nach einem neuen Titel, mit dem sich langfristig Geld verdienen lässt, der endlich wieder für ein nennenswertes Wachstum sorgt. WildStar, der letzte Hoffnungsträger des US-Ablegers, darf mittlerweile als komplett gescheitert angesehen werden. Schon im letzten Quartalsbericht stand es nicht gut um das Sci-Fi-Western-MMO - im aktuellen rechnet man mit zusätzlichen 50 % Umsatzrückgang.

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Muss mittlerweile als gescheitert angesehen werden: WildStar Online.
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Massiv müde Mods

Wobei einige Spieler in den Foren wiederholt die Hoffnung äußerten, dass WildStar überlebt, wenn es nur sein Geschäftsmodell endlich umstellen könnte. Das allerdings möchte Mod “Fran” ganz und gar nicht hören, die jüngst jede Form von “exzessiver Negativität” gegenüber WildStar aus den Foren entfernte, weil sie davon “persönlich genervt und müde” sei. Dass dieser Schuss allerdings nach hinten losgehen würde, hätte sie nach dem letzten Zensurskandal bei Skyforge eigentlich wissen müssen.

Umso mehr Tumult kam in die Geschichte, als sich noch ein mutmaßlicher Mitarbeiter Carbines anonym einschaltete und Interna aus den Plänen des Studios verriet, nach denen man im Rahmen der Veröffentlichung des MMOs auf Steam längst schon an der Umstellung von WildStar auf ein Free-To-Play-Hybrid-Modell bis zum Ende des Jahres arbeite.

Was die Einhaltung von Zeitplänen betrifft, will aber auch der Informant nichts garantieren. Man verliere einen Entwickler nach dem anderen, habe keinen Studiochef mehr und kein Entwickler wüsste, ob er in zwei Monaten noch dort arbeiten werde. Das Studio würde derzeit sehr schlecht von Leuten mit dem größten Ego geführt, die sich ständig stritten. Alles in allem keine guten Aussichten für WildStar. Immerhin scheint Emo-Mod “Fran” noch nicht entlassen, denn kaum war der mutmaßliche Insider-Beitrag aufgetaucht, wurde er auch schon wieder entfernt.

Blade & Soul & Lineage Eternal - NCSoft gibt Gas

Da erscheint ein weiteres Gerücht aus dem Hause NCSoft, übrigens aus der Feder des gleichen Informanten, umso wahrscheinlicher. Darin erklärte der mutmaßliche QA-Mitarbeiter, dass man beim westlichen NCSoft-Ableger bereits einen internen Alpha-Test zu Blade & Soul laufen lasse - die berühmten Tests für “Freunde und Familie”. Blade & Soul ist derzeit eines der erfolgreicheren MMOs in Südkorea und wurde dem Westen bislang vorenthalten.

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Und auch für Lineage Eternal scheint man aktuell einen Testlauf vorzubereiten - allerdings in eher kleinem Rahmen und in Südkorea. Da das mit großer Spannung erwartete isometrische MMORPG allerdings, anders als die bisherigen Titel von NCSoft, weltweit zur gleichen Zeit auf den Markt kommen soll, könnte es passieren, dass wir dieses Spiel noch vor dem mittlerweile nicht mehr ganz frischen Blade & Soul zu spielen bekommen.

Project HON - aussterbende Mechs

Dass NCSoft bei Blade & Soul und Lineage Eternal gleichermaßen einen Zahn zulegt, könnte daran liegen, dass man an anderer Front kapituliert. Project HON, das wirklich vielversprechende Mech-MMO, wird - und das hat NCSoft mittlerweile ganz offiziell bestätigt - eingestellt. Und dabei war man bis vor kurzem noch so stolz auf das Projekt, dass dank Unreal 4 Engine vor allem technisch neue Standards setzen sollte.

