Mit dem Ausbruch von Cataclysm und dem Einbruch des Winters scheint der MMO-Markt in diesem Jahr endgültig eingefroren. Wer jetzt noch nichts zum Zocken hat, der wird auch nichts mehr finden. Wir wollen die Gelegenheit nutzen und uns in dieser Woche mal etwas näher mit dem Thema Marketing beschäftigen.

Es hatte im Vorfeld wohl kaum jemand ernsthaft daran gezweifelt, dass sich die jüngste Erweiterung von World of Warcraft gut verkaufen würde. Dass man allerdings gleich 3,3 Millionen Einheiten innerhalb der ersten 24 Stunden an den Nerd bringen könnte, verwunderte selbst Optimisten. Denn realistisch betrachtet handelt es sich bei Cataclysm nur um eine Erweiterung zu einem äußerst betagten Online-Spiel.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 50: Final-Fantasy-Hebamme nimmt den Hut

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Warum so grimmig, der Herr? WoW ist für alle da.
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Einen geschenkten Gaul will niemand haben!

Und welcher Publisher außer Blizzard käme auf die verrückte Idee, ein solches Update überhaupt noch gesondert verkaufen zu wollen? Eigentlich hat es sich in der Branche längst durchgesetzt, dass kostenlos gepatcht und erweitert wird – egal, ob nun monatliche Kosten für die Zockerei anfallen oder Gegenstände via Mikrotransaktionen feilgeboten werden. Wenn man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaut, tut man es dann bei einem teuer erworbenen?

Wissenschaftler haben längst dokumentiert, dass ein Produkt meistens dann besonders reizvoll scheint, je teurer es ist. Vor allem gilt das in der Unterhaltungsbranche. Entertainer Harald Schmidt war zeitweise auf die Idee gekommen, die Tickets für seine Late-Night-Show kostenlos unters Volk zu werfen, da man auf diese Einnahmen nicht angewiesen war. Die Folge waren verwaiste Reihen im Studio. Wenn das Ticket schon nichts kostet, verliert man auch nichts, wenn man mal nicht hingeht.

Und so ist es gerade der Trubel, den Blizzard regelmäßig um den Verkauf seiner Titel in Gang setzt, der immer mehr Menschen dazu bringt, dieser offensichtlichen „Online-Sensation“ beizutreten. Dass am Markt haufenweise interessante Ware weitgehend kostenlos zu spielen ist, interessiert allenfalls die versierten Zocker, nicht aber den Gelegenheitsspieler.

Allianz mit den Vergessenen

Bei Blizzard haben Gamedesign und Marketing eine entscheidende Gemeinsamkeit: Ihnen fehlt jede Form von Innovation. Im Spiel selbst punktet man auf diese Art mit vertrauten Elementen und einem unbeschwert kurzweiligen Spielvergnügen – beim Verkauf hingegen geht man eine unglaublich starke Allianz ein, mit der man die Zockerhorde anlockt. Man verbündet sich mit einem Partner, den die anderen Publisher mit all ihren neumodischen digitalen Vermarktungsmodellen grob fahrlässig vergessen zu haben scheinen: dem Einzelhandel.

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Händereiben im Kollektiv: die Fans ob des Mitternachtsverkaufs, Blizzard ob der Gewinnspanne.
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Der ist in Zeiten enormen Konkurrenzdrucks durchaus gewillt, sich mehr als nur ein Bein auszureißen und den Hype gehörig anzukurbeln. Der Blizzard’sche Mitternachtsverkauf ist längst kein simples Shopping mehr – es ist die Möglichkeit für eine junge gesellschaftliche Untergruppe, sich hin und wieder mal öffentlich und im „Real Life“ zu versammeln und gemeinsam zu feiern.

Einen Teil der Kosten für die Megaparty der Nerds finanziert der Handel über die knallhart kalkulierte Gewinnspanne, den Rest schreibt man als Werbekosten ab. Der lachende Gewinner ist Blizzard, denn dort freut man sich über die eifrige Kundenakquise zum Nulltarif. Die satten Gewinne, die längst in keinem vernünftigen Verhältnis zu den laufenden Kosten mehr stehen, streichen die Kalifornier ohnehin über die Monatsgebühren ein.

