Nach einer verhältnismäßig ruhigen Phase kommt jetzt wieder ordentlich Schwung in die MMOG-Bude. In Asien sieht sich ein zockender Investor um den Spielspaß geprellt, in den USA rechnet ein gefeuerter Entwickler mit seinem ehemaligen Arbeitgeber ab und in Europa entwickelt ein Studio mutig am Mainstream vorbei. Holt das Popcorn raus, lehnt euch zurück und genießt mit uns das geballte Drama der vergangenen Woche.

„EA Louse“ ist stinksauer. Der mutmaßliche Mitarbeiter von BioWare-Mythic geht davon aus, dass ihn die nächste Entlassungswelle im November aus dem Unternehmen spülen wird. Unter normalen Umständen würde kein Hahn danach krähen, wenn der Mann seinem Brötchengeber nicht den Krieg erklärt hätte. Und den führt er, unter dem zweifelhaften Schutzmantel der Anonymität, in aller Öffentlichkeit, mit der schärfsten Waffe, die ihm zur Verfügung steht: dem Wort.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 41: "Lumpenkerl" hetzt gegen BioWare und EA

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Warum wurde Warhammer Online kein Hammererfolg? Blogger "EA Louse" glaubt es zu wissen.
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In seinem Blog erklärt „EA Louse“ sehr detailliert, warum Warhammer Online gescheitert ist. Man habe gewusst, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren würden. Man habe gewarnt, doch niemand hörte zu. Nachdem dann sogar Mark Jacobs gefeuert worden sei, herrschte die Angst, so der Blogger, der mit seinen Ausführungen nebenbei eine Schwachstelle aufzeigt, die allen Studios der Welt gemein ist, weil sie wirtschaftlichen Systemen unterworfen sind, in denen die Kreativität des Einzelnen irgendwo in der Firmenhierarchie verpufft.

Paul Barnett, den man aus den Videos als verrückten britischen Typen kennt, sollte eigentlich als Retter der Vision und des Designs von Warhammer fungieren. Allerdings sei der Brite vorrangig mit seinem kleinen Geheimprojekt beschäftigt – einem „Web Ultima“ für Facebook. Und an einen Erfolg dieses Projekts glaubt, behauptet zumindest der wütende Blogger, niemand außer Barnett selbst.

Star Wars: The Old Republic – The Phantom Blogger Menace

So richtig interessant werden die Ausführungen von „EA Louse“ jedoch erst in dem Absatz, in dem es um BioWare und deren früh umjubeltes Projekt Star Wars: The Old Republic geht. Das Spiel sei mit seinen 20 Gigabyte ein „Witz“ und der Sound alles, worauf BioWare stolz sei. Das wüssten, so der Wütende weiter, mittlerweile auch Electronic Arts und George Lucas.

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BioWare sei "in Panik", behauptet der anonyme Blogger.
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Man sei in Panik und fresse aus diesem Grund auch Mythic auf, weil man die geplante Veröffentlichung nicht mehr stoppen könne. „EA Louse“ ist sich sicher, dass das Star-Wars-MMO scheitern wird, und wagt gar den Vergleich mit Sims Online. Doch wie glaubwürdig ist der anonyme Blogger überhaupt?

Spieler, hört die Signale!

Sanya Weathers, ihres Zeichens ehemalige „Director of Community“ bei Mythic, scheint nicht daran zu zweifeln, dass es sich bei „EA Louse“ tatsächlich um einen Mitarbeiter des Unternehmens handelt. „EA Louse“ würde zwar gerade im Internet für seinen Mut gefeiert, doch könne ihn das Internet nicht davor bewahren, dass er bald wie ein Käfer von einem Team von Juristen zerquetscht wird, befürchtet die Ex-Mythicerin.

Viel mehr ist Sanya Weathers nicht zu sagen bereit. Mehr darf die von ihrem ehemaligen Arbeitgeber juristisch Gebeutelte auch nicht sagen, ohne selbst wieder die Aufmerksamkeit der Juristen auf sich zu ziehen. Und so sagt sie besser nichts, streitet aber auch nichts ab und verweist darauf, dass das ja auch etwas bedeuten könne. Man kann eben nicht nicht kommunizieren und für etwas, das man nicht gesagt hat, auch nicht belangt werden.

Sollte „EA Louse“ wirklich sein, was er vorgibt zu sein – sollte ihm Electronic Arts nicht eher einen Orden verleihen, statt ihm die Juristen auf den Hals zu hetzen? Genau wie Sanya Weathers scheint es „EA Louse“ eben nicht darum zu gehen, dem Publisher und seinen Studios zu schaden. Die Botschaft des designierten Arbeitslosen klingt zornig, doch sie ist mit viel Herzblut geschrieben und gibt einen Hinweis darauf, warum es EA partout nicht gelingen will, ein MMO erfolgreich am Markt zu etablieren.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold!

In großen Unternehmen hat man das Zuhören verlernt. Man verfolgt erbittert ein Ziel und schaut dabei nicht nach links oder rechts. Zweifler macht man mundtot, indem man ein Exempel statuiert und ein System der Angst in der Firma installiert. Karriere macht nicht der kreative Nerd, der etwas von Spielen versteht, sondern der gewiefte Blender, der lieber die eigene Haut rettet statt den Titel, an dem er arbeitet.

