Wer die MMO-Branchennachrichten verfolgt, dem dröhnt regelmäßig der Schädel. Drachen über Berlin, eingeschläferte Titanen, rostige Panzer - und wer zum Teufel sind Rex und HEX? Doch keine Panik - Wiped bringt wie immer ein wenig Ordnung ins Chaos und verrät, worauf wir uns freuen dürfen und worauf besser noch nicht.

Zwei Wochen vor der Electronic Entertainment Expo, unter Spielern besser bekannt als E3, rüsten die PR-Mannschaften namhafter Publisher wieder ordentlich auf, lassen schnell noch die hässlichsten Screenshots mittels Photoshop aufpolieren und stellen Videos zusammen, die zwar hübsch anzusehen sind, mit dem Spiel selbst jedoch nichts zu tun haben.

Titan down!

Solche Probleme hat man bei Blizzard derzeit wohl eher nicht - und das liegt nicht einmal daran, dass die Firma generell wenig von solchen Publikumsmessen hält. Vielmehr scheinen dem Publisher die Ideen ausgegangen zu sein. Das zumindest lässt die WTF-Meldung der Woche vermuten, die Blizzard mittlerweile teilweise bestätigte und in der es heißt, dass das MMOG-Großprojekt Titan quasi noch einmal komplett neu angegangen werde.

Für Blizzard-Fans dürfte diese Nachricht ein ähnlicher Schock sein wie für Investoren und angesichts der rapide rückläufigen Abozahlen bei World of Warcraft, muss sich das Unternehmen in den nächsten Jahren sicher so manche unbequeme Frage gefallen lassen. Und doch verstehe ich diese entwicklungstechnische Notbremse als wichtig und richtig.

Metin was my first love...

Die Branche ist im Wandel - das dürfte man auch bei Blizzard bemerkt haben. Die MMOG-Community lässt sich nicht mit Daily-Quests und Raid-Bossen abspeisen - nicht mehr, nicht schon wieder. Mittlerweile gibt es da draußen Hunderte generische MMOGs, die fast allesamt kostenlos um die Gunst der Spieler buhlen. Spieler, die mittlerweile zum Großteil einer Generation angehören, deren erste große Liebe eben schon nicht mehr World of Warcraft war.

Doch der Reboot ist nicht allein konzeptioneller Natur. "Wir sind an einem Punkt, an dem wir einige große Design- und Technologieänderungen vornehmen müssen", heißt es aus dem Blizzard-Hauptquartier. Kein Wunder, denn technologisch spielte Blizzard schon seit jeher eher im Mittelfeld und hat technische Rückständigkeit meist durch Atmosphäre und gestalterisches Geschick ausgebügelt. So konnte man auch die Besitzer von altersschwachen Rechenknechten gewinnen und die nicht zu vernachlässigende Gruppe der Notebook-Zocker.

Wiped! - Die MMO-Woche - Schlafende Riesen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
WoW läuft noch, Titan offenbar nicht in den nächsten Jahren - was passiert gerade bei Blizzard?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Schlaf gut und nutze deine Träume, Riese!

Doch der technische Fortschritt hat keine Pause eingelegt. Die hauseigene Engine hat ihre besten Tage hinter sich und selbst cleverste Designs können nur oberflächlich kaschieren, dass man von Unreal-, Cry-, Unity- und anderen Entwicklerplattformen in jeglicher Hinsicht gnadenlos abgehängt wurde. Wer Tiefgang ins Spiel bringen und eine zeitgemäße, virtuelle Welt erschaffen will, braucht die entsprechende Technologie.

Insofern ist es zwar schade, dass sich Titan verzögert, letztlich jedoch könnte es sich als Vorteil erweisen, dass Blizzard wahrscheinlich doch mal auf die Konkurrenz geschielt und die Zeichen der Zeit erkannt hat. Es ist besser, man legt den Riesen noch einmal schlafen, übt sich ein wenig in Traumdeutung und geht dann mit der nötigen Weitsicht an die Sache ran. Dann, und nur dann, wird es auch kein böses Erwachen geben.

Take-Two - denkt sich seinen Teil

Ganz anders sieht man die Sache bei Take-Two Interactive. Die Firma, die mit Solotiteln wie Borderlands, BioShock und der GTA-Serie ordentlich Kasse macht, hat sich bislang in Sachen MMOG-Entwicklung dezent zurückgehalten. Den Grund dafür ließ Firmenchef Strauss-Zelnick jetzt auf einer Konferenz durchblicken.

