Während ihr diese Zeilen lest, steppt auf der gamescom in Köln der Bär. Die Publisher haben in den letzten Jahren erkannt, was das Publikum will - entsprechend schwere Geschütze und heiße Mädels haben sie aufgefahren und die besten Läden der Stadt für wilde Partys gebucht. Von echten Enthüllungen und atemberaubenden Neuigkeiten allerdings fehlt wieder einmal jede Spur und so bleibt den Fans nichts anderes übrig, als über alte Detailfragen zu streiten.

Das Model und der Nerd

Höchst ungern möchte ich als Spaßbremse gelten, doch ich kann die Euphorie all der Kollegen nicht so recht teilen, die in diesen Tagen ein Foto nach dem anderen aus Köln über alle erdenklichen Kanäle durchs Netz jagen. Meist posieren sie begeistert neben gemeinen Soldaten, martialischen Vehikeln oder gar ehemals todbringenden Kampfflugzeugen - und eben mit jenen mehr oder weniger professionellen Mädels, deren Kleidung gemeinhin perfekt mit ihrem Sachverstand harmoniert - von beidem ist nicht viel zu erkennen.

Macht aber nichts - schließlich werden die hübschen Publikumsmagneten auch nicht dafür bezahlt, schlaue Interviews zu geben - allenfalls sprechen sie mit fachfremden Journalisten von RTL und Co. Für die Detailfragen sind dann Leute wie Matt Firor da. Der kommt zwar optisch längst nicht so gut rüber, dafür weiß er bedeutend mehr über den Titel, an dem in seinem Studio gerade gewerkelt wird.

The Elder Scrolls Online - der nicht ganz heimliche Star

Umso beliebter ist Matt Firor in diesen Tagen bei der Fachpresse. Immerhin gilt The Elder Scrolls Online als größte und vorerst vielleicht letzte Hoffnung für alle Fans von Themepark-MMOGs. Und wenngleich Firor hinsichtlich des Gameplays wenig Überraschendes anzukündigen hatte, so sorgte eine Aussage von ihm dann doch für Schnappatmung bei Fans und Kritikern gleichermaßen: ESO wird ein Vollpreistitel mit verpflichtendem Monatsabo.

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Hätte man mir das vor zwei oder drei Jahren erzählt - ich hätte Matt Firor wahrscheinlich die Füße dafür geküsst, denn ich war einer der erbittertsten Kämpfer für das Monatsabo. Und ich wäre es noch immer, hätte sich derweil nicht die komplette Szene derart umgekrempelt, dass ich die Jungs von ZeniMax nur eindringlich davor warnen kann, ihre derzeitigen Monetarisierungspläne in die Tat umzusetzen.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Kurz gesagt: Matt Firor und sein Team sind drauf und dran, den selben Fehler zu begehen, für den Studios wie Funcom und BioWare teuer bezahlt haben. Auch dort war man sich seiner Sache sicher, hatte nach eingehender Prüfung festgestellt, dass ein qualitativ hochwertiger Titel einen angemessenen Preis haben darf und muss - nicht nur einmalig, sondern per Abonnement dauerhaft.

Doch eine derart von der Marktsituation losgelöste Betrachtung wird verheerende Folgen haben - für The Elder Scrolls Online, für ZeniMax, für Bethesda und für die komplette Rollenspielserie. Denn während beim Gamedesign möglicherweise noch ein Spagat zwischen Onlinewelt und Skyrim-Erlebnis gelingen könnte, holt man sich spätestens mit den monatlichen Kosten eine Zerrung, von der man sich nicht so schnell kurieren wird.

Wiped! - Die MMO-Woche - Olle Schriftrollen im Monatsabo

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Nur dank Abofreiheit kann Guild Wars 2 die wachsende Fraktion der Gelegenheitsspieler auf den Servern halten.
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Erst regnet es Champagner...

Der Grund liegt auf der Hand: The Elder Scrolls Online soll kein klassisches MMO werden - es geht eher in Richtung Multiplayer-Online-Game und ist inhaltlich ähnlich limitiert wie die Themepark-Konstrukte der Konkurrenz. Das Spielerlebnis ist endlich - daran wird auch das aufgesetzte Drei-Fraktionen-PvP, das wir beinahe baugleich aus Guild Wars 2 kennen, nichts ändern.

