In Island ist die Hölle los: 1500 zu allem entschlossene EVE-Spieler halten seit Mittwoch die Insel besetzt. Unser Wiped-Autor hat sich als Nerd getarnt unters wilde Volk gemischt und ist schon am ersten Abend auf emotional labile Fans gestoßen, denen die Tränen in den Augen standen. Was sollen all die Emotionen? Was ist in die Community gefahren? Was hat CCP diesmal falsch gemacht?

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Der Weltraum von New Eden ist ein kalter, unwirtlicher Ort. Und doch verbringen mittlerweile über 500.000 Spieler den Großteil ihrer Freizeit im dunklen Vakuum. Und wenn EVE Online weiter mit der gleichen Geschwindigkeit wächst, werden es bald doppelt so viele sein, wie Island Einwohner hat. Für die virtuelle Welt ist das sicher kein Problem, für die Insel schon, denn wenn 1.500 Besucher gleichzeitig nach Reykjavík strömen, bekommt die kleine Stadt ein mittelschweres Logistikproblem.

Island sehen und sterben

Dabei hätten weit mehr Fans von EVE Online die weite Reise auf sich genommen. Doch die Tickets waren limitiert und schon im Februar komplett ausverkauft. In der Community hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass das Fanfest ein ganz besonderes Ereignis ist, dem man als echter Fan mindestens einmal im Leben beigewohnt haben muss.

Und in diesem Jahr gibt es zudem etwas zu feiern - den zehnten Geburtstag von EVE Online, einem Spiel, dem damals nicht einmal die Entwickler der ersten Stunde einen solchen Erfolg zugetraut hätten. Entstanden ist EVE Online nämlich aus einem Tabletop-Spiel, das es nur in Island zu einiger Berühmtheit gebracht hat und das als finanzielles wie kreatives Fundament des MMOGs angesehen werden kann.

Wiped! - Die MMO-Woche - Tränen zum Geburtstag

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Aus der Not eine Tugend gemacht

Die Geschichte von CCP hat also nicht erst mit der Arbeit an EVE Online begonnen, sondern reicht bis ins Jahr 1996 zurück. Über die Jahre hinweg mussten die damals beinahe noch jugendlichen Gründer des Unternehmens stets mit dem haushalten, was man als Einnahmen verbuchen konnte. Und das war oft weniger, als man eigentlich zum Leben braucht.

Man hatte keinen finanzkräftigen Publisher im Rücken und scheiterte mit dem Versuch, EVE Online in die Regale der Geschäfte zu bringen. In einer Zeit, in der digitale Verkäufe noch ausgesprochen selten waren, musste man irgendwie damit auskommen. Große Sprünge waren nicht möglich. Doch genau aus dieser Not hat das Unternehmen eine Tugend gemacht und was für CCP kleine, aber kluge Schritte waren, sollte bald zu großen, richtungsweisenden für die gesamte MMOG-Branche werden.

EVE Forever

Da man auf die laufenden Einnahmen nicht verzichten konnte, musste man das Design von EVE Online auf das Endlosspiel ausrichten. Die Idee von der Weltraum-Sandbox wurde nicht in weiser Voraussicht geboren, sondern war schlicht einem äußerst knappen Budget geschuldet, das keinen Spielraum für weitreichenden Content ließ. Man schuf einen Sandkasten und drückte den ersten Spielern einfach die Schaufeln in die Hand.

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Mittlerweile buddelt eine halbe Million in New Eden und täglich kommen neue Spieler hinzu, die allein durch ihre Anwesenheit neue Inhalte schaffen - ob sie wollen oder nicht. Trotz des wirklich stolzen Umsatzes rückt CCP jedoch nicht vom ursprünglichen Konzept ab, entwickelt die Sandbox beharrlich weiter und ignoriert jedwede Themepark-Mechaniken auch weiterhin.

Wir sind EVE!

Der Counsil of Stellar Management als gewählter Spielerrat mischt sich im Namen der Spieler mit in die Entwicklung ein und hat sich mittlerweile einen nachhaltigen Einfluss erstritten. EVE Online gehört längst nicht mehr CCP - es gehört den Spielern, die das auch regelmäßig und unmissverständlich deutlich machen, indem sie den Entwicklern auf dem Fanfest durchaus schon mal die eine oder andere unbequeme Frage stellen.

