Vor genau einem Jahr erwarteten wir für 2011 noch den großen Wettstreit der MMOG-Publisher. Doch Blizzard und NC traten erst gar nicht an, die Karten von SOE und Trion erwiesen sich als Bluff und Frogster setze mal eben eine Runde aus. Das Publikum verlor bald das Interesse und die gesamte Branche stürzte in Agonie. Doch das Spiel ist erst dann vorbei, wenn alle Karten auf dem Tisch liegen.

Bobby Kotick scheint ein wenig zugelegt zu haben in den letzten Jahren. Er kann sich das auch durchaus leisten - immerhin soll er allein im vergangenen Jahr gut fünfeinhalb Millionen Dollar für seine Arbeit als Chef von Activision Blizzard kassiert haben - ein Job, der nicht nur finanziell attraktiv ist, sondern auch das eigene Nervenkostum nicht sonderlich belasten dürfte.

Kotick im Glück?

Koticks Firma gilt nämlich als absolut krisensicher. Immerhin hält der Manager neben allerlei lukrativen anderen Titeln mit World of Warcraft eine starke Karte in der Hand, die ihm Monat für Monat mehr Geld einspielt, als die Entwicklung eines Top-Titels durchschnittlich kostet. Mit rund elf Millionen zahlenden Kunden lebt es sich recht unbeschwert und so wundert es nicht, dass der Firmenchef im Laufe der Jahre nicht nur an Körpergewicht, sondern auch an Selbstbewusstsein zulegte.

Überhaupt bemühte sich die gesamte Blizzard-Führungsriege bei öffentlichen Auftritten in den letzten Jahren so cool und gelassen zu wirken, als habe man den Erfolg für die nächsten 100 Jahre gepachtet. Dass ausgerechnet Bobby Kotick selbst in der vergangenen Woche mit dieser Tradition brechen würde, hatte da wohl niemand erwartet.

Ausgerechnet auf einer Pressekonferenz ließ sich Kotick dazu herab, Spekulationen über Erfolg und Misserfolg der Konkurrenz anzustellen. Mit Blick auf Star Wars: The Old Republic zweifelte der Blizzard-Chef, an dass außer George Lucas noch jemand vom Erfolg eines Star-Wars-Titels profitieren würde. Er könne, so Kotick weiter, nicht nachvollziehen, wie das wirtschaftlich für Electronic Arts funktionieren soll.

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Si tacuisses, philosophus mansisses

Hätte der gute Mann mal geschwiegen, denn seine Botschaft offenbart vor allem eines: seine eigene Angst. Natürlich muss Electronic Arts laut Vertrag 35 Prozent des Erlöses, nach Abzug der Kosten, an LucasArts abführen. Doch damit wird der Publisher locker leben können. Selbst wenn Bioware “nur” 500.000 Spieler auf Dauer halten könnte, wäre das Spiel damit lukrativ.

Außerdem sprechen erste Hochrechnungen dafür, dass SWTOR ein Vielfaches an Fans binden wird. Und nicht wenige davon - und genau das bringt Bobby Kotick so außer Fassung - werden dafür ihr Abonnement bei Blizzard kündigen oder vorerst nicht wieder aufnehmen. So sicher man sich mit elf Millionen Kunden rein wirtschaftlich auch fühlen kann - Kotick fürchtet den Tag, an dem World of Warcraft wieder in den einstelligen Millionen-Bereich abrutscht.

Fundament für eine neue Partnerschaft

Für Electronic Arts hingegen dürfte ein solcher Schlag gegen den Erz-Konkurrenten ein Ziel sein, für dessen Verwirklichung man sich die Gewinne eines Titels gerne mit einem Branchenfremden wie George Lucas teilt. Und wer weiß - vielleicht lässt sich der gewiefte Filmemacher, der von seinem bisherigen MMO-Partner SOE ohnehin gerade etwas enttäuscht ist, später sogar noch für ein paar weitere Projekte begeistern.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 48: Duell der Giganten: WoW vs. SWTOR

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Doch zurück zu Kotick, der - als stünde er mit seinem Seitenhieb auf EA nicht schon tief genug im Fettnapf - gleich noch zu einer Ohrfeige für die komplette Branche ausholt. Es gebe, glaubt der Blizzard-Chef, nur wenige, für die es sich jemals gelohnt hat, in ein MMO zu investieren. Kompliment, Bobby - Investoren, Branchenkollegen und Spielerschaft in einem Satz zu verärgern, ist auch schon eine Kunst.

Play the player and not the cards

Electronic Arts hält mit Star Wars: The Old Republic vielleicht nicht das ultimative Blatt in der Hand, doch man spielt es zum bestmöglichen Zeitpunkt aus, fegt die Karten der Mitspieler vom Tisch und verpasst denen, die glaubten gar nicht mitspielen zu müssen nebenbei noch eine ordentliche Abreibung, die sie in der nächsten Runde in eine deutlich schwierigere Ausgangsposition bringen wird.

