Wenn in diesen Tagen ein neuer Titel angekündigt wird, sind fast immer große Namen mit im Spiel. “Von den Entwicklern von...” mag bei einer oberflächlichen Betrachtung der Branche bisweilen toll klingen und eine gewisse Vorfreude auslösen - gebracht hat uns dieser Kult um die Dinosaurier der Branche bislang allerdings gar nichts. Wiped wünscht sich lieber junge Träumer und pfeift auf die alten Spinner.

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Die Meldung schlug ein wie eine Bombe: Richard Garriott, so hieß es in der vergangenen Woche, stehe in Verhandlung mit Electronic Arts, um wieder Zugang zu jener Serie zu bekommen, als deren geistiger Vater er gilt: Ultima. Die Rechte an dieser Serie waren dem Dinosaurier der Branche im Laufe seiner Eskapaden abhanden gekommen und an den Publisher Electronic Arts übergegangen.

Der Weg des Dinosauriers

Die ältere Generation unserer Leserschaft wird sich erinnern, welch unangenehme Folge das vor allem für die Spieler von Ultima Online hatte. Aus der PvP-Sandbox, in der es vor lauter zwischenmenschlicher Konflikte nur so brodelte, machte der Publisher eine langweilige PvE-Welt, die schon kurz darauf in der digitalen Bedeutungslosigkeit verschwand.

Garriott, der als Lord British ja eigentlich als Herr der Ordnung bekannt geworden war, beschritt von da an einen Weg, den man eher einem Gefolgsmann des Chaos zugetraut hätte. Er kehrte dem Westen den Rücken und kaufte sich bei NCsoft in Südkorea ein. Deren Titel Lineage räumte damals gerade in Asien mächtig ab und wirkte fast schon wie eine erweiterte Version von Ultima Online, in der die PvP-Elemente nicht verbannt, sondern ausgebaut wurden.

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Sollte es mit der Entwicklung von Spielen nichts mehr werden, kann Branchen-Dino Garriott immer noch als Stromberg-Double arbeiten.
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Hoffnungsträger für Fans und Publisher

Für NCsoft war Garriott mehr als nur ein bekannter Name. Er hatte Erfahrungen mit der Entwicklung von Online-Welten und Ideen, die man bei NCsoft allenfalls kopieren und erweitern konnte. Man erhoffte sich konkrete Hilfe beim Nachfolgetitel Lineage 2 und erwartete gleichzeitig, dass Garriott den Weg in den Westen ebnete - einem bislang vollkommen unerreichbaren Markt.

Doch Garriott schien keine große Lust auf die beiden Lineage-Titel zu haben. Er baute zwar für NCsoft den westlichen Ableger auf, verfolgte allerdings seine ganz eigenen Pläne mit neuen Titeln und vernachlässigte dabei die südkoreanischen Spiele komplett - eine Haltung, die bis heute in der Firmenpolitik von NCsoft West vorherrscht.

Odyssee im Weltraum

Auch die Entwicklung jener eigenen Titel verfolgte Garriott nur halbherzig und bereitete sich lieber, mitten in der problematischen Phase von Tabula Rasa, in russischen Trainingscamps auf seine Tour zur Internationalen Raumstation vor. NCsoft war “not amused” über diese Eskapaden, und entledigte sich Lord Britishs kurzerhand wieder. Für Kritiker war offensichtlich, wer die Rechnung für Garriotts kleinen Weltraumurlaub bezahlen musste - NCsoft Korea und die Fans von Tabula Rasa, das kurz darauf eingestellt wurde.

Im Weltraum kann man in dem Alter allerdings nicht lange verweilen und so ist Garriott seit seiner Rückkehr sichtlich darum bemüht, wieder in der Branche Fuß zu fassen. Auf unzähligen Veranstaltungen predigt er nun, dass wir bald alle nur noch Casual-Games im Browser spielen würden und vergisst natürlich nebenbei auch nicht zu erwähnen, dass er an etwas in der Art arbeitet.

