Während die großen Unternehmen der MMOG-Branche gar nicht wissen, was sie mit all ihren Einnahmen überhaupt entwickeln sollen, kämpfen die kleinen um jeden Dollar, weil sie gerne noch dieses oder jenes Feature in Spiel einfließen lassen würden. Doch gerade dieser Kampf ist es, der sie so sympathisch macht und längst erfahren die Indie-Studios mehr Unterstützung durch Fans, als sie es anfangs zu hoffen gewagt hätten - nicht nur finanziell.

Nach dem Feuerwerk auf Sparflamme

Wie viel Spaß hätte man mit 250 Millionen Dollar generieren können? Diese Frage kommt mir stets in den Sinn, wenn ich wieder einmal für ein Stündchen oder zwei durch Star Wars: The Old Republic streife, in der Hoffnung, dass sich BioWare mittlerweile aufgerappelt und dem Spiel eine langfristige Motivationsgrundlage hinzugefügt haben könnte.

Doch nichts dergleichen hat sich getan. Ein End- oder Metagame ist nach wie vor nicht vorhanden, das Crafting sinnlos und dem PvP hat man durch die letzten Veränderungen offenbar den Todestoß verpasst. Dazu krankt das Spiel an seinem abschreckenden Free-To-Play-Modell und trotz der großspurigen Pressemeldungen, in denen sich Publisher Electronic Arts immer wieder feiert, bekommt man als Spieler den Eindruck, dass hier nur noch auf Sparflamme geköchelt wird, bis sich auch der letzte Fan sattgespielt hat.

Kreativität hat ihren Preis - und der ist offensichtlich niedrig

Was hätte wohl ein Indie-Studio mit 250 Millionen Dollar gemacht? Ein naheliegender und gleichzeitig skurriler Gedanke, wenn man bedenkt, dass bei den Jungs von Nerd Kindom gerade ein “Multiplayer Open World Sandbox RPG” für 342.205 Dollar entstehen soll, bei dem eine neue Technologie zum Einsatz kommt und die Spieler nie zuvor erlebte Freiheiten bekommen sollen und etwas, das allen herkömmlichen MMOGs fehlt: Immersion.

Dazu gehört ein lebendiges Interface ebenso wie eine lebendige, veränderbare Welt, die es dem Spieler ermöglichen, sich mit dem Avatar zu identifizieren, ihn als Abbild seiner selbst zu empfinden und wirklich in die Welt einzutauchen. Ein intuitives Erleben einer virtuellen Welt also und der konsequente Verzicht auf all jenen Komfort und die unzähligen Fensterchen, Zahlen und Statistiken, die das Spielerlebnis in vielen modernen MMOGs so nachhaltig zerstört haben.

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Star Wars: The Old Republic: Gescheitert?
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Nicht mal Geld für einen Namen

Und das alles bekommen wir für 342.205 Dollar? Kein Wunder, dass man sich bei Nerd Kingdom noch immer keinen Namen geleistet hat und den wundersamen Titel auch weiterhin einfach TUG nennen möchte - das ist schlicht und steht für das, was es auch ist: ’The Untitled Game’. Und noch etwas außer dem Namen kann oder möchten siche die Jungs vom Nerd Kingdom angesichts der knappen Kasse nicht leisten: Musik. Denn die ist teuer.

So teuer, dass die mehr oder weniger bekannten Rhythmen aus Star War: The Old Republic allein locker ein Vielfaches dessen verschlungen haben, was den Nerds für die komplette Entwicklung von TUG zur Verfügung steht. Doch natürlich werden die Indie-Entwickler keinesweg auf stimmungsvolle Klänge verzichten - sie haben bereits eine andere Idee und machen einmal mehr die Not zur Tugend.

Wenn die GEMA Wind davon bekäme? Nun - das täte uns leid

Die Spieler selbst werden die Melodien liefern, die man im Titelbildschirm zu hören bekommt. Dafür wird auf Wunsch ihr Name, der Titel des Liedes sowie ein Link dazu veröffentlicht, auf dem interessierte Spieler mehr über die Musik erfahren können. Eine tolle Sache, die unbekannten Talenten ebenso helfen wird wie der knappen Kasse von Nerd Kingdom und die bei kleinen Studios unbedingt Schule machen sollte.

