Immer wenn es Winter wird, freut sich der Onlinegamer auf ein paar gemütliche Monate vor dem heimischen PC. In diesem Jahr allerdings erwarten uns zur kalten Jahreszeit gleich zwei Katastrophen. Die eine, ein gigantischer Schneesturm, wird rund zwölf Millionen arme Seelen wochenlang einschneien. Und die andere, ein klaffendes schwarzes Loch, könnte alles noch viel schlimmer machen und den Rest der Welt auch noch in Richtung Blizzard treiben...

Doch gibt es für uns wirklich kein Entrinnen? Warum können wir nicht einen der unzähligen Titel zocken, die sich auf dem übersättigten Markt tummeln? Warum beschäftigen wir uns nicht einfach mit Warhammer Online, Age of Conan oder mit all den Spielen, die mit Abofreiheit locken? Die Antwort ist ebenso einfach wie frustrierend: Wir haben es längst getan und uns am nährstoffarmen Gamer-Fastfood gehörig überfressen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wir haben geskillt, gequestet und gegrindet. Wir haben die größten Monster und die fiesesten Spieler erschlagen. Wir haben die tiefsten Meere durchpflügt und sind auf die höchsten Berge geklettert, um die Welten von dort oben zu betrachten, in der Hoffnung, dass sie dann interessanter, spannender, gehaltvoller erscheinen mögen. Doch den Gefallen hat uns keine einzige getan.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 44: Das Problem an MMOs: Sie sind keine richtigen Spiele...

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 81/861/86
Grinden bis der Arzt kommt: Ist ein MMO überhaupt noch ein Spiel?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Da beneiden wir doch glatt den MMO-Einsteiger von nebenan, wenn er mit einem Funkeln in den Augen von seinen ersten virtuellen Erfolgen in einem dieser grottigen Retortenspiele berichtet. Wow, toll gemacht, Glückwunsch! Genieße das Gefühl und behalte sie so lange wie möglich auf, diese rosarote Brille, die uns langjährigen Zockern irgendwo zwischen Hyboria und dem Abyss von der Nase gerutscht sein muss.

Gefunden und aufgesetzt wurde das weltenerleuchtende Utensil wahrscheinlich von einem dieser modernen Entwickler, die ebenso austauschbar sind, wie die von ihnen verzapften virtuellen Müllhalden. Doch solange hier und da ein offenbar Erleuchteter unter den Weltenschöpfern hervorstrahlt, wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben.

Undead Labs erkennt das Dilemma: viel MMO, wenig Spiel!

Besonders hell strahlte jüngst Richard Foge von Undead Labs, als er in einem Manifest auf der offiziellen Seite des jungen Publishers erklärte, warum unser geliebtes Genre so marode ist: „[...]betrachtet man MMOs mal etwas genauer, stellt man fest, dass sie kaum richtige Spiele sind.“

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 44: Das Problem an MMOs: Sie sind keine richtigen Spiele...

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 81/861/86
Undead Labs wollen mit ihrem Zombie-MMO alles besser machen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mit dieser Erkenntnis trifft Mr. Foge ins Schwarze – wahrscheinlich als erster Entwickler überhaupt. Ob World of Warcraft, Aion, Runes of Magic oder Metin 2 - das MMO von heute ist nicht viel mehr als ein Farmville in 3-D. Es gibt keine Hürden mehr zu meistern, keine Herausforderungen. Der Weg zum virtuellen Erfolg, der einst durch perfekte Teamarbeit hart erspielt werden wollte, steht jetzt jedem Grobmotoriker offen, der nur noch eine Sache mitbringen sollte: Zeit.

Und während sich einige Studios alter Werte besinnen und wieder ein End- oder Metagame ersinnen, bevor sie im kommenden Jahr die nächsten Welten ins Netz stellen, will man bei Undead Labs von den Konsolen lernen und beim eigenen Zombie-MMO „die Formeln durch Action ersetzen“. Dass der Titel dann auch gleich für Konsole erscheinen soll, liegt nahe.

Gegründet wurde Undead Labs übrigens im vergangenen November von Jeff Strain, den man durch seine Arbeit für Blizzard an StarCraft, Diablo und World of Warcraft kennen und später als Gründer von ArenaNet lieben gelernt hat. Kein Wunder also, dass sich dem Altmeister auch Talente wie Richard Foge angeschlossen haben, auf dessen Konto unter anderem auch God of War geht.

Champions Online – ungeeignet, selbst für free2play?

Weit weniger beliebt als Richard Foge, wenngleich nicht minder philosophisch veranlagt, ist Cryptics Jack Emmert. Der betätigt sich nebenbei offenbar als Hellseher, wenn er davon spricht, dass World of Warcraft und Star Wars: The Old Republic die beiden Spiele sind, die in Zukunft den Markt anführen werden. Alle anderen Titel, besonders die mit einem Budget von „nur“ 50 Millionen Dollar, täten seiner Ansicht nach gut daran, auf free to play umzustellen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 44: Das Problem an MMOs: Sie sind keine richtigen Spiele...

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 81/861/86
Noch ein Konvertit: Champions Online geht den F2P-Weg.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dabei ist Emmert gerade mit gutem Beispiel vorangegangen und gibt seine Champions Online ohne Monatsgebühren frei. Das allerdings könnte sich, aller Prophetie zum Trotz, als Fehler herausstellen. Denn gerade kostenlos spielbare Titel haben eine erschreckend große Konkurrenz und benötigten ein dauerhaft motivierendes Endgame weit dringender als ein Abo-Titel. Und genau das ist es, was wirklich allen Titeln aus dem Hause Cryptic fehlt.

