In Deutschland werden Computerspiele gespielt – nicht entwickelt. Obwohl wir uns längst zu den wichtigsten Zocker-Nationen zählen dürfen, wird das große Geld anderswo verdient. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn gleich drei deutsche Publisher haben einen ordentlichen Fisch an Land gezogen und hoffen damit auf den internationalen Durchbruch. Doch noch besteht Gefahr, dass die Beute auf dem Weg zum Markt verdirbt, wie unser Blick auf die MMO-Woche zeigt.

Obwohl wir Zocker seit Jahren über die magere Qualität moderner MMOs jammern und in keiner Welt mehr lange verweilen möchten, herrscht bei den Publishern Goldgräberstimmung. Kein Wunder, denn sollten die Marktforscher von VGMarket mit ihrer aktuellen Studie tatsächlich richtig liegen, hätten stolze 75 Prozent aller Onlinespieler im Laufe des vergangenen Jahres echtes Geld in virtuelle Gegenstände umgewandelt. 64 Prozent der insgesamt 2.221 Befragten gaben an, einmal im Monat den Onlineshop zu nutzen, neun Prozent greifen sogar täglich zu.

Wider die virtuelle Versuchung!

So erfreulich sich diese Zahlen für die Publisher auch anhören, so erschreckend klingen sie für die obere Liga der Zocker. Bisher war man eher davon ausgegangen, dass etwa zehn Prozent aller Spieler einmal im Monat Geld via Mikrotransaktion verpulverten. In „seriösen“ Gamerkreisen fragte man sich schon lange, wer überhaupt all den Pixelschrott kauft – und warum. Dabei scheint jetzt wohl eher die Frage gerechtfertigt, wer der virtuellen Versuchung denn überhaupt noch widerstehen kann.

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Die Ingame-Märkte der Free2Play-Titel florieren.
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Das Merkwürdige an dieser Art von Geschäft ist, dass kaum ein Spieler aus einer positiven Einstellung dem Spiel oder den Entwicklern gegenüber in die Tasche greift. Vielmehr will er sich irgendwie von der Masse der Spieler abheben, will stärker, schneller, schöner sein. Und genau an dieser Stelle ergibt sich der Interessenskonflikt zwischen den Bewohnern einer virtuellen Welt, denen an absoluter Chancengleichheit im Spiel gelegen ist und ihren Architekten, die sich ständig neue, kostspielige Ungerechtigkeiten ersinnen.

Dabei ist man nicht einmal mehr in den Abo-Welten sicher vor den Umtrieben zahlungskräftiger Mit- und Gegenspieler, denn selbst die großen Publisher verstehen es längst, mit virtuellem Tand realen Neid zu erzeugen. Das Dilemma dabei: Gibt es keinen offiziellen Itemshop zum Spiel, dann erkaufen sich die Ehrgeizigen ihren Vorteil eben auf dem Schwarzmarkt - bei den Vertragspartnern der Farmerhorden.

TERA – neues Land mit altem Flair

Letztere sind auch nachhaltig dafür verantwortlich, dass es Lineage 2 mit seinem ausgereiften Endgame und dem eigentlich grandiosen, dynamischen Marktsystem im Westen nicht weit gebracht hat. Farmer spülten immer mehr Gold auf die Server und brachten die Preise für wichtige Ausrüstung zum Explodieren. Ehrliche Spieler konnten nicht mehr mithalten und verließen das Spiel, dem sie sich oftmals noch nach Jahren in Hassliebe verbunden fühlen.

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Ist TERA vielleicht der erste echte "WoW-Killer?
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Auch TERA soll einen solchen dynamischen Markt bekommen. Kein Wunder, immerhin sind es die Erfinder von Lineage 2, die seit Jahren in den Büros der Bluehole Studios an dem neuen Titel werkeln. Und so kam, was kommen musste: Um TERA ist ein neuer Hype erwachsen, geschürt von der unterschätzten Anzahl an Lineage-Fans ebenso wie von jenen, die spätestens mit Aion das Vertrauen in NCsoft verloren haben.

Welche Eigendynamik ein solcher Hype bereits ein halbes Jahr vor Release entwickeln kann, bekommen die Jungs von Frogster jetzt erstmals zu spüren, denn seit der Ankündigung, dass der Berliner Publisher das Spiel in Europa vermarkten und betreiben wird, laufen die Fans in den Foren Amok. Man hat kein Vertrauen in Frogster und befürchtet, dass die Berliner die Chance, die ihnen mit TERA gegeben wird, falsch bewerten und das Spiel damit ruinieren könnten.