Und nicht nur bei der Musik sollten Studios vermehrt auf die Hilfe der Spielerschaft zählen. Die Modder-Community mancher Titel hat doch längst bewiesen, dass leidenschaftliche Bastler in ihrer Freizeit oft mehr zu leisten bereit sind als manch hoch dotierte Kultentwickler. Und wenn der eine oder andere Amateur ganz besonderes Talent an den Tag gelegt hat, kann man ihn immer noch anwerben - so wie Valve das mit DotA-Entwickler Icefrog getan hat. Eine gute Mod ist als Referenz allemal aussagekräftiger als ein noch so toller Abschluss an einer der angesagten Hochschulen für Game Design.

Die Weltenvernichter

Auch die Fans von City of Heroes hatten, nachdem NCsoft angekündigt hatte, das Spiel abzuschalten, dem Publisher ein Angebot unterbreitet. Sie wollten das Spiel eigenständig weiter pflegen, betreuen und updaten - unentgeltlich. NCsoft allerdings zog es vor, gar nicht erst auf derartige Offerten zu reagieren und schaltete das Spiel, allen Protesten zum Trotz, wie geplant ab.

Eine krasse Fehlentscheidung, wie wir schon damals feststellten, die einen schweren Imageschaden angerichtet hat. Denn jeder Spieler, der sich nun in einem Spiel von NCsoft ansiedelt, muss davon ausgehen, dass der Publisher auch diese virtuelle Welt vom Netz nehmen wird, wenn sie sich als nicht mehr lukrativ erweist oder man sich um die neueren Spiele kümmern möchte, die man auf den umkämpften Markt schiebt.

The Phoenix Project - Episches Vertrauen

Umso bedauerlicher für NCsoft, dass sich eben jene Fans, deren Hilfe man hochnäsig ignoriert hat, jetzt selbst organisiert haben und einen geistigen Nachfolger ihres Superhelden-MMOGs entwickeln wollen. Der Titel des Spiels: The Phoenix Project. Der soll bereits zu fast einem Drittel fertig sein und im September auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter vorgestellt werden.

Besonders interessant: Die insgesamt 136 Entwickler arbeiten unter der Firmenbezeichnung ‘Missing Worlds Media’ ehrenamtlich und können dabei auf die Unreal Engine zurückgreifen, denn deren Entwickler Epic hat sich bereiterklärt, mit etwaigen Lizenzgebühren zu warten, bis das Projekt genügend finanzielle Unterstützung gefunden hat.

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Zahlen statt Vernunft: RaiderZ.
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RaiderZ - ausgeprägter DilettantismuZ

Doch NCsoft ist längst nicht der einzige Publisher, bei dem Entscheidungen nach Zahlen gefällt werden und nicht nach den Regeln der Vernunft. Auch Gameforge ist auf dem besten Wege, den Unmut der MMOG-Communitys auf sich zu ziehen. Nicht nur betreut man selbst große Titel wie TERA und Aion bemerkenswert schlecht - man schaltet auch gnadenlos ab, was sich nicht rechnet. Aktuell ist es RaiderZ, das vom Netz genommen werden soll.

Dass der Aufschrei der Community bislang ausgeblieben ist, scheint logisch, denn wie bei so vielen Free-To-Play Titeln gab es auch im Fall von RaiderZ kaum einen Grund, das unterdurchschnittliche Spiel überhaupt anzurühren. Und welcher Dilettant, so muss man sich fragen, zeichnet bei solchen Publishern dafür verantwortlich, dass derart hoffnungslose Titel überhaupt ins Portfolio aufgenommen werden?

Defiance - die ersten Köpfe rollen

Ähnliche Probleme dürfte man derzeit auch bei Trion Worlds haben, wobei nicht davon auszugehen ist, dass in diesem Unternehmen, das immerhin nach wie vor einen guten Ruf in der Community genießt, jemand auf die Idee käme, den Sci-Fi-Shooter Defiance einfach abzuschalten. Allerdings zieht man in San Francisco Konsequenzen, schickt Executive Producer Nathan Richardsson nach Hause und setzt Chris Lena an dessen Schreibtisch.

Wobei Nathan Richardsson schon während seiner Zeit bei CCP bei den Fans mehr als nur umstritten war und so manche Fehlentscheidung zu verantworten hatte. Hingegen gilt Chris Lena, der seit über drei Jahren bei Trion Worlds beschäftigt ist, aber erst kurz vor Release zum Defiance-Team gestoßen ist, als fähiger Mann und möglicher Retter in der Not.

Und den braucht Defiance in der Tat dringend, nachdem Syfy angekündigt hat, eine zweite Staffel der Serie produzieren zu wollen. Dann reicht es längst nicht mehr, Defiance hier und da ein kleines Event zu spendieren - die Spieler wollen endlich das, was ihnen versprochen wurde: einen echten Bezug zu den Geschehnissen in der Serie.

