Während unser Kolumnist um den Globus geflogen ist, haben sich die Nachrichten auf dem Schreibtisch gestapelt. Die MMOG-Branche läuft also endich auf Hochtouren. Insbesondere in der Indie-Ecke werden im Wochentakt neue Titel angekündigt und mit dem Prädikat Sandbox im Vorfeld beworben. Doch bevor wir uns denen zuwenden, werfen wir einen kurzen Blick in die Werkstatt von Genre-Papa Richard Garriott, der fleißig am neuen Hemdchen für den Avatar strickt.

Shroud of the Avatar - etwas zu abgehoben?

Manch ein Spieler verneigt sich ehrfürchtig, wenn er an Richard ‘Lord British’ Garriott denkt. Andere wiederum halten spätestens seit Tabula Rasa und dem dekadenten Weltraumflug gar nichts mehr von dem Sandbox-Pionier und erwähnen ihn in einem Atemzug mit Peter Molineux, der seit Jahren nichts Besonderes mehr produziert hat.

Und tatsächlich sind die Zweifel an Richard Garriott berechtigt, denn nach seiner Rückkehr zur Erde schien im Berufsleben so gar nichts mehr nach Plan zu laufen - Tabula Rasa wurde schon bald nach der Veröffentlichtung gnadenlos von NCSoft abgeschaltet und Garriott verkündete bei seinen zahlreichen Auftritten mehrfach, dass er die Zukunft der Zockerei eindeutig im Bereich der mobilen Gerätschaften sehe.

Reichtum ist relativ

Beides kostete den Altmeister Fans - und zwar so viele, dass es zeitweise gar nicht so sicher schien, ob sein Shroud of the Avatar überhaupt genügend Unterstützer finden würde, um frei von den verhassten Publishern in die Entwicklung zu gehen. Am Ende legten auf Kickstarter dann doch noch 22.322 vertrauensvolle Anhänger insgesamt 1,9 Millionen Dollar auf den Tisch.

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Doch der Abschluss einer Kickstarter-Kampagne, das mussten mittlerweile schon einige Indie-Entwickler erkennen, markiert gerade mal den Anfang der Spendensammlerei und so sind mittlerweile fast 3,5 Millionen Dollar auf Garriotts Konto eingegangen. Das klingt nach viel Geld, ist angesichts der großen Pläne Garriotts aber nur ein kleiner Teil dessen, was die gesamte Entwicklung des Spiels verschlingen wird. Den Rest entnimmt Lord British dann wahrscheinlich der königlichen Privatschatulle, die auch nach dem Flug zur ISS noch ein paar Milliönchen enthalten dürfte.

Keine Ordnung ohne Chaos

Doch woher nehmen die Fans eigentlich ihr Vertrauen? Was lässt sie glauben, dass Garriott die Pläne hinsichtlich ertragreicher Handyspiele wirklich verworfen hat und er überhaupt noch genügend Ideen hat, um Shroud of the Avatar zu einem großartigen Spiel zu machen? Auch ich habe, was die Fähigkeiten des Altmeisters betrifft, noch immer gewaltige Zweifel.

Diese Zweifel habe ich allerdings nur an dem exzentrischen Lord British mit seinen seltsamen Ideen und Philosophien, die oft ebenso genial wie unmöglich sind und die es in Balance zu bringen gilt. Und wer könnte die Spinnereien des tugendhaften Herrn der Ordnung besser ausgleichen als der Herr des Chaos - Lord Blackthorn persönlich.

Krieg mit Bedeutung

Den gab es nicht nur virtuell in Ultima Online, diese Figur hatte auch einen realen Bezug. Zu Starr Long nämlich, dem vielleicht wichtigsten Kopf hinter dem altehrwürdigen Sandbox-Game aus den 90ern, dessen Erfolg gerade der Teamarbeit solch ungleicher Leute zu verdanken ist. Und da Starr Long auch federführend an der Entwicklung von Shroud of the Avatar beteiligt ist, bin ich, was dieses Spiel betrifft, insgesamt schon seit einer Weile guter Dinge.

Die weitgehend positiven Berichte aus den Alphatests haben diese Zuversicht noch gesteigert - und seit kurzem auch einen Beitrag zum PvP in Shroud of the Avatar - von Blackthorn persönlich. Der möchte, dass der Konflikt zwischen Spielern bedeutungsvoll wird. Das Ziel sei es, die Balance zwischen dem Thrill unvorhergesehener Begegnungen mit dem Wunsch einiger Spieler nach Sicherheit in Einklang zu bringen.

