Warum spielen wir im Jahre 2025 immer noch das gleiche Spiel? Warum sprechen Entwickler von künstlicher Intelligenz, wenn selbige doch dumm wie Brot ist? Und was würde eine spanische Glühbirne sagen, wenn in zwei Wochen tatsächlich die Welt unterginge? Wer sich in der vergangenen Woche mit diesen Fragen beschäftigt hat, dem empfehlen wir dringend professionelle Hilfe oder die samstägliche Lektüre unserer MMOG-Kolumne.

Wobei emotional angeschlagene Gemüter in dieser Woche durchaus vorsichtig sein sollten, denn wirklich gute Nachrichten bilden eher die Ausnahme und die Stimmung in der MMOG-Branche scheint sich ein wenig dem Wetter angepasst zu haben. Umso wichtiger vielleicht, dass wir letzteres nicht länger als gottgegeben hinnehmen.

Gloria Victis - Wenn Petrus grollt...

Dass mit Black Eye Games ausgerechnet eine kleine, unabhängige Spieleschmiede den Ehrgeiz hat, das Wetter in einer virtuellen Welt möglichst realitätsnah zu gestalten, macht umso mehr Hoffnung und bestätigt einmal mehr unsere Vermutung, dass die wesentlichen Innovationen im Genre künftig nicht mehr von den großen Studios ausgehen werden.

Deren Geldgeber bringen gemeinhin nämlich kaum Verständnis dafür auf, dass ein Teil der kostbaren Ressourcen in potentiell mieses Wetter fließen soll, wo doch schon die Standard-Einstellung der teuer lizensierten 08/15-Engine ewiges Urlaubswetter und penetrant strahlenden Sonnenschein enthält. Doch woher sollen die Bürohengste auch wissen, dass Spieler genau darauf schon lange allergisch reagieren?

Wenn der gemeine Wolf Winterschlaf hält

Als möglichst realistisches Mittelalter-MMOG soll Glora Victis tatsächlich das gesamte Register des Wetterberichts auf Lager haben. Neben dem obligatorischen Tag-Nacht-Rhythmus muss die virtuelle Welt auch Jahreszeiten über sich ergehen lassen - samt der entsprechenden Wetterphänomene wie Regen, Schnee, Nebel. Sogar von Blizzards ist die Rede, die - entgegen der landläufigen Ansicht - gar nicht vom gleichnamigen Branchenführer erfunden wurden.

Und ein solches Wetterspektakel macht durchaus auch spielerisch Sinn, denn dass man sich in Regen, Schnee und Matsch in seiner schweren Ritterrüstung längst nicht so gut bewegt wie unter strahlendem Unreal-Standard-Himmel, leuchtet ein. Außerdem passen NPCs ihre Tätigkeiten dem Wetter an - einige trifft man auch bevorzugt zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten. Auf jeden Fall ist es ein wichtiger Schritt weg von der kunterbunten Spiellandschaft und hin zur authentischen Welt.

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Auf den Spuren von Gothic

Und obwohl man auf Kickstarter nicht die erhofften 60.000 Pfund eintreiben konnte, läuft die Entwicklung von Gloria Victis vorerst wie geplant weiter - das Team bekommt sogar noch externe Verstärkung durch Steffen Rühl, der in weiten Teilen für die Story von Gothic 1 verantwortlich ist und durch Kai Rosenkranz, der sich durch seine Arbeit an Sound und Musik zu Gothic 1-3 und Risen einen Namen gemacht hat.

Außerdem wird sich die Plymouth University an der Entwicklung beteiligen, was dem kleinen Studio letztlich mehr Manpower in allen erdenklichen Bereichen der Entwicklung verschafft, als sich man von den 60.000 via Crowdfunding eingespielten Pfund hätte leisten können. Das virtuelle Mittelalter scheint also gar nicht so dunkel zur werden, wie man zeitweise befürchtet hat.