Der fast aus dem Genre verdrängte Branchenriese ist stärker denn je und wird das Spiel im Kampf um das MMO des Jahres 2011 spät, aber deutlich für sich entscheiden. Und falls der eine oder andere von euch noch etwas vom Weihnachtsgeld übrig haben sollte: man muss wahrlich kein Börsenexperte sein, um die grobe Kursentwicklung zweier Unternehmen für die nächsten Monate vorherzusagen.

EVE Online: Crucible - hundert Kleinigkeiten

Doch genug von Managern, Börse und Finanzen - in dieser Woche sind auch noch ein paar Videos aufgeschlagen, die ich euch keinesfalls vorenthalten möchte. Das einerseits unspektakuläre, gleichzeitig jedoch aussagekräftigste dürfte dabei der Clip zu EVE Online: Crucible sein - zur jüngsten Erweiterung, die erst vor ein paar Tagen frisch aufgespielt wurde.

Darin macht CCP deutlich, wie schnell man das so stiefmütterlich behandelte EVE Online wieder mit Energie versorgen konnte. Dafür wurde das Team von World of Darkness in Teilen verpflichtet, die Kollegen von EVE Online zu verstärken, damit Crucible möglichst schnell auf den ursprünglichen Kurs von EVE kommt, von dem man zeitweise abgekommen war.

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Das Video wurde im Stil der ganz alten Filme konzeptioniert. CCP verzichtet bewusst auf eine Handlung, sondern zeigt unverblümte Szenen aus dem Spiel, in denen jeder Veteran sofort erkennt, auf welche Verbesserungen er sich freuen darf: neue Schiffe, neue Module, eindrucksvolle grafische Schmankler und jene unzähligen Kleinigkeiten, die für langjährige Spieler wichtig sind.

Neverwinter - ein Blick auf die Engine

Auch bei Cryptic verzichtet man auf teure CGI-Technik und kommt beim Story Trailer zu Neverwinter weitgehend mit selbst erstellten Szenen aus dem Spiel aus, verrät dabei allerdings so gut wie gar nichts über die Spielmechanik. Immerhin vermittelt der kurze Film einen kleinen Eindruck von der Engine, die offenbar auch größere Gegnerscharen bewältigen kann.

Neverwinter wurde ursprünglich nicht als MMO konzipiert. Nachdem Pefect World Entertainment allerdings die Cryptic Studios übernommen hatte, wollte man ganz plötzlich doch ein MMO daraus machen und schickte das Spiel, das schon nahezu fertiggestellt war, wieder in die Entwicklung. Am wahrscheinlichsten ist derzeit, dass Neverwinter ein Hybrid-Game wird, bei dem eine Instanz als Lobby fungiert, in der man sich dann für gemeinsame, rein instanzierte Abenteuer verabredet.

ArcheAge - 80 Tage und ein Trailer

Mehr MMOG als irgendein Titel sonst wird wahrscheinlich ArcheAge enthalten, das unter Sandbox-Fans längst zum Geheimtipp geworden ist. Das südkoreanische Studio unter Jake Song arbeitet seit Beginn an eng mit einigen eingefleischten Clans zusammen, die beinahe ununterbrochen auf den Servern toben dürfen und die Entwicklung nachhaltig beeinflussen.

Derzeit wartet alles auf die vierte geschlossene Testrunde, die in der kommenden Woche starten und über einen Zeitraum von 80 Tagen laufen soll. Was die Spieler diesmal zu erwarten haben, zeigt ein eindrucksvoller Trailer vorab. Und der hilft XLGames dann hoffentlich auch dabei, endlich einen guten Publisher zu finden, der sich zutraut, das gehaltvolle “Sandpark-Game” für den Westen zu lokalisieren und zu hosten.

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Kurz notiert

Falls euch das alles viel zu lange dauert und ihr eher auf klassische Echtzeit-Strategie im Stil von Command & Conquer steht, dann solltet ihr in den kommenden Tagen mal einen Blick auf die offizielle Seite von Trions MMORTS End of Nations werfen. Dort laufen gerade die Registrierungen für die erste richtige Beta an, in der wir dann hoffentlich auch erfahren werden, wieviel MMOG eigentlich in dem Titel steckt.

Und bis die beginnt, werde ich auf jeden Fall mal schauen, wer auf meinem alten Thron in Aden hockt, denn Lineage 2 ist tatsächlich kostenlos geworden und zieht in diesen Tagen ganze Heerscharen von neuen Spielern an. Wie sich der altehrwürdige Titel seit der jüngsten Erweiterung entwickelt hat und ob sich eine Rückkehr tatsächlich lohnt, erzähle ich dann in der kommenden Woche. Bis dahin wisst ihr ja, wie ihr euer Weihnachtsgeld verzocken könnt.