Die Flaute in der MMO-Branche, über die wir in der vergangenen Woche noch klagten, ist vorüber. Das befürchtete Sommerloch hat sich nie zu einem echten entwickelt. Viel eher scheint es sich dabei um die Ruhe vor dem Sturm gehandelt zu haben. Ein Sturm, der uns nicht nur einen einen Haufen neuer Titel um die Ohren weht, sondern auch für einen echten Evolutionssprung im Genre sorgen könnte.

Die Lüge von der Persistenz

Als in den 90ern die ersten Entwickler auf die Idee kamen, klassische Rollenspiele in einer persistenten Welt anzusiedeln, stießen sie auf ein Problem, das man aus den Offline-Welten nicht kannte: Jeder Spieler musste an einem Ort die gleichen Bedingungen vorfinden. Die Welt, inklusive NPCs und Monster, durfte sich nicht verändern. In der größten Not bediente man sich eines kleinen Tricks und baute in alle veränderbaren Elemente eine Reset-Funktion ein. Der Spawn war geboren.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW32: Guild Wars 2 setzt dem Grind ein Ende, SW:TOR fährt auf Schienen und vieles mehr...

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Der Nächste, bitte! Grinden wurde von der Notlösung zum Standard.
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Und da Entwickler ausgesprochen bequem sind, erhoben sie das, was anfangs nur als Notlösung gedacht war, kurzerhand zum Standard. Ob einmal pro Minute oder alle 24 Stunden - mittlerweile spawnen die virtuellen Wesen in wahrscheinlich jeder Onlinewelt fröhlich vor sich hin, um dann irgendwo blöde in der Landschaft herumzustehen und auf den nächsten Spieler zu warten.

So praktisch dieses aus der Not geborene Element auch scheint – es widerspricht der Grundidee einer persistenten Welt, in der jeder Spieler die Möglichkeit haben sollte, nach Herzenslust in einer virtuellen Umgebung zu wirken, Dinge zu verändern und möglicherweise dadurch zur Legende zu werden. In einer Welt, die sich ständig wieder in ihren Urzustand versetzt, hat der Spieler, so sehr er auch gegen den Spawn angrindet, keinen höheren Stellenwert als ein Mob.

Steht der Evolutionssprung kurz bevor?

Sandkästen wie Lineage 2 und EVE Online bieten durch die Möglichkeit der territorialen Herrschaft immerhin einige interessante Ansätze im Metagame, allerdings erwartet den Bewohner gerade bei diesen Titeln im spielerischen Alltag noch immer der klassische Grind. Und genau davon haben wir langsam aber sicher die Nase gestrichen voll.

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Erste Ansätze: Eve Online bietet ein von Spielern dynamisch bestimmtes Wirtschaftssystem.
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Doch welcher Alternativen kann sich ein Entwickler bedienen, um dem Spieler endlich den Freiraum zu lassen, den er sich so wünscht? Instanzen sorgen zwar kurzzeitig für erlebnisreiche Momente, doch wird der Reset dadurch schlicht aufgeschoben und auf eine eigene kleine Zone eingegrenzt. Letztlich verändert der Spieler auch hier langfristig gar nichts, wird zudem meist noch durch einen Ladebildschirm aus seinem Traum gerissen.

Eine Lösung muss her, die den Evolutionssprung im Genre einleitet und das bedeutungslose Abarbeiten von Aufgaben durch wahrhaft epische Abenteuer ersetzt. Spieler fordern das schon lange – nur scheint bislang kein Studio den Mut besessen zu haben, von den ungeliebten Standards abzuweichen. Wie sollte man das auch den Investoren erklären?

Guild Wars 2 – soll dem Grind ein Ende setzen

Doch mit NCsoft im Rücken, brauchten sich die Leute von ArenaNet bei der Entwicklung von Guild Wars 2 um derlei Dinge offenbar nicht zu scheren. Und so verkündet man in einem eigenen Manifest zum neuen Titel quasi mal eben das Ende einer Ära, indem man eine neue Art von Spiel verspricht - „frei von Grind und statischen, sich nicht verändernden Welten.“

Guild Wars 2 - MMO-Manifest Video2 weitere Videos

Das jüngst entwickelte Video verrät auch, wie man die ehrgeizigen Pläne in etwa umzusetzen gedenkt. Wird ein Dorf von einer Horde Feinde belagert, so geschieht das auch tatsächlich sichtbar. Greift der Spieler mit seinen Leuten ein, kann er die Eroberer möglicherweise stoppen und das Dorf bleibt frei. Wird es von den Unholden überrannt, hausen die fortan in dem Nest.

Daraus dürfte sich dann die Möglichkeit ergeben, das Dorf wieder für die ursprünglichen Bewohner zu befreien. Nicht mehr als ein erweiterter Reset zwar – doch immerhin ausgelöst durch die Handlungen des Spielers, der sich dann endlich als echter Held und Retter eines „dynamischen Dorfes“ fühlen darf. Hält man sich bei ArenaNet dann ausnahmsweise noch etwas mit dem Instanzieren zurück, verspricht diese Idee durchaus stimmungsvolle Momente.

Die lebendigen Lande

Dabei ist dieses Rezept nicht einmal ganz neu. Auch bei Mythic hatte man einst ähnliche Pläne, als man die „Living Cities“ für Warhammer Online ankündigte. Die allerdings funktionierten, wie so viele Elemente in WAR, in der Praxis nicht ganz so, wie es die Theorie vorsah. Außerdem sind diese dynamischen Zonen dort eher die Ausnahme als die Regel.