Doch wir wollen die neu entdeckte Gabe des Jack Emmert nicht verfrüht in Frage stellen, sondern warten einfach mal ab, wie sich die Sache um WoW, SW:TOR und Co. entwickelt. Vielleicht gehen Emmerts aktuelle Pläne rund um die von Spielern selbst generierten Inhalte ja auf. In spätestens einem Jahr werden wir uns dann wieder erinnern, was Mr. Cryptic so alles hat kommen sehen und was nicht.

ArcheAge – MMO der dritten Generation?

Und während sich Jack Emmert durchaus als typischer Schöpfer von MMOs der zweiten Generation sehen darf, melden sich so langsam all jene Altmeister zurück, die nachhaltig für die erste Generation von Onlinespielen verantwortlich zeichneten. Und die war, das muss man mittlerweile mit großem Bedauern feststellen, spielerisch oft wertvoller als das, was wir heute so vorgesetzt bekommen.

Vor allem aus dem großen internen Streit, der den südkoreanischen Publisher NCsoft hart getroffen hat, scheinen jetzt langsam neue Früchte zu erwachsen. Undead Labs mit ihrem Zombie-MMO, Bluehole mit TERA und XL Games mit ArcheAge – allesamt arbeiteten sie einst für NC und sind jetzt damit beschäftigt, das degenerierte Genre durch eine neue Generation von MMOs neu zu positionieren.

ArcheAge - Tech-Demo: MMORPG mit CryEngine 22 weitere Videos

Hinter ArcheAge steckt, der Titel lässt es schon vermuten, einer der ganz großen Köpfe der asiatischen Entwicklerszene. Jake Song gilt als Erfinder von Lineage I, das neben seinem Ableger noch immer zu den erfolgreichsten Spielen aller Zeiten zählt und vor allem auf eines setzt: auf Tiefgang.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 44: Das Problem an MMOs: Sie sind keine richtigen Spiele...

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
MMO-Hoffnung oder nur heiße Luft? ArcheAge
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und der existiert nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret im MMO, in dem sich die Spieler nicht nur gegenseitig verprügeln dürfen, sondern auch mit ganzen Flotten aus Segelschiffen gegeneinander antreten. Beeinflusst wird ArcheAge, wie schon Lineage I zuvor, von MMOG-Urvater Ultima Online. Wie im großen Vorbild wird es keinen vorgegebenen Skill-Pfad geben, sondern echte Freiheit in der Auswahl der Fähigkeiten

Für langfristigen Spielspaß sollen spielereigene Häuser, Schiffe und Schlösser sorgen, die allesamt nicht nur gebaut, sondern auch zerstört werden können. Spieler sollen Felder bestellen und Wälder anbauen können, die ihnen als Rohstoffgrundlage dienen. Rüstungen und Waffen fallen nicht einfach so in unendlicher Menge in die Welt hinein, sondern werden gebaut und nutzen sich, wie im echten Leben, mit der Zeit ab – weniger Seelengebundenheit also und mehr Markt.

Auch an berittene Kämpfe und Belagerungen wird gedacht. Zwar erreicht man mit der CryEngine 2 längst nicht die epischen Ausmaße eines Lineage 2, hinter dem die Unreal Engine 2.x tickt, doch sollen die Kämpfe um Immobilien mit immerhin bis zu 100 Spielern ohne Lag möglich sein. Und wer ein Schloss besitzt – das versteht sich für einen Koreaner fast von selbst – kontrolliert die dazugehörige Zone.

ArcheAge - Housing Trailer2 weitere Videos

Wer sich ein Schiff gezimmert hat, darf dann sogar auf dem Seeweg zwischen den drei Kontinenten kreuzen. Kommt es dabei zu einer Begegnung mit bösen Mitspielern, lässt man die Kanonen sprechen. Verbündete Spieler, die sich an Bord befinden, helfen kräftig mit.

Frischer Wind statt Asia-Grind?

Allein mit den Ideen, die Jake Song in ArcheAge entwickelt oder aufgreift, ließen sich mehrere Artikel füllen. Doch das wäre zum jetzigen Zeitpunkt wohl etwas verfrüht, denn noch befindet sich das Spiel in der geschlossenen Betaphase in Südkorea. Und im Gegensatz zu seinen ehemaligen Kollegen von TERA will sich Jake Song vorerst auf ein Release in Fernost konzentrieren, bevor man in den Westen expandiert.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 44: Das Problem an MMOs: Sie sind keine richtigen Spiele...

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 81/861/86
ArcheAge nutzt die CryEngine2.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es steht also noch in den Sternen, ob wir ArcheAge im kommenden Jahr zu Gesicht bekommen werden. Doch eines steht schon jetzt fest: Sollte der Entwickler einen Erfolg landen und die unzähligen Funktionen in seinem neuen Sandkasten tatsächlich spielbar in einer stimmigen Welt vereinen und richtig ausbalancieren, wäre das eine Revolution, die den MMO-Markt aus seiner Agonie herausholen und dem eher oberflächlich wütenden Schneesturm seine eisigen Zähne ziehen könnte.

Wir werden Jake Song in Zukunft natürlich ebenso auf die Finger schauen, wie all den anderen Entwicklern, die im kommenden Jahr ihr Glück auf dem übersättigten Markt suchen. Derweil klammern wir uns hoffnungsvoll an jede gute Nachricht, damit wir die große Leere und den bösen Blizzard im bevorstehenden Winter überstehen. Wiped! kann dabei ein wenig helfen und berichtet auch in der kommenden Woche wie gewohnt darüber, was gespielt wird.