Und während er uns den Beweis, dass ein solches Spiel wirklich spielenswert ist, noch immer schuldig ist, holt er schon zum nächsten Rundumschlag aus und will Ultima Online neu auflegen. In den Ohren der ebenfalls in die Jahre gekommenen Fans ist das natürlich Musik, denn seit den späten 90ern vermissen sie den komplexen Sandkasten.

Alles nur geträumt?

Doch so faszinierend sich diese neue Flause Garriotts auch anhören mag - der Altmeister ist weiter denn je davon entfernt, noch einmal ein Ultima-MMOG zu entwickeln. Und um irgendwelchen weiteren Spekulationen gleich vorzubeugen, distanziert sich der Publisher jetzt in einem offiziellen vom derart ambitionierten Lord British: “Niemand bei EA diskutiert über eine Partnerschaft oder Lizenzmöglichkeiten in Bezug auf Ultima Online”.

Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Richard Garriott hat einst grandiose Spiele entwickelt. Sein letztes, nämlich Ultima Online, erschien 1997. Zugegeben - es hat Geschichte geschrieben. Doch was Garriott betrifft, wird es dabei auch bleiben. So spektakulär manche Nachricht um diesen Mann auch klingen mag - seit 15 Jahren hinterlässt er eine Spur der Verwüstung in der Branche und vernichtet Gelder, mit denen sich locker ein neuer Marktführer hätte entwickeln lassen.

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Lang, lang ist's her - ob Garriott noch mal das Comeback gelingt?
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Treffen der Generationen

Garriotts Tage in der Branche sind gezählt. Er mag vom Weltraum träumen, doch das nützt ihm wenig bei der Arbeit an guten Onlinespielen. Er hat in den letzten Jahren nicht mehr gespielt, sich nicht mehr über die Spiele anderer Studios gefreut oder aufgeregt. Er hat den Kontakt zur Basis verloren, zu den Fans, die mittlerweile einer ganz neuen Generation angehören, die völlig andere Erwartungen hat.

Und er steht damit nicht allein. Erst vor wenigen Monaten musste Kultentwickler Hiromichi Tanaka abdanken, nachdem er mit Final Fantasy XIV einen Titel abgeliefert hat, der jenseits dessen liegt, was man von einem modernen MMOG erwarten kann. Den Grund dafür haben wir in unserem Interview erfahren: Tanaka ist älter geworden, spielt nicht mehr, hat keine Zeit zum Zocken und will nicht süchtig danach werden.

Dabei ist es genau jene Sucht, die einen erfolgreichen Entwickler antreibt. Es ist der Entzug danach, der das Feuer bei der Suche nach dem perfekten Spiel entfacht, das es einfach nicht gibt und dass man deswegen unbedingt entwickeln muss. Hiromichi Tanaka hatte vor vielen Jahren noch dieses Feuer, Richard Garriott hatte es ebenso wie Peter Molyneux.

Lionhead - Molyneuxs massive Rückkehr

Auch der Erfinder der Göttersimulationen hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Zwar hat er - anders als Kollege Garriott - immerhin den einen oder anderen Titel vollendet, doch lassen auch seine Spielen oft jene Leidenschaft vermissen, die ein Entwickler einfach braucht, wenn er mehr schaffen möchte als zähen Einheitsbrei.

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Fable Online oder worüber macht sich Entwickler Lionhead Gedanken?
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Umso erstaunlicher, dass die Lionhead Studios jetzt plötzlich ein MMO entwickeln wollen, wo man die Entwicklung doch jahrelang verschlafen hat. Wir erinnern uns mit Schrecken an die Worte von Peter Molyneux im vergangenen Sommer: “Ich habe mir MMOs angeschaut. Ich liebe die Interaktionsmöglichkeiten [...]”

Ein vorgezeichneter Pfad

Ich für meinen Teil habe mir auf der letzten Geburtstagsparty eine riesige Schwarzwälder Kirschtorte angeschaut und ich liebe die vielen Gestaltungsmöglichkeiten dabei. Trotzdem würde ich mir nicht zutrauen, eine zu backen, denn erstens hab ich das nie gemacht und zweitens esse ich selbst eigentlich gar keine Torten, sondern lieber trockene Kuchen.

