Jetzt geht’s los - und zwar richtig. Es war ja vorauszusehen, dass die MMO-Branche in diesem Frühjahr aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen würde, dass sie allerdings so schnell Fahrt aufnehmen würde, hätten selbst Optimisten nicht gedacht. Die Publisher haben sich gegenseitig den Kampf angesagt und lassen eine Beta nach der anderen auf die Spieler los. Für die gibt es nur eine Rettung vor dem Burnout: den Urlaubsantrag.

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Habt ihr schon euren Urlaubsantrag eingereicht? Wenn nicht, dann wird es höchste Zeit. Insbesondere wenn die Belegschaft von Onlinezockern durchsetzt ist, könnte das in so manchem Unternehmen zu personellen Engpässen führen. Und wenn die ersehnten Titel wirklich unsere Erwartungen erfüllen, wird möglicherweise auch nicht jeder aus dem Urlaub zurückkehren.

Salonfähiges Hobby?

Tatsächlich gibt es Studien, die dereinst von besorgten Konzernchefs in Auftrag gegeben wurden, um das junge Phänomen der MMOs zu analysieren und festzustellen, ob damit eine Gefahr für die Unternehmen einhergeht. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her und die Sorge scheint mittlerweile unbegründet, da das Phänomen mit den roten Augen am Arbeitsplatz verschwunden ist und alle wieder fleißig für den Geldgeber zu schuften bereit sind.

Auch die unzähligen Fernsehsendungen sind beinahe vergessen, in denen augenscheinlich süchtige Onlinespieler über ihre Probleme sprechen und die Klinikleiter ihre eiligst neu errichteten Heileinrichtungen anpreisen konnten. Scheinbar über Nacht wurden die schwersten Fälle von der Sucht befreit und der digitale Irrsinn wurde zum salonfähigen Hobby für alle. Süchtig will heute niemand mehr sein.

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Die Macht der Gewohnheit

Doch wonach auch? Die Spiele der letzten Jahre haben kaum genügend langfristiges Potential, um die Produktion der Glückshormone immer weiter anzuregen. Nach der ersten MMO-Überdosis kam schnell die Ernüchterung und seither sind die meisten Spieler nicht einmal mehr auf Entzug, sondern schlicht und ergreifend clean.

Nein, der Suchtbegriff lässt sich wohl nicht auf die Zockerei anwenden, denn dabei handelt es sich eher um ein interessantes Hobby, das schnell zur Gewohnheit wird und verknüpft ist mit dem Grundbedürfnis nach Spaß. Das jeweilige Computerspiel als angebliche Droge entfaltet seine euphorisierende Wirkung jedoch nur zeitlich befristet und der Spieler gibt seine virtuelle Geschäftigkeit nach anfänglicher Euphorie dann aus Langeweile auch äußerst schnell wieder auf.

Das perfekte MMO

Das zu verstehen fällt Psychologen und Arbeitgebern, die selber nicht zocken, mit Sicherheit nicht leicht. Und vom Ansatz her liegen sie mit ihren Bedenken ja auch richtig. Gesetzt den Fall es gäbe ein perfektes MMOG, das ein virtuelles Leben ermöglichte, das dauerhaft interessanter wäre als unser eigenes - es könnte eine Gefahr für die Gesellschaft werden.

Und tatsächlich träumen wir Zocker von genau diesem Spiel und in jeden neuen Titel legen wir erneut die Hoffnung, dass wir unserem Traum damit ein Stück näher kommen. Und weil wir diese Hoffnung haben, lohnt sich auch der Urlaubsantrag zum Release, der uns die Garantie gibt, dass wir die Masse an Durchschnittsspieler auch mit Sicherheit hinter uns lassen.

TERA - einmal König werden

Der aktuelle Grund für das hohe Aufkommen von Urlaubsanträgen ist TERA, das seine Pforten in einer Woche öffnen wird - zwar nur für Vorbesteller, doch zu denen gehört ohnehin jeder halbwegs interessierte Fan. Besonders verlockend an TERA ist die Aussicht, es zum großen Zampano auf dem Server zu bringen, indem man seinen eigenen Hintern oder den des verehrten Gildenchefs auf dem Thron platziert.

Und tatsächlich ist diese Spielfunktion grundsätzlich dazu geeignet, langfristige Motivationsschübe zu generieren. Selbst wenn der letzte Dungeon durchlaufen, der letzte Boss geschlagen wurde, gibt es immer noch böse Clans, gegen die man kämpfen und intrigieren muss, weil sie einem den verdienten Ruhm streitig machen wollen.

Stimmvieh statt Soldaten

Klingt spannend, hat aber einen Haken: Die Entwickler haben die PvP-Schlachtfelder vorerst abgeschaltet, um sie noch einmal zu überarbeiten. Schade, denn damit muss sich der Spieler seine PvP-Ausrüstung nun durch PvE-Inhalte verdienen und der organisierte Kampf um den Thron muss ebenfalls noch warten. Damit bleibt vorerst vor allem das integrierte Wahlverfahren übrig, mit dem man seinen liebsten Clanchef zum Ortsvorsteher ernennen kann.

