Der Weihnachtsbaum ist aufgebaut, das Jahr 2011 beinahe überstanden. Zwischen euch und dem Weihnachtsfest steht nur noch diese Ausgabe von Wiped, die ich im Gegensatz zu euch natürlich schon hinter mir habe. Und das ist auch gut so, denn da draußen warten nicht nur jede Menge Geschenke, sondern vor allem auch weihnachtliche Verpflichtungen auf mich. Nur gut, dass ich ausgesprochen stressresistent bin.

Apropos Stress - da haben die Damen und Herren von der Gesellschaft für deutsche Sprache doch tatsächlich den “Stresstest” zum Wort des Jahres 2011 erklärt. Klar, der eine oder andere mag in diesem Zusammenhang vielleicht an die gepeinigten Banker denken, deren Institute jetzt regelmäßig stressgetestet werden. Auch angehende Astronauten, Bahnhöfe und sogar Atomkraftwerke werden einer solchen, notwendigerweise meist anstrengenden Prozedur unterzogen.

Die Mutter aller Stresstests

Doch dass gerade dieses Wort jetzt einen Preis verliehen bekommt, sollte uns Zocker eigentlich ehren, denn wir allein wissen, dass alle Stresstests der Welt eigentlich nur einen wahren Ursprung haben können. Seit online gespielt wird, werden Server gestresst und dabei getestet. Und nicht nur die Server werden gezielt malträtiert, sondern auch die Spieler. Immerhin sind die ein unerlässlicher Bestandteil der Tests und damit ebenfalls wichtiger Faktor bei gezielter Stresserzeugung und anschließender Analyse.

Schwierig wird es allerdings immer dann, wenn man gar nicht mehr so sicher ist, wann und wo ein Stresstest beginnt und wo er endet. Bestes Beispiel ist derzeit Star Wars: The Old Republic. Was dieses Spiel betrifft, ist der Stresstest längst nicht ausgestanden, denn gerade stresst jeder jeden. Neue Spieler stressen insbesondere die ältesten Server der Liste, weil sie mit ihren Freunden zocken wollen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 51: Stresstest

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Ein etwas holpriger Start.
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Dies ist keine Fehlermeldung - nur etwas Stress

Die sind dann gestresst, weil sie das Jammern der Kollegen in der Warteschleife ertragen müssen. Derweil entdecken wieder andere die Alte Republik gerade unter dem Weihnachtsbaum und wollen sich natürlich fix registrieren. Dass das die Webseite stresst, bewies in den letzten Tagen vermehrt eine Fehlermeldung, in deren Text explizit darauf hingewiesen wird, dass sie eigentlich keine solche ist. Aber was ist es dann, wenn man nicht auf die gewünschten Seiten kommt? Na klar - noch ein Stresstest.

Derlei Dinge stressen dann natürlich die Herren Muzyka und Zeschuk, die sich dann genötigt sehen, Erklärungen für all den Stress zu finden, an dem die Patienten leiden. Wobei die Chefs von BioWare eigentlich gut mit derlei Situationen umgehen können sollten. Immerhin sind sie waschechte Doktoren der Medizin. Heilerklasse also - das sind die Jungs mit dem fetten Cashloot und dem weißen Gear, die ihre humanoiden Opfer in einem Daily Quest auf ein Laufband stellen und mithilfe von Elektronen die Belastbarkeit des Körpers prüfen.

Vielleicht beneiden die beiden ja jetzt auch ihren ehemaligen Kollegen und Mitgründer von BioWare, Augustine Yip, der den ganzen Stress schon 1997 hat kommen sehen und der lieber wieder als Mediziner den Stress anderer misst und bekämpft, statt durch kreatives Wirken im virtuell-digitalen Bereich realen Stress zu erzeugen.

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Mit langen Warteschlangen.
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Positiver Stress

Bei - wie Analysten derzeit errechnet haben wollen - jetzt schon über zwei Millionen verkauften Exemplaren von SWTOR wird Yip auch von jenem Stress verschont, mit dem seine beiden Ex-Kollegen rechen müssen, wenn sie die Gewinne nicht wieder verlieren wollen - nur weil sie die bei einer Bank angelegt haben, die den nächsten Stresstest nicht besteht.

Doch was den Erfolg von Star Wars: The Old Republik betrifft, so handelt es sich ja eigentlich um positiven Stress. Positiv ist es für die Leute bei BioWare, denn immerhin ist deren Arbeitsplatz vorerst gesichert, wenngleich es ungemein stressig werden dürfte, das Spiel mit den neuen Inhalten zu versehen, die es regelmäßig benötigt, um Abonnenten zu halten. Positiv ist der Stress auch für die Fans des Star-Wars-MMOs, die davon ausgehen können, dass die Entwicklung an dem Titel weitergehen wird.