"MMOs funktionieren bei uns nicht. Einige Unternehmen mussten sehr, sehr harte Lektionen lernen", so der CEO. Und mit Blick auf den erneut zur Ruhe gelegten Titan konnte er sich offenbar die mehr als deutliche Spitze nicht verkneifen: "Einer unserer Wettbewerber verkündete gerade, dass man ein MMO-Projekt von vorne beginne."

Doch liegt Strauss-Zelnick mit seiner Einschätzung richtig? Funktionieren MMOs tatsächlich nicht in der westlichen Welt (die hatte er wahrscheinlich im Sinn, als er von den USA sprach)? In Asien hat Take-Two nämlich durchaus einige MMO-Eisen im Feuer, darunter ein Civilization-MMO, das in Zusammenarbeit mit Jake Song und XL Games entsteht - jenem Unternehmen, das hoffentlich noch in diesem Jahr den 'Sandpark' ArcheAge nach Europa schickt.

Angebot und Nachfrage offenbaren nur die halbe Wahrheit

Wenn man sich allein Angebot und Nachfrage anschaut, mag die Theorie zutreffen - dann scheint das MMOG-Genre tot zu sein. Die Masse hüpft von einem kostenlosen Spiel zum nächsten und die einst auf zwei, drei Titel aufgeteilte Community ist nun in Hunderte Teile gesplittet, die kaum jemals wieder in einem Spiel zusammenfinden werden.

Das allerdings setzt voraus, dass Spiele auch weiterhin so seelenlos sind und nach immer gleichem Rezept neu zusammengeköchelt werden. Ein Spiel, das diese fürchterliche Tradition durchbricht, das mit Innovation, Atmosphäre, Metagame und einem stimmigen Weltkonzept aufwartet, wird seine Spieler finden und auf lange Sicht profitabel zu betreiben sein. Von ihrer Gier und der Hoffnung auf einen millionenstarken Kundenkreis allerdings sollten sich die Publisher langsam verabschieden - diese Zeiten sind in der Tat vorbei.

Funcom - endlich gute Nachrichten

Diese Lektion hat man auch beim norwegischen Publisher Funcom lernen müssen. Mit Anarchy Online groß geworden, wollte man mit Age of Conan noch nach der Krone im MMOG-Genre greifen, stolperte dabei allerdings über den eigenen Ehrgeiz und ruinierte sich den bis dahin verhältnismäßig guten Ruf im Genre. Auch mit The Secret World gelang es im vergangenen Jahr nicht, die Pechsträhne zu beenden.

Wiped! - Die MMO-Woche - Schlafende Riesen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
Yay! Für Funcom sieht es nach all den miesen Nachrichten der letzten Zeit endlich etwas besser aus - immerhin.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken und "MMOs funktionieren bei uns nicht" zu rufen, hat man bei Funcom radikal zum Rotstift gegriffen und das Unternehmen neu strukturiert. 1,2 Millionen Dollar konnte man so im letzten Quartal sparen. Doch alle Ersparnisse nützen wenig, wenn man nicht auch den Umsatz steigern kann - und genau das ist Funcom gelungen.

6,3 Millionen Dollar erwirtschaftete der Publisher vor allem mit Age of Conan und The Secret World. Insbesondere Letzteres scheint sich seit der Umstellung auf die abofreie Spielweise langsam zu erholen und zählt mittlerweile mehr Spieler als im Quartal zuvor - ebenso das altehrwürdige Anarchy Online, das von der Zusammenlegung der Teams am meisten profitieren dürfte.

Rift - Rex statt Plex

Und während Funcom über das Gröbste hinweg ist, steht Trion Worlds die Feuerprobe noch bevor - die Umstellung von Rift auf das Free-to-Play-Geschäftsmodell. Denn wenngleich sich viele Spieler darauf freuen, ein qualitativ so hochwertiges Themepark-MMOG abofrei spielen zu können, wettert ein Teil der Community gegen die Umstellung und fürchtet um die spielerische Balance, da Trion im Shop offenbar auch Ausrüstung gegen Echtgeld anbieten möchte.