„EA Louse“ wird mit großer Wahrscheinlichkeit auffliegen. Man wird ihn finden, ihm den Prozess machen, Schadensersatz einklagen und ihn für alle Zeiten zum Schweigen darüber verdammen, was in den Studios wirklich vor sich geht. Dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Der Hype geht weiter – bis zum Release. Spätestens dann werden wir uns wieder an den verbalen Amoklauf eines „EA Louse“ erinnern.

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Keine schönen Stunden für Square-Enix: Selbst Japaner sagen sich von Final Fantasy IV los.
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Final Fantasy XIV – Ragequit!

Doch nicht nur westliche Publisher haben mit Problemen zu kämpfen. Auch in Japan läuft es derzeit nicht ganz rund. Zwar hat Final Fantasy XIV einige hartgesottene Fans gefunden, doch scheint der Großteil der Spieler über das Spiel eher verwundert als begeistert. Ein Japaner war immerhin so enttäuscht, dass er sich für alle Zeiten von dem Spiel und Square-Enix verabschiedete.

Macht ja nichts, mag man sich nun denken. Allerdings war der Mann nicht nur Spieler, sondern zugleich Investor. Und so gehen dem Publisher nicht nur die monatlichen Abo-Gebühren verlustig – man muss fortan auch noch ohne die umgerechnet 26 Millionen Dollar Aktieneinlage des betuchten Zockers auskommen. Der Kursverfall von 1800 Yen auf 1735 Yen am 07. Oktober sollte dem Unternehmen eine Lehre sein, in Zukunft gefälligst bessere Spiele zu produzieren.

Earthrise – gegen den Strom

Bessere Spiele will auch Masthead von Bulgarien aus machen. Das Studio hat noch den Vorteil der relativen Unabhängigkeit und kann auf ein junges, motiviertes Team setzen. Das hat mit seiner Arbeit an Earthrise vorab schon die Aufmerksamkeit von Interplay auf sich gezogen. Der Publisher setzt bei der Entwicklung von Fallout Online auf die Hilfe der Bulgaren, scheint damit aber die Kräfte des kleinen Unternehmens stark gebunden zu haben.

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Es lebt noch: endlich wieder ein Lebenszeichen vom Endzeit-MMO Earthrise.
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Doch nachdem viele Monate lang Funkstille um Earthrise herrschte, gibt es jetzt endlich einen kleinen Lichtblick. Masthead-Chef Atanas Atanasov ist zurück unter den Lebenden und beantwortet wieder Fragen zu dem Endzeit-MMOG, mit dem man auf exzessives Clan-PvP und Sandbox-Elemente setzt und damit konsequent gegen den Mainstream schwimmt. Sind die Bulgaren eigentlich noch bei Trost?

Vollkommen, denn die Entwickler tun genau das, was MMO-Veteranen seit langer Zeit fordern: einen Schritt zurückgehen, um dann zwei Schritte nach vorn zu kommen. Im Klartext heißt das, sich auf alte Werte zu besinnen, sich bei der Entwicklung nicht am derzeitigen Marktführer World of Warcraft zu orientieren, sondern jene Elemente wieder aufzugreifen, die in der Zeit vor WoW für Begeisterung sorgten.

Ultima Earthrise

So wird Earthrise zwar offenes PvP ermöglichen, gleichzeitig aber gewisse Strafen einführen, die unkontrolliertes Ganken einschränken sollen – ein wichtiges Element, das in Ultima Online und Lineage 2 noch zum Standard gehörte, danach aber weitgehend in Vergessenheit geriet.

Wer Abneigungen gegenüber Mitspielern hegt, darf offene Clankriege austragen. Und wem das immer noch nicht genügt, der sollte einer der beiden Fraktionen beitreten. Auch hier werden Erinnerungen an die Guards of Order and Chaos wach, als sich die Anhänger von Lord British und Lord Blackthorne Ende der 90er in Ultima Online noch rund um die Uhr hitzige Gefechte lieferten.

Earthrise Galaxies

Auch was das Crafting betrifft, weicht man von den vereinfachten und oft sinnlosen Systemen der jüngsten MMOs ab und gräbt in den Schätzen der Vergangenheit. Die wichtigsten Gegenstände, Waffen, Rüstungsteile, Vehikel und Verbrauchsgüter werden nicht aus den Monstern fallen, sondern müssen gebaut werden.

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Endlich mal wieder ein MMO, das gegen den Mainstream schwimmt? Bei Earthrise könnte das klappen.
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Damit soll dem Crafting generell wieder mehr Bedeutung verliehen werden und all jene Spieler, die lieber mit Hammer und Amboss arbeiten, als mit Schwert oder Laserwaffe auf Gegner einzuprügeln, sollen eine sinnvolle Aufgabe bekommen, da die Wirtschaft im Spiel auf ihre Produkte angewiesen ist. Auch hier entdeckt der Veteran Parallelen zu Titeln wie Ultima Online, Lineage 2 und vor allem Star Wars Galaxies.

Ob Masthead mit Earthrise den großen Coup landet, muss sich noch zeigen. Die Entwicklung eines Sandkastens ist in jedem Fall weit schwieriger als die eines linear aufgebauten Spiels, denn die Folgen eines einzelnen Elements auf die gesamte Welt ist kaum zu kalkulieren. Die Jungs bei Interplay scheinen jedoch schon überzeugt und man kommt nicht umhin, den Mut und die Leidenschaft zu bewundern, mit denen die Bulgaren zu Werke gehen.

Bis zum Release von Earthrise sind es noch ein paar Monate hin – die nächste Ausgabe von Wiped! erscheint hingegen schon am kommenden Samstag. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.