ArcheAge - gut Ding will Weile haben

Derweil scheinen die Arbeiten an der westlichen Version von ArcheAge mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, als die Fans erhofft hatten. Mit Verweis auf die Server-Architektur sowie über eine Million koreanischer Wörter, die man sinnvoll zu übersetzen habe, bittet Trion Worlds die Spieler um Geduld und geht davon aus, dass es noch einige Monate dauern wird, bevor man die Testserver öffnen kann.

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Dem Spiel selbst wird die zusätzliche Entwicklungszeit kaum schaden, denn seit Release hat ArcheAge einigen Wirbel ausgelöst und die Entwickler sind sichtbar darum bemüht, irgendwo zwischen Themepark und Sandbox einen gangbaren Mittelweg zu finden - angesichts einer in dieser Hinsicht gespaltenen Community sicherlich kein leichtes Unterfangen.

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Sargnagel für Trion? End of Nations soll umgebaut werden.
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Rift - Trions Notnagel

Und während auch das angeschlagene Strategiespiel End of Nations noch nicht in trockenen Tüchern ist und jetzt von MMOG auf MOBA umgestellt wurde, kann man sich bei Trion wenigstens über den Free-To-Play-Erfolg von Rift freuen. Das profitiert in diesen Tagen spürbar davon, dass die MMOG-Community wieder einmal gelangweilt ist und mangels brauchbarer Alternativen durch Telara wandert.

Das macht übrigens auch Senior Design Director Simon Ffinch gerne mal, wobei er seinen Mitspielern verschweigt, dass er als Entwickler für den Titel verantwortlich ist. Und bei dem, was er da undercover über Rift zu hören bekommt, werde ihm bisweilen ganz warm ums Herz. Und dann gäbe es auch Situationen, in denen er zu hören bekommt: “Ich habe keine Ahnung, was sich die Entwickler dabei gedacht haben, die müssen echt behindert sein!”.

Selbst gespielt ist halb gewonnen

So hart solche Momente für einen Entwickler sein mögen, so löblich ist es, dass Ffinch diesen Weg geht und sich nicht nur in Foren oder Interviews mit der Community unterhält, sondern tatsächlich ein virtuelles Leben in der Gilde führt. Nur so entledigt man sich als Verantwortlicher des gefährlichen Tunnelblicks und bekommt ein Gefühl dafür, welche Elemente im Spiel funktionieren und welche eben nicht.

Und hätte NCsoft ebenfalls mal einen Entscheidungsträger in die City of Heroes geschickt - man hätte vielleicht gemerkt, dass der Schaden, der durch die Abschaltung der Welt entsteht, weit größer ist als die Kosten, die durch den Weiterbetrieb entstanden wären - und man wäre um 135 ehrenamtliche Mitarbeiter reicher gewesen.

Auf der Jagd nach dem nächsten Top-Titel

Doch wären alle Entscheidungsträger der Branche vernünftig und würden ihren eigenen Murks auch regelmäßig spielen, hätten wir in dieser Kolumne weniger Spaß und ich käme seltener in den Genuss klimatisierter Höhenluft. Die erwartet mich übrigens auch in der kommenden Woche - und zwar einmal mehr auf dem Weg nach San Francisco - in der Hoffnung, dass der Pilot von United Airlines bereits etwas Erfahrung mit der schwierigen Landebahn hat.

Wen ich an der Westküste besuche, darf ich bis zur offiziellen Ankündigung im August übrigens noch nicht verraten, allerdings ist es nicht Trion Worlds und es handelt sich bei dem streng geheimen, mutmaßlichen Top-Titel auch nicht um ein MMOG und schon gar nicht um jenes neue Spiel, das diesmal unser Titelbild ziert.

F.E.A.R. Online - Teaser Trailer2 weitere Videos

F.E.A.R Alma!

Dabei handelt es sich - ihr habt es erraten - um F.E.A.R. Online, das die Geschichte der schnuckligen Alma Wade irgendwie online fortsetzen soll. Entwickelt wird das Spiel von einem südkoreanischen Studio namens Inplay Interactive - das Publishing will der Free-To-Play-Publisher Aeria übernehmen. Mehr darüber wissen wir hoffentlich bis zur nächsten Ausgabe von Wiped, die allerdings nur erscheinen wird, wenn ich in San Francisco genügend Zeit und Bandbreite vorfinde und nicht doch wieder irgendwo zwangsinterniert werde.