In den letzten Monaten waren die Zocker ebenso aktiv wie gelangweilt, während die Publisher in tiefstem Dornröschenschlaf lagen. Mittlerweile sind die Unternehmen der Branche pünktlich zum Weihnachtsgeschäft erwacht und es herrscht die übliche Betriebsamkeit bei den Professionellen - wie in jedem Jahr. Doch etwas ist dieses Mal anders als sonst: die Gamer sind verschwunden. Wiped! ist auf die Suche gegangen...

Es geschah am 11.11.11 - einem Datum, das möglicherweise als die Stunde Null in der Welt des gepflegten Gamings eingehen wird. Im Teamspeak hörte man noch hier und da einen kurzen Schrei, dann kehrte Stille ein. In den virtuellen Welten verschwand zeitgleich ein Charakter nach dem anderen - als hätte es sie nie gegeben.

Teamspeak aus, Anrufbeantworter an...

Doch es gibt sie noch, die vermissten Spieler und ein Blick auf die Freundesliste im Steam verrät auch, wohin sie allesamt entschwunden sind: Skyrim - der fünfte Teil der Elder-Scrolls-Saga, die sich ganz plötzlich vom ehemaligen Geheimtipp zum Massenphänomen gemausert hat. Kaum ein Rollenspieler, der sich in diesen Tagen nicht in Tamriel aufhält, um es mit einem Drachengott aufzunehmen.

Dabei gehörten viele der Verschollenen zur eingefleischten MMOG-Gemeinde, hatten oft genug versichert, dass sie Solospiele nicht mehr anrühren würden, weil denen das “gewisse Etwas” fehlte. Wie kommt es also, dass man bei Bethesdas jüngstem Streich da eine solche Ausnahme macht, wo man sich doch mutterseelenallein durch eine offene Welt bewegt, die mal so gar nicht jenen Themepark-Vorstellungen entspricht, die man dem modernen Gamer immer nachsagt?

Mit dem unbestrittenen Erfolg von Skyrim straft Bethesda alle Theoretiker und Branchenchefs Lügen, die immer wieder betont haben, dass man dem modernen Spieler nicht zu viel zumuten dürfe, dass man ihn bei der Hand nehmen und führen müsse, dass er überfordert sei, wenn man ihm keine konkreten Inhalte chronologisch geordnet vorsetzt.

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Blaupause für ein MMOG

Zugegeben, Skyrim ist kein MMOG, doch es könnte eines sein. Es zieht die gleichen Spielerkreise in seinen Bann und es wirkt beinahe wie eine Blaupause für das perfekte Online-Spiel. Bethesda schien nie bei der Elder-Scrolls-Reihe sonderlich daran interessiert, ein Spiel zu bauen - lieber arbeitete man an einer stimmigen Welt, einem Lebensraum für einen Spieler.

Seit Matrix haben wir gelernt, dass sich der Mensch in einer zu angenehmen und perfekten Umgebung niemals richtig einleben kann, dass er schnell gelangweilt ist und depressiv wird. Er braucht Überraschungen, Gefahren, Schwierigkeiten, muss mühevolle Phasen durchleben, damit er sich anschließend selbst an kleinen Erfolgen erfreuen kann.

World of Ötzi

Ötzi mag auf seiner steinzeitlichen Wandertour ein gewaltvolles Ende gefunden haben, doch er führte sein Leben wie von Mutter Natur vorgesehen. So mancher Zivilisationsmensch beneidet unseren Urahn mittlerweile um dessen Abenteuer und wandelt in seiner Freizeit auf dessen Spuren - ob nun real oder virtuell - in Skyrim.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 46: Ist Skyrim das bessere MMO?

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Liebe Entwickler, gebt uns eine Welt zum Entdecken!
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Es wird Zeit, dass MMOG-Studios wieder Welten erschaffen, in denen man sich wie Ötzi fühlen kann, in denen man auf Wanderschaft geht - auf große Entdeckungsreise, in denen hinter jeder Ecke unvorhergesehene Gefahren lauern und in denen man tatsächlich ums virtuelle Überleben kämpft. Skyrim macht vor, wie das funktioniert und der Schritt zur persistenten Multiplayer-Welt ist dabei gar nicht mal so groß.

Zurück zu den Wurzeln

Setzt uns endlich wieder aus, liebe Entwickler - fernab der Zivilisation, hilflos, unbewaffnet, mit nicht mehr als einem Fetzen Stoff auf dem Leib. Lasst uns Holzspeere basteln, mit denen wir Hirsche jagen, die wir über dem Lagerfeuer zu Vorräten verarbeiten. Lasst uns Pilze sammeln, Bäume fällen, Pfeil und Bogen bauen, damit wir damit auf Jagd gehen können.

Lasst uns Hütten errichten, in denen wir unsere Güter vor bösen Mitspielern schützen können und Burgen, in denen wir tapfere Mitspieler zu Rittern schlagen, damit sie für uns die Dörfer der Feinde plündern. Gebt uns endlich eine Welt, in der wir virtuell leben können. Spielplätze gibt es wahrlich schon genug, und Skyrims Erfolg zeigt einmal mehr, wie wenig sie uns eigentlich bedeuten.

Star Wars: The Old Republic - schafft noch die Millionengrenze

Doch Skyrim ist nun einmal kein MMOG und natürlich werden unsere vermissten Mitspieler früher oder später in die ihnen angestammten Welten zurückkehren. Wobei es diesmal durchaus etwas später werden könnte, denn einige planen nach dem Sieg über den Drachen noch einen Abstecher in die Alte Republik.

