Mit atemberaubender Geschwindigkeit hat der technische Fortschritt unser aller Leben verändert und dabei wirklich jeden erdenklichen Bereich erfasst. Auch die digitalen Welten wurden im Laufe der letzten Jahre immer schöner und bunter, bieten mittlerweile realistische Avatare und atemberaubend echt wirkende Landschaften. Doch macht all das ein Spiel auch gleichzeitig spannender? Wiped! hat da gewisse Bedenken.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Welt und das Gameplay erklärtEin weiteres Video

“Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.”

Immer wenn ich im Flieger sitze, kommt mir dieser Text von Reinhard Mey in den Sinn. Und so gerne ich die Erfahrungen des deutschen Barden und Hobbypiloten an dieser Stelle auch bestätigen würde - als Passagier der Economy Class auf dem Flug von San Francisco nach Frankfurt fällt es mir ausgesprochen schwer, mich mit diesem Liedchen zu identifizieren.

Eine gefühlte Ewigkeit sitze ich nun schon hier, eingeklemmt zwischen zwei Herren, die locker das anderthalbfache Superschwergewicht auf die Waage bringen. Bewegungsfreiheit - Fehlanzeige. “Warum müsst ihr beiden Kolosse eigentlich nicht den doppelten Flugpreis entrichten?”, frage ich die beiden aus Sicherheitsgründen lieber doch nicht laut, sondern mich selbst im Stillen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Unplugged

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Unser rasender Reporter Frank im Dauersatz auf den MMO-Schauplätzen dieser Welt.
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Wiped! diesmal als Offline-Kolumne

Wie gerne würde ich jetzt mein Notebook aus der Tasche holen und Wiped! tippen - das wird terminlich langsam akut, doch fehlt mir dafür einfach der nötige Raum. Wie soll man außerdem eine Kolumne über Aktuelles aus der Welt der Onlinespiele schreiben, wenn nicht einmal Zugang zum Internet hat? Auch in dieser Hinsicht ist meine Freiheit also äußerst begrenzt.

Alle halbwegs interessanten Filme, die der kleine Monitor im natürlich maximal zurückgelehnten Sitz meines Vordermannes anbietet, kannte ich schon vor der Reise - die Muppets spätestens seit dem Hinflug. Mit den Muppets bin ich aufgewachsen - eine tolle Show und ein Relikt der Siebziger, das ich heute ab und zu noch schmerzlich vermisse.

Ersetzt und vergessen

Der eher durchschnittliche Film stellt immerhin die richtige Frage: Warum werden ebenso geniale wie erfolgreiche Sachen im Laufe der Zeit eigentlich immer abgesetzt, dann ersetzt und schließlich vergessen? Ich beschließe, diesen Gedanken aufzuschreiben - Stift und Block hatte ich geistesgegenwärtig noch schnell an mich gebracht, bevor ich von meinen Bodyguards festgesetzt wurde.

Und warum zum Teufel, wenn ich nun schon die antiquierten Schreibutensilien auf dem Schoß habe, soll ich nicht auch gleich die komplette Kolumne zu Papier bringen? Früher wurden ganze Bücher von Hand geschrieben und ich erinnere mich noch gut daran, wie wir ganze Nächte mit Rollenspielen verbrachten, die nichts weiter erforderten als Stift, Papier und ein Set Würfel. Naja - und sie erforderten etwas Phantasie - so schön wurde das Wort damals tatsächlich noch geschrieben.

Das erste Netzwerk - ganz ohne Netz

Ein Autauschschüler aus Kalifornien hatte mir damals die wichtigsten Pen-&-Paper-Rollenspiele vorgestellt und eine Leidenschaft in mir geweckt. Die Regeln waren mitunter nicht ganz einfach, die Möglichkeiten dafür unerschöpflich. Und falls man als Spielleiter doch mal an seine Grenzen stieß, halfen diverse Erweiterungen und Monsterkompendien spielend weiter.

Da es auf Dauer jedoch nicht ganz einfach war, Spieler für die kleine Runde zu rekrutieren, versuchten wir unser Glück irgendwann am Computer. Der ersetzte den Spielleiter und machte die Dinge insgesamt bequemer, wenngleich auch nicht immer unbedingt spannender, da man zum Einzelgänger wurde. Wir kompensierten das anfangs, indem wir in den Ferien unsere Computer nebeneinander stellten und einfach gleichzeitig Kult-RPGs wie Wizardry spielten.

Spaß durch technischen Fortschritt?