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Könnte Guild Wars 2 tatsächlich die Revolution gelingen?
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Guild Wars 2 soll allerdings, so ist die eindrucksvolle Videobotschaft wohl zu verstehen, ausschließlich auf solche Elemente setzen und komplett ohne Grind auskommen. Ob und wie das funktioniert, bleibt abzuwarten. Doch immerhin tut sich jetzt etwas in der Branche und nachdem in manchen Studios anscheinend so hart an der Abschaffung des Grind gearbeitet wird, können sich auch die Konkurrenten nicht mehr ewig auf einer veralteten Mechanik ausruhen, die in anderthalb Jahrzehnten eigentlich niemand wirklich gewollt und gemocht hat.

Sollte der Traum von der echt persistenten Welt ohne Grind dann erst einmal Wirklichkeit geworden sein, wird eine neue Generation von MMOs den bisherigen Titeln das Überleben erschweren. Der Abstieg ins Free2play-Lager ist eine mögliche Folge und könnte bald so manchem längst etablierten Spiel drohen. Finanziell muss das nicht unbedingt schlecht sein, wenngleich kein Spiel mit kostenlosem Zugang so bald den Jackpot knacken dürfte, über den sich Blizzard Monat für Monat freuen darf.

Krieg der Star Wars

Everquest Next – welchen Weg geht SOE?

Eine ähnliche Überlegung wird Sony Online Entertainment letztlich dazu bewegt haben, das leidlich erfolgreiche EverQuest 2 ins Free-to-play-Segment zu schieben und parallel dazu mit Everquest Next den dritten Titel der Reihe anzukündigen. Auf den freuen sich vor allem die Veteranen, denn SOE möchte an Altbewährtes anknüpfen.

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EverQuest Next: Nur für Oldies oder auch Newbies?
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Immerhin vereinen die beiden MMOG-Oldies einige Tugenden, die so manches moderne „Light-MMO“ vermissen lässt. Ob die Entwickler von Everquest Next mit alten Tugenden allerdings den Nerv des modernen Spielers treffen können, bleibt abzuwarten. Doch an lange Wartezeiten sind wir als MMOler ja gewöhnt.

Und so warten wir auf den Respawn ebenso wie auf die nächsten großen Titel. Doch mit denen verhält es sich derzeit ähnlich wie mit einer Fata Morgana. So verheißungsvoll sie uns auch erscheinen, sie sind doch noch unglaublich weit entfernt. Ob es sich nun um Guild Wars 2, TERA, Rift: Planes of Telara oder Earthrise handelt – sie alle werden frühestens im kommenden Jahr erscheinen.

Star Wars: The Old Republic – Tunnelerlebnis statt Pilotenglück

Vorher schaffen es wahrscheinlich noch die Jungs von Bioware mit Star Wars: The Old Republic an den Start. Und die scheinen so langsam zu begreifen, dass ein Hype nicht immer nur positive Wirkung haben muss, sondern die Begeisterung der Fans auch ganz schnell in Enttäuschung umschlagen kann. Und genau das ist jetzt passiert, nachdem die Entwickler die Ankündigung der Raumkämpfe im heiß ersehnten MMO relativieren mussten.

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Die Raumkämpfe in SW:TOR werden leider nur Railshooter-Minispiele sein.
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Das Spiel wird nämlich wider Erwarten keine freien Flüge im Weltraum erlauben. Vielmehr handelt es sich bei den versprochenen Elementen um eine Art Minispiel in Form eines Tunnel-Shooters, am ehesten vergleichbar mit den alten „Rebel Assault“-Titeln. OK – besser ein solides MMOG mit kurzweiligem Minispiel als eine halbherzig entwickelte eierlegende Wollmichsau…

Clone Wars Adventures – wenn der kleine MMO-Hunger kommt.

Bei SOE macht man sich erst gar nicht die Mühe, eine echte persistente Welt um die Clone Wars Adventures zu bauen. Stattdessen orientiert man sich lieber am hauseigenen Free Realms und klebt eine Reihe von Minigames zusammen - in einer Welt, die nichts anderes ist als eine riesige Lobby. Das wird zwar den Appetit eines MMOlers nicht auf Dauer stillen, doch als kleine Zwischenmahlzeit eignet es sich allemal, denn der Titel soll schon in vier Wochen erscheinen.

Star Wars: Clone Wars Adventures - Lichtschwerter, Raumkämpfe, Speedbike-Rennen2 weitere Videos

Und schaut man sich die Videos so an, kommt man nicht umhin, eine gewisse Vorfreude auf den „kleinen Bruder“ der Alten Republik zu entwickeln. Denn wer kann oder will einem gelegentlichen Duell mit dem Lichtschwert, einer Ballerhatz im Raumjäger oder einer ureigenen Star Wars Tower Defense Version widerstehen?

Neverwinter Nights MMO – werkelt Atari heimlich an den Forgotten Realms?

Widerstehen könnte auch kein Fan von Neverwinter Nights, würde sich endlich ein Studio erbarmen, ein MMOG rund um die Forgotten Realms zu entwickeln. Die Serie liegt nach Ansicht der Fans schon viel zu lange im Dornröschenschlaf und eignete sich vortrefflich als Ausgangsbasis für eine persistente Welt.

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Hat Atari ein Neverwinter-MMO in der Mache?
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Umso wahrscheinlicher ist es, dass Atari längst heimlich an einem solchen Titel bastelt, glauben die Fans und sehen sich jetzt in ihrer Hoffnung bestätigt. Der Publisher hat sich nämlich die Domains visitneverwinter.com, playneverwinter.com und neverwintergame.com gesichert und das sicher nicht, um eine neue Webseite für die Oldies zu bauen...

Wir werden uns auf der anstehenden gamescom selbstverständlich ein paar Mitarbeiter von Atari vorknöpfen. Und wenn sie etwas zu verbergen haben, werden wir es herausfinden. Spätestens dann melden wir uns auch wieder zurück - damit ihr stets wisst, was gespielt wird.