Dass The Elder Scrolls Online Guild Wars 2 in Sachen Erstverkäufe noch toppen und zum Start irgendwo zwischen zwei und drei Millionen Einheiten liegen wird, daran besteht kein Zweifel - immerhin hat man außer den typisch verdächtigen MMO-Fans auch die riesige Skyrim-Gemeinde hinter sich, die ohnehin alles ungeprüft erwirbt, was nach Elder Scrolls aussieht.

...dann rollen Köpfe

Mit dem Monatsabo im Blick, wird jedoch das eintreten, was insbesondere bei Star Wars: The Old Republic zu beobachten war: Die Spieler, von denen sich nicht wenige gar vorher Urlaub nehmen, hetzen durch die Welt, weil sie den Inhalt möglichst noch im Freimonat hinter sich gebracht haben wollen, um dann zu entscheiden, wie sie fortan mit dem Titel verfahren. Und wie diese Entscheidung ausfallen wird, weiß jeder erfahrene Spieler schon heute.

Nach anfänglichen Rekordzahlen wird ESO die Spielerbasis wegbrechen und während es nach dem auf das Release folgenden Quartalsbericht noch Champagner regnet, stehen den Machern im zweiten Quartal nach Release die Sorgenfalten auf der Stirn und noch vor dem dritten rollen im Unternehmen die ersten Köpfe, während man intern darüber debattiert, wie man den Titel am besten auf ein alternatives Bezahlmodell umstellen könnte.

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The Elder Scrolls Online ist hübsch anzusehen, reicht allerdings nicht an Skyrim heran - weder optisch noch spielerisch. Und da beginnt das Drama…
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“Fun Stuff and Services”

Böse Zungen behaupten gar, dass man eine solche Umstellung bei ZeniMax von Anfang an mit einplane und nur so viele längerfristige Abonnenten wie möglich im Vorfeld gewinnen möchte. Immerhin will man trotz der Abokosten nebenbei noch ein paar Dollar mit “Fun Stuff and Services” machen - irgendwer bezahlt schließlich immer dafür, sich optisch abzuheben oder den vollen Komfort zu genießen.

Und dann beginnt die alte Diskussion: Wenn gewisse Dinge zusätzlich Geld kosten - und seien sie nur kosmetischer Natur - wird das für eine Unzufriedenheit in der Community sorgen, wie sie ZeniMax und Bethesda in ihrer Unternehmensgeschichte noch nicht erlebt haben. Der Zorn der Spieler, ob sie nun aus der MMO-Ecke kommen oder aus Skyrim und seinen Vorgängern, wird über den Publisher hinwegfegen und seinen Ruf derart stark beschädigen, dass die mit dem vermeintlich cleveren Geschäftsmodell generierten Umsätze auch nicht mehr helfen können.

Von der Sache überzeugt

Viele Befürworter der Entscheidung glauben, dass man sich des Titels bei ZeniMax sicher sicher sei und man deswegen auf ein Monatsabo setze. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, denn wäre man sich mit dem Spiel absolut sicher, würde man die Zeichen der Zeit erkennen und das Spiel zumindest abofrei anbieten und auf DLC-Verkäufe setzen. Damit hätte sich vor allem die Skyrim-Community prima abgefunden, daran ist man dort gewöhnt.

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Millioneneinnahmen mit Kosmetischem - dabei ist Dota 2 “nur” ein MOBA.
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Ich war und bin ein bekennender Gegner von Free-to-play-Modellen, die auf Einschränkungen basieren, doch dieses Modell ist schon wieder überholt. Längst haben Spiele wie Dota 2, Warframe, War Thunder oder Neverwinter bewiesen, dass ein zumindest ordentliches Spiel überhaupt nichts kosten muss, um den Entwicklern gute Umsätze zu bescheren.

The Elder Scrolls hätte in dieser Hinsicht das Zeug gehabt, einen echten Rekord einzufahren. Einen Rekord, der nachhaltig ist und dem unglaublich gefragten Spiel eine lange und rosige Zukunft sichern würde. Stattdessen setzt ZeniMax auf das schnellste Pferd. Und das gewinnt zwar meist die erste Runde, bricht dann aber ermüdet und geschunden zusammen, während die Konkurrenz langfristig das Rennen bestimmt. Verdammt schade drum.