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Doch so demokratisch das auch klingen mag, es sorgt doch für einigen Unmut, vor allem unter den starken Gilden. Bis die Schlachtfelder im Spiel sind, werden voraussichtlich die großen “Zerg-Gilden” auf den Servern dominieren, die vorwiegend auf Stimmvieh setzen und sich nicht für die Qualität ihrer Mitglieder interessieren. Doch wer weiß - vielleicht erwachsen aus diesem Ärger auch ein paar neue, spannende Konflikte, die das Leben auf den Servern eher aufwerten.

Streit mit der Ex

Und nicht nur die Spieler tragen ihre Streitigkeiten aus, sondern auch die Entwickler und Publisher. Insbesondere zwischen NCsoft und Bluehole hat sich so etwas wie eine offene Feindschaft entwickelt, gerade weil die Hälfte der Mitarbeiter von Bluehole und EnMasse früher bei NCsoft beschäftigt waren. Die Fehde führte so weit, dass NCsoft gegen die Veröffentlichung von TERA klagt, weil man darin eigene Inhalte aus dem verworfenen Lineage 3 entdeckt haben will.

Nach Ansicht der TERA-Publisher handle es sich dabei allerdings um “gegenstandslose Vorwürfe” und “unbegründete Gerüchte”. Bluehole sei nicht gegründet worden, um Firmengeheimnisse von NCsoft zu verarbeiten. Dass die Titel von NCsoft mittlerweile generell schlechter aufgestellt seien, wollen die Publisher von TERA allerdings gar nicht bestreiten.

Guild Wars 2 - volle Breitseite

Umso größer scheint jetzt der Ehrgeiz bei der NC-Tochter ArenaNet zu sein, es dem unliebsamen Konkurrenten zu zeigen. Wenngleich das Release von Guild Wars 2 noch ein paar Monate auf sich warten lassen dürfte, bläst man aktuell zu einer ersten wirklich großen Betarunde für alle jene, die bereit sind, das Spiel vorzubestellen.

Die Beta läuft vom 27. bis zum 30. April und startet damit kurz vor dem Headstart von TERA. Ein klares Kampfsignal, glauben die Fans beider Lager und sind sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie sich nun TERA leisten oder doch lieber Guild Wars 2 vorbestellen sollen. Immerhin hat ArenaNet versichert, dass es sich dabei nicht um das letzten Betawochenende handeln wird.

Diablo 3 - wenn zwei sich streiten...

Und als wäre die Situation nicht schon tragisch genug, drängelt sich Blizzard mit seinem Hack and Slay Diablo 3 einfach mal so eben vor die beiden Streithähne und veranstaltet an schon an diesem Wochenende eine offene Beta. Zwar ist Diablo 3 kein MMOG und zeitlich nicht unbegrenzt genießbar, doch ist auch das Budget der meisten Spieler nicht unerschöpflich und selbst wenn man den kompletten Resturlaub zusammenkratzt, reicht das kaum für drei Onlinespiele.

Doch wer weiß - vielleicht bringt man ja doch drei Titel unter einen Hut - oder eher unter eine Sonnenbrille. Die muss man dann nämlich wieder tragen, um die roten Augen zu verstecken, die tagsüber immer wieder zufallen wollen, weil sie nachts für die wirklich wichtigen Dinge im Leben gebraucht werden.

Spätestens dann kramen die Fernsehsender auch wieder ihre alten Dokus hervor, in denen von süchtigen Spielern, besorgten Psychologen und panischen Firmenchefs die Rede ist. Diesmal allerdings werden wir Spieler uns davon nicht beirren lassen. Wir werden die Momente des Glücks genießen - so gut und so ausgiebig es geht. Denn im Gegensatz zu den Experten wissen wir, dass dieser Zustand der absoluten Zocker-Glückseligkeit nicht ewig anhalten wird.

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Ausblick

Doch neben den großen Titeln gibt es noch einige weitere, die möglicherweise für einige Überraschungen sorgen werden, darunter CCPs Konsolenshooter Dust 514 und Trions MMORTS End of Nations. Und dann wären da auch noch die vielen laufenden Titel wie Rift und SWTOR, die wir zwar gelangweilt weggelegt haben, die mittlerweile aber mit einigen beherzten Patches aufgewertet wurden.

Der Urlaubsantrag lohnt sich also auf jeden Fall. Für euch zumindest. Ich hingegen muss hart arbeiten und kann mir den Urlaub vorerst abschminken. Doch wer weiß - vielleicht begegnen wir uns ja mal - in einer der vielen Welten, in die mich mein Job so führt. Was bis zur nächsten Ausgabe von Wiped! gespielt wird, wisst ihr ja.