Fluch oder Segen für den deutschen Frosch?

Und tatsächlich könnte der vermeintliche Segen für Frogster schnell zum Fluch werden. Dann nämlich, wenn der Hype weiter geschürt wird, wenn der Andrang zum Start sowohl die Erwartungen als auch die finanziellen Mittel des Publishers übersteigt. Was in einem solchen Fall passieren kann, wissen wir spätestens seit dem versemmelten Europa-Start von Warhammer Online durch den französischen Publisher GOA, der mittlerweile kein einziges Spiel mehr im Programm hat.

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Ist Frogster dem Ansturm auf TERA gewachsen?
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Dabei ist der Ansturm auf Web- und Spielserver nur eines der zahlreichen Probleme, mit denen sich der Betreiber von TERA herumschlagen darf. Viel schwieriger wird es sein, den Farmerbanden Herr zu werden, die eine konstante Bedrohung vor allem dann darstellen, wenn ein virtueller Markt darauf ausgelegt ist, sich über Angebot und Nachfrage selber zu regeln. Ohne wirksame Mechanismen zum Aufspüren und Bannen von organisierten Profi-Grindern und deren Kunden stehen die Gamemaster auf verlorenem Posten.

Insgesamt werden Frogsters Agenten in TERA weit mehr leisten müssen als ihre Kollegen in den free to play Titeln wie Runes of Magic. Das erfordert eine intensive Zusammenarbeit mit den Bluehole Studios und En Masse Entertainment sowie ordentlich Manpower für die Jagd auf virtuelle Übelwichte. Darum kümmert man sich derzeit in Berlin intensiv und rüstet ordentlich auf.

Feuertaufe für Frogster

Für TERA wird, das hat man uns im Gespräch zugesichert, ein komplett neues Team rekrutiert, das dann hoffentlich auch die nötige Erfahrung im Umgang mit Goldfarmern mitbringt. Unsere Empfehlung: ein paar Jahre Spielerfahrung in Lineage 2 sollte zumindest der Einsatzleiter der künftigen Ordnungshüter von TERA schon mitbringen, damit er die dunklen Machenschaften der Professionellen aus Asien durchschauen kann.

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Richtigstellung: TERA Patrick (Pornosternchen) hat nichts mit dem Frogster-MMO am Hut. Außer die tolle Grafik vielleicht.
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Wenn alles gut läuft und die Bluehole Studios tatsächlich bei den Publishern abliefern, was die bisherigen Informationen versprechen, könnte TERA ein ganz großer Titel werden – zumindest in der Theorie. Was die Praxis betrifft, so müssen die Jungs von Frogster ebenso wie ihre Kollegen von En Masse ihre erste richtige Feuertaufe überstehen und beweisen, dass sie das Zeug zum Global Player haben.

Der Druck ist immens, denn geht TERA wegen Fehlern beim Publishing und Hosting baden, würde das Frogsters Ruf für alle Zeiten ruinieren. Das weiß man in Berlin und verspricht alles zu tun, damit das Spiel ein Erfolg wird. Bis dahin, liebe Fans, sollten wir in den Foren einen Gang zurückschalten und den Fröschen nicht noch mehr Steine in den Weg legen, sondern ihnen und dem Titel die Daumen drücken.

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Battlestar Galactica Online – Bigpoint macht den Quantensprung

Und nicht nur Berlin könnte bald zum wichtigen Stützpunkt für die internationale Spieleindustrie werden – auch bei Bigpoint in Hamburg stehen die Zeichen auf Expansion und man bereitet sich mit Battlestar Galactica Online auf das erste Großprojekt vor. Anders als bei TERA sind es diesmal allerdings nicht die MMOGler, die schon im Vorfeld gehörig Stimmung machen, sondern die Fans der gleichnamigen Serie. Die wollen derzeit nämlich nicht so recht daran glauben, dass Bigpoint einem solchen Titel gerecht werden kann.

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Battlestar Galactica ist eine große Marke - seit der letzten TV-Serie umso mehr.
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Ein Blick auf das Portfolio von Bigpoint genügte den Anhängern von Adama und Co. meist, um die ersten Hoffnungen schnell wieder ad acta zu legen. Vor allem musste sich der Publisher von Browserspielen vorwerfen lassen, dass man außer einem CGI-Trailer noch keine brauchbaren Infos zum Spiel selbst herausgeben wollte. Doch genau das hat sich jetzt geändert.

