Haben unsere Kinder den Weltraum auf dem Gewissen? Hat Gandalf den Code endlich gemeistert und den Weg in die Minen freigemacht? Und wie teuer kommt uns kostenlos eigentlich zu stehen? Ein Blick auf die vergangene MMOG-Woche liefert Antworten, die keiner hören will – auf Fragen, die niemand gestellt hat.

Wie schön war doch die Zeit, in der man sich als Zocker noch einer seltenen Randgruppe zugehörig fühlen durfte. Man wurde belächelt, ab und an als Nerd tituliert, doch meistens hatte man seine Ruhe. Die Community war ebenso überschaubar wie gemütlich, und traf man auf einen anderen Artgenossen, klappte es auch mit der Kommunikation. Heute ist das alles andere als selbstverständlich.

Denn mittlerweile ist eine neue Generation von Spielern herangewachsen, die so ganz anders ticken als die alten Hasen. Eine Generation, bei der das Spammen von Werbebotschaften als Spielprinzip akzeptiert wird und die sich immer dann ganz besonders für einen Titel zu begeistern scheint, wenn Preis und Anspruch gleichermaßen gegen Null gehen.

Umsonst ist der Tod...

Sei's drum, könnte man sagen – wenn diese Grünschnäbel in ihrer unverschämten Ahnungslosigkeit nicht all das ruinierten, was Veteranen über Jahrzehnte hinweg mühsam aufgebaut haben. Denn mit dem Motto „Zocken ja, zahlen nein!“ sorgt der neue Spielerzerg nicht nur dafür, dass wir von einer Lawine an digitalem Müll überrollt werden, sondern er verleitet die Publisher obendrein noch dazu, sich unlauterer Methoden zu bedienen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 42: Datenskandal bei Zynga

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Hach, früher war alles besser...
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Werden die dann bekannt, wie jüngst im Fall von Zynga, herrscht große Bestürzung in den Reihen der Neuspieler: Da hat sich der Publisher doch tatsächlich erdreistet, die persönlichen Daten seiner „Kunden“ abzufarmen, während diese arg- und ahnungslos ihre virtuellen Beete umgraben.

Doch es kommt noch schlimmer: Während Papas intimste Geheimnisse an die Datenmafia verhökert werden, geht zur gleichen Zeit der Sprössling ein teures Abo nach dem anderen ein, weil er beim Zocken von kostenlosen Games auf dem elterlichen iPhone ab und zu auf die bunten Einblendungen klickt. Willkommen in der Welt des kostenlosen Spielvergnügens!

Für die Industrie wirkt das Free-to-play-Geschäftsmodell wie ein Schlaraffenland, für den erfahrenen Zocker ist es die Hölle. Statt sich mit einigen zehntausend Spielern durchzuschlagen, begrüßt man plötzlich Millionen in der virtuellen Welt. Schon der Wert der Daten, die zur Anmeldung gesammelt werden, übersteigt oft die Herstellungskosten der bunt umworbenen Spiele. Besucht dann auch nur jeder zehnte Spieler hin und wieder den Itemshop, klingeln die Kassen plötzlich so laut, dass auch gestandene Vollpreis-Publisher hellhörig werden.

Der Herr der Ringe Online – und so beginnt es!

So lässt sich dann auch erklären, dass Turbine, nachdem man das Free-to-play-Geschäftsmodell mit Dungeons & Dragons Online vorsichtig erkundet hatte, auch den ordentlich funktionierenden Herrn der Ringe Online in diesem Jahr auf free to play umstellte. Die ersten ersten 20 Level machte man kostenlos spielbar, die Inhalte darüber verhökert man jetzt in kleinen Päckchen, nebst allerlei anderen Schmankerln, an die Abenteurer.

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Set es kostenlos ist, macht LotRO doppel so viel Kohle. Äh...
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Dabei interessiert es den Publisher herzlich wenig, ob die kleine, langjährig treue Fangemeinde wirklich von dem Konzept überzeugt ist. Alles was zählt: Turbine konnte den Umsatz mit dem Titel seit der Umstellung mehr als verdoppeln. Der Coup gelang allerdings nur in den USA, wo das Spiel von Turbine selbst vertrieben wird. In Europa warten die Fans seit Monaten auf die Umstellung und so mancher ist bereits frustriert nach Übersee gewechselt.

Den Code im Griff – die Verträge nicht...

Die Schuld, so scheint es, liegt bei Europa-Publisher Codemasters, wo man aus bislang unerfindlichen Gründen nicht in die Pötte gekommen ist. Jetzt allerdings scheint der Weg nach Moria doch noch erreichbar, denn Codemasters hat erstmals offiziell Stellung genommen und verkündet, dass die Umstellung einen Vertrag erforderte. Und der sei jetzt, oh Wunder – tatsächlich aufgesetzt.

