Während Branchenexperten Innovation und technischen Fortschritt propagieren, trauert unser Wiped-Autor noch immer längst vergangenen Zeiten hinterher. Doch die Spiele von damals sind nicht umsonst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und was früher begeisterte, würde heute niemanden mehr ernsthaft spielen wollen - oder etwa doch?

Träumen darf man ja. Zum Beispiel davon, dass Electronic Arts ein zeitgemäßes Ultima Online mit dem ursprünglichen Regelwerk aufsetzt, dass SOE Star Wars: Galaxies in alter Komplexität neu auflegt und Dark Age of Camelot endlich den Nachfolger bekommt, den es verdient hat. All das wird natürlich nicht geschehen, denn in Entwicklerkreisen blickt man nicht gern zurück.

Retro ist angesagt

Viel lieber als tiefgreifende Spielmechaniken präsentiert man die schnell erdachte Story, zeitgemäße Grafikeffekte, eine umfangreiche Physik und natürlich Vollvertonung in allen erdenklichen Sprachen. Das alles lässt sich Investoren und vermeintlich scharfsinnigen Fachjournalisten nämlich besser vermitteln als irgendwelche Pläne, sich beim Design des Spielgeschehens gewisser Elemente aus dem letzten Jahrtausend bedienen zu wollen.

Dabei ist es genau das, worauf die Community wartet. Retro ist angesagt und es ist Entwicklern keinesfalls verboten, sich an älteren Titeln zu orientieren - sofern es mit Bedacht und Sachkenntnis geschieht, man bewährte Elemente nicht nur blind übernimmt, sondern sie so um- und ausbaut, dass ein neues, stimmiges Gefüge daraus wird.

Das ist auf jeden Fall weit besser als die gängige Praxis moderner Studios, Kernelemente eines MMOGs einfach so unter den Tisch fallen zu lassen. Wo ist bei neueren Titeln denn das ebenso stimmige wie notwendige Crafting, wo der dynamische Markt, wo das Karma-System, das offene Housing oder die Spieler-Politik? Nichts dergleichen findet sich in den Onlinewelten der Post-WoW-Ära, obwohl die Vorlagen dazu existieren - in den Blogs und Erzählungen der Verteranen und in ein paar Nischen-Games, die längst keine solchen mehr sind.

Wiped! - Die MMO-Woche - Retro

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Happy Birthday! EVE Online feiert Zehnjähriges.
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EVE Online - Aufbruch in die nächste Dekade

CCPs Weltraum-Simulation beispielsweise hat sich mit solchen Kernelementen langsam aber sicher aus der Nische erhoben. Dabei muss sich das Spiel gar keiner älteren Vorlagen mehr besinnen, denn EVE Online feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum und stammt selbst noch aus einer Zeit, in der wir Spieler voller Euphorie waren, weil das Genre keine Grenzen zu kennen schien.

CCP hat es geschafft, EVE Online über all die Jahre hinweg beständig zu erweitern, ohne den Kerngedanken aus den Augen zu verlieren. Auch Electronic Arts mit Ultima Online und Dark Age of Camelot oder Sony mit Star Wars: Galaxies hätte das gelingen können, wenn man die Titel vorsichtig erweitert hätte, statt sich von den unsinnigen Forderungen einiger verwöhnter Fans blenden zu lassen und sie über Nacht völlig umzukrepeln.

Wer zuletzt lacht...

Wobei die Spielerschaft von EVE Online bezeichnenderweise nie nach Retro-Servern ruft, wie es manch andere altgediente Community bei ihrem Spiel regelmäßig tut - ein Indiz dafür, dass es sich auszahlt, wenn man als Entwickler auf seine treuesten Spieler hört und nicht eigenmächtig irgendwelche Änderungen an der Mechanik vornimmt, um ein Spiel über Nacht massentauglich zu machen.

