Während wir uns in den letzten Ausgaben unserer Kolumne vorwiegend mit grauer MMO-Theorie beschäftigten, haben die Publisher nach einer spätsommerlichen Pause still und heimlich die Marketingmaschine in Gang gesetzt. 2012 werde ein großartiges Jahr für MMOs, möchte man uns glauben machen - wie schon im vergangenen Jahr. Doch so mancher Hardcore-Gamer hegt da gewisse Zweifel.

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Diese Zweifel sind aus der Erfahrung der letzten Jahre erwachsen und beziehen sich vor allem auf die Qualität künftiger MMOs. Dass uns einige vielversprechende Titel ins Haus stehen, in die eine Menge Geld geflossen ist, steht außer Frage. Doch welche davon sind durchdacht genug, um auch die Gelüste von uns Hardcore-Gamern langfristig zu befriedigen?

Eierlegende Wollmichsau

Fragt man die zuständigen Entwickler danach, dann ist wohl jeder dieser kommenden MMO-Knaller extra auf die Hardcore-Liga zugeschnitten. Doch wenn die Weltenschmiede nach dieser frohen Kunde unmittelbar nachsetzen und behaupten, dass das Spiel mindestens ebenso gut für Einsteiger geeignet ist, die nur ab und zu kurz reinschauen wollen, verliert die erste Aussage komplett an Wert.

Denn Entwickler scheinen allesamt einen ganz besonderen Gedankenfehler zu begehen: sie verwechseln Einsteigerfreundlichkeit mit Anspruchslosigkeit. Wir alle waren einmal Noobs, die keinen blassen Schimmer davon hatten, wie die jeweilige virtuelle Welt funktioniert. Doch gerade daraus erwuchs für uns die Motivation, ebendies herauszufinden, zu erkunden, zu lernen.

Easy to learn, hard to master

Ein MMOG sollte einsteigerfreundlich sein und gleichzeitig anspruchsvoll. Die besten Spiele der Welt wurden nach dem Prinzip ‘Easy to learn, hard to master.’ entwickelt, das deswegen funktioniert, weil der Mensch ein Wesen ist, das Herausforderungen braucht und an ihnen wächst. Die jüngsten MMOs wurden deswegen nur über wenige Wochen gespielt, weil der Anspruch zu niedrig angesetzt wurde.

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Klar - wir Hardcore-Gamer und Veteranen machen nur einen winzigen Teil des Marktes aus. Für uns wird nicht mehr vorrangig entwickelt, denn wir sind in die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit abgesackt. Wir sind nichts im Vergleich zu den Zombiehorden, die ihr Hirn tagtäglich auf Standby schalten, damit sie sich weiterhin vormachen können, ein Spiel zu spielen, wenn sie ihre Farmen, Aquarien oder Städte wachsen sehen.

Hardcore-Gamer - vollkommen durchgeknallt?

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, sollte jeder Hardcore-Zocker eine Mission haben. Noch besteht nämlich Hoffnung, dass sich die Hirne der Browser-Zombies wieder regenerieren. Der Gewinneinbruch von satten 95 Prozent beim Social-Games-Giganten Zynga zeigt, dass selbst der passivste Spielertyp früher oder später aus seiner Trance erwacht und nach Höherem strebt. Mit etwas Glück und vorsichtiger Führung wird aus so manchem Klick-Zombie eines Tages sogar ein echter Spieler und aus einem solchen, das ist der Lauf der Evolution, kann eines Tages einer von uns werden - ein Hardcore-Zocker.

Doch kann man uns, die wir an der Spitze der Gamer-Evolution stehen, überhaupt ernst nehmen? Oder sind wir Verblendete, Verirrte und Verwirrte? Seit vergangener Woche geistern die Ergebnisse einer Studie der Nottingham Trent University und der Universität Stockholm durch die Presselandschaft, in der davon die Rede ist, dass wir eigentlich halluzinieren.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 39: Hardcore-Gamer - vollkommen durchgeknallt?

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Lineage 2.
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Wie wirklich ist die Wirklichkeit - und wie spannend?

Hardcore-Gamer sehen die Welt nämlich als Videospiel, weiß die Studie und wir sind nicht mehr in der Lage, zwischen Realität und Spiel zu unterscheiden. Den in dieser Aussage enthaltenen Vorwurf, liebe Wissenschaftler, gebe ich allerdings gerne an euch zurück, denn die tatsächlich Verwirrten seid ihr selbst. Durch Paul Watzlawick, spätestens aber seit Matrix, weiß ich nämlich, wie wenig wirklich die Wirklichkeit ist und dass ich tatsächlich in einer virtuellen Welt lebe - die zwar technisch überzeugen kann, aber allenfalls eine mäßige Spielmechanik bietet.

Wer also kann es mir verübeln, dass ich den Computer anschmeiße und nach einer bessere Alternative suche? Auf meinem Konto in EVE Online verfüge ich nämlich über ein Kapital, mit dem ich den Markt beeinflussen kann. In der rauen Wirklichkeit will mir das mangels Finanzkraft und einer unruhigen Börse einfach nicht gelingen. In Lineage 2 konnte ich zum Heerführer über 1000 kampfbereite Männer und Frauen aufsteigen, die erbittert für an meiner Seite kämpften, bis ich auf dem Thron von Aden saß. In der Realität ist es lediglich mein Hund, der für mich kämpfen würde.

Wir sind doch alle krank!