PlanetSide 2 – die Welt im Jahre 2025

Wenig zu befürchten haben offenbar auch die Fans von PlanetSide 2 - zumindest wenn man den Worten von SOE-Chef John Smedley Glauben schenken darf. Der geht nämlich davon aus, dass der MMO-Shooter noch im Jahr 2025 gespielt werden wird. Und während diese Aussage in der Community teilweise für Erstaunen sorgt, bekommt der Sony-Chef in diesen Tagen auch durchaus positive Resonanz.

Denn ungeachtet der Qualität von PlanetSide 2 bringt der CEO damit zum Ausdruck, was von außerordentlicher Wichtigkeit ist: dass ein CEO hinter den Titeln steht, die man entwickelt. Der Publisher hat vielfach bewiesen, dass man auch ältere Welten nicht abschreibt oder gar abschaltet, wie beispielsweise NCsoft das gerne tut.

Die wundersame Wandlung des John Smedley

EverQuest läuft immerhin seit 1999 und auch wenn SOE mit Star Wars: Galaxies schwerwiegende Fehler beim Design begangen hat und die Lizenz letztlich wegen der ehrgeizigen Pläne von BioWare aufgeben musste - viele Fans sind mittlerweile davon überzeugt, dass Star Wars bei Smedley letztlich doch besser aufgehoben war.

Überhaupt hat sich der umstrittene Firmenchef in den letzten Jahren ein wenig vom Saulus zum Paulus gewandelt und ist Anhänger des Sandbox-Konzepts geworden, das man einst selbst mit beerdigt hatte und jetzt mühsam wieder ausgraben möchte, um die eigenen Titel mit langfristig motivierenden Spielinhalten auszustatten.

EVE Online als neues Vorbild der Branche

mit PlanetSide 2 hat man Großes vor - obwohl das Spiel im Kern eher Shooter als MMOG ist. Doch genau daran will man arbeiten. Mit Spielen wie EVE Online im Blick träumt Smedley schon jetzt von Einrichtungen, die von Spielern frei in der Welt gebaut und auch angegriffen werden können, von Ressourcen, die sich mit entsprechenden Fahrzeugen abbauen lassen, von dynamischem Wetter.

Wiped! - Die MMO-Woche - Schlechtwetter

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Die Zukunft?
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Auch träumt er von riesigen Trägerschiffen, von umkämpften Ozeanen, die mit Wassereinheiten befahren werden können, von NPC-Feldzügen, in denen der computergesteuerte Feldherr seine Armeen gen gegnerischer Basis marschieren lässt - mit den Spielern mittendrin - ganz im Stil der überaus beliebten MOBA-Spiele wie DotA und Konsorten.

Ob sich das alles in naher Zukunft im Spiel umsetzen lässt, sei einmal dahingestellt. Was zählt, sind die Vision und der unternehmerische Mut, dieser Vision auch tatsächlich nachzugehen. Die MMOG-Branche befindet sich mitten in einer Phase des Wandels. Viele Unternehmen werden im Laufe der nächsten Jahre mit ihren konservativen Designs auf der Strecke bleiben. SOE, so scheint es, könnte dank Smedleys wundersamer Wandlung in Zukunft wieder ganz vorne mitmischen.

Storybricks - bringt NPCs die Erleuchtung

Für die Umsetzung solch ehrgeiziger Sandbox-Planungen benötigt man aber mehr als Fantasie und Mut. Man braucht beispielsweise erfahrene Entwickler, die noch selber programmieren, statt alles aus den fertigen Bauteilen der jeweiligen lizensierten Engine zusammenzubasteln, wie bei den meisten jüngeren Themeparks geschehen.

Ein solch erfahrener Entwickler der allerersten Stunde ist Brian Green. Dem Erfinder von Meridian 59 haftet noch immer jene Aura eines Computerpioniers an, die man in modernen Studios nur noch allzu selten findet. Umso bedauerlicher, dass sich Green und sein Unternehmen Namaste Entertainment dazu entschlossen haben, die Entwicklung des MMOGs Storybricks einzustellen, das sich unter anderem durch lernfähige NPCs auszeichnen sollte.

Ich soll ein NPC sein? Das wüsste ich aber.