Kein Rollenspiel ohne böse Jungs

Keinesfalls wolle man dabei den Weg gehen, der später in UO eingeschlagen wurde und der das Spiel für alle langweilig werden ließ. Eine Spaltung der Welt in einen PvP- und einen PvE-Teil hält Starr Long für falsch. Er glaubt, dass es einen Kompromiss geben kann. Durch PvP-Quests, PvP-Festungen und Ressourcen, die vermehrt in PvP-Zonen vorkommen, lassen sich beispielsweise auch militante Pazifisten hin und wieder mal zum PvP ermutigen. Weitere Ideen mit dem selben Ziel diskutiert Starr Long aktuell gemeinsam mit dem Entwicklerteam und den Unterstützern.

Dieser Ansatz wird für beide Seiten eine Bereicherung sein. Ultima Online lebte in seiner Urform von den Auseinandersetzungen, lebte von den Banditen und Schlitzohren, die für ebenso epischen wie ungescripteten Content sorgten und mit ihren Gaunereien die ehrbaren Spieler in Atem und im Spiel hielten, weil sie durch sie Abenteuer erlebten, von denen sie noch heute begeistert berichten können. Mal ganz ehrlich - wer mal das süße Blut einer Bande spielergesteuerter Übelwichte geleckt hat, wird über einen erlegten Raidboss nur noch müde lächeln.

Star Citizen - plötzlich berühmt

Chris Roberts dürfte derweil darüber lächeln, was die großen Publisher einst zu ihm sagten: Der PC als Spieleplattform ist tot, ebenso wie Weltraumsimulationen. Diesen Unsinn hat der Erfinder von Wing Commander längst eindrucksvoll widerlegt. Und auch die 40 Millionen von den Fans gesammelten Dollars sind, so unglaublich sie sich anhören mögen, nur ein Zwischenstand - die Geldquelle wird nicht so bald versiegen.

Die Ideen scheinen Chris Roberts dabei nicht auszugehen. Sollte er die 42 Millionen knacken, verspricht er, die Galactapedia ins Spiel zu bringen und sie mit der offiziellen Webseite zu verknüpfen. In dieser Galactapedia finden die Sternenbürger dann nicht nur alle nötigen Informationen zu Planeten, Technologien und Lebewesen - sie können es auch selbst ins berühmteste Nachschlagewerk von Star Citizen schaffen.

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Erster!

Dafür müssen sie besondere Leistungen vollbringen, zum Beispiel einen gefürchtete Piraten stellen, einen neuen Sprungpunkt entdecken oder zum meistgesuchten Verbrecher der Galaxis aufsteigen - die Möglichkeiten, die Handlungen der Spieler mit der Galactapedia zu verknüpfen sind nahezu unbegrenzt. Den mittlerweile über 400.000 Fans scheint diese Idee auf jeden Fall zu gefallen, haben sie seit Roberts Dankesbrief doch schon weitere 200.000 Dollar hinterhergeschoben.

Nicht minder spannend sind Chris Roberts Bemühungen, eine brauchbare KI ins Spiel zu bringen. In dieser Hinsicht ist der Altmeister gerade eine neue Allianz eingegangen - mit den Jungs von Moon Collider, die an einer Technologie namens Kythera arbeiten. Die soll nicht nur für realistischere Kämpfe im All sorgen, sondern auch für alle erdenklichen Hintergrundroutinen auf den Welten und in den Schiffen verantwortlich sein, die dazu beitragen, das Universum lebendiger und vor allem glaubwürdiger zu machen. Einen ersten Eindruck davon soll schon das Dogfigting-Modul im kommenden Monat vermitteln.

Elite: Dangerous - alles dreht sich

Der Vergleich von Star Citizen mit Elite: Dangerous ist wahrscheinlich der oft bemühte Vergleich von Äpfeln mit Birnen, denn während Chris Roberts von Anfang an die Story und die von Hand entworfenen Welten in den Vordergrund gerückt hat, widmet sich David Braben bei seiner Arbeit eher der Idee eines grenzenlosen, vom Computer generierten Universums - samt unterschiedlichsten Arten von Planeten mit individuellen Umweltbedingungen und eigener Rotation.

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Überhaupt spielen Drehungen eine ganz große Rolle in Elite: Dangerous, schließlich ist jede Bewegung im All immer relativ zum Bezugspunkt zu betrachten. Die absolute Ruhe gibt es nicht. Auch nicht beim Andocken, das in seinem Anspruch nicht nur echte Sci-Fi-Fans ansprechen dürfte. Elite: Dangerous ist gerade in die 3. Alphaphase eingetreten und steht nur einem kleinen, besonders spendablen Teil der Unterstützer offen.