Und während die kleine Softwareschmiede aus Island jahrelang von den großen Studios belächelt wurde, sind es jetzt die Wikinger, die über den Rest der Branche lachen könnten. Eine Branche, die von Studioschließungen und Entlassungen gebeutelt ist und in der man oft keinen anderen Ausweg mehr sieht, als Titel unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als kostenlos anzupreisen.

Schleichender Erfolg

Weder das jahrelange Nischendasein noch die Komplexität haben EVE Online geschadet. Die Spielerschaft ist trotz Monatsgebühr in den letzten Jahre beständig gewachsen und wo man vor einem Jahr durchschnittlich noch rund 30.000 Spieler auf dem einzigen Server online sah, sind es mittlerweile regelmäßig über 50.000 Piloten, die abends New Eden bevölkern. Ich war also kaum überrascht, als in dieser Woche mein Telefon klingelte und mir ein Vetreter von CCP freudig mitteilte, dass EVE Online seit kurzem über eine halbe Million Abonnenten zähle. Ich hatte längst damit gerechnet.

Denn wenngleich EVE Online nicht unbedingt ein Musterbeispiel für Benutzerfreundlichkeit ist und erdverbundenere Zeitgenossen oft schon durch seine düster-futuristische Atmosphäre abschreckt, vereint es die guten Eigenschaften antiken Gamedesigns in sich und bietet all das, was eine echte Welt ausmacht. EVE simuliert mehr als nur ein paar Raumschiffe - es ist ein Lebensraum, eine Matrix.

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World of Darkness - Wir haben ein Problem!

Dass Dust 514 als weiterer Bestandteil von New Eden von dessen Tiefgang profitiert und langfristig solide aufgestellt werden soll, leuchtet ein - doch was, so fragt sich der Fan bodenständigerRollenspiele in diesen Tagen, ist eigentlich aus World of Darkness geworden? Wird CCPs Vampire-MMO überhaupt noch weiter entwickelt? Es wird, glaubt man einer aktuellen Verlautbarung aus dem kalten Island. Und nicht nur das - man unterziehe es bereits internen Tests und habe ein Problem.

Einige Mitarbeiter, so heißt es, neigten dazu, sich in dem Spiel zu verlieren. Doch was hat das konkret zu bedeuten? Wir wissen, dass World of Darkness ein düsteres Vampire-MMOG wird und eine Sandbox noch dazu. Die vom Entwickler gelieferte Geschichte wird dabei doch wohl eher zweitrangig, viel entscheidender werden die Spielmechaniken, in denen das Blut als Währung dient und Spieler als Prinzen über ganze Städte gebieten sollen.

Staunst du noch oder gräbst du schon?

An welcher Stelle also verliert sich ein Entwickler? Ist das Spiel schon so weit, dass man in der Sandbox graben kann? Streiten die Devs schon um Blut und Vorherrschaft? Handelt es sich hier um PR-Propaganda oder echte Faszination? Ich habe beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen und mich auf dem kommenden Fanfest Ende April unters Nischenvolk zu mischen.

Dass uns CCP in diesem Jahr einige erste Häppchen zu World of Darkness präsentieren wird, steht mittlerweile außer Frage. Ohnehin hat sich die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Veranstaltung in Island im Laufe der letzten Jahre vom Geheimtreffen einiger Nerds zu einem Großereignis der Branche und damit zur absoluten Pflichtveranstaltung für Fachjournalisten gemausert.

Darkfall: Unholy Wars - Feier ohne Geburtstagskind

Ein Jungspung im Vergleich zu EVE Online, aber ähnlich zäh auf dem Markt, ist Darkfall. Auch das feiert in diesen Tagen Geburtstag - immerhin schon den vierten. Auch Darkfall wurde immer wieder als Nischenspiel bezeichnet, konnte sich jedoch recht stabil am Markt positionieren und die Einnahmen reichten offenbar auch aus, um die Weiterentwicklung des Spiels voranzutreiben. Mittlerweile allerdings fragen sich die Fans, was da bei Aventurine vor sich geht.

