Während eingefleischte MMOG-Fans geduldig auf die mit Vorschusslorbeeren bedachten Titel des kommenden Jahres warten, zimmern die Schöpfer altgedienter Welten beinahe panisch weiter an ihren Titeln, hauen ein Update nach dem anderen raus und experimentieren mit neuen Strategien, damit nicht auch die letzten Spieler noch abwandern. Die Branche ist im Wandel und die Fans fragen sich längst, ob das gut oder schlecht ist. Wiped! liefert die Antwort.

Nach der Flut kommt die Ebbe

Als Ultima Online anno 1997 als eines der ersten modernen MMOGs seine Server hochfuhr, konnte nicht einmal Erfinder Richard Garriott ahnen, welchen Erfolg dieses frischgebackene Genre eines Tages feiern würde. Die Monatsgebühr war damals lediglich eine unvermeidbare Notlösung. Die zusätzlichen Einnahmen sollte die extrem teure Technik unterhalten, den eigentlichen Gewinn wollte man über Updates einspielen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW36: Gandalf wird kostenlos

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Ob Richard Garriott damals schon geahnt hat, was er anrichten wird?
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Was damals als fixe Idee seinen Anfang nahm, sollte sich ein knappes Jahrzehnt später als wirtschaftliches Perpetuum Mobile erweisen, das seither Monat für Monat einen dreistelligen Millionenbetrag allein in die Kassen des erfolgreichsten Publishers spült. Die Unterhaltskosten für die Server fallen angesichts des technischen Fortschritts längst nicht mehr ins Gewicht und so ist es auch kein Wunder, dass dann vor etwa drei Jahren auch die Goldgräberstimmung über die Branche hereingebrochen ist.

Die ehemals so zögerlichen Entscheidungsträger wurden mutig. Plötzlich flossen Gelder in Studios und Titel, von denen bislang niemand gehört hatte, und alle hatten den gleichen Auftrag: das Perpetuum Mobile nachzubauen. Heute allerdings wissen wir, dass gleiche Elemente nicht unbedingt auch zum Erfolg führen müssen. Der Erfolg eines Onlinespiels hängt von viel mehr Faktoren ab, als Studios und Publisher geahnt hatten.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Und während heute, als späte Folge der Goldgräberstimmung, noch immer neue Titel auf den Markt kommen, ist die gute Laune der meisten Hersteller längst verflogen. Unzählige Welten buhlen jetzt um die Gunst der Spieler, die sich nur noch mit einem Bruchteil der virtuellen Verlockungen überhaupt beschäftigen können. Plötzlich kommen Konkurrenzdruck und Panik auf - in einer Branche, die bislang von unvergleichlicher Gelassenheit geprägt war.

Das allerdings muss den Spieler nicht beunruhigen. Im Gegenteil – denn nie zuvor machten sich die Schöpfer der Welten derart viele Gedanken darüber, wie sie den Spielwert ihres virtuellen Sandkastens steigern können. Überall wird auf Hochtouren gezimmert, gefeilt und umgebaut. Unzählige Spiele werden in diesen Tagen inhaltlich generalüberholt und aufgestockt, manche bekommen erstmals seit Release so etwas wie Spielspaß verliehen, einige große Brocken werden plötzlich kostenlos spielbar.

Der Herr der Ringe Online – „You shall not pay!“

Vor allem die Umstellung von Der Herr der Ringe Online auf free to play wird die Messlatte eine ganze Stufe nach oben setzen. Auch mit Monatsgebühr gehörte das persistente Mittelerde zu den erfolgreichsten MMOGs am Markt. Ohne Gebühr werden Gandalf und Konsorten allein durch den Fernsehspot Millionen neue Spieler anlocken und manch einen dazu bringen, die bisherigen Investitionen in einen Abo-Titel zu überdenken.

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Interessant ist vor allem die Ankündigung, dass man inhaltlich schneller arbeiten wolle als bisher. Damit bestätigt sich einmal mehr, was Experten längst vermuten: Ein kostenloser Titel, der sich durch Mikrotransaktionen finanziert, setzt die Entwickler stärker unter Druck, ständig neue Inhalte nachzulegen, um die Spieler bei Laune zu halten. Gut so, denn das wird letztlich auch die Entwickler von Abo-Spielen in Zugzwang bringen.

Doch ganz ungetrübt ist die Freude auf die gebührenfreie Ringsaga nicht, denn während in den USA bereits die ersten Server überrannt werden, blickt Europa mal wieder in die Röhre. „HdRO kann ab Herbst kostenlos gespielt werden“, heißt es auf der Webseite von Codemasters, die das Spiel hierzulande vertreiben und denen eine besondere Form der Hassliebe zum Entwickler Turbine nachgesagt wird. Wann denn nun genau der Herbst im europäischen Mittelerde einkehren wird, darüber schweigt man sich bislang noch aus.

