Es ist Samstag - die “erste Welle” turnt schon seit gestern durch Biowares Old Republic, die Angehörigen der zweiten glühen gerade ihre Lichtschwerter vor. Und keine Sorge - Wiped! wird euch diesmal nicht lange aufhalten, da ich noch eine Rechnung mit unserem Chefredakteur offen habe, der sich doch tatsächlich auf die Seite der widerlichen Jedi geschlagen hat. Doch vorher gibt es da noch ein paar Dinge, die ihr wissen solltet...

“Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor”, wusste erst kürzlich Goethes Faust zu bemerken, als man ihn nach dem Fall der NDA zum Thema Star Wars: The Old Republic befragte. Und mit besseren Worten könnte auch ich das Dilemma nicht beschreiben, in dem ich mich in Bezug auf Biowares erstes MMOG befinde. Macht es Spaß? Irgendwie schon. Ist es genial? Irgendwie nicht. Wird es Electronic Arts den gewünschten finanziellen Erfolg bescheren? Mit Sicherheit.

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Wenn das Ende schon am Anfang in Sicht ist...

Nein, Bioware wird diesmal keinen Innovationspreis gewinnen. Im Gegenteil - SW:TOR bietet in Sachen MMOG-Design klassische Hausmannskost à la carte. Es scheint, als fehlte den Jungs der Mut, als gäbe es für sie ganz enge Grenzen innerhalb derer man ein MMOG überhaupt nur bauen kann, damit es funktioniert. Dabei wiederholt man sogar die typischen Fehler, beschränkt sich auf zwei Fraktionen, vergisst das Meta-Game, schludert beim PvP.

Doch noch ist uns das egal. Noch schwingen wir motiviert unsere Lichtschwerter und lassen uns von der Geschichte mitreißen, mit der Bioware tatsächlich einige neue Akzente setzt. Klar werden wir SW:TOR auch nach Release spielen - gemeinsam mit über zwei Millionen anderen Spielern, Asien noch nicht einmal mit eingerechnet.

200 Stunden - und danach?

Die angesetzten 200 Stunden pro Klasse hat ein Hardcore-Zocker jedoch schnell hinter sich gebracht. Vielleicht verdoppeln wir auch, indem wir noch einen zweiten Charakter basteln. Und dann? Dann wird Star Wars: The Old Republic voraussischtlich in der Ecke landen - gleich neben WoW, AoC, Warhammer Online, Aion, Rift und all den anderen Spielen, die MMOGs sein wollen, in Wahrheit aber keine sind.

Und eigentlich müsste man ihnen allen ein “M” im Titel entziehen. Jenes nämlich, das für “massively” stehen und aussagen soll, dass hier eine außergewöhnliche Anzahl von Spielern in einer persistenten virtuellen Welt lebt und interagiert. Doch was ist schon persistent in einer Welt voller Instanzen? Und was für eine Bedeutung hat es noch, wenn zwar Tausende Spieler online sind, die aber durch Fraktionszwang und instanzierte Maps voneinander getrennt werden?

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Wo steckt denn das “massively”?

Die modernen Titel sind eigentlich nur noch Multiplayer-Online-Games - also MOGs. Sie haben nichts mehr von einer richtigen Welt - der Multiplayer-Part beschränkt sich darauf, dass man sich irgendwo in der Hauptstadt, die als eine Art bessere Lobby fungiert, für kleine Einzelabenteuer oder Scharmützel gegeneinander verabredet. Publisher, die sich erdreisten, ein solches Spiel noch MMOG oder gar MMORPG zu nennen, täuschen ihre Kunden.

Ein MMOG, das diese Bezeichnung verdient, setzt keine Schranken. Es instanziert die Welt nicht mehr als technisch nötig und spaltet die Spielerschaft auch nicht zwangsweise in zwei Lager. Ein echtes MMOG erlaubt den Spielern, Konflikte untereinander selbst auszutragen und echte Kriege zu führen, die im Extremfall auch zur Zerschlagung eines Clans führen können.

In einem echten MMOG hat auch asoziales Verhalten Konsequenzen - in den modernen MMOs hingegen ist es mittlerweile längst zur Regel geworden. Weil die ehrbare Community nichts in der Hand hat, womit sich die virtuellen Terroristen zur Räson bringen ließen, sind manche MMO-Communitys zu wahren Troll-Hochburgen geworden.

Freundschaft zwangsweise

Ein echtes MMOG lässt sich auch nicht auf eine bestimmte Anzahl von Stunden begrenzen - es bietet über viele Jahre hinweg Spaß, weil es den Spielern ein Meta-Game bereitstellt, bei dem sie durch ihr eigenes Wirken Leben in die Welt bringen können, wo sie Freundschaften und Feindschaften gleichermaßen aufbauen und pflegen lassen, wo man seinen Clanchef auch mal auf den Thron setzen kann.

Zwingt man die Spielerschaft in zwei Fraktionen, werden Clans unwichtiger. Niemand braucht mehr den Schutz einer starken Gemeinschaft. Jeder will nur noch die anderen Vorteile einstreichen: Ausrüstung. Eine Spieler-Politik mit Eroberungen und einer gewissen Macht auf dem Server ist eine vortreffliche Methode, um ein Meta-Game zu schaffen. Doch mit Fraktionen beraubt man sich dieser Option schon im Vorfeld.