Denn eigentlich sollte Darkfall: Unholy Wars ja bereits im vergangenen Jahr erscheinen. Die Server wurden dafür vom Netz genommen und der Community ein zeitnaher Übergang versprochen. Monate später feiert die treue Community Geburtstag, während man noch immer auf das Comeback des Spiels wartet. Wie dick, so fragt man sich, muss das finanzielle Polster des griechischen Studios sein, wenn man so lange auf die Zahlungen der Spieler verzichten kann?

Rift - auf ins dritte Jahr

Weit offener ist man da schon bei Trion, wo man gerade den zweiten Geburtstag von Rift feiert, das zwar weder als Sandbox noch als Nischenspiel ausgelegt war, mittlerweile jedoch bequem Platz in einer solchen gefunden hat und unter Blizzard-Abtrünnigen oft als “das bessere WoW” gehandelt wird. Für Trion ist es ein stabiler Titel im wachsenden Sortiment, den man ausgesprochen gut behandelt und erweitert.

Denn das Spiel ist nicht nur als Goldesel wichtig für das Unternehmen, sondern bildet auch die Basis der neuen Plattform Red Door, die Trion gerne neben Steam und Origin am Markt etablieren möchte, um dort vor allem Onlinespiele wie Defiance, End of Nations, Warface, ArcheAge und eben Rift anzubieten und - das unterscheidet Trion von den anderen Betreibern - gleichzeitig als Publisher der Titel zu fungieren.

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Camelot Unchained - Retro im Blut

Und wer weiß - vielleicht wird Trion eines Tages auch Camelot Unchained über Red Door anbieten, denn früher oder später wird Mark Jacobs einen Publisher für sein passioniertes Projekt brauchen und Trion wäre da sicherlich nicht die schlechteste Wahl, denn ein reines PvP-MMOG, wie Jacobs das plant, hat der Publisher bislang noch nicht im Sortiment.

Dabei ist nicht nur die komplette Ausrichtung auf den permanenten Drei-Fraktionen-Krieg mutig - auch nachgeordnete Design-Entscheidungen des Kultentwicklers lassen so manchen Veteranen aufhorchen. So hat Jacobs jetzt angekündigt, wieder mehr auf den Zufall als Element im Spiel zu setzen. Unvorhersehbare Ergebnisse seien nämlich Kernelemente eines Spiels und dafür verantwortlich, den Spieler langfristig zu binden, so der Entwickler.

Mutig oder durchdacht?

Und so seltsam das klingen mag - mit dieser These ist Jacobs auf der richtigen Spur. Das PvP der meisten MMOGs krankt letztlich daran, dass man anhand von Klasse und Ausrüstung zweier Charakter eine nahezu unfehlbare Prognose zum Ausgang eines Kampfes abgeben kann und selbiger dadurch entsprechend witzlos wird.

Ähnlich scharfsinnig denkt Jacobs übrigens über das Crafting und verspricht, dass Crafting die einzige Möglichkeit für einen Spieler sein wird, an gute Ausrüstung zu gelangen. Zudem werde man eigene Crafting-Klassen ins Spiel einbinden und es Craftern über die Kennzeichnung von Ausrüstungsgegenständen möglich machen, es mit ihrer Arbeit zu Ruhm und Ehre zu bringen.

Wer nun glaubt, das alles sei neu und revolutionär, der irrt gewaltig. Schon Ultima Online glänzte in den 90ern mit genau solchen Details, die in den Jahren darauf von Entwicklern anderer Spiele vergessen oder missachtet wurden. Ob das nun aus Bequemlichkeit oder Ahnungslosigkeit geschah, ist letztlich irrelevant. Viel wichtiger ist es, dass man die genialen Elemente alter Tage wieder hervorkramt, dass man endlich wieder von den Spielen abkupfert, die es wert sind.