Need for Speed World – aus free to test wird free to play

Den wachsenden Konkurrenzdruck spürt man auch bei Electronic Arts, die mit Need for Speed World eigentlich ein Autorennen der Kategorie „free to test“ online anbieten wollten. Ganze zehn Level durfte der Zahlungsunwillige spielen. Wer mehr sehen wollte, musste in die Tasche greifen. Das allerdings taten nur wenige Spieler. Der größte Teil der mittlerweile millionenstarken Fangemeinde tummelte sich in den unteren Bereichen und gab sich eben mit dem zufrieden, was man dort vorfand – oder wanderte einfach wieder ab.

Die Folge: Zahlende Kunden im oberen Segment fanden weniger Mitspieler und folglich weniger Spielspaß als jene, die sich kostenlos im unteren Level tummelten. Um das zu verhindern, gaben die Entwickler die Welt der schnellen Boliden jetzt komplett frei und passten den Shop entsprechend an, der jetzt vor allem auf Mikrotransaktionen basiert – ausnahmsweise sogar zur Freude der Fans.

Firefall – wenn Shooter persistent werden

Große Vorfreude haben in der vergangenen Woche auch die Jungs von den Red 5 Studios ausgelöst, die erste Details zu ihrem „Open-World-Multiplayer-Online-Game“, kurz OWMOG, preisgegeben haben. Das erste Gameplay-Video zu Firefall erinnert an den Kulttitel Tribes, was nicht wirklich verwundert, wenn Scott Youngblood, der ehemalige Lead Designer von Tribes, für das Design verantwortlich zeichnet. Ebenfalls mit im Boot sitzt Mark Kern, der in seiner Vergangenheit unter anderem als Team Leader bei Blizzard Entertainment World of Warcraft anteilig zu verantworten hat.

Firefall - PAX 2010 Gameplay-Trailer2 weitere Videos

Dass solche Referenzen allerdings nur bedingt aussagekräftig sind, haben uns Titel wie Tabula Rasa, All Points Bulletin oder Hellgate: London gelehrt. Und während sich schon jetzt eine hartgesottene Fangemeinde herausgebildet hat, für die der Free-to-play-Titel das Nonplusultra des Gamedesign darstellt, wollen Kritiker ein bedeutungsloses Gemetzel im Gameplay ausgemacht haben. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Star Wars: The Old Republic – ein Déjà-vu für Trekkies?

Auch bei Star Wars: The Old Republic sieht es in diesen Tagen nicht ganz so rosig aus. Grund für die Verstimmung mancher Fans ist ein neues Video, das die Entwickler zur PAX 2010 vorbereitet hatten. Das Filmchen zeigt ein Gespräch zwischen einem NPC und einer Gruppe von Spielern und bietet dann ein paar neue Eindrücke vom Gameplay.

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Die allerdings sorgen jetzt für hitzige Diskussionen, denn einige Spieler hatten ein erschreckendes Déjà-vu. Das Gameplay wirke ausgesprochen statisch und erinnere, so die Kritiker, in verstörender Art und Weise an die misslungenen Bodenmissionen von Cryptics Star Trek Online.

Anlass für Spekulationen der negativen Art gab außerdem das Ausscheiden des recht beliebten Community Managers Sean Dahlberg, der bislang nicht weiter begründen möchte, warum er das Handtuch bei Bioware geworfen hat.

EVE Online – die Rache des kleine Mannes

Doch auf der diesjährigen Fachmesse PAX wurden auch Trailer präsentiert, die ausnahmslos für Begeisterung sorgten. Vor allem das neue Video zu EVE Online: Causality hat es den Fans angetan. Es knüpft vom Stil her an den beliebten Clip zum „Butterfly Effect“ in einem persistenten Universum an und zeigt, welche Möglichkeiten, Rache zu üben, ein einzelner kleiner Spieler in einem virtuellen Sandkasten hat.

Eve Online - Causality: PAX Trailer2 weitere Videos

Und da dieser Trailer wieder die Sehnsucht nach dem Weltall weckt, werden wir uns in der kommenden Woche nicht nur in die Weiten von New Eden in EVE begeben, sondern auch in die vier Quadranten von Star Trek Online, wo wir die wöchentlichen Episoden etwas genauer unter die Lupe nehmen, die seit kurzem für Begeisterung unter den Fans sorgen.

Außerdem werden wir uns die neuen Inhalte, die aktuell mit Aion 2.0 ins Spiel gekommen sind, etwas intensiver vorknöpfen. Die neue Soloinstanz, in der der Spieler die Geschichte von Kromede erleben darf, so viel sei vorab schon mal verraten, kann durchweg begeistern. Außerdem scheint die Engine optimiert worden zu sein und so wird die Taubenjagd in diesen Tagen zu einer wirklich spaßigen Angelegenheit. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.