Dass Star Wars: The Old Republic zum Release dabei einen Rekord aufstellen wird, deutet sich schon jetzt an, denn längst zählt Bioware weit über 800.000 Vorbestellungen - Tendenz: rasant steigend. Mit etwas Glück und guter Finanzlage wird sich Electronic Arts zum Release über zwei Millionen Spieler freuen dürfen.

Doch auch zwei Millionen Spieler nützen wenig, wenn sie nicht bereit sind, im Anschluss auch ein längerfristiges Abonnement abzuschließen und das ist angesichts der Themepark-Struktur von SW:TOR und der extremen Konkurrenzsituation am Markt äußerst fraglich, denn Monatsgebühren sind in Spielerkreisen in diesen Tagen alles andere als beliebt.

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Bald geht es los: Das nächste SWTOR-Beta-Wochenende steht ins Haus.
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Rift - verteilt die Last gleichmäßig

Und trotzdem gibt es einige Studios, die weiterhin erbittert am Abo-Modell festhalten, obwohl die Konkurrenz bereits fast ausnahmslos auf kostenloses Spielen und Itemshop umgestellt hat. Rift-Chef Scott Hartsman glaubt allerdings nicht an das alternative Geschäftskonzept mit Itemshop. Und er kann seine Zweifel auch begründen.

Seiner Ansicht nach schade es einem Spiel, wenn ein paar Spieler viel Geld bezahlen müssten, während die meisten Spieler gar nicht bereit seien, überhaupt etwas zu zahlen. Ein guter Einwand, denn was Scott Hartsman da beobachtet hat, ist tatsächlich der Grund dafür, dass die Spieler in den meisten Free-to-play-Titeln ordentlich abgezockt werden.

Die im Verhältnis zur Gesamtzahl der Spieler wenigen Fans, die im oberen Segment mitspielen wollen, müssen für die Gesamtheit der Spieler aufkommen und zahlen weit mehr als das, was man gemeinhin als Monatsgebühr für ein Abo-Game zu entrichten hat. Interessant ist Free-to-play also nur für Gelegenheitsspieler.

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Gefahr für Rift?

Doch es gibt auch schon Hybrid-Modelle, bei denen man wahlweise kostenlos spielt und sich dabei im Itemshop bedient oder optional brav die Monatsgebühr entrichtet und dann tatsächlich alles genießen kann, was das Spiel bereithält. Ein solches Geschäftsmodell sollte Scott Hartsman für Rift durchaus in Erwägung ziehen.

Mit Erscheinen von Star Wars: The Old Republic werden aller Voraussicht nach sämtliche Abo-Titel am Markt zumindest zweitweise Kunden verlieren. Insbesondere Rift wird bluten, da es von Trion besonders stark auf die Fans von einfachen Themepark-MMOs mit starker Story zugeschnitten ist. Und genau diese Zielgruppe haben auch Bioware und Electronic Arts ins Visier genommen.

Eligium - Frosch gegen Jedi

Doch selbst die kostenlos spielbaren Titel werden in Zukunft immer dann ein Problem bekommen, wenn ein neues großes Spiel auf den umkämpften Markt drängt. Das erkennt man bisweilen schon an den Betatests, die früher immer extrem beliebt waren. Mittlerweile müssen die Publisher schon dafür werben, dass überhaupt jemand mal im Spiel reinzuschauen bereit ist.

Besonders für Frogster wird es sicher nicht einfach werden, genügend Beta-Tester in ihren neuen Titel Eligium zu locken und es war sicherlich auch nicht sonderlich geistreich, die Beta just für den 19. Dezember anzusetzen und sie damit gleich für all jene MMOler uninteressant zu machen, die schon das Lichtschwert neben dem Rechner stehen haben.

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Eligium wird es schwer haben - trotz Pandas.
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ArcheAge - in 80 Tagen durch die Welt

In dieser Hinsicht einfacher haben es die asiatischen Entwickler. Insbesondere in Südkorea können sich die Studios der Mithilfe eingefleischter und loyaler Clans sicher sein, die dann meist auch komplett in die Entwicklung eines neuen Titels eingebunden werden. Insbesondere Jake Songs ‘Sandpark-MMO’ ArcheAge durchläuft bald schon die vierte geschlossene Betarunde.

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Und die dürfte besonders spannend werden, denn erstmals werden Spieler von Beginn an in der Lage sein, einen neuen Kontinent zu erkunden, eine neue Rasse zu spielen und Land für sich in Besitz zu nehmen. Stolze 80 Tage soll die Betaphase insgesamt laufen und mit etwas Glück schafft es Jake Song mit seinem Team sogar, die ersten Burgbelagerungen testen zu lassen - jenes Element, das sein Erstlingswerk Lineage und dessen Nachfolger so berühmt gemacht hat.

All das interessiert euch derzeit wahrscheinlich wenig, denn ihr seid ohnehin noch in Skyrim unterwegs. Doch falls ihr für zwischendurch doch noch eine kleine Lektüre braucht: Auf gamona erwartet euch in der kommenden Woche unter anderem eine ausführliche Vorschau zu The Secret World. Und mit diesem Titel wird Funcom möglicherweise einen weit besseren Start hinlegen als seinerzeit mit Age of Conan. Bis dahin - euch allen eine erfolgreiche Drachenjagd!