Leide ich also unter Wirklichkeitsverlust, wenn ich lieber mit virtuellem Geld spiele, statt mit realem? Bin ich psychologisch, emotional und verhaltensbezogen krank, weil ich mich in einer virtuellen Welt zum Feudalherren aufschwinge, statt einfach eine Horde kampfstarker Männer um mich zu scharen und Monaco, Liechtenstein oder Andorra zu erobern? Die Wissenschaftler müssen es ja wissen, gerade weil es Wissenschaftler sind und sie zur Gewinnung ihrer Erkenntnisse atemberaubende 42 Videospieler befragt haben.

Ich stecke als Journalist der Branche ohnehin mit den Herstellern unter einer Decke. Und von Mitarbeitern einer Presseagentur mit der erkenntnisreichen Studie konfrontiert, ließ die deutsche PR-Abteilung eines großen US-amerikanischen Spieleherstellers doch tatsächlich ausrichten, dass man Anfragen dieser Art nicht direkt beantworten könne und erst beim Mutterkonzern anfragen müsste. Herzlichen Glückwunsch an die Kollegen der Presseagentur, die hier ein knallhartes “Tabu” entdeckt und einen “wunden Punkt” getroffen haben.

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Eine kleine Überraschung im überfüllten Online-Markt: Vindictus.
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Vindictus - pfui Spinne!

Herumgetrieben habe ich mich in meinem Zocker-Wahn in der vergangenen Woche übrigens unter anderem in Vindictus, einem Spiel, das gar nicht so schlecht ist, wie anfangs befürchtet, das den Namen MMOG allerdings zu Unrecht trägt, denn persistent ist in der Welt von Vindictus außer dem eigenen Inventar gar nichts.

Das muss jedoch, wenn man ab und zu mal eine spannende Mission spielen will, kein großer Nachteil sein. Und spannend ist Vindictus von der ersten Minute an, in der sich der Spieler unvermittelt in einer mittelalterlichen Umgebung wiederfindet, in der eine riesige, eigentlich gutmütige Spinne, plötzlich den Verstand verliert und ein Dorf in Angst und Schrecken versetzt.

Obwohl es sich bei der Einstiegsmission um ein Tutorial handelt, kommt der Spieler aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das schnelle Kampfsystem ohne Target-Lock macht wirklich Laune. Dank modifizierter Source-Engine lassen sich sogar Teile der Umgebung zerstören und physikalisch beeindruckend durch die Gegend werfen, treten oder rollen.

Lobby-Game statt MMOG

Ist das Tutorial gemeistert, findet man sich in einem Dorf wieder, das fortan als Lobby, Handelsbasis und als Treffpunkt für weitere Abenteuer fungiert. Die sind anfangs noch recht einfach gehalten, steigen später allerdings im Schwierigkeitsgrad an und einige spannende Stunden sind, vor allem im Team mit Freunden, so gut wie sicher.

Nachteiligt wirkt sich allerdings aus, dass offenbar einer Partymitglieder als Host für die Instanz fungiert und je nach Computer- oder Internetleistung doch arge Lags auftreten können. Außerdem zwang uns das Spiel, wegen der integrierten Kommunikationssoftware, den Teamspeak-Client abzuschalten, was für Clanspieler natürlich vollkommen inakzeptabel ist. Doch noch befindet sich das Spiel, das unter dem Namen Mabinogi Heroes seit Anfang 2010 recht erfolgreich in Südkorea läuft, mitten in der Betaphase und wir dürfen hoffen, das Nexon es schaffen wird, die technischen Zipperlein zu beseitigen.

DC Universe Online - ein neuer Stern am Free-to-play-Himmel?

Recht ähnlich wie Vindictus spielt sich übrigens auch DC Universe Online, das trotz der eigentlich recht ordentlichen Qualität hierzulande nicht unbedingt große Erfolge feiern konnte. Umso erfreulicher ist da die Nachricht, dass DC Universe Online noch im Oktober auf free to play umgestellt werden soll. Erfreulich ist das vor allem deswegen, weil die Abenteuer in Gotham City und Metropolis nur dann Sinn und Spaß machen, wenn die beiden Städte auch ordentlich bevölkert sind.

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Positiv an der Entscheidung von SOE ist jedoch auch, dass man das Spiel wahlweise wie gehabt abonnieren kann und damit automatisch in den Genuss sämtlicher Inhalte kommen soll. Einer Abzocke, wie sie bei manch anderem Titel betrieben wird, der ausschließlich auf Mikrotransaktionen setzt, kann man als Vielspieler damit prima entgegenwirken und sich trotzdem über die Gesellschaft der kostenlos Zockenden freuen.

Ausblick

Ob die Umstellung funktioniert und das Spiel dann einen zweiten Frühling erlebt, werden wir also Ende Oktober erfahren. Und weil wir natürlich noch ein paar Fragen zur Umstellung auf dem Herzen haben, werde ich mich zwischenzeitlich noch mit Lorin Jameson, einem der Entwickler von DC Universe Online unterhalten und natürlich darüber berichten.

Außerdem erwarten euch in der kommenden Ausgabe von Wiped! noch jede Menge Infos zu CCPs World of Darkness, dessen Entwickler tatsächlich mal etwas Mut beweisen, indem sie einen ganz und gar marktunüblichen Titel erschaffen. Bis dahin wünsche ich mir und euch noch viel Spaß beim ausgiebigen Verleugnen der Wirklichkeit!