Titan vs. WoW - Blizzard favorisiert friedliche Koexistenz

Doch was macht der gewiefte Publisher mit all dem Geld, wenn er schon nur einen Bruchteil in den weiteren Ausbau Azeroths steckt? Er entwickelt in aller Verschwiegenheit einen weiteren Titel, der bislang nicht einmal namentlich bekannt war. Seit zwei Wochen geistert allerdings eine Terminübersicht durch die Branche, die offenbar wirklich von Blizzard stammt und die nicht nur die Zukunft der bekannten Titel bis 2014 terminlich definiert, sondern auch dem bislang unbekannten Kind einen Namen gibt.

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Release-Zeitraum für die kommenden Blizzard-Spiele durchgesickert?
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Executive Producer Frank Pearce höchstpersönlich bestätigte jetzt, dass der neue Titel im Portfolio des Publishers tatsächlich Titan heißen wird, was wohl auch bedeutet, dass die übrigen Termine auf dem Kalender in etwa stimmen dürften, Diablo 3 also noch bis zum Weihnachtsgeschäft 2011 feingeschliffen oder hinausgezögert werden soll – wie auch immer man das sehen mag.

Inhaltlich allerdings schweigt sich Blizzard natürlich weiterhin aus und gibt keinerlei Hinweis darauf, womit wir es mit Titan zu tun bekommen werden. Lediglich die Aussage von Blizzard-Präsident Mike Morhaime hallt noch nach, in der er sich schon jetzt freute, dass World of Warcraft problemlos neben Titan weiterexistieren werde. Und die Einzelhändler? Die freuen sich auch - auf eine lange Nacht im Dezember 2013.

EVE Online – Titanen auf der Leinwand

Und nicht nur Blizzard hält Titanen bereit, auch den Fans von EVE Online ist dieser Begriff nicht ganz fremd. Jene Schiffe, die in New Eden Titan genannt werden, verdienen diesen Namen auch, denn sie sind wahre Giganten des Weltraums, über die selbst gestandene Corporations nicht mal eben so verfügen können. Ach, wie schön wäre es, so mag sich mancher Sci-Fi-Fan schon oft gedacht haben, wenn diese Riesen mal auf der großen Leinwand ihre Runden drehen würden.

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Seit 17. Dezember in US-Kinos zu sehen: ein EVE-Clip.
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Ein Wunschtraum, der für einige Fans bereits in Erfüllung gegangen ist, denn CCP hat tatsächlich still und heimlich einen kinoreifen Kurzfilm ausgearbeitet, der seit dem 17. Dezember in einigen ausgewählten Lichtspielhäusern in den USA ausgestrahlt wird. Dabei ist es dem isländischen Publisher offenbar gelungen, einen Deal mit Disney unter Dach und Fach zu bringen.

Der EVE-Clip läuft nämlich als Vorfilm vor der Neuauflage des Klassikers Tron: Legacy, einem Titel, der thematisch kaum geeigneter sein könnte. Ob und wann man auch hierzulande in den Genuss einer leinwandgroßen Raumschlacht aus dem Hause CCP kommen wird, steht noch in den Sternen und soll sich danach richten, ob das Pilotprojekt beim Kinopublikum auch ankommt.

Star Wars: The Old Republic – Lucas glaubt an Oldschool-Skills

Noch mutiger beim Marketing als CCP geht man bei EA-Ableger BioWare zu Werke. Dort setzt man offenbar auf die Star-Wars-Fans der ersten Generation, bei denen das Lesen noch zu den Standard-Skills zählt. Die Geschichte um Darth Malgus wird man nämlich ab März mit eigenen Augen in einem echten, auf Papier gedruckten Buch nachlesen dürfen.

Zur Erinnerung: Bei Darth Malgus handelt es sich um jenen Sith, den die Jungs von Blur für BioWare im eindrucksvollen ersten CGI-Video mit dem Titel „Deceived“ opulent in Szene gesetzt hatten. Der Roman, der aus der Feder des erprobten Star-Wars-Autors Paul S. Kemp stammt, soll nicht minder spannend sein als der Trailer und verraten, wie der mächtige Malgus den Jedi-Tempel auf Coruscant in Beschlag nehmen konnte und ob die Jedi diese Schlappe auf sich sitzen lassen.