Wiped! - Die MMO-Woche - Schlafende Riesen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Immerhin wurde jetzt bekannt, dass man bei Trion auch an einer übergeordneten Währung namens Rex arbeitet, die natürlich nur rein zufällig an die aus EVE Online bekannte Pilotenlizenz Plex erinnert. Rex kann für Echtgeld erworben werden und dient dann dazu, im Itemshop einzukaufen. Ebenso wie Plex kann es aber auch als Gegenstand im Spiel gehandelt werden.

Unvermeidbare Inflation

Spieler mit viel Zeit und wenig Geld bekommen so die Möglichkeit, Mikrotransaktionen mit Spielgeld vorzunehmen und ohne die Zahlung von Echtgeld in den Genuss der neuen Angebote zu kommen. Gleichzeitig können Spieler mit wenig Spielzeit und einem dicken Geldbeutel ihre erworbenen Rex zu Spielgeld machen.

In einer Sandbox wie EVE Online stellt dieses System eine absolute Win-win-Situation dar, weil alle Werte dort vergänglich sind und jeder exzessive Plex-Käufer früher oder später Risiken eingeht, die ihn alles wieder verlieren lassen. In einem Themepark-MMOG wie Rift wird das System hingegen an seine Grenzen stoßen, weil es das Spielgeld entwertet und die Zeit, die man benötigt, um sich Rex zu erfarmen, bald schon in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen stehen wird.

Dragon’s Prophet - Drachen über Berlin

Auch Runewakers Dragon’s Prophet, das hier bei uns vom neuen Publisher Infernum betrieben wird, hat anscheinend ein solches System. Anders als Rift soll das Spiel, das auf den ersten Blick wie ein äußerst generisches MMOG nach klassischem Muster aussieht, durchaus auch ein paar Ansätze haben, die in Richtung Sandbox gehen. Welche das sind und ob sie funktionieren, muss sich allerdings noch zeigen.

Dragon's Prophet - Open-Beta-Trailer2 weitere Videos

Immerhin hat Infernum am vergangenen Donnerstag die Pforten zum Spiel geöffnet und die Open Beta gestartet. Die sorgte kurz nach Start für einige Probleme, denen das Team von Infernum später allerdings noch Herr zu werden schien. Ob das Spiel etwas taugt oder sich letztlich doch nur wieder als Standard-MMOG aus Fernost erweist, wird sicher noch Thema der nächsten Wochen werden.

Face of Mankind - Endspurt

Thema der letzten Wochen war mehrfach schon das Sandbox-MMOG Face of Mankind, dessen Macher gerade auf Kickstarter um Unterstützung bitten. 50.000 Dollar benötigt das Team mindestens, um die Arbeit weiter voranzutreiben und die in die Jahre gekommene Engine einer Generalüberholung zu unterziehen. 46.000 Dollar hat das kleine Unternehmen nun zusammen - bei vier verbleibenden Tagen.

Auch wenn es am Ende, wie so oft auf Kickstarter, knapp wird - die Rechnung scheint aufzugehen und die Zukunft von Mankind gesichert. Dessen Chefentwickler Marko Dieckmann war übrigens Mitgründer des oben erwähnten Publishers Infernum und führte das Entwicklerteam von Project Theralon an - ein passioniertes Sandbox-MMOG, das später eingestellt wurde, weil man sich im Unternehmen lieber auf das Publishing fremder Titel als auf eigene Entwicklungen konzentrieren wollte.

HEX - ein gutes Blatt

Etwas größere Brötchen können derweil die Jungs von Cryptozoic backen. Die hatten ebenfalls auf Kickstarter um finanzielle Unterstützung bei der Entwicklung von HEX gebeten. Die Welt, dachten sich die Jungs, braucht dringend ein Trading-Card-Spiel, das mit MMOG-Elementen gespickt ist. Und sie sollten tatsächlich recht behalten - genau das braucht die Welt.

Mit 300.000 Dollar wäre man zufrieden gewesen - mittlerweile steht der Zähler bei 1,5 Millionen Dollar - und die Kasse klingelt munter weiter. Über 10.000 private Geldgeber glauben an das Konzept eines solchen Kartenspiels und freuen sich über all die versprochenen Starter-Sets und Booster-Packs, in deren Genuss sie den Angaben auf Kickstarter zufolge kommen werden. Bleibt nur zu hoffen, dass daraus kein unfairer Vorteil den späteren Spielern gegenüber erwächst.