Doch so sehr sich der hartgesottene Fan auch über den vertraglichen Erfolg freuen mag – für die ominösen vertraglichen Probleme bringt man insgesamt wenig Verständnis auf. Das ohnehin angeschlagene Vertrauen der Spieler in Codemasters hat stark gelitten. Kann ein Unternehmen, das schon Monate dafür benötigt, einen Vertrag aufzusetzen, wirklich ganz Mittelerde verwalten? Am 25. Oktober soll der Testserver hochgefahren werden. Mal sehen, ob Codemasters’ Techniker schneller arbeiten als die Rechtsabteilung.

Jumpgate Evolution – alles für die Kinder!?

Auch bei NetDevil arbeitet man nicht sonderlich schnell – zumindest nicht an Jumpgate Evolution. Auf das warten wir mittlerweile seit Jahren und die Vorfreude, die anfänglich im Lager der Weltraum-Piloten herrschte, ist längst abgeebbt. Erste Bedenken kommen auf, ob man sich denn überhaupt jemals wieder als Oktavianer, Solrain oder Quantar durchs Weltall schießen wird. Und wer trägt Schuld daran? Unsere Kleinsten!

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Lost in Space? So langsam haben die Spieler keinen Bock mehr auf Jumpgate.
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Die haben, so wird jetzt gemunkelt, Jumpgate Evolution auf dem Gewissen, weil sie sich so sehr auf LEGO Universe Online freuen, dass bei NetDevil kaum noch jemand am Weltraum-MMO arbeitet. Immerhin hat der Titel um die dänischen Bauklötze den dritten Platz beim Deutschen Kindersoftwarepreis TOMMI 2010 abgeräumt. Die knallharte Jury urteilt: „LEGO Universe gewinnt den TOMMI 2010, weil wir die LEGO-Welt retten mussten“. Wer wird da nicht zum Kinderhasser!?

Doch damit nicht genug. Jetzt geistert auch noch ein neues Gameplay-Video durch die Szene, das vom Monitor eines Entwicklers zu stammen scheint. Der Clip wurde kurzzeitig als „geleakt“ bezeichnet, war anscheinend aber doch zur Veröffentlichung freigegeben worden. Weit tragischer als das Drama um den Ursprung des PvP-Videos ist allerdings die vernichtende Bewertung durch die Community.

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Die hatte ursprünglich auf eine waschechte Weltraum-Simulation gehofft und bekommt jetzt etwas präsentiert, das irgendwo zwischen Shooter und Browsergame zu rangieren scheint. Ob das dann tatsächlich den geplanten Vollpreis samt Monatsgebühren rechtfertigen wird, steht in den Sternen.

Guild Wars 2 – Besinnung auf alte Tugenden

Einmal zahlen, immer spielen – so lautet hingegen das Konzept, mit dem der erste Teil von Guild Wars seinerzeit zum Erfolg wurde. Umso größer war jetzt die Aufregung, als das Gerücht aufkam, dass ArenaNet beim Nachfolger von dieser Philosophie abweichen und Dungeon-Inhalte einzeln verkaufen wolle.

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Wir erwarten, dass Guild Wars 2 mit der Konkurrenz gehörig den Boden aufwischt.
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Die Sorge scheint allerdings unbegründet, wie eine aktuelle Erklärung der Entwickler jetzt hoffen lässt. Das Statement, das Eric Flannum formuliert, ist unmissverständlich und definiert nebenbei sehr geschickt, was gute Spiele von schlechten unterscheidet: „[...] unsere Kernphilosophie – dass man kein zusätzliches Geld zum Spielen ausgeben muss und wir das Spiel nicht schwieriger oder anstrengender machen, um euch dazu zu bringen, Sachen aus dem Store zu kaufen – bleibt erhalten.“

Recht so - denn bleibt ArenaNet den alten Tugenden wirklich treu, wird Guild Wars 2 nicht nur den Erfolg des Vorgängers in den Schatten stellen, sondern nebenbei beweisen, dass man gerade mit einem von geschäftlichen Interessen losgelösten Game-Design bei den Spielern punkten kann. So wie es jetzt scheint, wird Guild Wars 2 eine echte Kampfansage, mit der man nicht nur den Sinn von Monatsgebühren in Frage stellt, sondern gleichzeitig auch noch mit den Abzockern der Free-to-play-Branche abrechnet.

Die Macht liegt letztlich bei uns Spielern. Wir allein entscheiden, was gespielt wird und was nicht. Wenn die erfahrenen Zocker dann auch noch gemeinsam daran arbeiten, den abgezockten „Casuals“ zu zeigen, dass es jenseits der sinnfreien Inseln und Farmen noch echte Herausforderungen gibt, spielen wir bald alle in einer besseren Welt.