Doch hinter der schlechten Nachricht steckt eigentlich eine gute. Denn Namaste hat zwar das eigene Spiel vorerst verworfen, arbeitet jedoch umso ehrgeiziger am großen Ziel: eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, die diese Bezeichnung auch tatsächlich verdient. Brian Green spricht von computergesteuerten Charakteren, die Launen haben und eigene Ziele verfolgen, die miteinander und der Welt interagiere und Enscheidungen treffen - ganz ohne Scripts.

In der Tat wären solche NPCs eine Bereicherung für jede virtuelle Welt - nicht nur für MMOGs. Brian Green sieht seine Entwicklung mittlerweile derart weit fortgeschritten, dass er davon spricht, Partnerschaften mit Entwicklern einzugehen, die seine cleveren NPCs gerne in ihren Welten unterbringen möchten. Und wer weiß - vielleicht gehört John Smedley bald zu seinen ersten Kunden.

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End of Nations - Trion leistet Erste Hilfe

Zu den Kunden von Petroglyph gehörte bislang Trion Worlds. Das Unternehmen sollte als Publisher für das Strategie-MMOG End of Nations fungieren. Das allerdings wurde in der vergangenen Woche bis auf unbestimmte Zeit verschoben - außerdem gab es massive Entlassungen bei Petroglyph, die manchen Fan schon hatten befürchten lassen, dass es das erhoffte MMOG in der Tradition von Command & Conquer wohl nie zur Marktreife bringen würde.

Jetzt allerdings scheint es, als sei Trion Worlds eingesprungen, um dem angeschlagenen Partner Erste Hilfe zu leisten. Gemeinsam mit den Fans werde man am Titel arbeiten, das Feedback aus der Beta nutzen, an der Lernkurve schrauben, das Interface überarbeiten und dem gesamten Spiel den nötigen neuen Schliff geben - verkündeten die verbliebenen Entwickler aktuell.

Kein Wunder also, dass die Fans jetzt aufatmen und Trion Worlds als Retter in der Not feiern. Welche zusätzlichen Kosten dabei auf das Unternehmen zukommen, ist noch nicht abzusehen. Immerhin lässt sich schon jetzt feststellen, dass der ohnehin überdurchschnittlich beliebte Publisher in der Gunst der als schwierig bekannten MMOG-Community weiter zugelegt hat - und dieser Bonus, das hat uns die Geschichte immer wieder gelehrt, ist letztlich unbezahlbar.

The Secret World - eine Warnung für die Menschheit

Auch Funcon hatte einst einen guten Ruf, den man mit falschen Versprechungen und einem übereilten Release von Age of Conan leider verspielte. Das rächt sich jetzt, denn trotz der ordentlichen Arbeit, die man mit The Secret World abgeliefert hat, wollte sich das Spiel nicht so gut verkaufen, wie man sich das in Oslo erhofft hatte. Doch die Norweger geben nicht auf und kämpfen weiter um jeden Spieler.

Insbesondere die monatlichen Content-Updates sind es, die Funcom langsam aber sicher das Wohlwollen der Community sichern - und dem Spiel hoffentlich auch die Existenz. Wobei das eigentlich irrelevant ist, weil uns am 21. Dezember das Ende aller Tage bevorsteht. Zeit genug, um sie sich mit einem Alternate Reality Game rund um The Secret World zu vertreiben, bei dem die Grenze zwischen fiktivem Geschehen und realer Welt einmal mehr verschwimmen.

Wie packend das sein kann, beweist Funcom auf der eigens erweiterten Webseite jetzt mit einfachsten Mitteln - einer mutmaßlich spanischen Lady und einer ehemals handelsüblichen Glühbirne, wie sie in unserer Welt aus energiepolitischen Gründen eigentlich nicht mehr existieren dürfte. Und wer sich jetzt fragt, was das alles zu bedeuten hat, möge sich einfach an die kleine, aber unglaublich feine Community von The Secret World wenden

Denn die hat sich, genau wie die Leserschaft von Wiped, längst damit abgefunden, dass sich Welten verändern müssen und dass die Antwort irgendwo da draußen ist.