War Thunder - potz Blitz!

Entgegen dem penetranten Geschrei mancher Spieler hat der zahlende Kunde im WW2-MOBA War Thunder keinen entscheidenden Vorteil gegenüber den kostenlos spielenden - etwas Geschick, Cleverness und Mühe vorausgesetzt. Das wird sich hoffentlich auch nicht ändern, wenn neben den Flugzeugen auch endlich die Panzer im Spiel zur Auswahl stehen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Schlafende Riesen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und da das, so wird gemunkelt, bald passieren wird, veröffentlicht Gaijin schon mal die ersten Bilder aus dem laufenden Alpha-Test, in dem die Blechvehikel so eindrucksvoll zu sehen sind, dass selbst den militantesten Fans von World of Tanks das Wasser im Munde zusammenläuft. In den Foren, im Spiel und auf der zugehörigen Facebook-Seite geht entsprechend die Post ab.

Besonders vor dem Hintergrund, dass die Panzer eine ebenso realistische Physik samt Schadensmodell bekommen sollen wie die Flugzeuge und obendrein über das gleiche Schlachtfeld tuckern werden, über dem die Piloten in ihren Maschinen kreisen, dürfte man es bei Wargaming.net einmal mehr mit der Angst zu tun bekommen. Die angeündigte PS4-Kompatibilität bei systemübergreifender Spielbarkeit tut dabei ihr Übriges.

TUG - Nerds im Anmarsch

Doch nicht jeder Spieler zerstört gleichermaßen gerne und so muss es auch unbedingt Spiele geben, in denen es etwas sozialer zugeht und in denen sich Dinge aufbauen lassen. TUG zum Beispiel, das eine Portion Sozialwissenschaften nimmt, etwas Minecraft hinzugibt, das Ganze mit moderner und antiker Marktwirtschaft verrührt und es am Ende noch mit einen Schuss Magie beträufelt.

Wer, außer den Lesern von Wiped, hätte im Leben daran geglaubt, dass ein solches Konzept seine Unterstützer auf Kickstarter finden würde? Eben - und so können wir den Jungs von Nerd Kingdom mit ihrem TUG, dessen Kurzbezeichnung nach wie vor für “The Untitled Game” steht, zur erfolgreichen Finanzierung gratulieren und sind mehr als gespannt auf das Ergebnis dieser verrückten Rezeptur.

Mortal Online - es geschehen noch Zeichen und Wunder

Ebenfalls gratulieren kann man übrigens dem kleinen Team von Star Vault. Die Jungs, die allen Widrigkeiten zum Trotz seit Jahren tapfer für ihren Traum kämpfen und das beinharte PvP-Sandbox-MMOG Mortal Online nicht nur am Laufen halten, sondern langsam, aber stetig ausbauen, haben anscheinend finanzielle Rückendeckung von “zwei Investoren” bekommen.

2 weitere Videos

Wer das ist, darüber verrät der CEO nichts, lässt die Spieler aber in einer ausführlichen Nachricht wissen, dass man das Geld direkt in Verbesserung, Feinschliff und Ausbau von Mortal Online stecken werde. Weiter wird versichert, dass man auch künftig nicht von der Vision und den Kern-Mechaniken abrücken werde. Kein weichgespültes Mortal Online also, so der Tenor der Botschaft.

Anders als Darkfall, der derzeit einzige Konkurrent in der Nische der Hardcore-Fantasy-Sandbox-MMOGs, wird Mortal Online kostenlos angeboten. Allerdings handelt es sich bei der Free-To-Play-Version eher um die Möglichkeit, mal unverbindlich ins Spiel hineinzuschauen. Wer wirklich ernsthaft in Erwägung zieht, in der harten Welt zu siedeln, wird um die kostenpflichtige Mitgliedschaft kaum herumkommen, da die Zahl der erreichbaren Skillpunkte sonst arg beschränkt ist.

Der Worte sind genug gewechselt

Ebenso beschränkt ist die Zeit, die uns an diesem angebrochenen Wochenende noch verbleibt, das wir alle letztlich nicht lesenderweise verbringen wollen, sondern spielend. Um es, wie in PvP-Kreisen üblich, kurz zu machen: “Man schießt sich.”