Als das Genre dann endlich online ging, war die Freude also nicht minder groß als die Telefonrechnung und für jede im Spiel verbrachte Stunde musste man mindestens zehn Stunden hart arbeiten, um genügend Geld heranzuschaffen. Dafür konnte man plötzlich gemeinsam an der Verwirklichung virtueller Ziele arbeiten. Und was noch viel besser war: man konnte Kriege gegen Leute führen, die man nicht leiden konnte.

Wir waren begeistert damals, denn dass die Entwicklung der Onlinespiele in ebenso rasantem Tempo weitergehen würde wie der technische Fortschritt, war für uns eigentlich selbstverständlich. Wie viel mehr Spaß musste denn ein MMORPG erst in 15 Jahren machen, wenn man schon damals bereit war, stundenlang hart zu arbeiten, um sich das virtuelle Vergnügen einen Moment lang leisten zu können?

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Überraschende Erkenntnis: Ein technisch überragendes MMOs macht nicht mehr Spaß als ein veraltetes.
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Faszination des Augenblicks

Mittlerweile kenne ich die Antwort auf diese Frage und hätte man sie mir damals schon verraten, ich hätte es wohl kaum geglaubt: Ein technisch brillantes Spiel macht keinen Deut mehr Spaß als ein technisch einfaches. Das technische Bling-Bling hat in etwa die Wirkung eines Feuerwerks - es generiert ein paar “Ohs” und “Ahs”, dann ist es auch schon abgebrannt und es bedarf schon einer bedeutsamen Weiterentwicklung, um uns zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ähnliche Ausrufe zu entlocken.

Durch unsere ewige Erwartungshaltung haben wir die Stagnation im Genre selbst verschuldet. Wir wollen es immer schöner, erwarten technischen Firlefanz, den nur Studios verwirklichen können, die Summen in dreistelliger Millionenhöhe aufbringen können. Gleichzeitig verweigern wir dem kleinen Träumer die Chance, ein Spiel zu entwickeln, das auf Tiefgang setzt und nicht auf Blendwerk.

Zurück zur Papiervorlage

Wir kaufen freiwillig Spiele, in denen wir kaum mehr Bewegungsfreiheit haben als ich hier auf meinem Flugzeugsitz, statt dafür zu kämpfen, dass die Titel statt toller Grafik endlich wieder das generieren, wonach wir uns eigentlich sehnen: nach spielerischem Anspruch, nach Tiefgang und vor allem nach jener Freiheit, die für uns früher noch selbstverständlich war.

Dafür braucht es kein Millionenbudget, sondern ein kleines, ehrgeiziges Team, das die ganzen letzten Jahre der Spielentwicklung mutig ignoriert und wieder dort anknüpft, wo die Branche den rechten Pfad einst verlassen hat. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf jene Zeit, in der eine Handvoll Verrückter bemüht war, die Komplexität der Pen-&-Paper-Welten irgendwie in den Computer zu bekommen.

Dort liegt das Geheimnis eines erfolgreichen Spiels und nicht in den überschätzten Deals mit großen Engine-Entwicklern und Grafikkartenherstellern. Ich werde meinen Teil dazu beitragen und mangelnde Freiheit in Onlinespielen künftig noch stärker kritisieren. Gleichzeitig werde ich nach Titeln Ausschau halten, die einen hohen Grad an spielerischem Tiefgang bieten, selbst wenn sie grafisch hinter allem anderen zurückstehen.

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Ausblick

Auch in der Luftfahrt ist es übrigens Zeit für eine kleine Rückbesinnung und ich frage mich, ob eigentlich noch Zeppeline im Einsatz sind. In denen stand nämlich der Komfort der Passagiere an oberster Stelle. Die Passagiere hatten Auslauf, während man heute, trotz des ganzen Service-Blendwerks mit Monitoren und aufgewärmtem Hühnchen nichts weiter ist als eine Fracht, der tatsächlich der geringstmögliche Raum zugewiesen wurde, um die ganze Sache möglichst profitabel für die Luftfahrtgesellschaft zu machen.

Doch was jammere ich - wenn ihr diese Zeilen lest, kann man davon ausgehen, dass ich diese Reise überlebt habe, denn irgendwie musste der Text ja doch noch in den Computer gelangen. Die nächste Ausgabe wird dann aller Voraussicht nach wieder mit den gewohnten Mitteln erstellt und liefert unter anderem eine kleine Übersicht über all die Dinge, die wir in dieser Woche unplugged verpasst haben. Bis dahin wisst ihr immerhin, dass Stift und Papier im Notfall nicht nur das Schreiben einer Onlinekolumne ermöglichen, sondern durchaus auch unterhaltsame Spielesitzungen.