Mittlerweile konnten wir in Erfahrung bringen, dass man seine Karriere wahlweise als junger Mensch oder frisch geschraubter Cylone beginnen darf, der hier und da kleine Aufträge fliegt und zwischendurch dann in speziellen Missionen in die Geschichte der beiden Fraktionen eingebunden wird. Dabei düst man nicht nur im All herum, sondern steuert bisweilen auch den eigenen Avatar – ein Kunststück, das die Jungs von CCP auch nach sieben Jahren noch nicht vollbracht haben.

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Grafisch muss sich "Battlestar" der Konkurrenz geschlagen geben.
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Zum Release sind 20 militärische Ränge geplant, die der Pilot durchläuft und dabei nach und nach neue Ausrüstung und Schiffe freischaltet. Letztere bekommen ebenfalls Level verpasst und können auch als Elite-Version geflogen werden. So bleibt das Schiff einem echten Liebhaber möglicherweise auch im späteren Spiel noch erhalten.

Die Infos wurden gleich noch mit ein paar Screenshots garniert, die erstmals zeigen, dass das Browserspiel zwar nicht unbedingt schlecht aussieht, keinesfalls aber mit der Konkurrenz mithalten kann, die derzeit mit einem komplett überarbeiteten Jumpgate Evolution und natürlich mit Black Prophecy in den Startlöchern steht.Vor allem mit letzterem muss man sich aber messen lassen.

Black Prophecy – gamigos düstere Prophezeiung

Das neue Vorzeigeprojekt von gamigo schneidet dabei nicht nur optisch besser ab als Battlestar Galactica Online und Jumpgate Evolution zusammen – es wird auch noch free to play. Das reduziert das Risiko für den Publisher gewaltig, denn wenn ein Spiel grundsätzlich erst mal nichts kostet, sind die Fans auch meist ein wenig toleranter, wenn es zu Beginn zu Problemen kommt.

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Wahnsinns-Optik: Black Prophecy von gamigo sorgt für offen stehende Münder.
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Frogster, Bigpoint, gamigo – drei relativ junge Unternehmen, drei mit Spannung erwartete Titel. Sowohl in Hamburg als auch in Berlin kann man sich derzeit sicher sein, dass die internationale Spielerschaft besonders kritisch verfolgt, wie deutsche Publisher derzeit versuchen, den Markt zu erobern. Bisweilen werden auch schon die ersten Wetten dazu abgegeben, welcher der drei Titel zum Erfolg wird und welcher scheitert – der jeweilige Publisher gleich mit.

Jumpgate Evolution – Rückschritt trotz Evolution?

Auch über ein mögliches Scheitern von Jumpgate Evolution wird in der Community mittlerweile offen diskutiert. Dabei waren die Fans noch voller Euphorie, als die Entwickler ihre einjährige Funkstille brachen und ein komplett überarbeitetes Spiel versprachen. Doch die mehr oder weniger konkreten Infos, mit denen NetDevil jetzt herausrückte, sorgten für blankes Entsetzen.

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Mit etwas Daumendrücken erscheint Jumpgate Evolution schon 2023...
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Jumpgate Evolution, heißt es in der Erklärung, „wird absolut kein Space Simulator.“ Man habe jetzt den Massenmarkt im Visier und wer einen echten Space Simulator suche, sei bei Jumpgate Evolution falsch. Das hat gesessen – und so ist es kaum verwunderlich, dass die Fans derzeit vor Wut toben. Immerhin warten sie auf einen Nachfolger des Jumpgate Originals, mit einem ebensolchen Tiefgang. Glückwunsch an NetDevil für so viel Ignoranz: Obwohl die Fans seit Jahren in den Foren kundtun, was sie vom Titel erwarten, entwickelt man jetzt genau das, was sie nicht wollen

Dungeons and Dragons Online – ab dem 20. August kostenlos spielbar

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Turbine hat es endlich geschafft und wird Dungeons & Dragons Online auch in Europa selbst betreiben. Damit ist der Weg frei für das free to play Modell, wie es in den USA bereits seit langer Zeit erfolgreich läuft. Das Spiel gilt dort als einer der besten Titel auf dem umkämpften free to play Markt und erfreut sich seit Abschaffung der Monatsgebühr ausgesprochen großer Beliebtheit. Ab dem 20. August stehen die Pforten dann für alle offen.

Und wer sich zwischenzeitlich langweilt, sollte ab dem 27. Juli einen Blick auf Need for Speed World werfen. Das ist zwar kein echtes MMOG, verspricht jedoch einige unterhaltsame Stunden auf dem Asphalt – und die ersten zehn Level sind dabei komplett kostenlos. Wir lesen uns dann am kommenden Samstag wieder. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.