Stressiger Profit für alle

Positiv ist die Sache sogar für die Fans aller anderen MMOGs da draußen, die sich und den Rezensenten gerade Stress wegen der recht guten Bewertung des Spiels machen. Seht es doch mal so: was BioWare da an Story gebastelt hat, verdient Respekt. Und es wird die eingeschlafene Branche endlich mal ordentlich stressen. Mit weniger Story und einer schlechteren Inszenierung der Quests geben wir uns bei einem Theme-Park-MMO nämlich in Zukunft garantiert nicht mehr zufrieden.

Und sollte das so manchem Studio zu stressig werden, so kann es sich ja immer noch an einem Sandkasten-MMO versuchen, in dem wir Spieler dann auf Story, Quests und somit auch auf episch inszeniertes Gequatsche verzichten können. In diesem Falle hätten sogar Sandbox-Fans etwas von BioWares kurzweiliger MMO-Episode, deren wirtschaftlicher Erfolg natürlich einen gewissen Neid und damit Stress auslösen kann.

Warum machen die keinen Stress?

Wobei man generell beobachten kann, dass das Sandbox-Genre nicht ganz so viel Stress generiert wie die Themeparks. Je unwirtlicher die virtuelle Welt, so scheint es, desto besser halten die Bewohner zusammen. Niemand wird dort durch Fraktionsangehörigkeit gezwungen, Seite an Seite mit Spielern zu kämpfen, die er eigentlich mehr verachtet als den Feind.

In den unzähligen Berichten, die in diesen Tagen zu dem mittlerweile kostenlosen Lineage 2 verfasst werden, wundern sich die Abenteurer immer wieder, warum sie eigentlich nicht angegriffen werden, obwohl das Spiel das doch erlaubt. Die Antwort ist einfach: weil jeder erst mal seine eigenen Probleme im Spiel hat, man eher Verbündete als Feinde sucht und Stress das virtuelle Leben ohnehin nicht unbedingt erleichtert.

Stressfrei im Sand buddeln

Stress mit dem Nachbarn kommt umso häufiger vor, je linearer und einfacher ein Multiplayer-Spielerlebnis verläuft. In gängigen Themeparks wird bei den kleinsten Problemen derart intensiv geschimpft und gedroht, dass Augustine Yip wahrscheinlich die Elektronen um die Ohren flögen, stellte man ihm einen der virtuellen Delinquenten auf das Laufband.

Doch nicht nur in Bezug auf die Spieler beobachtet man seltener Stress - auch in den Studios, in denen Themepark-MMOs entwickelt werden, ist der Arbeitsablauf meist weniger stressig. Man rechnet nicht mit Millionen von Spielern, züchtet sich viel eher eine ganz kleine Fangemeinde von Beginn an hoch, um hohe Kosten und technische Probleme zu vermeiden.

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Perpetuum - lieber weniger Stress

So haben es seinerzeit die Jungs von CCP gemacht, als sie ihren Traum vom Weltraum in EVE Online verwirklichten. So machten es später deren Nachahmer mit dem Mech-MMO Perpetuum, die sogar froh sind, dass sich nach dem Ärger in Island nicht sämtliche Fans von EVE-Online auf ihren Servern niedergelassen haben, weil das ihre Technik über Gebühr gestresst hätte.

In diesem Unter-Genre wird der Stresstest gerne mal durch einen “Soft-Launch” ersetzt, für den dann auch nicht explizit geworben werden muss. Journalisten möchte man in solchen Titeln generell nicht so gerne sehen, da die nur unnötig stressen. In Ermangelung an jedwede Quests wissen die verwöhnten Medienvertreter nicht, wo sie anfangen sollen zu spielen und bewerten das natürlich entsprechend negativ, wie seinerzeit bei Darkfall geschehen, das übrigens bald schon seinen zweiten “Soft-Launch” erleben wird.

Derzeit gibt es einige Studios, die mit ganz kleinen Teams an großen Welten arbeiten und die ihr Studio schon mit ein paar tausend Spielern finanzieren können. Früher oder später wird einem dieser Teams der große Wurf gelingen, denn Innovation kostet nichts - das beweist der Erfolg von Indie-Studios im Schwestergenre längst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einige dieser kleinen Studios zum massiven Sprung ansetzen - und dann vielleicht sogar ganz ohne Stress für Firma und Spieler.

Ausblick

Und damit Wiped! für alle Beteiligten nicht auch noch zum Stress ausartet, entlasse ich euch hiermit ins gesegnete und möglichst stressfreie Weihnachtsfest. Wir lesen uns dann am kommenden Samstag wieder, wo in der letzten Ausgabe des Jahres für euch zusammentragen möchte, was uns die Publisher im kommenden Jahr so alles bescheren wollen - damit ihr auch 2012 noch wisst, was gespielt wird.