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Doch was nützen die, wenn der Titel, so heißt es von offizieller Seite, am heimischen Markt auf mangelndes Interesse gestoßen sei? Tatsächlich ist es insgesamt nicht gut bestellt um Mechs, die schon in der Vergangenheit immer wieder von Monstern und Magie verdrängt wurden und die es nicht einmal geschafft haben, eine nennenswerte Nische im Genre zu besetzen.

ARK: Survival Evolved - gigantische Aussichten

Ähnlich stark vom Aussterben bedroht wie die Mechs sind die virtuellen Dinosaurier und nachdem vor kurzem noch der Chefentwickler des vielversprechenden Kickstarter-Projekts The Stomping Land mitsamt dem Geld verschwand, dachten die Dino-Fans nicht um Traum daran, dass bald schon ein neuer Hoffnungsträger aufschlagen würde.

Der heißt ARK: Survival Evolved und tritt in die Fußstapfen von The Stomping Land. ARK setzt den Spieler auf einer riesigen Insel aus, die irgendwie in tiefster Vergangenheit gelandet ist. Konkret bedeutet das: Kampf ums Überleben. Dass man dafür nicht nur jagen, sondern auch Ausrüstung und Gebäude bauen muss, versteht sich in diesem Genre fast schon von selbst. Dazu kommt jedoch noch die Möglichkeit, Dinos zu zähmen und als Reit- oder Kampftiere einzusetzen.

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ARK sieht, mit Ausnahme der Animationen, schon sehr ordentlich aus und soll entsprechend im kommenden Juni via Steam in den Early Access gehen von da an und in Kooperation mit der Community weiterentwickelt werden. Zwölf Monate wollen sich die Entwickler in etwa Zeit nehmen, bis das Spiel veröffentlicht wird - sofern alles nach Plan läuft.

Die ehemaligen Fans von The Stomping Land haben sich trotz der riesigen Enttäuschung bereits wieder formiert und warten mit Spannung darauf, dass ARK: Survival Evolved im Early Access auf Steam zu haben ist. Sofern die Entwickler die Karten auf den Tisch legen und rege mit den Fans kommunizieren, dürfte es kaum am Geld scheitern.

Das Tal - von PvP-Fans für PvP-Fans

Selbiges gilt hoffentlich auch für ein MMO-Projekt mit dem außergewöhnlichen Namen Das Tal. Dessen Entwickler sind gerade auf Kickstarter vorstellig geworden, um dort ihr erstes Finanzierungsziel zu erreichen. Und obwohl man sich mit 50.000 Euro ein durchaus bescheidenes Ziel gesteckt hat, kann das Indie-Studio Fairytale Distillery jede Unterstützung gebrauchen.

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Das Tal wirkt und spielt sich nämlich wie eine Fusion aus MMO und MOBA, bietet actionreiches Gruppen-PvP, angesiedelt allerdings in einer Sandbox-Welt, in der es allerlei zu erobern, aber auch zu verlieren gibt. Ultima Online, League of Legends, Shadowbane, Darkfall, Guild Wars - das sind die Titel, von denen sich die Entwickler von Das Tal am meisten haben inspirieren lassen.

Ausblick

Wir drücken Alexander Zacherl, Sebastian Dorda und ihrem Team aus unabhängigen Entwicklern auf jeden Fall die Daumen und hoffen, dass sie ihr Ziel erreichen und Das Tal auch finanziell auf solide Beine stellen können. Sobald das geschehen ist, werden wir uns auf jeden Fall einen der Jungs schnappen und etwas ausführlicher über das Projekt berichten.

Zuvor jedoch steht mir noch eine Reise an die Westküste Frankreichs bevor, wo ich mich mit einigen Herren aus Japan treffen werde. Den Leuten von Square Enix, um genau zu sein, die große Hoffnung in die kommende Erweiterung von Final Fantasy XIV setzen und die mir zeigen wollen, warum es sich für mich lohnt, das Nippon-MMO und dessen Erweiterung Heavensward zu zocken. Darüber dann demnächst mehr.