Star Wars: The Old Republic - "Deveiced" Cinematic Trailer2 weitere Videos

Bei BioWare und LucasArts rüstet man mit Star Wars: The Old Republic also zum crossmedialen Großereignis, das immerhin solide und von langer Hand geplant scheint. Denn für solch ein Buch braucht auch Paul S. Kemp mit Sicherheit länger als ein paar Wochen.

Star Trek Online - Cryptic lässt die Fans ran

Vielleicht hätte George Lucas die Feder ja auch einem Vertreter der Cryptic Studios in die Hand drücken sollen, dann hätte die Alte Republik wahrscheinlich längst ihre Pforten geöffnet. Die Jungs aus Los Gatos haben in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass man Projekte annähernd mit Lichtgeschwindigkeit abwickeln kann. Ein Star-Trek-MMO innerhalb eines Jahres programmieren? Kein Problem! Danach eine Erweiterung pro Vierteljahr zimmern? Ein Kinderspiel!

Diese zügige Arbeitsweise macht sich allerdings auch beim Design bemerkbar, und so wirken die Inhalte von Star Trek Online stellenweise, als wären sie von einem Praktikanten ins Spiel gepfuscht worden - mal eben zwischen Kaffeekochen und Postfachleerung. Eine Qual für jeden eingefleischten Trekkie, der am liebsten selbst Hand anlegen und ein paar Missionen entwerfen würde.

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Star-Trek-MMO innerhalb eines Vierteljahres? Kein Problem.
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Und genau das darf er jetzt tun. Zumindest auf dem Tribble-Testserver steht schon jetzt die Beta zu einem brandheißen Feature namens „Foundry“ bereit, mit dem die Spieler selbst nach Belieben Missionen bauen dürfen. Das mächtige Werkzeug soll sich kaum von dem unterscheiden, mit dem Cryptics mutmaßliche Praktikanten zu Werke gegangen sind.

Wer eine von Fans generierte Missionskette hinter sich gebracht hat, darf abschließend eine Note geben. Je nach Wertung setzt man seine Mitspieler so über ein mögliches Feuerwerk an Inspiration in Kenntnis oder verhindert möglicherweise, dass noch mehr ehrbare Trekkies in irgendwelche virtuellen Abartigkeiten der Marke „Surprise“ geraten.

Final Fantasy XIV - Tanakas letzte Fantasie?

Hätte man die Fans bei Final Fantasy XIV im Vorfeld ähnlich stark miteinbezogen, wäre wohl auch das Debakel um Final Fantasy XIV zu vermeiden gewesen. Doch Kultentwickler Hiromichi Tanaka verließ sich lieber auf seine langjährige Erfahrung als Designer und vergaß dann vor lauter Arbeit, dass gerade ein Entwickler nicht nur im Herzen, sondern auch aktiv immer Spieler bleiben sollte.

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Square-Enix verabschiedet sich vom Final-Fantasy-Erfinder (nicht im Bild).
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Doch der Mann wäre kein echter Tanaka, würde er für seine Fehler nicht mit aller Konsequenz einstehen. Und so kündigte man bei Square Enix jetzt den Rücktritt des Mannes an, ohne den die Final-Fantasy-Reihe gar nicht denkbar gewesen wäre. Die wenigen verbliebenen Fans von Final Fantasy XIV dürfen derweil noch ein wenig kostenlos durch die schwergängige Online-Welt reisen, die jetzt noch einmal komplett überarbeitet werden soll.

Ob solche Maßnahmen auch nach dem Release von Trion Worlds Erstlingswerk Rift nötig sein werden oder nicht, können wir bereits erahnen. Denn während ihr diese Zeilen lest, toben wir gerade durch Sanctum. Ach, wie gerne würden wir euch von unseren Reisen berichten! Leider sind wir vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Oder könnt ihr ein Geheimnis wirklich für euch behalten? Ja...? Wir auch!