Noch vor rund zwei Jahrzehnten kam die Türklingel am Abend des 6. Dezember kaum zur Ruhe, weil ganze Hundertschaften maskierter Halbwüchsiger von Haus zu Haus zogen, um das wohl unverschämteste Gedicht aller Zeiten gegen eine süße Gage runterzuleiern. Anno 2010 allerdings bleibt die Nachbarschaft von derlei altbackenem Brauchtum verschont, denn klingeln wird es in der Nacht von Montag auf Dienstag vornehmlich in den Kassen der Elektro-Großmärkte.

Und weil sich schon die letzten Veröffentlichungen der Spieleschmiede Blizzard verkauften wie geschnitten Brot, blasen in diesem Jahr mehr Märkte denn je zum großen Mitternachtsverkauf – einem Event, dem sich kaum ein Laden mehr entziehen kann, das wirtschaftlich gesehen jedoch der absolute Humbug ist.

Eines für alle, alle für Blizzard!

Hätte man einem Einzelhandelsexperten vor zwanzig Jahren erzählt, dass gestandene Großmärkte im Jahre 2010 in einigen Städten bis zu 18.000 qm Verkaufsfläche, samt der dazu gehörigen Fachberater, zur Geisterstunde für das Update eines Computerspiels öffnen, beheizen und beleuchten würden – man wäre für nicht ganz richtig gehalten worden.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 48: David gegen Goliath: Rift-Beta vs. Cataclysm-Launch

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Arthas und Brezeln: der Lich-King-Mitternachtsverkauf.
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Doch für den Einzelhandel ist es fast so geworden wie für die spielende Zunft: Wer etwas auf sich hält, schließt seinen Laden auf – sofern einem die Spaßbremsen der Stadtverwaltung die Pläne nicht durchkreuzen. Wer nicht mitmacht, ist nicht cool. Seit Wochen werden Anzeigen in allen Medien geschaltet, Flyer verteilt und Mitarbeiter disponiert. Die Werbetrommel hat sich verselbständigt und paukt mit einer Wucht, die andere Publisher vor Neid erblassen lassen dürfte. Sogar das Wetter scheint sich schon an Blizzard anzupassen.

Die gefühlte Mehrheit der MMO-Veteranen reibt sich angesichts dieser weihnachtlichen Narretei allerdings verwundert die Augen und will gar nicht erst mit diesen Raids auf die Konsumtempel in Verbindung gebracht werden. Man mischt sich lieber am nächsten Tag unter die normalen Menschen oder bucht gleich online oder eben überhaupt nicht. Übrigens: Cataclysm gibt es doch tatsächlich auch noch nach der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember zu kaufen. Wer hätte das gedacht?

Rift – will nicht konkurrieren

Doch mit was außer Cataclysm kann man seine Zeit vertreiben, wenn man allein schon durch den tobenden „Blitzwinter“ zum Zocken verdammt ist? Rift wäre da ein Kandidat. Zwar hat man sich bei Trion Worlds der Konkurrenz gebeugt und den Release des Titels ins kommende Jahr geschoben, doch die erste Betarunde läuft dennoch schon seit gestern Abend. Und sie endet, welch ein Zufall, am Montag – gerade mal vier Stunden vor der Öffnung des erwähnten Mitternachtsverkaufs.

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Ubisoft bringt Rift nach Europa.
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Und während sich die einen schon durch die Rifts in Richtung Freimark durchschlagen, gehen vor allem jene auf Abstand, die ihre Probleme mit Ubisoft haben. Der Publisher, in Zockerkreisen wegen seines Kopierschutzes nicht sonderlich beliebt, wird den Vertrieb von Rift in Europa übernehmen. Die Sorge, dass sich das irgendwie negativ auf das Spielerlebnis auswirken könnte, ist allerdings unbegründet.

Ubisoft werde, so garantierte jetzt Trion, lediglich dafür sorgen, dass Rift in den Regalen des Einzelhandels steht. Der Titel wird also weiterhin vollständig von Trion Worlds entwickelt und betrieben. Der berühmt berüchtigte Kopierschutz soll definitiv nicht zum Einsatz kommen und würde bei einem MMOG ohnehin keinen Sinn machen – schließlich muss man hier sowieso immer online sein.

Mehr Sinn macht es hingegen, die weltweite MMOG-Gemeinde nicht zwangsweise zu trennen, wie es sich in den letzten Jahren vermehrt eingeschlichen hat, sondern den Bewohnern des kleinen Planeten auch tatsächlich freien Zugriff auf jeden Server zu gestatten. Und genau das will Trion tun. Wer Freunde in den USA hat und sich nicht an schlechteren Ping-Zeiten stört, hat Zugriff auf die Server in Dallas. Umgekehrt können Gilden aus Übersee natürlich auch auf die europäischen Server loggen, die in Amsterdam stehen.