Peter Molyneux täte gut daran, sein Fable weiter zu optimieren und sich die Idee mit dem MMOG noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Ein solches Spiel entwickelt man nicht einfach so aus dem Stand. Es reicht nicht, sich eine Engine zu sichern und eine Hundertschaft Techniker einzustellen. Am Anfang muss ein konkreter Traum stehen, sonst steht am Ende das unvermeidbare Scheitern.

Der südkoreanische Traum

Einer, der einen solchen Traum zu verfolgen scheint, ist Jake Song. Der Südkoreaner hat als Erfinder von Lineage seinen Teil zur Geschichtsschreibung beigetragen und war immerhin kurzzeitig Garriotts Kollege bei NCsoft. Song verließ das Unternehmen 2003 und gründete mit XLGames sein eigenes Studio, entwickelte erst ein mäßig erfolgreiches Rennspiel und arbeitet jetzt an ArcheAge.

Dessen Entwicklung beobachtet Wiped! schon seit einer ganzen Weile. Immerhin ist ArcheAge eines der wenigen Spiele, das in weiten Teilen auf das Sandbox-Konzept setzt. Von Kriegen zu Lande, zu Wasser und in der Luft ist da die Rede, von der Möglichkeit Bäume zu pflanzen, von Burg- und Schiffsbau, von Fluggeräten und von dem Kampf der Spieler um die Macht im Land.

CryEngine 3 - Fluch und Segen gleichermaßen

Die Welt im Spiel bietet unzählige Möglichkeiten, Teile der Landschaft und Gebäude ebenso aufzubauen wie zu zerstören. Mit besonderem Eifer verfolgen die Entwickler die Belagerung von Burgen mit Massen von Spielern und schwerem Kriegsgerät, wie man das aus den beiden Lineage-Teilen kennt.

Als hinderlich könnte sich dabei allerdings die CryEngine 3 erweisen, die zwar einerseits über grandiose Möglichkeiten verfügt, andererseits aber auch den Flaschenhals darstellt, wenn es um die gleichzeitige Berechnung vieler Spieler geht. Einige der unzähligen Videos, die auf YouTube derzeit zu dem Spiel zu bewundern sind, deuten darauf hin, dass die Entwickler in dieser Hinsicht noch eine ganze Menge Arbeit vor sich haben.

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Arch Age - schick aussehen tut's ja wenigstens.
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Eine Sache der Physik

Umso besser scheint mittlerweile die Physik zu funktionieren. Ob auf Schiffen, Kutschen, in Bergbau-Loren oder mit dem eigenen Flugdrachen - in der Welt von ArcheAge stehen unzählige Mittel zur Fortbewegung bereit, die viel eher an einen modernen Shooter erinnern als an ein klassisches MMOG.

Wer sich auch nur entfernt für Sandbox-MMOs interessiert, sollte in diesen Tagen unbedingt nach den Videos Ausschau halten, von denen täglich neue auf der bekanntesten Videoplattform landen. ArcheAge durchläuft derzeit die vierte Betaphase und sollte bis zum kommenden Sommer fertig werden. Und wenn das Spiel wirklich so gut wird, wie es derzeit aussieht, könnte es zum Geheimtipp 2012 werden - sofern sich bis dahin ein Publisher für Europa gefunden hat.

Ausblick

Derweil gibt es immerhin zwei andere Spiele, die neue Publisher für sich gefunden haben. Von Lineage 2 und seiner Umstellung haben wir ja bereits in der letzten Ausgabe berichtet. Das Spiel wird free-to-play, feiert seither einen beachtlichen Erfolg. Und schon deswegen wurde schon vorab darüber spekuliert, ob und wann denn nun auch Aion diesen Pfad einschlagen würde.

Es wird - und zwar ab Februar - dann unter dem Banner von Gameforge. Und während sich manch einer schon darauf freut, Aion kostenlos zu zocken, hat Wiped! schon jetzt gewisse Bedenken. Doch davon erzählen wir euch in aller Ausführlichkeit in der kommenden Ausgabe.