ArcheAge - Russland schottet sich ab

Für viele Bürger der westlichen Welt überhaupt nicht mehr offen stehen derweil die russischen Server von ArcheAge. Das liegt allem Anschein jedoch nicht an den derzeitigen Spannungen auf politischer Ebene, sondern an dem extremen Zulauf, den ArcheAge seit dem Launch in Russland insbesondere durch Spieler aus Europa und den USA erfahren hat. Die Blockade gilt, so scheint es, derzeit nur für Neuspieler.

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Der Grund für den Run auf das Spiel: Es hatte sich in den Communitys herumgesprochen, dass ArcheAge in Russland möglicherweise sandboxlastiger ausfallen wird als in Südkorea, wo gerade der letzte Patch für reichlich Ärger bei den Fans gesorgt hat, weil er das Spiel noch weiter in Richtung Themepark-MMOG gedrückt hat. Ein Warnsignal hoffentlich für Trion Worlds. Mögen sie dort den richtigen Pfad einschlagen und die Pfade im Spiel mit ordentlich Sand zuschütten.

Pirates of the Burning Sea - auf Sand gelaufen

Genau das macht derzeit auch das Team hinter Pirates of the Burning Sea. Seitdem der Vertrag mit Sony Online Entertainment ausgelaufen ist und man mit Portalus ein neues Studio gegründet hat, ist ein Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem sich das kleine Team vor allem mit elementaren Dingen des Game-Hostings beschäftigen musste. Mittlerweile hat man aber wieder festen Boden unter den Füßen und Großes mit dem altehrwürdigen Piraten-MMOG vor.

Man will den Titel bedeutend stärker in Richtung Sandbox treiben und ist dafür bereit, die Welt komplett umzukrempeln, für viel mehr Dynamik zu sorgen, das Handelssystem zu überarbeiten und die Belohnungen neu mit dem Crafting zu verketten. Der Vergleich zu EVE Online liegt da nahe und tatsächlich erklärte Firmenchef Charles Ellis aktuell, dass man in etwa die gleichen Ziele vor Augen habe wie die Leute von CCP mit EVE Online - nämlich den Spielern das Gefühl zu vermitteln, dass ihnen die Welt auch gehört, die sie zu formen helfen.

The Elder Scrolls Online, WildStar, Warlords of Draenor

Derlei sandige Pläne haben die Teams hinter The Elder Scrolls Online, WildStar oder World of Warcrafts nächster Erweiterung wohl nicht. Dafür hat man andere Pläne - zum Beispiel terminliche. Während der Release-Termin von The Elder Scrolls Online schon eine ganze Weile feststeht - das Spiel erscheint am 04. April - haben jetzt auch NCSoft und Blizzard nachgelegt.

WildStar soll am 03. Juni erscheinen. Eine clevere Entscheidung von Carbine ist das auf jeden Fall - just einen Tag bevor die Abonnenten von The Elder Scrolls Online darüber nachdenken, ob sie ihre Monatsgebühr zum zweiten Mal verlängern sollen oder ob sie mit WildStar nicht lieber einem neuen Titel den Vorzug geben.

Wie auch immer diese Entscheidung ausfällt - bei Blizzard scheint man von NCs Schachzug unbeeindruckt und bringt die Warlords of Draenor lieber im letzten Quartal unter - und zwar ganz hinten, so nahe an Weinhachten dran wie möglich. Die Erweiterung wird tatsächlich am 20. Dezember erschienen sein und mit Sicherheit für einen ordentlichen Geschäftsbericht des in letzter Zeit durchaus etwas gebeutelten Publishers sorgen.

Ausblick

Und auch ich bin ordentlich gebeutelt aus dieser Woche herausgegangen - bin über London nach Los Angeles und zurück geflogen, um James Bond - Pierce Brosnan in diesem Fall - persönlich bei der Mission im Dienste ihrer Majestät zu helfen, seines Hutes habhaft zu werden. Der steckte nämlich im Gepäckscanner fest und drohte von meinem Handgepäck überrollt zu werden. Ja - auch als britischer Doppelnullagent wird man in Heathrow ordnungsgemäß kontrolliert, muss Schuhe, Gürtel und besagte Kopfbedeckung ablegen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Shroud of the Avatar - Lasst das mal den Papa machen!

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Für ein ordentliches Trading-Card-Game wie HEX fliegt unser Redakteur auch schon mal um die Welt.
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Wobei mich meine eigentliche Mission von London weg ins sommerliche Los Angeles führte, wo ich die einmalige Gelegenheit bekam, das extrem vielversprechende und tatsächliche Trading-Card-MMO HEX anzuzocken und mit Cryptozoics CEO Cory Jones über die gute alte Zeit zu schnacken, in der wir beide als Banditen durch Ultima Online streiften. Doch bevor ich davon berichte, schlafe ich mich erst mal ordentlich aus. In diesem Sinne - gute Nacht!