Doch wie steht es um die spielerische Qualität von Rift? So zurückhaltend Trion Worlds in Sachen Marketing agiert, so selbstbewusst gibt man sich, wenn es um das Spiel selbst geht. In einem aktuellen Trailer werden noch einmal alle Register gezogen und sogar Vertreter irgendwelcher Gilden angeheuert, die allesamt einen ganz furchtbar begeisterten Eindruck hinterlassen.

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Noch weiter geht allerdings der Sprecher im Hintergrund, der ein „ausgefeiltes“ Rift zum Release verspricht, das alles enthält, was man sich von einem Top-Titel erhofft. Die als dynamisch angepriesene Welt schafft es dabei durchaus Interesse zu wecken, die schier unendlichen Skill-Optionen allerdings bringen den erfahrenen MMOler eher zum Grübeln.

Ein zaubernder Berserker? Prima. Ein Magier, der den Gegnern Leben entzieht, um seine Freunde damit zu heilen? Logo. Ein Sniper-Bogenschütze, der teleportieren kann? Kein Problem. Zumindest noch nicht, denn wie um alles in der Welt will Trion das alles langfristig ausbalancieren? Spieler sind gewieft und finden schnell eine Kombination von Skills, deren Wirkung weit über die Grenzen von Telara hinausgeht, weil sie den Entwicklern den Schlaf rauben.

Star Wars: The Old Republic – definitiv nicht vor April 2011

Ausreichend Schlaf finden in diesem Winter hingegen all jene, die sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich in Star Wars: The Old Republic für eine Seite der Macht zu kämpfen. Der Titel werde nämlich, so heißt es jetzt von offizieller Seite, für das Finanzjahr 2012 anberaumt. Und das beginnt im April und reicht bis zum Dezember 2011.

Derzeit steht die Alte Republik nur einem kleinen Kreis erlauchter Testpersonen offen, bei denen die Einhaltung der Verschwiegenheitserklärung offenbar weit ernster genommen wird als in Diplomatenkreisen. Konkrete Informationen über die Testläufe findet man derzeit nicht einmal bei Wikileaks.

Earthrise – fünf Minuten Enterra

Ganz ähnlich sah es bis vor kurzem auch in Bezug auf Earthrise aus, von dem man in den letzten Monaten kaum noch etwas erfahren konnte. Umso erfreulicher, dass sich die Masthead Studios zur Weihnachtszeit erbarmten, den Fans ein kleines Video zu bescheren, das einen aktuellen Eindruck davon vermittelt, wie es um das Endzeit-MMOG bestellt ist.

Earthrise - Gameplay aus der Beta2 weitere Videos

Wer jetzt einen heißen CGI-Trailer erwartet, wird von dem Video ein wenig enttäuscht sein, denn der Clip zeigt fünf Minuten rohes Gameplay in erschreckend niedriger Auflösung. Der aufmerksame Beobachter lernt zwar eine ganze Menge über Earthrise, doch will sich die Euphorie einiger Spieler nicht so recht auf die gesamte Community übertragen. Man fürchtet zu viele Gemeinsamkeiten mit dem gescheiterten Garriott-Titel Tabula Rasa.

EVE Online – Klappe, die Erste!

Gemeinsamkeiten mit anderen Spielen muss EVE Online wohl eher nicht fürchten. Im Gegenteil – der Titel hat sich derart erfolgreich in einer Nische festgesetzt, dass es kein Publisher wagen würde, sich da noch mit hinein zu quetschen. Trotzdem kommt man bei CCP nicht zur Ruhe und haut im gewohnten Halbjahresrhythmus kostenlose Updates raus.

Das aktuelle heißt Incursion und wurde in drei Teile zerlegt, von denen der erste endlich auf dem Live-Server steht. Der Patch lässt die anstehenden inhaltlichen Neuerungen zwar noch vermissen, bringt aber schon mal einige technische Finessen ins Spiel: Endlich darf man die wunderbare Aussicht auf das Weltall auf mehreren Monitoren gleichzeitig bewundern. Und damit man dabei nicht aneckt, wurde nebenbei noch das Antialiasing eingeführt. Schöner war New Eden wirklich noch nie.

World of Darkness - Ziemlich cool: Carbon Character Technology von CCP2 weitere Videos

Die Fangemeinde ist vorerst zufrieden und wartet geduldig auf die nächsten beiden Updates im Dezember und im Januar. Letzteres bringt dann auch endlich die neue Charaktergenierung ins Spiel, die als Bestandteil der brandneuen „Carbon-Technology“ nicht nur den Weg für das Sommerupdate Incarna ebnen, sondern später auch in Dust 514 und World of Darkness zum Einsatz kommen soll.

Derweil bereiten wir uns auf unseren nächsten Einsatz vor, der uns hoffentlich in ein Telara führen wird, das den Ankündigungen des Publishers gerecht wird. Bis zum nächsten Samstag wissen wir auf jeden Fall mehr darüber, was gespielt wird.