Lineage 2 - neue Chance auf alte Tugenden

Dass Lineage 2 all die erwähnten Eigenschaften eines echten MMORPGs aufweist, darüber hatte ich mich schon in mehreren Ausgaben von Wiped! ausführlich ausgelassen. Empfehlen konnte man das altehrwürdige Spiel im Westen allerdings niemandem mehr mit gutem Gewissen. Die Server laufen seit April 2004 und haben einfach ein gewisses Alter erreicht, das Neueinsteigern den Einstieg relativ unmöglich macht.

Schuld daran sind nicht nur bestehende politische Strukturen, in die kein Neuling einfach so eindringen könnte, sondern auch NCsoft West als Publisher, der sich nie wirklich die Mühe gemacht hat, Farmer und Botter auszusperren und gleichzeitig für den Support zu sorgen, den ein solcher Titel nötig hätte, damit er auf Dauer funktionieren kann.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 47: Alle schon drin?

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Lineage 2 wird bald free to play.
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Adens zweiter Frühling

Doch das könnte sich bald ändern, denn möglicherweise erlebt Lineage 2 bald einen zweiten Frühling - oder überhaupt erstmal den verdienten ersten. NCsoft Korea hat vor einigen Wochen, so scheint es, Wind davon bekommen, dass das westliche Töchterchen einige Spiele nicht so gut umsorgt, wie man das eigentlich erwarten sollte. Lineage, Lineage 2 und Aion werden beinahe stiefmütterlich behandelt und eigenen Titeln wie Guild Wars hintangestellt.

Als Konsequenz lässt Korea Lineage 2 ab Dezember vom russischen Publisher Innova betreiben. Und der könnte tatsächlich ein Segen für das geniale Spiel sein - aus mehreren Gründen: Lineage 2 wird ab Anfang Dezember tatsächlich auf free-to-play umgestellt. Verkauft werden sollen im Shop vorwiegend XP-Booster sowie einige Tränke, deren Pendants man allerdings auch im Spiel selbst bekommen kann.

Ende für die Farmer-Banden?

Das wird sich einerseits für den Betreiber lohnen, da die L2-Community schon immer recht spendabel war, wenn es um ihr Hobby ging - gleichzeitig wird es aber auch das Geschäft aus den Händen der Drittanbieter nehmen, für die Lineage 2 längst eine Goldgrube geworden ist und die mit ihren Farmer-Partys nicht nur die virtuelle Landschaft verschandeln, sondern auch für Inflation im Spiel sorgen.

Lineage 2 soll auch nach der Umstellung in jeder Hinsicht kostenlos und vom ersten bis zum obersten Level frei zugänglich sein und dürfte so endlich den unzähligen illegalen Privatservern das Wasser abgraben. Auf denen zocken geschätzte zwei Millionen Fans kostenlos Lineage 2 - die meisten davon werden sofort wechseln, wenn die Monatsgebühr auf den offiziellen Servern wegfällt.

Mach neu!

Und noch etwas fällt nach der Umstellung weg: die Anarchie. Innova verspricht nicht nur, für einen ordentlichen Support zu sorgen, sondern gleichzeitig auch eine Software einzusetzen, die Botter erkennt und meldet - eine Technologie, die NCsoft West nie einsetzte, da man nicht auf die Abos der Farmer verzichten konnte oder wollte.

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Das wichtigste Argument für das “neue” Lineage 2 ist allerdings die Chance, dass bald neue Server in Betrieb genommen werden. Neue Server, auf denen die Wirtschaft noch frisch ist, auf denen Crafter erst einmal die Grundversorgung an Munition sichern müssen, auf denen es keine übermächtigen Bossjuwelen gibt, keine stagnierenden Machtverhältnisse bei den Clans, keine uralten Freund- und Feindschaften.

Zugegeben - Lineage 2 besitzt nicht die gewohnte WASD-Steuerung. Es bietet keine Story, hat kaum Quests und ist auch grafisch nicht mehr ganz up to date. Doch wer schaut noch auf die bunten Effekte, wenn er mit tausend Verbündeten zwei Stunden lang eine riesige Burg belagern kann, in der sich hunderte Verteidiger verschanzt haben?

Klingt nach einem Plan...

Natürlich werden ich mich in den nächsten Tagen nach Tatooine begeben und das Lichtschwert schwingen. Natürlich werde ich nach Release meine 200, vielleicht 400 Stunden in Biowares erster Online-Welt verbringen. Doch ich weiß jetzt schon, dass mir das schon bald nicht mehr genügen wird, dass wieder jene Sehnsucht aufkommt, die mich immer packt, wenn ich in einem Spiel an die vorgegebenen Grenzen stoße.

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Und wenn Innova bis dahin schon neue Server für Lineage 2 in Betrieb genommen hat, weiß ich, was ich tun werde. Ich werde endlich wieder ein echtes MMORPG spielen, mich flugs durch die Noob-Gründe schlagen, eine kleine Gruppe guter PvPer um mich scharen und am ersten Siege-Wochenende den Thron von Oren Castle besteigen - genau wie vor nunmehr 80 Monaten.