Und fragt man die Fans nach dem Grund für den Erfolg von EVE Online, bekommt man immer wieder eine Antwort zu hören: CCP weiß, wem man den Erfolg zu verdanken hat, und so entwickelt man das Spiel für die Core-Gamer und nicht für die Masse. Doch wie, wundert sich mancher Außenstehende, lassen sich mit dieser Strategie 500.000 Spieler auf Dauer halten?

Ein Kommen und Gehen

Die Antwort ist ebenso einfach wie erstaunlich: Man hält sie gar nicht. Wie bei anderen Spielen auch, wandern Tag für Tag unzählige Spieler aus unterschiedlichsten Gründen aus New Eden ab. Und wie bei anderen Spielen auch, kommen Tag für Tag unzählige nach einer Pause zurück, um zu schauen, was sich während der Abwesenheit so getan hat.

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Doch während man bei sämtlichen Themeparks feststellen muss, dass kaum noch jemand aus der langen Freundesliste spielt, treffen die EVE-Pausierer immer wieder auf alte Kollegen - auf den harten Kern, der seit Jahren erbittert um Macht und Reichtum kämpft und mit Sicherheit gerade ein paar gute Piloten gebrauchen kann.

Geheimes Erfolgsrezept

Man rüstet sich flugs ein Schiffchen aus, greift den Veteranen unter die Arme und ehe man sich versieht, ist man wieder eingetaucht in die lebendige Sandbox-Welt, fliegt nach Island und heult wie ein kleiner Junge, wenn das Symphonieorchester die EVE-Hymnen opulent neu interpretiert oder Firmenchef Hilmar auf der Bühne eine seiner rührseligen Geschichten auspackt.

Längst schaut die gesamte Branche neidisch auf CCP. Man möchte von den Isländern und deren Konzept lernen und glaubt, das Geheimnis läge in der Sandbox-Mechanik. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn der Erfolg ist nicht so einfach zu kopieren - eine Sandbox allein macht ein Studio noch nicht reich und wir werden in den nächsten Jahren unzählige Unternehmen mit diesem Konzept scheitern sehen.

Gut kopiert und doch zum Scheitern verurteilt

Denn so genial die Sandbox-Idee auch ist - ihre erfolgreiche Umsetzung verlangt den Entwicklern eine unglaubliche Geduld, Zähigkeit und finanzielle Durchhaltekraft ab. Sie erfordert Teamfähigkeit über die Grenzen des Studios hinaus und das Talent, eine Core-Gemeinde aufzubauen und zu betreuen, die das langsame Wachsen über Jahre hinweg verantwortungsbewusst begleitet und den zerstörerischen Heuschreckenschwarm aus Wechselspielern im Zaum hält.

Vielleicht war CCP zur richtigen Zeit am Start. Vielleicht war es auch die den Isländern zu eigene Hartnäckigkeit, die EVE Online zum einzigen MMOG gemacht hat, das trotz Monatsabo immer rasanter wächst. Vielleicht war es die uneingeschränkte Loyalität den Core-Gamern gegenüber. Wahrscheinlich war es von allem etwas.

Unter Wikingern

Wie auch immer - in Island feiern zur Stunde 1.500 Fans und Hunderte von Entwicklern ausgelassen das Ende der ersten Dekade EVE Online. Und sie läuten die nächste ein, von der man sich sicher ist, dass sie selbst den derzeitigen Erfolg noch in den Schatten stellen wird. Ich bin stellvertretend für euch mit von der Partie und gleich bei der berüchtigten Kneipen-Rallye am Start.

Dort werde ich bei einer ordentlichen Portion fermentiertem Stinkehai, Schafshoden und becherweise Brennivín versuchen, den angeheiterten Wikingern das eine oder andere Geheimnis zu EVE Online, Dust 514 und dem noch immer reichlich mysteriösen World of Darkness zu entlocken. Und sollte ich das tatsächlich überstehen, gibt es am kommenden Samstag auch wieder eine Wiped-Ausgabe im üblichen Rahmen. Bis dahin – wohl bekomm's.